Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

crisis – Eine Erzählung (2)

der nächste tag traf mich. müde von der endlosen nacht, vom wirren lesen und schreiben, war ich wehrlos gegen seine spitze. zu beginn war er wie die anderen tage, der telefonanruf, das onanieren, der geschmack. die milch meiner tage. nur der kopfschmerz war stärker. am abend hatte ich wieder eine verabredung mit einem mädchen, wie immer.

die straßen waren voll, es war sonntag und die leute hatten kein ziel. ich irrte zwischen ihnen, mein diktaphon griffbereit. doch niemand sprach mich an. endlich fiel mir auf, dass ich verfolgt wurde. ich war natürlich daran gewöhnt –  schließlich ist in der stadt jeder hinter jedem her. die komplizierten muster der wege kreuzen sich. es gibt öffentliche gesichter, denen ich jeden tag begegnete. doch dies war nicht mehr die laune eines zufalls. ich war mir sicher: ich spürte einen verfolger. wenn ich mich halb wendete, um einen schnellen blick nach hinten zu werfen, verbarg sich mein schatten zwar, tauchte vorsichtig in einen hauseingang, aber er war immer den kurzen moment zu langsam, zu halbherzig, als wolle er gesehen, jeder zweifel ausgeräumt werden. langsam bekam ich einen eindruck von meinem verfolger. er war groß. ich meinte, ihn lächeln zu sehen, wenn er sich verbarg. ich beschleunigte meinen schritt etwas, erreichte eine haltestelle der u-bahn, ging vorsichtig die wenigen stufen hinab und vorsichtig an den besudelten fliesen vorbei. ich erschrak wie jedesmal, als sich die rolltreppe unter meinen füßen rumpelnd in bewegung setzte. es war ein leiser moment, ein zusammenzucken des unterleibs, ein kurzes gefühl der unsicherheit. meine linke sackte voll genugtuung auf das gummiband, das mit den stufen hinabglitt. jetzt krallten böen in mein haar, blähten mein hemd, kühlten den schweiß meiner haut. gleichzeitig wurden die fahrgeräusche einer bahn laut. der bahnsteig flackerte in der neonstimmung. ich ging ein paar schritte weiter, verharrte unschlüssig, sah mich skeptisch um. wenn ich schnell war und auf der anderen seite wieder herausrannte, konnte ich den verfolger vielleicht abhängen. dennoch blieb ich stehen, denn ich fühlte mich geborgen unter den riesigen zigarettenrauchern. das geräusch eines kurzen, wohlüberlegten fußtritts hallte an mein ohr. eine leere bierflasche.  mein verfolger war nicht so leicht abzuschütteln. ich sah hinüber zum anderen bahnsteig. dort stand im schatten die hohe, zynische gestalt. sie bewegte sich nicht, wartete. ich floh, rannte atemlos hinaus aus dem haltestellenschlauch, hinein in die hitze, die wie eine wand in der straße stand, lief im dauerlauf den weg, den ich eigentlich hatte fahren wollen. ich flüchtete mich in die normalität des cafés, in dem ich mit meinem mädchen verabredet war.

immer und immer wieder trafen wir uns in einem café. unser leben spielte sich in einem café ab, nur dort waren wir eins. in diesem zumindest war die einrichtung teuer.

ich erzählte ihr hastig von meiner begegnung mit dem alten, ohne auf meine mutmaßungen wegen des WORTES oder meinen verfolger einzugehen. sie schien mir nicht dafür geeignet.

– was wollte er?

– wenn ich das wüsste! ich nehme mal an, er hatte zuviel getrunken. sein freund hermann hat probleme und die musste er einfach beim nächstbesten loswerden. mich wundert, dass er keinen betrunkenen eindruck machte.

– vielleicht hatte er einen schaden. – das mädchen tippte mit dem zeigefinger gegen die stirn. in diesem augenblick sah sie roh aus, primitiv. sie war niemand, dem ich erzählen konnte. sie war nur ein fick. das war allerdings genug, ihre dummheit zu übersehen und am ball zu bleiben.

