Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Ein Dichter versucht sich als Denker (Erster Teil)

Ein philosophierender Freund, der manchmal – na ja, eher selten … ich bin ehrlich: fast nie – diesen Blog liest, hat mir recht glaubhaft dargelegt, dass Literatur – Kunst im Allgemeinen – nur dann wirklich wahr, schön und gut sei, wenn sie eine ausformulierte Theorie habe, sozusagen einen Unterbau, auf dem er das Gerüst seiner Imagination errichtet. Das sehe ich etwas anders, denn ich denke, um die theoretische Tiefe und die gedankliche Tiefe der meisten Autoren (ich bin da nun wirklich keine Ausnahme) ist es nicht so gut bestellt: Ich kann entweder Philosoph oder Dichter sein – einen „schöngeistigen“ Denker wie Nietzsche oder Kierkegaard gibt es heute nicht mehr. Ich glaube eher, man muss nicht einmal auf klassische Weise intelligent sein, um gut schreiben zu können. Wichtiger als der IQ ist die „soziale Intelligenz“ des Schriftstellers; der Rest sein Handwerk.

Er definiert die Welt nicht neu, sondern er popularisiert avantgardistische Ideen seiner Umgebung. Er ist nicht der revolutionäre Denker – er kennt nur welche, mit denen er sich ausgetauscht hat. Der Autor ist ein engmaschiges Sieb, durch das das Zeitgenössische gepresst wird; aus den Brocken, die hängenbleiben, schafft er dann sein Werk.

Der Dichter beim Denken

Der Dichter beim Denken

Wenn ich – trotzdem – jemals etwas Theoretisches über mein Werk geschrieben habe, dann ist es wahrscheinlich im folgenden Abschnitt meines Romans „Die Wahrheit über Jürgen“ enthalten. Es ist eine Rede, die eine Künstlerin anlässlich einer Vernissage hält:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet danach, schuldig zu werden, aber er wagt (oder vermag) es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw… So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Abkürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszusprechen, u. Ä. gibt? Was wäre ein Schüleraufsatz ohne dieses usw.? Der Autor benutzt es immer dann, wenn er selbst nichts mehr zu sagen weiß, wenn die Inspiration versagt und er erschöpft den Rest der Gedankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Jeder von uns setzt instinkiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich betrifft. Es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, deshalb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, die Kunst. Und ich war anschließend von Bataille enttäuscht, weil er auf meinen Gedanken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Gelächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus: Für ihn sind Neurose und Kunst fast synonyme Begriffe. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes. Das klingt aufregend, ist aber eigentlich nur Geschwätz.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst zu erzählen. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich werde mich kurz fassen.

Deshalb komme ich aber an Bataille nicht vorbei, dessen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesverwandschaft mit dem Behagen an der Besudelung zeigt. Denn sein Anliegen war neben dem selbstzerstörerischen Schenken, auf das ich später eingehe, immer das Tabu und das bewusste Überschreiten desselben, um sich zum Menschsein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgestochen? Ich kann es auch anders formulieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Väter überwunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, haben für alles Verständnis. Keine menschliche Regung ist uns fern. Sind wir also, wie ich in Anlehnung an Hölderlin formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, ich will es bezweifeln. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefesselten, in einer neurotischen, engstirnig bürgerlichen Gesellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten befriedigt wird.

Und daraus lässt sich nur schließen: Die Tabus der Gesellschaft sind noch lange nicht gebrochen, sie hat noch immer die Kraft, sie aufrecht zu halten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mytischen oder religiös definierten Bösen als Widerpart des guten Gottes, sondern von der gesellschaftlichen Vereinbarung Böse, zu der es uns laut Batailles als egoistische Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesellschaft und wir alle haben ihn zur Seite gedrängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleichzeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, sehnen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Gelächters oder der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer; erkennen wir uns wieder, wenn wir verstohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Verbrechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vorgeführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehnsucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umgehen können, werden wir keine Menschen sein.

Der Dichter hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder schockieren uns, aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten, sei das, was die größte Kraft erforderte. Der Dichter nimmt seinen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt unter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und läd uns alle ein, bei diesem Spektakel zuzusehen. Er macht uns damit ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn es ihn selbst zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.

Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klingen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Geschenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Geburt und Tod, mit der wir so verschwenderisch umgehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.«

[Zum zweiten Teil …]

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6 Gedanken zu „Ein Dichter versucht sich als Denker (Erster Teil)

  1. Pingback: Darüber, wenn wir uns gegenseitig in die Beine beißen- und über dummes Klug und kluges Dumm – Schreibmaschinchen

  2. Ich freue mich drauf.

    PS. Komisch, bei mir geht der Link zu den Tzompantli-Schädelstätten der Azteken.

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  3. lunaewunia sagte am :

    Hast du mir den link mitschicken wollen? Denn da ist keiner bei^^

    Und was den Rest angeht… Das regte mich nun doch zu einigen ausschweifenden Gedanken an, die ich wohl auf meinem Blog beantworten werde, denn mir wurde das Kommentarfeld zu klein 😉
    Es wird also bald. Eine Antwort darauf bei mir geben😉😅

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  4. Freilich haben uns auch zweitausend Jahre Kirche ein wenig versaut. Wobei es nicht unbedingt nur die christliche ist, die da Täter wurde. Nachhaltig erschüttert hat mich z. B. erst gestern dieser Artikel:

    Ich stimme dir zu, dass es vor allem die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zum Nachdenken über unser vergangenes Handeln, ist, die uns über Begriffe wie „Gut“ und „Böse“ nachsinnen lässt. Das führt uns jetzt woanders hin, aber die Frage: „Ist mein Tun richtig?“ unterscheidet auch die dummen von den klugen. Dumme haben nie Zweifel an ihren Handlungen.

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  5. lunaewunia sagte am :

    Ich denke auch nicht, dass ein Schriftsteller heute seinem Werk ein ausgeklügeltes System oder eine Weltanschauung zugrunde legen sollte… Ich meine, letztlich hat jeder eine Weltanschauung. Jeder glaubt an irgendetwas, macht sich zu Themen Gedanken, der eine kunstvoller, der andere oberflächlicher. Ein gutes Buch kann man trotzdem schreiben.
    Auch, wenn ich glaube, dass es durchaus hilft, wenn ein Autor intelligent und durchdacht ist. Ich denke, das bringt die Würze. DVor allem zählt für mich in dem Sinne aber das Vermögen, Fragen zu stellen. Es müssen Gedanken vorhanden sein, doch ein Autor muss nicht immer alle Antworten geben.

    Und was du über das Böse sagst, das finde ich sehr interessant, denn ich bin immer wieder fasziniert davon, wie der Mensch doch damit umgeht. Wie viel generell als „Böse“ betitelt wird. Manchmal glaube ich, dass es das ist, was uns am stärksten von den Tieren trennt. Uns liegen gleiche Triebe, wie den Tieren zugrunde, uns leitet ein ähnlicher Urinstinkt. Doch wir haben das Wort „böse“ erfunden und plötzlich hat sich ein Strudel über die Menschheit gewirbelt…
    Und den Tod in seiner Absurdität in der Kunst zu überwinden… Ist etwas, was mich immer wieder reizt^^

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