Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 32)

[Zum ersten Teil]

»Es knistert«, stellte Parma begeistert fest, »hörst du das? Ich liebe das Geräusch und das kitzlige Gefühl in den Fin­gerspitzen. Das ist Elektrizität, weißt du, Spannung.« Selbstzufrieden beugte er sich etwas vor und hob die Hand, um auch Theresa am Haar zu be­rühren. Jetzt, dachte ich, jetzt! Jetzt gibt sie ihm eine klatschende Ohr­feige. Ich freute mich. Aber sie rückte nur etwas mit dem Kopf zurück und ein Mundwinkel zog sich ange­widert nach unten. Sie wiederholte sehr leise ihre Frage. Parma nickte ernst und ernüchtert und legte seine nutzlose Hand auf den Tisch. »Es tut mir leid, aber der ganze Text war unmög­lich. Schlechter Stil, fehlende Prägnanz, kein logi­scher Auf­bau, nichtssagende Ausführungen. Das ist die Kurzfas­sung, im Detail lässt sich noch viel Schlimmeres sagen«, kanzelte er selbstzufrieden das Werk von Nix wie einen schlechten Schülerauf­satz ab. Ob­wohl es mir gut tat, dass Jo­nas auch einmal von ei­ner anderen Seite Ablehnung er­fahren musste, konnte ich Parma auf keinen Fall recht geben. Er kochte schließlich auch nur mit fadem Wasser.

»Waren denn auch Rechtschreibfehler drin?«, fragte ich ironisch, aber er überhörte gelassen meinen Ein­wand. Seine Hand rutschte zur Tischkante, ihr Ziel schien The­resas Knie zu sein, von dem ihn nur mehr ein Fingerb­reit trennte. »Hat er dir denn den vollständigen Text gegeben? Auch den zweiten Teil?«, hakte ich interessiert nach. Parma nickte abgelenkt, mit seiner Annäherung be­schäftigt. »Hast du ihn vielleicht noch?«, beharrte ich und hoffte, endlich einen Blick auf den gesamten Text wer­fen zu können. Aber ich wurde enttäuscht:

»Nein. Nix bestand darauf, den Text mitzunehmen, als er ging.« Parma zögerte eine Sekunde, die hohe Stirn runzelnd. »Er war nicht gerade gut gelaunt, muss ich sa­gen.«

»Wie spät war es denn, als ihr euch getrennt habt? Weißt du, was Jürgen danach machen wollte?« erkundigte sich The­resa.

»Oh, es war längst nach ein Uhr, als ich es aufgab, wei­ter mit ihm zu disputieren. Es war auch sinnlos. Er hat ein paar wirklich unfreundliche Sachen ge­sagt. Ich hätte ihm etwas mehr Professionalität zu­getraut. Mehr weiß ich nicht. Ist denn etwas pas­siert?« Jetzt legte er tatsäch­lich doch noch seine Hand auf den Schenkel des Mädchens; die Geste sollte be­ruhigend und teil­nahmsvoll aussehen, doch so empfand sie wohl nie­mand. Parmas Freundin kniff zornig die Augen zu­sammen. Theresa sah kurz auf und ich schöpf­te wie­der die Hoffnung, dass sie ihm die Todesgöttin jetzt etwas antun würde. Aber sie erhob sich lässig, wo­bei sie seine Hand wie eine lästige Fliege abstreifte. Ich bewunderte sie. Sie brachte es durch diese Geste fer­tig, dass Parma das Blut ins Gesicht schoss. Ich war in der Versuchung, ihr einen Szenenapplaus zu ge­ben.

»Kommst Du?«, wandte sie sich an mich und vollen­dete ruhig ihren beeindruckenden Abgang. Ich folgte ihr lä­chelnd und zog mit Genuss die Tür von Parmas Woh­nung, die sie für mich offen gelassen hatte,  hin­ter mir zu. Ich hörte noch, wie in der Küche hinter mir eine Frauenstimme laut wurde. Bereits am ersten Treppenabsatz war es mit The­resas Majestät vorbei. Sie setzt sich auf die unterste Stufe und barg das Gesicht in den Händen. Ich setz­te mich neben sie, um sie zu trösten, denn ich glaub­te, sie würde wei­nen. Aber es war ein lautloses Ge­lächter, das sie er­schütterte.
»Dieser Kerl ist ja ein Arschloch, ich kann es nicht fas­sen …« Sie machte eine kopfschüttelnde Pause, in der ich ihr meine vollkommene Zustimmung gab. »Was machen wir jetzt?«, fragte sie und sah mich er­wartungsvoll an. Leider hatte ich kein As versteckt, das ich aus dem Ärmel holen konnte. Ich zuckte mit den Schul­tern und neigte hilflos den Kopf.

»Ich weiß nicht genau. Wie denkst du? Jürgen hatte mit Parma Streit und fühlte sich mit Sicherheit von ihm un­gerecht behandelt. Ich habe es ja schon selbst einmal er­lebt, wie er dann ist. Du hast mir auch er­zählt, dass er in solchen Situationen überreagiert und mit sich und der Welt in Krieg gerät. Vielleicht hat er sich ja inzwi­schen beruhigt und ist wieder da­heim«, mutmaßte ich, ohne selbst daran zu glauben.  Aber Theresa nahm mei­ne halbherzig beruhigenden Worte ernst. Sie schlug sich mit beiden Händen laut auf die Oberschenkel und stand auf.

»Also gut, fahren wir in seine Wohnung …« Jetzt war es an mir, das Gesicht verzweifelt in die Hän­de zu stützen.

»Würde es dich stören, wenn ich laufe?«, fragte ich lei­se. Sie sah nur unfreundlich zu mir herab. Nun, aller guten und wahrscheinlich auch aller schlech­ten Dinge sind bekanntlich drei. Ich ergab mich in mein Schicksal und erlebte noch eine weite­re mörde­rische Autofahrt. Theresa parkte in der Stephansgasse direkt hinter ei­nem breiten, dunkelblauen Mercedes ein, dessen Koffer­raumtür offenstand und in dem einige klein­formatige Leinwände lagen. Ich hätte mich nicht weiter um den Wagen gekümmert, wenn mich nicht Theresa beim Aus­steigen auf ihn aufmerksam ge­macht hätte.

»Sieh mal«, sagte sie in einem undefinierbaren, aber si­cher nicht freundlichen Tonfall, »das ist Onkel Arnos Dienstwagen.« Sie trat an den Stauraum her­an und hob eine Leinwand in die Höhe. »Hier, das ist ein ganz neu­es Bild von Jürgen«, stellte sie erstaunt fest und reichte mir das kleine Gemälde. Ein Mann kniete in einer Kir­che und hielt seine Hände betend um sein riesiges Ge­schlechtsteil gefaltet, an dem er hinge­bungsvoll saugte. Ich erschrak über die Bösartigkeit und Genauigkeit, mit der Nix diese sur­reale Szene dargestellt hatte. Aber auch dieses Bild war nicht sonderlich originell, mir fie­len sofort ähn­liche von Baselitz oder Bacon ein. Theresa hielt eine weitere Leinwand in der Hand und unter­suchte oberflächlich die zehn, zwölf anderen, die in dem of­fenen Kofferraum lagerten. »Die sind alle von ihm. Was geht hier vor?« Sie schien offensichtlich mal wieder eine Antwort von mir zu wol­len, denn sie sah mich erwartungsvoll an. Ich legte das Gemälde zurück zu den anderen.

»Vielleicht bringt Pauli die Bilder zu der Ausstel­lung«, mutmaßte ich.

»Die sind längst in München. Schließlich ist heute Abend schon die Eröffnung. Nein, ich glaube nicht, dass Jürgen weiß, was sein Onkel hier treibt. Nun, sehen wir mal nach …« Sie behielt ein Bild in der Hand, als sie vor mir in das Haus ging. Während sie die Haustür auf­sperrte, erhaschte ich einen Blick darauf. Es war ein in plastischen Schattierungen ge­haltener Rötelstift-Akt von The­resa, ein wunderbares Bild in der Manier der großen Meister, soweit ich das in der Kürze beurteilen konnte. Offensichtlich wollte sie diesen Akt nicht in Paulis Hän­den lassen. Sie eilte so schnell und leichtfüßig die Stufen hin­auf, dass ich ihr nur schwer folgen konnte und end­lich völ­lig außer Atem vor der Dachwohnung von Nix ankam. Die Tür war nur angelehnt und mir fiel zuerst auf, dass das dämliche Messingschild mit dem Kunstmaler ver­schwunden war. Wie bei Parma befand sich überhaupt kein Name mehr an der Tür. Theresa hielt sich nicht auf, sie stieß grob die Tür mit dem Fuß zur Seite und rief nach Pauli. Geschäf­tig kam jener ohne Verzögerung aus einem der zahl­reichen Zimmer zu uns in den Flur. Ein unangeneh­mer, muffiger Geruch begleitete ihn. Er er­kannte die Freundin von Nix und setzte sein unverbind­liches Politikerlächeln auf. Eilig umarmte er Theresa und küsste sie flink auf beide Backen, bevor sie zurückweichen konnte. Der Ekel war ihr trotz­dem ins Gesicht  geschrieben. Dann gab er mir abge­lenkt die Hand. Das tat er alles, ohne den Blick von dem Gemälde zu lassen, das Theresa gerade zur Sei­te stellte.

Ich kam zum ersten Mal so nah an den Kulturrefe­renten heran und musterte ihn neugierig. Er war ein ganzes Stück kleiner, als ich ihn in der Erinne­rung hatte. Bis­lang hatte ich ihn immer auf irgend­welchen Podien oder an Rednerpulten gesehen, zu­letzt bei seiner lang­weiligen Rede bei der Weissen­steiner-Lesung. Da hatte er den Eindruck eines zwar gut genährten, aber eben auch hochgewachse­nen Mannes gemacht. Jetzt sah ich: Der Politiker war kaum größer als Theresa und ich überrag­te ihn um einen Kopf. Obwohl er keinen so schön gemeißelt­en, edlen Schädel wie Nix hatte, war er trotz seiner feisten Schweinsaugen nicht hässlich. Er machte sich hervorragend auf den Wahlplakaten der CSU. Er trug einen hellen, aber zurückhal­tenden, selbstverständ­lich maßgeschneiderten An­zug, der nir­gends spannte. Die Hommage an sein Referat war eine breite, farbenfrohe Fliege, die je­doch keineswegs lächer­lich wirkte. Eilig nahm er eine kleine, ovale Brille mit dünnem Messinggestell aus seiner Ja­ckentasche und setzte sie umständlich auf, dann stell­te er sich in Positur, als wolle er eine bedeutende Rede begin­nen.

[Zum 33. Teil …]

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