Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das schwarze Urteil (Teil 3) – Kriminalerzählung

Mit dem nicht vollendeten „schwarzen Urteil“ habe ich ein drittes Mal das Genre des Kriminalromans bedient. Mein erster Versuch war der Roman „Die Verbrechen meiner Schwester“, das – fast noch ein Jugendwerk und damit sehr, sehr unausgegoren -, wahrscheinlich niemals meinen schwarzen Aktenschrank verlassen wird. Anfang der 90er habe ich dann „Das goldene Kalb“ geschrieben, das heute Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus ist und das ich als Buch wahrscheinlich in ein oder zwei Jahren herausbringen werde. Wer jetzt schon in den „Regionalkrimi“ reinlesen will: „Das goldene Kalb“ ist auch auf meinem Blog zu finden. 

Insgesamt bin ich der Auffassung, dass ich nicht zum Krimiautor tauge; auch wenn ich im 3.  und auch im 2019 erscheinenden 4. Teil meiner Geltsamer-Reihe erneut mit diesem Genre kokettiere und ich finde, dass mir zumindest der folgende Abschnitt des „schwarzen Urteils“ ordentlich gelungen ist. Ich hatte Spaß, diesen mir so fremden Text zu lesen, der mir so vollkommen aus dem Gedächtnis gefallen war, als hätte ihn ein anderer geschrieben.

Erster Tag:
Das Urteil

Die Studenten klopften ausdauernd mit den Knöcheln auf die Tischreihen vor ihnen. Kalvin nickte und wandte sich zur Seite, um seine Unterlagen einzusammeln. Er hoffte, damit die ungeliebte Beifallsbe­kundung verkürzen zu können. Der Hagel­schauer verebbte und sofort brandete oh­renbetäubender Lärm in dem Hörsaal auf, Stuhlklappen, Gesprächsfetzen, Lachen, Fußtritte. Er sah abgelenkt hinauf zu den hundert Studenten des Erstsemesters, die eilig zu den Ausgängen drängten. Es war heute sei­ne letzte Vorlesung gewesen, in der übernächs­ten Woche begannen die Klausuren. Er blickte in die Rücken der jungen Leute und bedauerte sie ein wenig. Im Sommersemes­ter musste ihre Zahl um die Hälfte dezi­miert sein, das war eine inoffizielle Vorgabe des Dekans. Dementsprechend schwer wa­ren Kalvins Prüfungsfragen für die Prüfung in seinem Fach; er würde wie in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Durch­fallquote von annähernd sechzig Prozent in den Grundlagen der Informatik er­reichen. Diesmal würde er als Schwerpunkt­aufgabe einen rekursiven Al­gorithmus verlangen und er wusste, höchs­tens ein Zehntel der Studenten würde das richtige Ergebnis finden; die Mehrzahl käme nicht einmal auf einen Lösungsan­satz. Kalvins Fach würde den Studenten den Fangschuss versetzen, andere Klausu­ren wie Mathematik oder Physik gaben ih­nen dann den Rest. Natürlich war er deshalb bei den Erstsemestern ge­fürchtet wie die Nemesis unter den antiken Grie­chen. Der hartnäckige, schmeichelnde Ap­plaus eben war der hilflose Versuch gewe­sen, die grollende Gottheit etwas gnädiger zu stimmen. Kalvin fühlte sich in der Rolle des Scharfrichters nicht wohl. Seine Klau­suren in den höheren Semestern waren we­sentlich fairer und dort war er auch belieb­ter.

Kalvin legte die Unterlagen in seinen Ak­tenkoffer und schloss ihn mit einem zufrie­denen Gefühl der Endgültigkeit. Dann lä­chelte er befreit. Das Semester war zuende, nur mehr ein paar Prüfungsaufsichten in den nächsten Wochen, die lästigen Korrek­turen, bei denen ihm der Computer und seine Assistenten allerdings die Hauptarbeit abnehmen konnten; dann standen beinahe zwei Monate Urlaub ins Haus. Er würde die Zeit nutzen, um sein Ferienhaus auf Rhodos für den Sommer auf Vordermann zu brin­gen und freute sich auf die ruhigen Wochen außerhalb der Saison. Im Februar und März hatten sogar Touristenhochburgen wie Lindos oder Rhodos-Stadt einen ganz eigenen, unterkühlten Charme. Er würde lange Wanderungen machen und vielleicht endlich sein Buch über Die emotionale Intelligenz von EDV-Anlagen zuende schreiben. Schon lange schob er diese Arbeit vor sich her und der Wissenschaftsverlag, bei dem er seine selte­nen, aber in Fachkreisen geschätzten Arbei­ten publizierte, mahnte das Manuskript schonseit  geraumer Zeit an. Kalvin schob seine Aktentasche unter den Arm und verließ den Hörsaal nach einem letzten prüfenden Blick. Hinter der Tür wurde er von einer jungen Frau erwartet. Sein erster Impuls war, zu flüchten, sie un­verbindlich zu grüßen und weiter zu eilen. Doch dann stellte er fest, wie lächerlich er sich damit machte. Er blieb mit einem halb­en Lächeln vor ihr stehen, sah sich aber, als er sie mit seinem freien Arm um­fasste und flüchtig auf die Lippen küss­te, vorsichtig um. Er wagte diese Intimität nur, weil der kurze Gang, in dem sie stan­den, leer war. Dennoch löste er die Umar­mung schnell wieder. Es konnte in jedem Augenblick jemand um die Ecke kommen, Studenten oder der Dozent der nächsten Vorlesung, beide Begegnungen wären ihm gleich unangenehm gewesen.

„Was willst Du denn, Eli?“, fragte er. „Wir hatten ausgemacht, uns hier nicht zu tref­fen.“ Die Frau senkte den Kopf, ein wenig trotzig, wie ihm schien. Eli war Anfang zwanzig, ein großes, attrak­tives und dunkelhaariges Mädchen, dessen Selbstbewusstsein und Intelligenz in der Hauptsache dafür verantwortlich waren, dass Kalvin sich vor einem halben Jahr in sie verliebt hatte. Sie war Informatikstuden­tin im siebten Semester und er ihr Betreuer bei ihrer Diplomarbeit. Ausgerechnet ihm musste diese alte Lehrer-Schüler-Gesichte passieren, bei der er alle Mühe hatte, sie vor Kollegen und Studenten geheim zu hal­ten. Dabei erwartete Eli keinerlei Vergünsti­gungen in ihrem Studium von ihm und er war auch nicht gewillt, ihr welche zu ge­währen. Zu seinem Glück war sie eine aus­gezeichnete Studentin. Kalvin hatte sie anlässlich eines Studen­tenballs persönlich kennengelernt, obwohl sie ihm natürlich schon früher in den Vor­lesungen angenehm aufgefallen war. Nicht nur war sie die einzige seiner wenigen Stu­dentinnen, die sich wie eine Frau kleidete und benahm, sondern auch ihre Zwischen­fragen waren gewitzt, offenbarten einen leb­haft interessierten, dabei divergierenden Geist. Als er sich dann an jenem Fest, zu dem er nur aus Pflichtgefühl erschienen war, wegen der lauten Musik nah zu ihr ge­beugt, angeregt mit ihr unterhielt, nahm ihn ihre Fröhlichkeit und kompromisslose Lebensbejahung gefangen.

Der Dozent war jetzt 42 Jahre alt und hatte seit einiger Zeit das Gefühl, langsam zum alten Eisen zu gehören. Seit dem Tod seiner Frau vor nun sechs Jahren hatte er nur einmal eine flüchtige Bezie­hung gehabt und sich immer tiefer in seine Arbeit eingegraben. Dann begegnete ihm die­ses Mädchen und nichts war wie früher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ihm noch so etwas passieren konnte; aber ihre Art zu leben hatte ihn in den ersten Monaten der Beziehung mitgerissen und er war Eli, wenn er nun zurücksah, dankbar: Sie hatte ihm ein Glück geschenkt, das er vermisst hatte. Inzwischen war allerdings etwas Ruhe ein­gekehrt und, zwangsläufig, der Alltag. Er brachte Probleme und Ernüchterung, zu­mindest auf seiner Seite. Wenn sein Ver­hältnis zu der Studentin bekannt wurde, konnte es ihn seinen Job kosten; die tägli­che Geheimniskrämerei hatte längst begon­nen, ihn zu zermürben. Nüchtern betrachtet, hatte diese Liebe hatte keine Zukunft mehr. Auch deshalb war er entschlossen, seinen Urlaub in den Semesterferien allein zu ver­bringen. Er hoffte, er hatte auf Rhodos die Möglichkeit, alles zu überdenken. ‚Die Ent­fernung ist der großen Liebe Nahrung, der kleinen Liebe Tod‘, fiel ihm ein. Er hatte vergessen, wer das gesagt hatte, aber es war ein schlauer Spruch. Er sah Eli zärtlich an. Sie wich weiterhin seinem Blick aus und kaute an der Unter­lippe. Er fühlte sich stark und überle­gen, weil er sich einbildete, er könne sie mit einem Abstand betrachten, zu dem sie nicht fähig war.

„Also, was gibt es?“, wiederholte er freund­lich und unterdrückte seinen Wunsch, sie erneut zu umarmen. Er erwartete, dass sie von ihrer Liebe zu ihm reden würde und von ihrem Drang, in seiner Nähe zu sein, der sie sogar manchmal veranlasste, sich in seine Erstsemestervorlesungen zu setzen, was ihn verunsicherte und nicht selten aus dem Konzept brachte. Doch Eli überraschte ihn und sagte zögernd, sie könne die Verab­redung für den Abend nicht einhalten. Kal­vin runzelte ärgerlich die Stirn. Sein Mäd­chen hatte ihm noch nie einen Korb gege­ben.

„Und warum?“, fragte er beleidigt.

„Ich muss in der nächsten Woche zwei Wahlpflichtfächer nachholen und heute ist schon Donnerstag. Ich brauche unbedingt etwas Vorbereitungszeit.“

„Die schreiben sich doch von allein“, ent­gegnete Kalvin trotzig. Eli sog hörbar Luft durch die Nase ein.

„Wir waren uns einig: mein Studium darf nicht unter unserer Beziehung leiden. Ich habe einen Männerberuf gewählt und muss folglich deutlich besser als die Jungs sein, wenn ich einen guten Job kriegen will. Ich wünsche deshalb, dass wir uns bis zu mei­ner letzten Prüfung nicht mehr sehen“, sagte sie und die Schärfe ihrer Replik schüchterte Kalvin ein wenig ein.

„Und wie lange wird das dauern?“

„Bis zum 18. Februar, da habe ich theo­retische Physik; also zweieinhalb Wo­chen.“

„Aber am Sonntag darauf fahre ich nach Rhodos!“, warf er entsetzt ein. Eli zuckte mit den Schultern.

„Nimm mich doch mit.“ Daher wehte also der Wind.

„Aber wir haben darüber gesprochen … Ich brauche die Ruhe, um mein Buch zu been­den, erinnerst Du Dich?“

„… und ich brauche eben diese zwei Wo­chen zum Lernen“, sagte sie, hatte aber et­was von ihrer Sicherheit verloren. „Wir kön­nen ja telefonieren und uns vielleicht am Samstagabend treffen“, schränkte sie des­halb ein. Jetzt war es an ihm, hart zu sein. So konnte sie nicht mit ihm umspringen.

„Besser nicht, du brauchst die Zeit zum Lernen.“ Eli sah auf, zum ersten Mal in seine Au­gen. Eine Pause entstand.

„Dann nicht“, sagte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe, wandte sich ei­lig ab.

„Ich rufe dich an“, rief Kalvin ihr hinterher. Eli achtete nicht auf ihn, sie benahm sich, als hätte sie ihn nicht gehört. „Ich rufe Dich an“, wiederholte er und war­tete, bis sie aus seinem Blickfeld bog. Es war der zweite Streit in ihrer Beziehung ge­wesen, der erste hatte vor etwa vier Wochen stattgefunden. War es diesmal das Ende? Wenn ja, dann war es erstaunlich schnell gegangen. Obwohl ein schwerer Druck auf seinen Li­dern lag, empfand Kalvin bei diesem Ge­danken keine Trauer, sondern nur Leere in sich. Die Trauer würde vielleicht später kommen, nahm er an, am Abend, den er mit Eli hatte verbringen wollen.

[Zum 4. Teil …]

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