Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das schwarze Urteil (Teil 4) – Kriminalerzählung

Kalvin kam erst gegen fünf Uhr nach Hau­se. Es wurde bereits dunkel. Einer der Pro­fessoren ging in Pension und er hatte an diesem Nachmittag mit einem kleinen Fest seinen Abschied gefeiert. Die ganze Angele­genheit war etwas langweilig gewesen, da Kalvin kaum Kontakt zu den Kollegen hat­te, hatte ihn aber von seiner ärgerlichen Auseinandersetzung mit Eli abgelenkt. Sein Kopf war vom Sekt und den Trinksprüchen schwer, aber er fuhr trotzdem mit dem Auto heim. Kalvin wohnte in der Innenstadt in einem gut renovierten Jugendstilhaus. Die Fünf­zimmer-Eigentumswohnung mit den ungewöhnlich ho­hen Decken war zwar für eine Person zu groß – er hatte sie gekauft, als seine Frau noch lebte -, aber er hing an ihr und wollte sich nicht von ihr trennen. Außerdem hatte er sich dadurch seinen Traum von einem großen Billardzimmer erfüllen kön­nen. Er ging die hölzerne, durch viele Füße aus­getretene Treppe hinauf, war müde und jetzt doch froh, den Abend allein verbringen zu können. Er hatte Schwierigkeiten, mit dem Haustürschlüssel in das Schloss zu finden. Offensichtlich hatte er mehr getrunken, als ihm bewusst war. Kalvin war noch mit dem Schloss beschäf­tigt, da hörte er sein Telefon durch die noch ver­schlossene Tür läuten. Da er Elis An­ruf erwartete, beeilte er sich und fand sich dadurch noch weniger zurecht. Zudem ver­losch das Ganglicht. Endlich stürzte er in seine Wohnung und griff nach dem Telefon, war aber zu spät dran. Wütend warf er das Gerät zur Seite. Er überlegte, ob er sie zu­rückrufen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er hatte mit dem Streit nicht an­gefangen, sollte doch Eli den ersten Schritt machen. Er selbst konnte warten. Er zog sich um und hängte seinen hell­braunen Anzug weit hinten in den Schrank, gewillt, ihn bis zum Beginn des Sommerse­mesters dort zu belassen. Er hasste die stu­pide Kleiderordnung der Uni, die ihn daran hinderte, seine Arbeit in bequemer Klei­dung zu machen. Dann aß er eine Kleinig­keit, setzte sich mit mit einem Glas Rotwein und einem Buch, in dem er nicht las, ins Wohnzimmer und wartete auf Elis Anruf, der auf sich warten ließ.

Als das Telefon schließlich erneut läutete, schreckte Kalvin aus einem Halbschlaf. Er hob die Hand zum Gerät, ließ es aber dreimal klin­geln, bis er abhob. Es sollte nicht so ausse­hen, als würde er auf den Anruf warten. Zu seiner Überraschung meldete sich am anderen Ende der Leitung nicht seine Freundin. Eine etwas verschnupft klingende Männerstimme fragte:

„Werner Kalvin am Apparat?“ Kalvin zog ärgerlich die Mundwinkel nach unten. Das klang nach irgendeinem Werbeanruf.

„Ja. Und mit wem spreche ich?“ Eine Pause entstand. Kalvin fragte nach und wollte schon auflegen, doch da wurde ihm endlich geantwortet.

„Ausgezeichnet. Der Name ist noch nicht wichtig. Hören Sie jetzt gut zu, Dr. Kalvin, ich werde mich nicht wiederholen: Wir ha­ben Ihre Freundin in unserer Gewalt.“ Kalvin schwieg, denn er benötigte eine ge­raume Weile, um seine bleierne Müdigkeit zu überwinden und zu begreifen, was die ihm unbekannte Stimme in fast heiterem Gesprächston gesagt hatte. Aber selbst dann weigerte er sich noch, es wahrzuha­ben. Stotternd fragte er nach, aber der An­rufer machte seine Drohung wahr und sprach unbeirrt weiter: „Im Moment geht es ihr gut, aber das kann sich schnell ändern. Es ist allein von Ihrem Verhalten abhängig. Ich werde Ihnen jetzt einige Anweisungen geben, die Sie nicht zu­letzt im Interesse Ihrer Freundin peinlich genau befolgen sollten.“ Kalvin fasste sich an den Kopf. Warum musste er ausgerechnet heute so einen schweren Schädel haben; weshalb hatte er nur so viel getrunken? Was geschah mit ihm? Niemand konnte im Ernst Eli entführt haben, das war lächerlich. Es konnte sich nur um einen äußerst makaberen Scherz handeln!

„Ist das eine … eine Art von Entführung?,“ fragte er dumm. „Wenn … Kann ich Elisabeth sprechen?“

„Für einen Informatiker denken Sie ungewöhnlich langsam.“ Der süffisante Un­terton in der Stimme des Anrufers verstärk­te sich. „Es ist im Augenblick nicht möglich, dass Sie Ihre Freun­din sprechen. Sie ist nicht hier und das ist auch nicht vorgesehen. Haben Sie Papier und Bleistift bei der Hand? Ich werde auch unsere Anweisungen nicht wie­derholen.“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis.“

„Ausgezeichnet. Sie werden sich heute um genau einundzwanzig Uhr mit uns treffen. Der Ort wird die stillgelegte Fabrikanlage der Wessing-Stahlbau sein. Sie wissen ja si­cher, wo das ist?“ Die Frage klang wie eine Feststellung.