– ich setz‘ mich mal. hallo!

der mann wirkte auf den ersten blick reich, auf den zweiten wie ein zuhälter. bevor ich abwinken konnte, nickte das mädchen. ich sah mich schnell um. nicht alle tische waren besetzt, an einigen saßen frauen, die auf einen märchenprinzen warteten. der mann ließ sich seufzend zwischen uns beiden auf der bank nieder, rückte aber, erstaunlich genug, näher an mich. das gespräch versiegte, aufmerksam musterte ich ihn. er war klein, stämmig, hatte nichts mit meinem verfolger gemein. doch ich hatte noch eine weitere idee, heimlich schaltete ich deshalb mein diktafon ein.

– leskoff. sie sind leskoff. – der mann starrte mich erstaunt an.

– ich heiße karl heller. kennen wir uns? sie müssen mich verwechseln.

– ja. ich dachte nur, sie könnten leskoff sein.

das mädchen kniff ein auge zusammen, legte den kopf schief. sie schien an meinem geisteszustand zu zweifeln.es folgte ein munteres gespräch.

(ich lege die cassette dem heft bei. sie zeigt, wie belanglos, wie naiv unsere gespräche noch waren. wir sprachen über fahrschulen. ich war eifrig dabei.)

vision. – es war mein erster blick in die zukunft und er dauerte nur ein paar sekunden, länger nicht. da bin ich mir sicher, denn in meiner tonbandaufzeichnung ist meine geistige abwesenheit nicht zu bemerken. es war kein traum. war eine vision.

durch hellers sonnenbrille fällt ein lichtstrahl. er ist von dunklen flecken gemasert und schwimmt wie eine hitzeschliere über heißem beton. ich betrachte ihn und höre sein sinken, das regen von leben weit dort unten. der milchige strahl war eben gebündelt, jetzt zerfasert er. er erhellt kaum das dunkel um mich. ich warte. etwas wird geschehen, jetzt, oder doch später, es dehnt sich.

da: die bewegung ist unterbrochen, eine tastende hand gleitet in meinen blick. das könnte meine hand sein, aber sie ist so bleich.von der decke löst sich ein tropfen, quälend langsam stürzt er herab, wie öl in wasser kämpft er sich durch das licht, sich in sich drehend, wendend. dann trifft er die hand. gleichzeitig zerplatzt sie aus sich heraus. alles wird besudelt. ich ekle mich, schließe die augen. das licht verwandelt sich in einen glassplitter, er bohrt sich in meinen kopf, spaltet mein hirn.

– also, die fahrschule ziegler ist billiger und der service ansprechend, sagte heller.

– dafür habe ich beim streng meinen führerschein in einem monat, sagte das mädchen.

– ach? sagte ich.

ich erschrak und sah mich um. dieser tag war anders. es war früh am morgen. ich spürte es, draußen war es bewölkt und kühl. ich lag in einem fremden zimmer in einem fremden bett. die einrichtung war karg, gefängnishaft, aber nicht abweisend. vielleicht war das ein zimmer in einer billigen pension. noch etwas hatte sich verändert. erst nach einer weile wusste ich, was. ich hatte keine kopfschmerzen. ich stand auf, sah zurück. das bett war leer. das passte nicht ins bild. das mädchen hätte drin liegen sollen. ich horchte, vielleicht machte sie frühstück. ich war hungrig und hatte keinen schlechten geschmack im mund. stille lag vor mir, zum greifen nah. ich blickte an mir herab. ich war nackt, meine kleidung lag auf dem boden verstreut. es war nur meine kleidung, glaube ich. ich öffnete einen schrank. muffiger, abgestandener geruch trat aus den leeren fächern. das ist wohl ein hotel, dachte ich, ich hatte recht. wenn ich mich nur erinnern könnte, wie ich hier her gekommen bin. ich zog mich eilig an, trat aus dem schlafzimmer un  erwartete, in einen hotelflur zu gelangen. stattdessen stand ich in einer küche. auch sie war leer, ausgeräumt wie eine musterwohnung, ein unbewohntes appartement. der blick aus dem fenster zeigte die fassade eines miethauses. auf der straße fuhr kein auto, es waren auch keine fußgänger zu entdecken. nervös werdend begann ich zu suchen. es gab noch ein bad und ein wohnzimmer, dazwischen einen kurzen gang. auch hier fand ich keine anzeichen von bewohnung. auf dem wohnzimmertisch lagen zwei briefe. ihre umschläge waren hastig geöffnet, aufgerissen, die absender nicht leserlich. die adresse auf beiden briefen lautete: andreas wert, haffnerweg 12.

wie kam ich in den haffnerweg? der war am anderen ende der stadt. war der eigentümer ausgezogen? hatte er die briefe zufällig vergessen? ich sah mich schuldbewusst um, blöde. natürlich las ich die briefe. der erste war maschinengeschrieben, fehlerlos und fast amtlich.

– wenn du glaubst, ich würde darauf hereinfallen, dann hast du dich geirrt. ich kenne dich und ich weiß, du lässt keinen trick aus, mich zu betrügen. und weil ich dich kenne, würde ich auch nie auf dich hereinfallen. wenn helga dir vertraut, ist das ihre sache. aber mit mir geht das nicht. helga kannst du übrigens wieder haben, wenn du sie noch willst. sie interessiert mich nicht mehr. weißt du, sie ist so ein simples gemüt. meinst du, sie kann mich auf dauer interessieren? unsinn. ich habe gleich gemerkt, wie angelernt ihr geschwätz ist. sie war bei dir in der lehre, nicht wahr? hast sie gleich ins theater geschleppt. gleich am ersten tag war mir das klar. so dumm bin ich nicht. selten habe ich so starr auswendig gelernte meinungen gehört. du kannst dich sicher erinnern, denn es sind deine worte: es war eben wieder der versuch, romantisch, aber noch unfertig, da kann was draus werden, aber es braucht noch zeit. der ganze quatsch. sie hatte die volle palette. es war nur nicht ihre eigene. auch im bett war sie einfallslos. da musst du mir schon mehr bieten. sobald ich etwas gebracht habe, hieß es: du, ich mag das nicht. du, ich bin heute müde. du bist nicht zärtlich genug.

nimm sie wieder, ich gebe sie dir gern zurück.

ich habe dich überschätzt. aus ärger ziehst du diese nummer mit mir durch. ich kann es nicht glauben. bin ich denn ein narr?

die unterschrift war sehr schwungvoll, aber unleserlich. unter p.s. stand:

– wir sehen uns am wochenende. bring monica mit. stefan.

den zweiten brief hatte eine frau geschrieben. ihre schrift war zierlich und übertrieben rund, manchmal war die tinte von einem flüchtigen handrücken verschmiert.

– lieber andreas,

es mit hermann aus. egal, das war nichts. ich habe nur länger als du gebraucht, um es zu bemerken. deshalb schreibe dir ich nicht. ich könnte dich anrufen, aber ich sende dir lieber einen brief, der ist irgendwie anonymer und ich traue mich. weißt du, wie viele wochen es her ist? du wirst es kaum glauben: acht! ich bin gut, nicht wahr? ich glaube, wenn alle meine willensstärke hätten, gäbe es keine probleme mehr. acht wochen, das ist eine kleine ewigkeit. vollziehe das einmal nach: jeden tag in die arbeit gehen, abends ein bisschen spaß haben und in der nacht an die decke starren. irgendwann ist dann der punkt erreicht, an dem du deine augenringe nicht mehr mit makeup verdecken kannst. ich habe ihn längst überschritten. ich bin am ende. acht wochen ohne schlaf, liegen und warten. das kannst du nicht verstehen. du hast es gut, denn dich hat es noch nicht so erwischt. bei männern dauert es länger. außerdem: du hast ES ja. ich weiß deine einwände, du hast auch recht. niemand darf es erfahren und ich habe bis jetzt auch geschwiegen. glaube mir, ich habe niemandem etwas erzählt. aber, versteh mich doch, wenn ich nicht bald wieder schlafen kann, bin ich vielleicht zu nervös und verplappere mich. glaube mir, ich will es nicht und das ist auch keine erpressung, ehrlich, das ist eine bitte. ich bin verzweifelt. besorge mir ES zum schlafen. sonst weiß ich nicht, wozu ich fähig bin.

keine unterschrift, das war alles. ich lehnte mich in dem sessel zurück, in den ich mich zum lesen gesetzt hatte, überlegte.

besorge mir ES zum schlafen.

rauschgift.

erpressung.

