Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

crisis – Eine Erzählung (1)

Diese nicht ganz einfache Geschichte ist aktueller denn je. Sie beschreibt das Wiedererstarken der faschistischen und nationalsozialistischen Kräfte in einer gleichgültigen, nur am Konsum interessierten Gesellschaft – unserer eigenen Gesellschaft. Obwohl sie bereits vor vielen Jahren geschrieben wurde, ist sie so aktuell wie nie.

Ich warne nachdrücklich: crisis ist weder leicht zu lesen, noch vollkommen jugendfrei.

crisis

durch sommerhitze dürstete der bock, zum wassertrinken stieg er in den tiefen grund. doch als er getrunken und sich gesättigt hatte und nicht wieder heraussteigen konnte, empfand er tiefe reue, und er suchte nach einem helfer. so erblickte ihn der fuchs und rief ihn an:

du dummkopf, wenn du so viel verstand besäßest, wie du in deinem bart haare hast, so wärst du nicht hinabgestiegen, bevor du den rückweg erkundet.“

mein versuch, die ereignisse in die richtige reihenfolge zu bringen, scheitert.

ich will verständnis, wo ich keines erwarten darf. ich weiß nicht einmal, von wem ich verständnis erwarte. dennoch habe ich mir in einem zeitschriftenladen ein heft gekauft. es hat einen schwarzen einband, dazu rotes buchbinderleinen, din a5, kariert. der kauf war ein bewusster anfang. damit wollte ich beginnen, etwas neues setzen wie die überschrift: crisis. sie war schnell gedacht und geschrieben, der verknitterte zettel mit der alten fabel daruntergeklebt. dann saß ich, wartete bis zum abend. nichts geschah. ich schloss mein heft, warf es zur seite, war besiegt. – erneut hatte ich begonnen, um zu scheitern. und doch war es ein nachmittag, der hoffnung machte, weil er anders war als die anderen. ich tat etwas. ich wartete. während ich gelangweilt in gartenlokalen und cafés saß, mein „savoir vivre“ genoss, geschah nichts. sogar das schwül-heiße wetter hatte sich der gleichförmigkeit ergeben. selten las ich, hielt müßig ausschau. dies war ein urlaub von allen verpflichtungen und dem job -zwei wochen im juli, bevor ich wieder in die tretmühle zurückkehrte.

aber ich irrte mich: obwohl die tage wie ein milchiger, amorpher brei über mich hinweg glitten, änderte sich etwas. dinge geschahen: telefonanrufe, begegnungen. ich brauchte lange, bis ich erkannte, was sich tat, im ganzen acht oder neun tage. dann spürte ich endlich die veränderung, fand aber keinen namen für sie. ich fand keine worte, sie zu beschreiben, dazu war sie zu neu. plötzlich wurde mir klar: ich hatte vor dieser veränderung angst. sie war in mir versteckt.

dinge geschahen: ich war wach, aber nicht vollkommen in der wirklichkeit, herausgezerrt aus einem lebhaften traum, den ich einen augenblick später vergessen hatte. ich saß aufrecht im bett und hielt die augen geschlossen. noch hoffte ich, in meinen traum zurückzufinden. das kaputte telefon auf dem nachtkästchen scharrte kurz und angestrengt. resignierend sah ich auf. durch die verdreckten fenster und die zusammengezogenen vorhänge wirkte der morgen trübe. ich wusste, wie sehr der eindruck täuschte, auch dieser tag würde wieder heiß werden.verbrauchte luft stand im zimmer, sie stank nach alkohol und kaltem zigarettenrauch; gerüche, die meine kleidung über nacht ausgedünstet hatte. ich atmete von mir selbst angewidert durch den mund, sah zum telefon. es war mein feind. schon wähnte ich mich sicher, aber da scharrte es erneut, diesmal waren sogar die metallenen ansätze eines klingeln zu erahnen. der apparat gab sich mühe. ich zählte langsam bis zehn, dann hob ich bedächtig ab, führte den hörer zum ohr. mein atem ging schneller. ich keuchte, ich räusperte mich. dem anderen schien das zu genügen. was ich hörte, waren geräusche, dich nicht nicht einordnen konnte, dahinter ein milchhelles rauschen, das mich an etwas erinnerte, das ich vergessen wollte.

ich darf es als einziges nicht vergessen.

die worte kannte ich schon. ich konnte sie auswendig mitflüstern. und wieder gelang es mir nicht, als erster aufzulegen. ich musste rauh mein dummes – ja? flüstern, – hallo? hinzufügen, angestrengt auf die von sattem knacken unterbrochene stille lauschen. obwohl sich diese anrufe häuften, hatte ich noch keine routine oder taktik entwickelt, ihnen zu begegnen. sie ließen mich jedesmal aufs neue mit der selben fassungslosigkeit zurück.

dinge geschahen. reumütig kehrte ich zu dem schwarzen heft heim. ich begann gehetzte sätze aneinander zu reihen, erzählte von dem leben, das keines mehr war, von den menschen, die ich traf, von den träumen, die mich plagten und die ich so schnell wieder vergaß. ich schrieb von dem verfolger. ich machte den versuch, meine angst zu fassen, der veränderung einen namen zu geben. zeit war zur genüge vorhanden, sie hatte längst ihre macht verloren, lag wie eine schwere, alles erstickende decke auf der stadt. ich meine, ich schlief nachts nicht, auch wegen der schwüle, die die stadt drückte. auch schlief ich nicht, weil ich den begegnungen mit anderen menschen seit kurzem mehr gewicht zumaß. ich dachte über diese begegnungen nach. sie waren wertvoller geworden. – so kann ich aber die angst nicht erklären. das war sie nicht. alles um mich herum veränderte sich. davor fürchtete ich mich. die furcht lag tief. ich spürte sie instinktiv wie ein gejagtes tier, in meinem bau zusammengekauert, hilflos. ergeben.

noch mal: zu anfang konnte ich nicht sagen, was sich änderte. die tage liefen gleichförmig, träge. ich stand spät auf, immer erst zwischen zehn und zwölf uhr, da ich allein in den morgenstunden schlaf fand, in wirre träume tauchte. meist weckte mich das scharren meines telefons. beim erwachen war ich bereits von der hereindringenden hitze verschwitzt, mein schädel war voller schmerzen, ich hatte sodbrennen und einen widerwärtigen geschmack im mund. mit der zahnbürste war er nicht zu überdecken. erst am abend gewöhnte ich mich an ihn, da steckte er gemeinsam mit dem kopfschmerz zurück, verschwand aber nie vollkommen. er lauerte wie eine erinnerung an einen bösen traum, wie ein menetekel weit hinten in meinem kopf. am nächsten morgen kehrte er mit stärke zurück, wie eine schlechte angewohnheit. es lag immer der selbe geschmack nach verwesendem fleisch, erde und moder auf meiner zunge, ein geschmack, der auch roch. ich aß daher wenig, scharfgewürztes, das die fäulnis im mund kurz überdeckte. manchmal hatte ich den eindruck, dass nicht ich, sondern die stadt stank. dann ging es mir besser. mittags onanierte ich, noch bevor ich aufstand. ich machte das aus gewohnheit, es war eine reinigung wie das anschließende waschen im bad, ein hygienischer, mechanischer akt ohne freude. die erinnerung an ein milchweißes knie half mir beim erguss. im schatten der wohnung verborgen wartete ich bis zum abend, bis das pünktlich einsetzende gewitter ein wenig kühle herabgeregnet hatte. dann ging ich aus. ich setzte mich in ein gartenlokal, hielt ein buch in der hand, in dem ich nicht las. ich behandelte meine schmerzen und den üblen geschmack mit hochprozentigem und bier. nach dem dunkelwerden folgte auf den staubigen, hitzestarren gassen und plätzen, in lokalen und diskotheken das spiel: der versuch, bei einem mädchen unterzukommen, in ihrem bett, da meines mit vollgewichsten taschentüchern verklebt war. selten war ich erfolgreich und der heimweg war immer lang.- acht oder neun tage vergingen so, sagte ich. jeder tag war wie der andere. ich dachte, es würde immer so bleiben. es dauerte lang, bis ich aufmerksam wurde. ich hatte angst und alles veränderte sich.

ich schreibe in mein heft über die veränderung:

ich kann mich erinnern. ich saß am spätnachmittag in einem café. auf der suche nach dem entscheidenden augenkontakt war ich systematisch mein revier abgegangen. – einsamkeit lässt sich in gesellschaft leichter tragen. habe ich gehört. aber vor langeweile schützt sie nicht. ich hatte mich zu einem mädchen gesetzt und begann meine tour. sie hatte ebenso sehnsüchtig auf mich gewartet, wie ich gerade sie gesucht hatte. wir sprachen über die hitze, den streik, den gestank der stadt, ihr sternzeichen, über uns selbst am wenigsten. wir wogen unsere seelen.

das WORT fiel, ich hörte es vom nebentisch. das WORT gelangte an mein dankbares ohr, schälte sich kristallklar aus den geräuschen der umgebung. seinen zusammenhang konnte ich nicht hören. daher lehnte ich mich vorsichtig zurück. das WORT hatte mich neugierig gemacht, es passte nicht hierher. mein mädchen lächelte, sagte etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. sie beugte sich vor, ihre lippen öffneten sich, ihre erbeerfarbene zungenspitze tauchte in den milchschaum ihres cappucinos. dabei sah sie mir in die augen. das konnte sie ziemlich gut, sie wirkte natürlich und erotisch, auch wenn ich mir sicher war, die szene schon in einem film gesehen zu haben. auf jeden fall machte dieser moment alles klar. schon jetzt hätte ich ihr meine frage stellen können. aber da blieb noch das WORT. ich brauchte gewissheit. deshalb zwinkerte ich ihr verbindlich zu, lächelte zurück und lauschte weiter zum nebentisch. mit einem schnellen blick vergewisserte ich mich: da saßen zwei männer in meinem alter, elegant und für das wetter zu warm gekleidet. mit den mir eigenen vorurteilen schätzte ich sie als bankangestellte ein, kleine nummern hinter dem schalter, falken auf dem sprung, die waffenruhe des feierabends teilend.

– hast du überhaupt noch etwas anderes zu tun? fragte der eine.

– das geld ist entscheidend. komm, du weißt es doch auch. an jedem sonnabend gibt es etwas neues. und ich bin freundlich. schließlich sind wir verwandt.

– klar. ich würde mich trotzdem nicht so verkaufen. nie! ich habe noch ein wenig selbstwertgefühl.

– mir doch egal, ob das legal ist. jeder tag ist ein neuer tod. aber du kannst ja reden. weißt du noch …

es war zeit, mich um mein mädchen zu kümmern. außerdem war dieses gespräch anders, nicht geeignet für das WORT. hatte ich mich getäuscht, war es von einem anderen tisch gekommen? ich sah mich um. das café war fast leer. in der ecke saß ein türke vor seinem tee, las in einer rosafarbenen zeitung. ein kellner döste gelangweilt, gegen die theke gelehnt, schreckte durch meinen suchenden blick dienerhaft in die höhe. ich schüttelte den kopf. sein gesicht wurde wieder maskenhaft und desinteressiert. das mädchen sagte etwas. ich sah sie verständnislos an, hatte sie verloren. sie lachte, aber sie klang beleidigt. ich musste ihr das gefühl geben, der mittelpunkt zu sein. sie brauchte meine aufmerksamkeit. sie war wichtig, das sollte ich ihr beweisen. deswegen war sie mit mir zusammen. das wollte sie von mir hören. das sollte ich ihr geben. ich erzählte schnell ein gerücht, das ihr schmeichelte. darüber verdrängte ich das WORT, aber vergessen konnte ich es nicht mehr.

war sie es, die ich später am badesee fickte? ich weiß es nicht mehr. oder war das eine andere, die ich am brunnen kennenlernte?

aber das weiß ich noch: in der nacht auf dem heimweg, nahe bei meiner wohnung, hatte die erste seltsame begegnung.

ich hörte ein fettes, schleimiges husten und sah mich um. gelber auswurf klatschte neben mir auf das pflaster. er glänzte milchig im schein der straßenlaterne. ein alter mann stand neben mir, wischte den mund mit dem handrücken ab. seine kleidung war verwahrlost, schmutzig, aber sein zum boden gerichteter blick viel zu gerade, um der eines säufers zu sein. er nickte beschwichtigend.

– was glaubst du? warum hat hermann das getan? fragte er.

– er war zu müde, um noch klar zu denken, antwortete ich. – ich kann zu jedem thema etwas sagen, das zumindest intelligent klingt, auch wenn ich nichts verstehe. ich bin ein poet. der alte nickte erneut, erleichtert. er antwortete, aber er sah mich nicht an.

– mag sein. schon möglich. aber das gibt ihm doch keinen grund.

– hatte er denn eine wahl?

– später nicht mehr. aber er hätte gleich zu anfang …

– als ob er da schon wusste, was ihm blüht, mutmaßte ich aufs geradewohl. das sinnfreie gespräch begann mir freude zu bereiten.

– du hast recht. natürlich nicht. aber ahnen hätte es ruhig können. ein fehler war´s allemal.

– ja, er war zu unvorsichtig.

– ich hab es hermann oft gesagt. erst vor einer woche haben wir uns darüber unterhalten. da habe ich ihm gesagt: hermann, der leskoff versteht keinen spaß. wenn es nicht funktioniert, dann bist du allein schuld. nur du. du kennst den iselmayer, der lacht dich aus. der geht zum leskoff und hängt alles an die große glocke. das habe ich zu ihm gesagt. er wollte nicht hören. taub und blind war er.

– er ist selbst schuld. aber jetzt mal im ernst, weißt du, warum er das getan hat? ich meine, er hat ja schon ein großes geheimnis darum gemacht.

– nicht wahr? aber ich weiß es nicht genau. -er beugte sich vor. ein neugieriger, abschätzender blick traf mich, den er aber sofort wieder zum boden richtete.

– aber ich habe einen verdacht. du kennst leskoff …

– wer kennt ihn nicht?

– klar, wer kennt ihn nicht. der hat mehr dreck am kleinen finger …, er zwinkerte mir zu, legte dabei die hand auf den mund.

– du meinst …, sagte ich ins leere, wollte ihn ermuntern. – worauf wollte er hinaus? für einen kurzen moment hatte ich das verunsichernde gefühl, dass der alte durchaus wusste, mit wem er redete.

– ja, das ist doch eindeutig! es ist …

– ja? fragte ich zu begierig. der mann trat eine schritt zurück. erschrocken wirkte er, verwirrt. sein gesicht war schweißig.

– du … bist hier von den anderen, sagte er unsicher.

ich beschwichtigte ihn sofort. die wendung, die das gespräch nahm, gefiel mir nicht.

– ach, nein, spinnst du? sehe ich denn so aus? verteidigte ich mich. wovon sprach er eigentlich? musste ich angst vor ihm haben?

– das hat nichts zu sagen, zögerte er. – unsinn, es hat. natürlich hat es. du hast mich beinahe dazu gebracht, das WORT zu sagen.

– das wort?

das WORT, das konnte nicht sein. das WORT! ich versuchte ihn an der schulter zu fassen, er wich weiter zurück.

– sag es mir, forderte ich, sofort!

er duckte sich, tauchte unter meinen händen. rannte schwankend ein stück, dann blieb er unsicher stehen.

– versuch es nicht, rief er mir zu, denk an hermann! mach nicht seine fehler. – er wand sich endgültig ab, lief in eine seitenstraße.

damals hätte mir schon alles klar sein sollen. aber ich war nur mit mir selbst beschäftigt. das alles war zu unwirklich, um bedeutung in meinem leben zu haben. neugierig war ich, ja. interessiert. da ließ sich etwas draus machen. damit konnte ich als autor etwas anfangen.

in dieser nacht entschloss ich mich, ein diktafon zu kaufen. ab jetzt würde ich meine gespräche mit den anderen aufzeichnen. das konnte interessant sein und ein beweis, dass es das WORT wirklich gab. – diese kleinen cassetten, die hier neben mir liegen, sind der beweis geworden. ich bin nicht verrückt.

so schreibe ich. ich nähere mich schreibend. ich nähere mich dem WORT, nähre mich. ich speise aus dem brunnen. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. drei, vier offene bücher, fragen, antworten, die wie fragen schmecken, WORTgeklingel. so schreibe ich und nähre mich. je größer die werke eines menschen für die zukunft sind, die neue erziehung kehrt diese ordnung geradezu um, die materialistische lehre von der veränderung der umstände und der erziehung vergisst,dass die umstände von den menschen verändert und der erzieher selbst erzogen werden muss, um so weniger vermag sie die gegenwart zu erfassen, um so schwerer ist auch der kampf und um so seltener der erfolg,

bisher lebte in der mehrheit allein das fleisch, die materie, die natur, durch die neue erziehung soll in der mehrheit, ja gar bald in der allheit, allein der geist leben und dieselbe treiben, sie muss dahier die gesellschaft in zwei teile, von denen der eine über ihr erhaben ist, sondieren, blüht er aber dennoch in jahrhunderten EINEM, dann kann ihn vielleicht in seinen späten tagen schon ein leiser schimmer des kommenden ruhmes umstrahlen, der feste und gewisse geist,

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.

das zusammenfallen des änderns der umstände und der menschlichen tätigkeit oder selbstveränderung kann nur als revolutionäre praxis gefasst und rationell verstanden werden, freilich sind die großen nur die marathonläufer der geschichte, der lorbeerkranz der gegenwart berührt nur mehr die schläfen des sterbenden helden, dass ihr mich gefunden habt, das sage ich tausendmal, ein gespenst, sieg, macht, wille, werden, es ist ein böses ding, wenn man den brunnen dann erst gräbt, wenn schon den schlund der durst ergriffen hat.

so schreibe ich WORTgeklingel und nähre mich. sie opfern schlaf, um philosophie zu lernen. man sollte im gegenteil philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

[Zum 2. Teil —>]

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