Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Ausführliche Handreichung für Kritiker und Wichtigtuer (Teil I)

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt, ohne das Buch gelesen zu haben
(… nebst gelungenen Mustersätzen in Klammern)

Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst plötzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mäh sagen können.“
Otto Julius Bierbaum

 1. Ablenkung

Dies ist freilich eine Kunstfertigkeit, die ein jeder Schüler beherrschen sollte, aber auch dem professionellen Kritiker erleichtert sie viel Mühsal und Arbeit. Es liegt auf der Hand: Bücher freiwillig lesen macht in der Regel Spaß, dazu gezwungen zu werden, seltener („Wenn Sie nur ein Buch in dieser Saison lesen, nehmen Sie dieses!“). Gerade im Herbst, in dem jeder neu verlegte Fünfhundertseitenwälzer durchaus Ereignis sein will, das unbedingt gelesen, connaissiert und rezensiert werden sollte („Dieser Roman ist ein Muss!“), wenn man auch nur halbwegs informiert wirken möchte, ist die angebotene Überfülle für einen einzelnen Menschen oder auch eine Feuilletonredaktion kaum bewältigbar. Auch wenn es ein paar Literaturfanatiker anders sehen, gibt es schließlich im Leben noch ein paar andere Dinge („Dieses Buch wird Sie an ihren Sessel fesseln!“). Kurz: Es ist eine Arbeit, die man doch irgendwie umgehen müsste – wenn man nur wüsste, wie. Denn oft reicht es, nur so zu tun, als hätte man das wichtige Buch gelesen („400 Seiten – und jede ist es wert, genossen zu werden.“)

Dazu werde ich euch ein Beispiel aus meiner eigenen, leidvollen Erfahrung als Schüler anführen. Denn die Schulzeit setzte uns doch fast täglich der Qual aus, einen Text rezensieren oder repetieren zu müssen, den wir nicht gelesen oder verstanden hatten:

Lasst mich zuerst die Situation beschreiben. Wir denken uns gemeinsam ein Gymnasium in Augsburg, das schon widerwillig Bertolt Brecht besuchte, das den ranzigen Charme von Verwahrlosung und Ennui ausstrahlt und ein wenig nach einem Fischmarkt riecht, dessen Fliesen frisch gebohnert sind. Ganz hinten rechts am Fenster hockt im Klassenzimmer der 6c im zweiten Stock der zu unberechtigten Hoffnungen Anlass gebende junge Klammer. Mathe und Religion hat er schon irgendwie überlebt und jetzt ist es nur noch eine kleine Deutschstunde bis zur Großen Pause. Doch die Zeit wird ihm lang. Fünf Minuten Unterricht oder das, was das noch in der NS-Zeit geschulte Lehrpersonal als „Unterricht“ begreift, sind länger als der Roman, an dem er seit geraumer Zeit schreibt; sein Erstling, der die Abenteuer von Johnson Kelb im Wilden Westen beschreibt. Ein Kapitel hat Klammer schon und fast alle Protagonisten sind tot, der Held liegt von einem Indianerpfeil durchbohrt blutend im Staub der Prärie. Wie also weitermachen im 2. Kapitel? Wie kann man das noch steigern? Der junge Klammer sieht den Krähen und Mäusen zu, die unten im Hof die Reste der Pausebrote vertilgen, die die Schüler im Rücken der aufsichtführenden Lehrer zu Boden fallen ließen. Ab und an streift auch der vollgefressene, fette Kater des Hausmeisters vorbei. Da der kratzbürstige ältere Herr (der Kater, nicht der Hausmeister) von den Schülern überreichlich mit Leberwurst und Lyoner gefüttert wird, ist er weder an den Vögeln, noch an den Nagern interessiert. Er liebt aber den großen Auftritt, genießt es, für ein wenig Aufregung unter den friedlichen Restevertilgern zu sorgen. Vielleicht ein Kampf mit einem Puma im 2. Kapitel? Die Rolle des Katers (für Aufregung zu sorgen, nicht sich füttern zu lassen) hat im Klassenzimmer der Deutschlehrer S. übernommen, der seine sanft wiederkäuenden Zöglinge an die realistischen Autoren des 19. Jahrhunderts heranführen möchte – weiß der Teufel warum. Da er spät aus russischer Gefangenschaft zu seinem Vorkriegsberuf zurückkehrte, ohne im Lager oder in der Bundesrepublik nennenswert sein am „Mythus“ geschultes Weltbild anzupassen, ist er ein „scharfer Hund“, der auch schon mal großzügig saftige Ohrfeigen austeilt, was er als der Pädagogik letzten Schluss erachtet und einer der Gründe ist, aus denen er noch den „Lehrberuf“ ausübt. Schließlich wird es in Bayern noch fünf Jahre dauern, bis die Prügelstrafe dort offiziell abgeschafft wird.

Es ist also mucksmäuschenstill. Man redet nicht, man schläft oder träumt. Nun, der junge Klammer sieht sich damals bereits als genialer Schriftsteller – schließlich existiert ja schon das erste Kapitel seiner bedeutenden Romantrilogie, deren ersten Band er „Johnson I“ genannt hat, auch wenn er gerade eine Schreibkrise durchlebt und außer ein paar Jules-Verne-Romanen, Karl May und den Fünf-Freunde-Büchern nichts liest. Der Bürgerliche Realismus allerdings ist ihm wie auch den anderen Schülern vollkommen schnuppe, dieser Conrad Ferdinand Meyer, den der Lehrer am letzten Freitag vorstellte und um ihn herum umständlich eine Tafelanschrift über Erzählebenen und Rahmenhandlungen anfertigte, ist ihm noch gleichgültiger. Ein vor gefühlten zweitausend Jahren verstorbener Schweizer Novellenautor aus dem letzten Jahrhundert! Geht’s noch? Kann etwas für einen Zwölfjährigen noch langweiliger sein, dessen Held gerade einen Pfeil in der Brust hat? Ja, das geht tatsächlich: Als Hausaufgabe sollten die Schüler Meyers Ballade „Die Füße im Feuer“ zuende lesen, von der man in der Vorstunde gerade mal die erste Strophe gemeinsam las. Eine Ballade! Und das Ding reimt sich nicht einmal wie das Schillerzeug, das im letzten Monat dran war. Da kann man ja gleich die Merseburger Zaubersprüche auswendig lernen lassen! (Auf diese Idee wird Sx dann tatsächlich auch noch kommen, aber erst in der 7. Klasse: bên zi bêna, bluot zi bluoda,lid zi geliden, sôse gelîmida sîn).

Liebe vor Aufregung an den Nägeln kauende Leser meines Blogs. Ihr dürft eine Pause machen und raten, wer nach vorne an die Tafel musste, um über seine Leseerfahrung mit der dramatischen Ballade zu berichten. Wer für die Klasse in kurzen Worten zusammenfassen sollte, worum es in der Geschichte ging. Ihr könnt aber auch einfach weiterlesen, wenn ihr es vor Spannung nicht mehr aushaltet. Ich stand also vorne neben dem erwartungsfrohen Lehrer und hatte keine Ahnung. Ich erinnerte mich wie durch einen Nebelschleier, dass es da am Anfang ein Gewitter gab und kam nicht jemand durch den Sturm zu einer Burg geritten? Das war aber auch schon alles. Gelesen hatte ich das Ding selbstverständlich nicht, wo kämen wir denn da hin? Was tut also der Schüler, wenn er nichts weiß? Er lenkt ab. Er muss seinen Lehrer wie ein Psychologe studiert haben und genau wissen, wo dessen Auslöser sitzen. Bei Herrn S. waren es der GRÖFAZ und im Speziellen die Bomberflüge der Alliierten, denen er nicht nur eine Stahlplatte im Schädel, sondern auch seine Traumata verdankte.

„Conrad Ferdinand Meyer beschreibt zu Beginn der Ballade ein wütendes Gewitter. Er wählt Worte, die uns in ihrer Anschaulichkeit an die Bombennächte des zweiten Weltkriegs erinnern …“, setzte ich also an und weiche ein wenig in Richtung Tür aus, um mich im Fall der Fälle durch eine schnelle Flucht einer körperlichen Züchtigung entziehen zu können. Doch mein Plan geht auf:

„Klammer! Du Schwätzer. Du kannst doch nicht die englischen und amerikanischen Mordflieger mit einem Gewitter vergleichen! Du hast ja keine Ahnung!“

„Wie war es denn dann?“, frage ich nach.

„Die Amis haben es den Nazis so richtig gegeben!“ Das kam von hinten, einer der Wiederholer versuchte, meinen Arsch zu retten. Was nun folgte, liegt auf der Hand.

„Wer war das? Quatsch, völliger Quatsch! Ihr seid ja ahnungslos! Saubande!“

Irgendwann schleiche ich mich zurück zu meinem Platz und die Schulglocke stört nach einer halben Stunde den Pädagogen S. bei der Beschreibung des Brands von Dresden. Alle packen ihre Sportsachen und rennen los. Meine Ohrfeige bekomme ich trotzdem. In der Tür hält der Deutschlehrer mich auf:

„Du stinkfaule Waldhornisse! Du hast die Ballade überhaupt nicht gelesen!“ Klatsch! „Drei Seiten Protokoll über die heutige Stunde!“

Habt Ihr es gemerkt? Ich meine jetzt nicht mein Schülererlebnis, da hat das Ganze ja nicht so gut geklappt. Ich meine die Geschichte überhaupt. Gebt es zu: Ihr wisst überhaupt nicht mehr, warum ich diesen Schulschwank eigentlich erzählt habe, wart aber gut unterhalten. Wie gesagt: Ablenkung ist alles.

Die „Füße im Feuer“ habe ich noch immer nicht gelesen.

[Wird morgen fortgesetzt!]

 

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