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Sie gehen durch das Ost­tor in der Rubensstraße und betreten dann die erste Halle zu Ihrer Linken. Dort werden Sie erwartet und neue Anweisungen erhal­ten. Sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen, wäre dumm. Wir haben Sie unter genauer Beobachtung und halten Ihre Freundin selbstverständlich an einem an­deren Ort in Gewahrsam.“

„Wollen Sie Geld? Ich kann bis neun Uhr nichts flüssig machen.“

„Sie haben Ihre Anweisungen, richten Sie sich nach ihnen. Am Treffpunkt erfahren Sie alles weitere, Dr. Kalvin.“

„Wird dann Elisabeth dort sein?“, fragte Kalvin eilig, doch der Entführer hatte be­reits aufgelegt. Er war für eine geraume Weile unfähig, das Telefon aus der Hand zu legen. Krampfhaft umklammerte er das harte Plastik und starrte ins Leere. Seine Gedanken rasten, aber er konnte keinen fassen. Er war unfä­hig, zu entscheiden, was er als nächstes tun sollte.

„Es kann nur ein Scherz sein, ein Studen­tenulk“, dachte er, als er Elis Nummer wählte. „Ein paar von den Erstsemestern haben irgendwie von unserem Verhältnis erfahren. Sicher wollen sie auf diese Art an die Prüfungsaufgaben.“ Das war nur eine Theorie,  aber die beste für den Moment. Für sie sprach die junge Stimme des Anru­fers, der sich gewählt und fast spöttisch ausgedrückt und eine Vorliebe für das Wort „ausgezeichnet“ hatte. Es läutete dreimal bei Eli, dann hörte er ihre Stimme, die sich allerdings nach der ersten Erleichterung als die Tonbandkon­serve ihres Anrufbeantworters erwies. Nach dem Piepsen sprach er die Mitteilung auf Band, dass er sie dringend zu sprechen wünsche. Noch immer konnte Kalvin sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich entführt worden war. Noch war er Meinung, sie hatte nur kurz die Wohnung verlassen oder war aus einem anderen Grund nicht ans Telefon ge­gangen. Was sollte er als nächstes tun? Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor sieben. Sollte er vielleicht Elis Eltern anrufen? Dieser Schritt schien ihm übereilt, denn Eli hatte ihnen noch nichts von ihrer Beziehung zu Kalvin erzählt. Er wollte die älteren Leu­te, falls seine Freundin nicht bei ihnen war, nicht vorschnell beunruhigen. Also doch die Polizei? Wenn das Ganze, wie er noch ver­mutete, nur ein Scherz war – wenn auch ein ausgesprochen geschmackloser -, so hatte es keinen Sinn, sie zu alarmieren. Falls die Entführung tatsächlich ernst gemeint war, brachte er damit Eli nur in Gefahr; man hatte ihn ja gewarnt. Und hatte man ihm nicht auch gesagt, er würde beobachtet? Nein, die Polizei ließ er vorerst besser außen vor. Im Moment blieb Kalvin nichts anderes üb­rig, als abzuwarten und später zu dem Tref­fen zu gehen. Dann würde er sehen, wie sich die Sache entwickelte.

Es klingelte an der Haustür. Kalvin stürzte gedanken­schnell in den Gang und riss sie auf. Doch er war zu langsam. Niemand stand im Hausgang, er lag im Dunkel des Nacht. Dennoch war der weiße Briefumschlag auf dem Fußabstreifer nicht zu übersehen. Vorsichtig hob Kalvin den Brief auf und trug ihn zurück ins Wohn­zimmer, wo er ihn im Licht einer Stehlampe untersuchte. Es gab nicht viel zu entdecken; vielleicht hätte ein Kriminologe die Sache mit ande­ren Augen gesehen, aber für Kalvin war es nur ein ganz einfacher, weißer und unbe­schriebener Umschlag, den man in jedem Schreibwarengeschäft erwerben konnte. Sein Inhalt war nur um weniges schwerer als ein normaler Brief. Er enthielt ein Po­laroidfoto und eine etwa fünf Zentimeter lange Haarlocke. Kalvin war sich zwar nicht endgültig sicher, aber höchstwahrschein­lich war sie von Elis Haar. Er legte sie acht­sam auf den Tisch und besah sich auf­merksam das Foto. Er hatte dabei ein Gefühl von Déjà-vu und die Erinnerung an unzählige Fernsehkrimis. Er hielt den Beweis in Händen, dass die Entführung tatsächlich stattgefunden hatte. Das unscharfe, verwaschene Bild zeigte seine Freundin auf einem Stuhl sitzend, auf den sie mit einer dünnen Paketschnur gefesselt war. Die Hände waren frei und sie hielt die Tageszeitung von heute in die Kamera. Elis Gesicht war besorgt und ernst, aber nicht ängstlich. Kalvin sah ihr an, dass sie die Si­tuation noch nicht völlig realisiert hatte. Soweit er es erkennen konnte, hatte sie din lockeren Yoga-Dress an, den sie normalerweise zuhause trug. In ihrem Hintergrund war nichts zu sehen, sie saß vor einer weißge­strichenen, stockfleckigen Wand. Trotzdem kramte Kalvin ein Vergrößerungsglas heraus und suchte das Bild aufmerksam ab. Er erhielt keinen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Da die Wand im Hintergrund nicht sehr sauber war, konnte der Entführer gelogen haben und sie doch in der Wesselschen Fabrik festhalten, ebenso gut konnte sie auch ganz wo­anders sein.

[Zum 5. Teil …]

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