mir fiel das WORT wieder ein. hier hatte ich nichts mehr verloren. ich warf die briefe auf den tisch. es war zeit, zu gehen. die wohnungstür war nur angelehnt. ich stieg die treppe hinab, trat ins freie. die straße war noch immer leer. niemand außer mir lief den bürgersteig hinab. es fuhren keine autos. eine ampelanlage schaltete sinnloserweise auf rot. hatten sich denn alle in luft aufgelöst? ich ging die straße hinunter. eine uhr schlug, ich zählte mit. es war neun uhr morgens. aber welcher tag war heute? ich gelangte zur hauptstraße, den hohenzollerndamm. hier erwartete mich das gleiche bild. leere, aber aufgeräumt und sauber. die autos waren ordentlich geparkt. das einzige lebewesen schien ich zu sein, nicht einmal insekten gab es. auch keinen wind, keine gerüche, kein geräusch. nur meine schritte hallten. mein atem keuchte. die stille war tief, erschreckend. ich begann zu laufen, zum markt, in die richard-wagner-straße, leer, leer, leer. – endlich, völlig außer atem, erreichte ich mein haus. ich stürzte hinein, ließ die tür hinter mir zuschnappen, schloss fürsorglich zweimal ab. lange lehnte ich gegen das holz der tür, rang um luft und starrte in den hausflur. dann stieg ich hinauf in meine wohnung. ich war müde. nur mit mühe schaffte ich es in mein bett, meine kleidung ließ ich an. ich schlief sofort ein.

und ein splitter spaltet mein hirn. ein tropfen missachtet die schwerkraft und klatscht zurück gegen die decke.

– aber der ziegler ist doch der bessere lehrer. er ist nicht arrogant. er weiß, worauf es ankommt. ich kann von seinem service nur schwärmen, sagte heller neben mir.

ich nickte, stimmte ihm begeistert zu:- da haben sie recht. ich habe schon viel gutes gehört. und er kennt alle prüfer. – die hitze überfiel mich hinterrücks. hatte ich nicht eben noch gefroren, deshalb eine decke über mich gezogen? ich spürte den schweiß, der meinen rücken nässte. heller drehte sich halb sich zu mir, etwas überrascht, wie mir schien. er hatte bislang mit dem mädchen gesprochen.

– nicht wahr? und was meinst du, claudia?

er wusste schon ihren namen. wann hatte sie ihm den verraten? oder kannte er sie schon länger? war, was ich für zufall hielt, eine absichtliche verabredung? ich beschloss, vorsichtig zu sein. – aufmerksam widmete sich heller dem mädchen. er war auf dem besten weg, sie mir auszuspannen. jetzt kümmerte es mich nicht mehr. es war mir gleichgültig. fast hätte ich ihm das gesagt.

– ich schenke sie dir, hätte ich gesagt und fühlte ein dejavu. gelangweilt sah ich mich um. neben uns saßen zwei junge männer, einer der beiden hatte eine glatze und war geschminkt. sie unterhielten sich lautstark. sie machten ein wenig den eindruck, als würden sie ein absurdes theaterstück proben. ich konnte mich zu ihnen lehnen und lauschen, ohne von ihnen bemerkt zu werden. leider sind nur ein paar fetzen ihres gespräches auf meiner cassette. hellers stimme war zu laut.

– wir haben keine legenden und keine helden. das ist alles mist. was interessieren uns goethe oder dostojewskij, was stuckkard-barre oder hollebeqc, die sind längst tot. wir sind die jungen. wir sind am anfang, punkt null. wir erfinden uns die welt neu. sie ist unser. wie sie früher war, interessiert uns nicht. das haben wir vergessen, ganz und gar. wir sind der sturm, der den gestank vor sich herjagt, jubelte der geschminkte.

– red nicht so geschwollen.

– wir sind die jugend. wir machen schluss mit allem. wir stehen nicht am ende unserer tage, sondern erst am anfang. und ein neues leben verlangt auch eine neue sprache.

– das ist aber eine alte.

 -du verstehst nicht. in mir ist nichts altes. wir haben keine vorbilder in der sprache, ich spreche so, wie ich als neuer mensch sprechen muss. klar? so soll die jugend sein, stark und schön, es darf nichts schwaches und zärtliches an ihr sein, das freie, herrliche raubtier muss wieder aus ihren augen blitzen. so können wir das neue schaffen. das sage wir alle tage. für uns ist alles religion. was wir tun, das leisten wir nicht nur mit unseren händen und hirnen, sondern mit unseren herzen und unserer seele.

– willst du eine ehrliche antwort?

– ja, natürlich. bist du politiker?

– gut. ich kapier‘ nichts. und ich will das auch nicht verstehen. mir graut vor deinen worten.

– du bist der depp. ich glaube manchmal, dein blut ist nicht gesund. sprache ist auch, vor allem, klang, ein sauberes empfinden, der ausdruck der seele eines volkes, wie musik, weißt du. sie berührt dich. kennst du denn ordinäre musik?

– ja.

– lenk jetzt nicht ab! ich lasse mir von dir nicht meine beweisführung kaputtmachen. ich bin die zukunft. ein wille muss uns beherrschen, eine einheit müssen wir bilden, eine disziplin muss uns zusammenschließen; ein gehorsam, eine unterordnung muss uns alle erfüllen.

– wir gehen. du wirst uns ja wohl nicht vermissen.

das kam von meinem tisch. heller und das mädchen standen bereits. sie hatten sich an den händen gefasst, heller grinste anzüglich.

– ich habe für sie bezahlt, sagte er.

– für das mädchen?, fragte ich erstaunt.

– für das bier, erwiderte er und wusste nicht, ob er wütend werden sollte.

– ich wünsch euch einen schönen abend. – ich winkte abgelenkt und drehte mich wieder zu den beiden männern. aber ihr gespräch hatte inzwischen ein völlig anderes thema. plötzlich unterhielten sich die beiden über eine frau und darüber, ob sie einen bh trug. hier gab es nichts mehr für mich zu hören. ich stellte mein diktafon aus.

ich hielt die tür des cafés scharf im auge, nahm die bewegungen im gastraum kaum mehr wahr. deshalb war ich erstaunt, als sich jemand zu mir an den tisch setzte, genau auf den platz, den eben heller besetzt gehalten hatte, direkt neben mir, eng an mich gedrückt. der mann war nicht groß und er betrachtete mich aufmerksam und freundlich. nichts an ihm war zynisch, sein lächeln durchaus interessiert, sein neugieriger blick allerdings nicht zurückhaltend. er nickte mir zu, suchte einen unverfänglichen gesprächsbeginn.

– bist du oft hier?, fragte er, sich noch näher zu mir lehnend.

– oft. manchmal regelmäßig, antwortete ich zögernd, aber ich habe mir die regel nicht zur regel gemacht.

er senkte den blick: – macht es dir spaß? ich meine, leute zu beobachten.

– ja, sicher, erwiderte ich und sah zu den beiden männern am nebentisch, dadurch ist vieles einfacher.

ich machte eine bedeutungsschwangere pause.

– warum rufst du mich immer an?, fragte ich. ich wollte ihn überraschen, für einen kurzen moment schien ihn die frage auch zu verblüffen. hatte ich wirklich ins schwarze getroffen?

– weißt du das denn nicht? -er spitzte vorwurfsvoll die lippen. – ich hatte geglaubt, du würdest es wissen. ich hätte mich doch nicht zu dir gesetzt, wenn… seltsam, so ein fehler ist mir noch nie unterlaufen. du bist so anders. egal, jetzt sitze ich hier. was willst du wissen?

– sie haben meine frage noch nicht beantwortet, beharrte ich.

nicht? ich dachte, doch. du solltest besser zuhören. ach, ich weiß auch nicht. lass dir mal eine geschichte erzählen, wenn ich mehr zeit habe. erinnere mich daran. das wirst du tun, ja? – ich wusste keine entgegnung, blieb stumm. – sei vorsichtig!, flüsterte er mir zu, stand auf, sah noch einmal aufmerksam zu mir herab. er war doch großgewachsen. dann nahm er sein pils und ging, als wäre es das selbstverständlichste auf der welt, mit seinem glas in die toilette.

als sich mein erstaunen gelegt hatte, ging ich dem mann nach. eine tür führte vom klo über eine schmale treppe ins freie, in einen schmutzigen hinterhof. den anrufer, wenn er es tatsächlich gewesen war, vermochte ich nicht mehr zu finden. der himmel war wolkenlos. die hitze stand hier wie eine wand. was sollte ich tun, wohin gehen? wo sollte ich mir später die schlaflose nacht vertreiben? mir war, als müsse ich mich an etwas erinnern, aber es war so fern und verschwommen wie ein traum.- mein blick fiel auf ein garagentor vor mir. dort las ich das WORT, es war mit roter farbe auf die mauer gesprüht, in großen, deutlichen lettern. das WORT klang banal und obszön zugleich. das WORT gab es. hier stand es.

[Zum Schluss —>]

 

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