Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (9)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Sirtis musste erneut eine Pause in ihrer Erzählung machen, damit ihr Publikum die Möglichkeit hatte, das Gehörte zu verdauen. Die Karakorer sahen jeden Tag die Grausamkeiten ihrer Herrscher, die längst sprichwörtlich geworden war, aber der Mord an unschuldigen Kindern ging dann doch weit über ihre Vorstellungskräfte hinaus. Egal, ob Sirtis in diesem Fall log oder die Wahrheit sagte, als sie Ómer dieser furchtbaren Verbrechen anklagte: Sie musste wahnsinnig geworden sein, wenn sie diese Behauptungen in der Öffentlichkeit aussprach. Doch niemand erhob sich und widersprach ihr, denn jeder glaubte ihr sofort; egal, ob es Hüsëttin, der Wirt der Alhaşra war, oder die von fernen Orten angereisten Kaufleute und ihre Diener, ob es die Küchenmägde und Pferdeburschen, die längst ihre Arbeiten liegengelassen und ebenfalls am Feuer saßen, ob es die Kameltreiber, Krämer, Reisenden, Herumlungerer, Taschendiebe der Gilde oder Ómers Spione selbst waren – denn auch von ihnen saßen mehrere im Publikum und trauten ihren Ohren nicht. Alle wussten um die Grausamkeit des Vezirs, wenn es darum ging, seine Macht zu erhalten und auszuweiten; dass er zu den entsetzlichsten Untaten bereit war, wenn er sich von ihnen Vorteile erhoffte. Denn er war ein Sud und diese Sippe, die sich von Turini, dem Eroberer herleitete, dem legendären Fürsten des Blutes, der die zwei großen Königreiche des Alten Reiches und ihre Herrscher Launin und Máeriqas vernichtet hatte, war erst zufrieden, wenn sie auf einem Berg errichtet mit den abgeschlagenen Köpfen ihrer Feinde saßen. So wurde es zumindest in den dunklen Gassen und Hinterhöfen von Kora geraunt. Auch dass Ómer seine gierigen Finger nach der goldene Maske der Namenlosen ausstreckte, war kein Geheimnis. Doch laut wagte niemand, es auszusprechen. Wer es dennoch tat, erlebte das nächste Morgenrot nicht mehr.

Und hier saß nun eine gutmütige, dicke, alte Frau am Feuer, bleckte ihre weißen Zähne zu einem süffisanten Lächeln und plauderte unverdrossen Staatsgeheimnis aus und erzählte eine Geschichte von Verrat und Meuchelmord. Das war Hochverrat! Hatte sie denn bereits mit ihrem Leben abgeschlossen oder war sie tatsächlich irre geworden? Sirtis wartete ab, bis die Unruhe ihres Publikums ihren Höhepunkt erreichte. Dann klatschte sie einmal entschlossen in die Hände und sorgte auf diese Weise augenblicklich für Ruhe. Alle zuckten zusammen und verstummten.

»Es war ein blutiges Geschäft, das Ómer erledigte, denn sogar seine Handlanger, hartgesottene und grausame Halsabschneider und Schläger aus dem Hafenviertel, scheuten davor zurück, Hand an die kleinen Kinder des alten Vezirs zu legen. Wie ich selbst diese Tat als einzige überlebte, die ich doch im Zimmer der Mädchen wie alle anderen schlief und weshalb es ausgerechnet das verfluchte Fass des Küchenbeys Türbin war, das mir das Leben rettete, ist eine weitere Geschichte, die ich an einem anderen Tag erzählen will, wenn ihn mir die Allerbarmerin schenken will. Auf jeden Fall wurde mir kein Haar gekrümmt. Gut, ich war verängstigt, durchgefroren und stank nach saurem Bier und erwachte noch Jahre darauf schweißgebadet und schreiend aus grausamen Traumbildern, die mich sogar an manchen Tagen verfolgten. In ihnen musste ich immer und immer wieder dies hilflosen und entsetzlichen Momente wiedererleben, in denen meine Elysa hingemetzelt wurde. Aber ich erreichte am Morgen danach unverletzt das Haus meines Vaters. Wie es in meinem Inneren aussah, will ich euch nicht beschreiben.

Alis hatte längst von dem Putsch erfahren und von den Gräueltaten, die im Elfenbein-Palast und allen Ecken der Stadt begangen wurden und sich aus Furcht, dass auch seine Rolle in den Ränkespielen der letzten Wochen bekannt geworden war, verbarrikadiert. Ich musste lange gegen die verschlossenen Fensterläden klopfen und lautstark versichern, dass nur ich es sei – seine verzweifelte Tochter Sirtis -, die Einlass begehrte, bis er mich endlich durch die versteckte Hoftür einließ.

