Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das schwarze Urteil (Teil 2) – Kriminalerzählung

Ist das schon ein Vorzeichen einer beginnenden Demenz, dass ich mich an diesen Text von mir nicht mehr erinnern konnte, bis ihn Robert Knorr für sein Knorr von Wolkenstein-Verlagsforum wieder ausgegraben hat? Jedenfalls hatte ich gestern nachmittags eine dunkle Ahnung und öffnete die unterste Schublade meines schwarzen Archivschranks und förderte tatsächlich nach geduldiger Suche zwischen bereits vergilbten und längst abgelegten Blättern einen recht ausführlichen handschriftlichen Entwurf für das 2. Kapitel von „Das schwarze Urteil“ und auch tatsächlich auch eine Seite zutage, auf der ich damals die Hauptfiguren und den Plot der Erzählung (wohl eher des Romans) skizziert hatte. Ich wäre also jederzeit in der Lage, die Geschichte wie vor 20 Jahren geplant, fortzusetzen und zu einem Ende zu bringen. Die Frage ist nur, ob es sich auch lohnt. Und meine Lust ist keine sehr große. Und da die literarischen Texte meines Blogs nicht gelesen werden, kann ich auch niemanden um Rat fragen …

Kalvin schüttelte den Kopf. Offensichtlich nahm sein Verfolgungswahn pathologische Züge an. Er zwang sich, das Lokal zu betreten. Es war im Hochparterre, er hatte ein paar Stufen zu steigen. Dabei spürte er weiter die Blicke aus den Fensterhöhlen in seinem Rücken. Er schloss die Glastür zwischen sich und der Kälte, tauchte durch einen schweren Vorhang, der sie vom Gastraum abtrennte. Dieser war klein und schmal, ein langgezogener Tresen gegenüber nahm den größten Platz ein. Einige wenige Tische drängten sich in einer Ecke, in der tatsächlich ein Wurlizer stand, der jedoch ohne Strom war. Der Besitzer hatte bei der Einrichtung sicher eine amerikanische Bar als Vorbild gehabt, doch längst war das Lokal zu einer schmuddligen und unsauberen Stehkneipe verkommen. Außer zwei Alkoholikern, die aussahen, als würden sie in dem Ausschank übernachten und der Bedienung – einem älteren, dünnen Mann, der hinter der Theke in einem Buch las -, war die Bar leer. Der Kellner legte seinen Band zur Seite und sah gleichgültig auf den neuen Gast, der unsicher im geöffneten Vorhang stand und sich dann entschied, sich weit entfernt von den Säufern an die Theke zu setzen.

„Kalt heute“, sagte der Kellner und beäugte misstrauisch die Jacke des neuen Gastes.

„Geben Sie mir ein Bier“, erwiderte der kurz angebunden. Der Kellner nickte und wandte sich zum Zapfhahn. „… und einen Weinbrand“, fuhr Kalvin nach kurzem Zögern fort, „es ist wirklich kalt heute.“ Vielleicht half ein Schnaps gegen das Zittern in seinen Händen. Er lehnte sich in dem Rückenteil des Barhockers zurück. Dabei wechselte er über den großen Spiegel, der hinter der Bar hing, einen Blick mit sich selbst. Er wunderte sich, dass seine Frucht nicht deutlicher in seinem Gesicht geschrieben stand. Ihm sah nur ein etwas übernächtigter, unauffälliger Mann entgegen, dessen grauen Gesichtsausdruck man auch als verkatert deuten konnte. Er versuchte den Ansatz eines Lächelns, doch es misslang ihm völlig. Voller Scham rutschte sein Blick zur Seite, fiel auf eine Uhr, die über einem Regal mit Whiskeyflaschen hing. Sie stand auf halb neun Uhr. Der Schock traf ihn wie ein Schlag in den Magen.

„Geht die Uhr richtig?“, gelang es ihm erst auf den zweiten Anlauf, den Kellner, der den Schaum von seinem Bier in ein anderes Glas abgoss, zu fragen. Seine Stimme war so heiser, als hätte er eine Erkältung. Der Mann hinter der Theke sah auf und folgte dem Blick seines Gastes.

„Nein, natürlich nicht, die ist schon lange kaputt. Aber ich kann Ihnen gerne sagen, wie spät …“ Er schob den Ärmel am linken Handgelenk in die Höhe.

„Aber nein, das ist nicht nötig“, warf der Gast eilig, fast panisch ein. Er klang so nervös und schuldbewusst, dass der Kellner seinen Gast misstrauisch abschätzte. „Ich wunderte mich nur…“, setzte er zu einer hilflosen Erklärung an. Eine Pause entstand. Die beiden sahen sich an.Kalvin kippte eilig den Weinbrand, dessen billige Schärfe in seiner Kehle kratzte. Der Schnaps gab ihm nicht die erwünschte Wärme, sondern erzeugte nur Sodbrennen. Er nahm sein Bier in die Hand und deutete in die abgedunkelte Ecke.

„Kann ich dort hinten sitzen?“ Der Kellner unterbrach seine wiederaufgenommene Lektüre nickend.

„Ich mache Ihnen Licht.“ Der Gast ging hinüber zu den Tischen; er machte dabei einen Bogen um die Penner. Ein Deckenlicht warf nun einen trüben Schein auf die drei Tische, an deren hinterem er sich mit dem Rücken zur Wand setzte. Hier saß Kalvin bequemer als an der Theke und fühlte sich sicherer. Er war in diesem Moment so erschöpft wie noch nie in seinem Leben. Er hatte den Drang, die Augen zu schließen und Ruhe im Schlaf zu finden. Mit den Knöcheln rieb er die Augen, bis sich auf den Pupillen der Schein von platzenden Ringen bildete. Dann beobachtete er mit schwerem Kopf die Reflex, die die eingetrockneten Alkoholränder auf der wackligen Tischplatte erzeugten. Sie tanzten bei jeder seiner Bewegungen für ihn. Ein scharf geschnittener Schatten schreckte ihn auf und für einen kurzen Moment wählte namenlose Panik in ihm. Hektisch versuchte er, seine Hand in die Tasche mit der Waffe zu schieben, doch er griff in der Aufregung vorbei.

„Wollen Sie noch ein Bier?“ Es war der Kellner, er stand gelangweilt vor ihm, ein leeres Glas in der Hand. Verblüfft hielt der Gast mit seinem Versuchen, die Pistole zu erreichen, inne und erkannte, dass es sein Glas war, in dem nur noch ein wenig Schaum stand. Wieviel Zeit war vergangen? Er konnte sich nicht erinnern, es leergetrunken zu haben. Sein Herzklopfen ließ nach, nur eine Kälte der Hände blieb von seinem Schreck. Er sah dem Kellner ins Gesicht und versuchte, sich zu sammeln. Der Kellner lächelte unverbindlich und hob fragend das Glas. Der Gast nickte.

„… und noch einen kleinen Weinbrand.“ Später fragte Kalvin sich, weshalb er nochmal einen Schnaps bestellt hatte; seine Zunge musste schneller als sein Verstand gewesen sein. Daher schob er das kleine Glas Alkohol, das ihm mit seinem Bier gebracht wurde, mit einer entschiedenen Geste von sich. Die Versuchung, sich zu betrinken, war groß, aber er durfte ihr nicht verfallen. Er nahm einen Schluck von dem Bier, dabei wurde ihm endlich wärmer, nur seine Hände blieben klamm. Sie fühlten sich wie etwas Fremdes an, wie etwas, das nicht zu ihm gehörte und nur widerstrebend seinen Befehlen gehorchte. Er wagte, für einen Moment die Augen zu schließen. Er hoffte, dabei nicht wieder einzuschlafen. Es tat ihm wohl und als er sie zitternd wieder öffnete, fühlte er sich zum ersten Mal seit Tagen sicher, viel sicherer als in seiner Wohnung, die sie kannten und wahrscheinlich abhörten. Hier hatte er den Rücken zur Wand, das Lokal vor sich. Niemand konnte ihm gefolgt sein, er hatte einen Schatten sicher abgeschüttelt, als er in der Straße plötzlich zu rennen anfing. Wahrscheinlich hatte ihn aber überhaupt niemand verfolgt, das hatten sie nicht nötig, denn sie waren seiner sicher, da sie ein Faustpfand hatten. Er würde pünktlich zur Urteilsvollstreckung erscheinen, das wussten.

Aber noch war Zeit, es blieben ihm noch einige Stunden, in denen er versuchen musste, Ruhe zu finden. Hier im Lokal hatte er die Gelegenheit dazu. Die letzten Tage waren ihm wie ein Alptraum erschienen, ein Strudel, der ihn immer schneller mit sich gerissen hatte, je näher er diesem Abend kam. Jetzt hatte er die Gelegenheit, sich diese Woche Tag für Tag in Erinnerung zu rufen, konnte nachprüfen, ob seine Entscheidung richtig oder ob er in seinem Verfolgungswahn einem Hirngespinst aufgesessen war. Er musste seine Handlungen und Gedanken sezieren und überprüfen, schließlich wusste keiner so gut wie er, wie man zu einem Problem die passende Lösung fand. Falls es eine gab. Er konzentrierte sich und erinnerte sich an einen Mann, der ihm mit sich selbst kaum ähnlich schien, einen Mann, der seine verbleibende Lebenszeit nach Jahrzehnten und nicht nach Stunden zählte. Er war wie alle einem billigen Betrug aufgesessen. Denn es gab keine Sicherheit, in keinem Moment des Lebens. Er erinnerte sich an Werner Kalvin. Wie fremd nun dieser Name klang. Eine Woche hatte genügt, ihn von sich selbst zu entfremden, alles zu zerstören, von dem er geglaubt hatte, dass es sein Leben war, sieben Tage nur.

[Zum 3. Teil …]

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Das schwarze Urteil (Teil 2) – Kriminalerzählung

  1. Pingback: Das schwarze Urteil (Teil 1) – Kriminalerzählung | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: