Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das schwarze Urteil (Teil 1) – Kriminalerzählung

Der Magdeburger Verleger und Autor Robert Knorr restauriert seit geraumer Zeit in mühevoller Kleinarbeit die Archive seines verlagseigenen Forums Knorr von Wolkenstein, dessen Inhalte vor einigen Jahren durch einen Wechsel der Forensoftware beinahe völlig zerstört wurden. Von den meisten der von hunderten von Autoren eingestellten Texten, Gedichten, Rezensionen und teilweise harschen Kritiken besaß er nach dem Zusammenbruch dieses literarischen Forums nur noch eine unsortierte Text-Datei. Inzwischen hat er schon einiges aus den Jahren von 2000 bis 2005 – der Blütezeit des Wolkensteinforums – retten können. Da ich damals als Moderator und selbstverständlich auch als Autor am Wolkenstein-Forum mitarbeitete, tauchen nun plötzlich auch eine Menge meiner eigenen Texte und Kommentare dort auf. Der Nikolaus Klammer von vor fünfzehn Jahren lebt dort unverdrossen und quicklebendig weiter und es ist für mich manchmal ein sehr merkwürdiges Gefühl, meinem alten Ich dort zuzuhören. Ab und an entdecke ich dort Texte und Kommentare, Streitgespräche und Anmerkungen von mir, an die ich mich überhaupt nicht mehr erinnern kann. Es fällt übrigens auf, dass es auf dem Wolkenstein-Forum beinahe noch ruhiger ist als hier bei mir auf dem Blog. Die Zeit, in der sich Autoren und Leser in Internetforen trafen, scheint vorbei zu sein. Ich frage mich, warum das so ist.

Auch an die Kriminalerzählung „Das schwarze Urteil“, die ich damals anscheinend direkt in dieses Forum getippt habe, war mir völlig aus dem Gedächtnis verschwunden. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr an den Text erinnern und besitze auch auf meinem Rechner keine Kopie mehr davon. Es war gerade für mich, als würde ich die Geschichte eines Fremden lesen, der zuviel Cornell Woolrich konsumiert hat. Sie ist wie vieles in jener Zeit ein Fragment geblieben und ich habe keine Ahnung mehr, wie ich die Erzählung beenden wollte – wahrscheinlich war es mein Plan, das Leben der Hauptfigur in 7 Tagen genüsslich auseinanderzunehmen. Ob die Geschichte – wie Robert meint – tatsächlich misslungen ist und heutzutage keine Leser finden würde, sei dahingestellt. Ich glaube, er hat durchaus recht. Da aber mein Blog „Aber ein Traum“ alle meine Texte versammelt, werde ich auch diesen „verlorenen“ leicht überarbeitet in den nächsten Tagen hier einstellen. Ob ich „Das schwarze Urteil“ jemals zuende schreiben werde? Ich glaube, eher nicht.

Das schwarze Urteil

Abwärts wend ich mich zur Nacht …

Letzter Tag:
Warten

Kalvin streckte den Arm nach vorne und gleichzeitig ging das Licht aus. Er ließ seine zitternde Rechte entschlusslos über dem Türgriff schweben, der ihm im Halbdunkel plötzlich wie eine zum Zustoßen bereite Schlange erschien. Kalvins Oberkörper beugte sich zurück, doch die Täuschung war nur kurz; sie war eine Warnung des Zufalls, die er kopfschüttelnd verdrängte. Seine Hand umschloss den Knauf, dessen Kühle ihm half, den Schrecken zu überwinden. Er atmete erleichtert auf und zwang sich, zurück ins Treppenhaus zu sehen. Er hatte diesen Blick vermeiden wollen. Bewusst hatte er eben, als er wie eine von einem Puppenspieler geführte Marionette die Stufen hinabstieg, unablässig nach vorn zur Haustür gesehen. Er hatte bei jedem Schritt die Angst gespürt. Wenn er sich umwände, würde er auf der Stelle kehrtmachen, die Treppe hinaufstürzen, zurück in die verriegelbare Sicherheit der Wohnung eilen. Doch nun fand er bei dem vertrauten Blick in das Treppenhaus nur Leere in sich. Er wusste jetzt: Die Wohnung dort oben, mit der er gewohnheitsmäßig Geborgenheit und Heim verband, sie war nicht mehr als nur ein Trug, ihr Schutz eine Illusion. Längst gab es keinen Ort mehr, an den er fliehen konnte. Denn dem Urteil konnte er nicht entkommen. Er nahm es mit sich. Sein Blick zurück zu dem, was noch vor einer Woche sein Leben gewesen war, war ihm die letzte Bestätigung.

Er öffnete die Haustür. Sie leistete dem Druck seiner Hand nur wenig Widerstand. Er sammelte Mut, dann ging ein paar Schritte hinaus und verharrte zusammenzuckend, weil er das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben. Eilig schob Kalvin eine Hand in die Jackentasche und berührte den gerippten Griff der kleinen Pistole, die seiner verstorbenen Frau gehört hatte. Wäre er nicht so nervös gewesen, hätte er das Gewicht spüren müssen, das die rechte Seite seiner Jacke herabzog. Die Waffe war jahrelang unbeachtet in einer Schublade gelegen; er selbst besaß keinen Waffenschein. Er hatte sie vorhin nach längerer, aufgeregter Suche gefunden, unbeholfen geladen und ausprobiert, ob sie überhaupt noch funktionierte, indem er ihren Lauf gegen ein Sofakissen richtete hatte. Während er abdrückte, wandte er den Kopf halb ab. Der Schuss war leiser, als er erwartet hatte, irgendetwas zwischen dem Knallen eines Sektkorkens und der Fehlzündung eines Autos. Die Durchschlagskraft der Kugel allerdings hatte ihn überrascht: Sie ging glatt durch das Kissen und die Sofalehne dahinter und steckte anschließend breitgedrückt halb im Parkettboden. Er erkannte, dass sie mühelos den Körper eines Menschen durchschlagen konnte. Dieser Gedanke ließ ihn schaudern und er schleuderte die Waffe angeekelt von sich. Später hatte er sie aber doch aufgehoben, gesichert und in die Jackentasche gesteckt.

Nun war Kalvin kalt; sein Atem stand als Nebel vor seinem Gesicht. Benommen schlug er den Kragen seiner viel zu dünnen Jacke hoch und sah sich zweifelnd um. In diesem Moment wusste er nicht, wer er war und wohin er sich wenden sollte. Er brauchte Hilfe, doch es gab keine für ihn. Im alles gleichmachenden Grau des Herbstabends waren viele Menschen unterwegs, sie hasteten nach der Wärme ihrer Heime. Kalvin bildete ein Hindernis, das ihren zielstrebigen Schritt verzögerte und für den Moment eines unwilligen Ausweichens aus dem Gleichmaß brachte. Qualm hing über dem Lärm der Autos, er drang aus den Auspuffrohren und den Gullis. Lichter tanzten auf Kalvins Pupillen; er machte sich nicht die Mühe, nach ihren Quellen zu forschen. Nun genoss er seine Bewegungslosigkeit, die ihn sich wie im Auge eines Sturmes fühlen ließ. Eine Frau stieß ihn an und in Bewegung, schob ihn mit einer gemurmelten Verwünschung in die richtige Richtung. Schnell war sie an ihm vorbei. Er schloss zu ihr auf und sah hinüber, auf ihr ausdrucksloses Profil. Er nickte entschuldigend, aber sie eilte, ohne einen Blick auf ihn zu verschwenden, davon. Einmal im Laufen ging er die Straße, wurde schneller, passte sich dem Schritt der anderen an. Er lief diesen Weg täglich, häufig sogar im Traum, aber nie war er ihm so sinnlos erschienen wie diesmal: Dass eine Straße zu einem Ziel führen muss, war nur ein Betrug; diese zumindest führte für ihn nirgendwo hin. Sollte er den Bus nehmen? Er sah auf die Uhr an der Haltestelle und biss sich zornig auf die Lippen. Was für einen Streich spielte ihm sein Unterbewusstsein! Er hatte doch nicht wissen wollen, wie spät es war, es interessierte ihn nicht. Hatte er nicht aus diesem Grund seine Armbanduhr oben in der Wohnung gelassen? Und dazu war es erst kurz nach fünf Uhr, noch war Zeit. Jetzt rannte er, floh, damit er nicht noch einmal hinauf sah, sich nicht von dem zielstrebigen Rundlauf der Zeiger fangen ließ. Er lief, ohne auf den Weg zu achten und schnell wurde ihm dabei wärmer. Über kurz empfand er Freude bei seinem Laufen, den gleichmäßigen, geschmeidigen Bewegungen seines Körpers, auf die er sich reduzieren konnte. Er überholte sich drehend und wendend die Passanten, die ihm nun ein Hindernis waren. Das war ein Spiel, an dem er Freunde hatte.

Doch schließlich machte er einen Fehler. Er bog in eine Seitenstraße, die sich kerzengerade durch ein menschenleeres Wohngebiet schnitt und verlor seine Freude mit der Hitze des Erschreckens, mit der ihm plötzlich einfiel, warum er rannte. Er wollte es nicht wahrhaben, erhöhte das Tempo, doch der Augenblick Ruhe, in dem er sich nur auf sein Laufen konzentriert und alles andere an Bedeutung verloren hatte, war verloren. Regelmäßig schlug der schwere Kolben der Pistole in seiner Tasche gegen den rechten Oberschenkel. Kalvin geriet außer Atem und blieb an einer Kreuzung stehen, um zu verschnaufen. Ein heftiger Schmerz stach in seine Seite. Ihm war, als würde sich eine gebrochene Rippe in den linken Lungenflügel bohren und er wusste doch, es war nur Seitenstechen nach dem Lauf. Vorsichtig atmete er ganz flach, näherte sich dem Schmerz, ohne sich mit ihm auf einen Kampf einzulassen. Er ärgerte sich, in den letzten Jahren keinen Sport mehr getrieben zu haben, dass er, seit er sein Studium beendet hatte, nicht mehr auf sich achtete, längst Fett ansetzte. Wie oft waren gute Vorsätze an der Trägheit gescheitert. Ein grünes Licht, das einen Stich ins Gelbe hatte, kam in seinen Blick, es war der vom Asphalt reflektierte Schein einer Neonreklame in einem Fenster neben ihm. Er wandte den Kopf. In dem Haus, gegen dessen Vorderfront er keuchend lehnte, war ein Lokal, das ihm noch nie aufgefallen war, obwohl er häufig durch diese Straße in der Nähe seiner Wohnung fuhr. Es war nicht die Art von Kneipe, die er sonst besuchte, wenn er ausging. Jetzt erschien sie ihm allerdings als eine Zuflucht, als der Ort, nach dem er gesucht hatte, als er die Straßen hinab gehetzt war. Sehnsüchtig sah er auf die zu einem Schriftzug geformten Neonröhren, die die unruhige, pulsierende Farbe in einem scharf begrenzten Lichtkegel auf den Asphalt gossen; aber für den Augenblick konnte er sich wegen der Überanstrengung noch nicht bewegen. Dann lachte er. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielte, wie fit er war, an diesem Abend, dessen heraufdämmernde Nacht er wahrscheinlich nicht überleben würde; als ob überhaupt noch etwas wichtig war außer der Vollstreckung des Urteils. Er umklammerte seinen Körper und nicht nur die Kälte ließ ihn zittern.

Er sah nach oben, die Hauswände empor, die sich ihm durch eine Täuschung seiner Augen zuneigten und erschrak. In vielen Fensterhöhlen brannte Licht, ab und an konnte er den Schatten eines Menschen sehen, der sich dort bewegte. Diese Lichtvierecke erschreckten ihn nicht, hinter diesen Gardinen gingen Familien ihren Beschäftigungen nach; Frauen kochten hinter beschlagenen Scheiben, Männer kamen von der Arbeit, lasen in den Wohnzimmern in der Zeitung oder sahen fern, Kinder spielten. Jemand stritt, der Ton zweier Stimmen kam ihm an die Ohren. Er wusste, morgen würde es dort oben wie heute sein, wenn er morgen hier stünde, würde er die gleichen Menschen die gleichen Dinge hinter ihren hellerleuchteten Fenstern tun sehen und wieder würde jemand streiten. Doch morgen… Was ihn erschreckte, waren die anderen Fensterscheiben, jene, hinter denen es so dunkel war, dass die Lichter der Straße in ihnen reflektiert wurden; sie schienen ihm wie das Schwarze in der Pupille eines vieläugigen Riesen. Durch diese Fensterlöcher glaubte er die Seele der Stadt zu sehen, die kein Erbarmen, sondern nur Neugierde kannte. Hinter ihnen wusste er Augen, die die Straße bewachten, eifrig auf der Suche nach einer Sensation und einem Menschen, der sich nicht so verhielt wie die anderen, einem wie ihm, der schwer atmend an einer Häuserwand lehnte. Auf ihn starrten Augen herab, bespitzelten ihn, jede seiner Bewegungen wurde belauert, ausgespäht; so viele Fensterschlünde waren es, so viele Augen. Jede Nacht hat diese Augen.

[Zum 2. Teil …]

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