„Wo ist Irta?“, war meine erste Frage, doch er schüttelte nur in Tränen aufgelöst den Kopf. Er wusste es ebenso wenig wie ich selbst. Die spärlichen Nachrichten, die im Laufe des Tages auf verborgenen Wegen bei uns einliefen, verhießen nichts gutes. Die unteren Stockwerke des Palasts brannten offenbar und dem Regenten gehorsame Treuwächter kämpften angeblich gegen die von Dagor Bestochenen. Es war eine strenge Ausgangssperre verkündet worden. Die Soldaten, die aus den Garnisonen vor der Stadt ausgerückt waren, hatten Karukora abgeriegelt, vielerorts Straßensperren errichtet, um Morde und Plünderungen zu verhindern und die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Deshalb verbargen sich die meisten wie mein Vater und ich in ihren Häusern. Gerüchte über die Geschehnisse im Palast sickerten nur langsam in die Stadt hinab. Was mit den Delegierten aus der Lamargue oder gar mit meiner Schwester geschehen war, ob das Komplott der „Falken der Rache“ aufgedeckt war, vermochte im Durcheinander dieses Tages niemand zu sagen, der sich doch hinausschlich. Alis und mir blieb nur, verzweifelte Gebete an die Allerbarmerin zu richten und heiße Tränen des Kummers zu vergießen, um sie zu erweichen.

Bereits am darauffolgenden Tag war die blutige Palastrevolution beendet. Dagor setzte sich mit dem Herrschernamen „Der Unterwerfer“ die goldene Maske der Namenlosen auf und Ómer Sud übernahm als Vezir Bey die Kontrolle über den Diwan. Der „Unterwerfer“ legitimierte seinen Staatsstreich mit der frechen Behauptung, ausgerechnet sein friedfertiger Großonkel habe mit Hilfe ausländischer Mächte und einer Verschwörergruppe einen Anschlag auf sein Leben geplant, dem er nur zuvorgekommen sei. So steht es auch in den Geschichtsbüchern und soll es eben gewesen sein. Die Soldaten kehrten jedenfalls geordnet und mit einem Lied zu Ehren des Namenlosen zurück in ihre Kasernen. Hier und da wurde noch jemand verhaftet, gefoltert und eilig hingerichtet oder verschwand einfach spurlos. Diesen oberflächlichen Säuberungsaktionen fielen fast alle Mitglieder der „Falken der Rache“ zum Opfer; nur mein Vater blieb unbehelligt. Er wurde zwar mehrmals verhört, aber nie angeklagt. Wir konnten uns nicht erklären, warum. Es schien fast, als würde eine geheimnisvolle Macht ihre Fäden im Hintergrund ziehen und ihre Hände schützend über uns halten. Zwanzig Jahre ist dies nun bald her und wir wissen noch immer nicht, wer uns behütete.«

Sirtis zuckte mit den Schultern und sah über das Dach der Karawanserei hinüber zu den angestrahlten Türmen des Elfenbein-Palastes auf dem anderen Flussufer. Während mancher im Publikum ohne viel Begeisterung die üblichen Lobpreisungen auf den Namenlosen flüsterte, folgten viele Augen nachdenklich ihrem Blick und die Männer und Frauen warteten auf die Fortsetzung der Geschichte der Märchenerzählerin, die sich ganz offensichtlich ihrem Schlusskapitel zuneigte. Sie alle wussten, dass ein schlimmes Ende auf sie wartete.

»In dieser schrecklichen Zeit waren wir im Ungewissen über das Schicksal von Irta. Niemand konnte oder wollte uns etwas sagen oder wusste, was in der Mordnacht im Serail vorgegangen war. Die Vorwürfe, die Alis sich selbst machte, seine geliebten Töchter wegen seines törichten Rachespiels solchen Gefahren ausgesetzt zu haben, lagen wie eine Zentnerlast auf seinen Schultern und drückten seinen bis dahin aufrechten Rücken krumm. Davon erholte er sich niemehr vollkommen. Er alterte in diesen Wochen der Ungewissheit um Jahre.

Dann stand eines Tages Irta doch noch vor unser Tür. Sie war gebrochen und krank. Wer die fröhliche, unbekümmerte Schönheit von früher kannte, hätte sie kaum wiedererkannt. Es war kein Leiden, das ihren Körper befallen hatte, unter dem sie litt und dahinsiechte, sondern ihre Seele, die Schaden genommen und eine unheilbare Wunde erlitten hatte. Sie war heimgekommen, um im Kreis ihrer Familie zu sterben. Wir konnten nichts tun, außer sie zu pflegen und ihr dabei verzweifelt zuzusehen, wie sie mehr und verfiel. Das einzige, was ihren Lebensfunken noch glühen ließ, war das ungeborenen Kind, das sie unter dem Herzen trug.«

[Fortsetzung nach der Sommerpause …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: