Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (8)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Selbstverständlich war es kein Zufall oder eine taktische Entscheidung gewesen, aus der der junge Prinz nicht Muhar, sondern die zweite Spionin im Zentrum der Macht Karukoras in dieser Nacht aufgesucht hatte – wie schon in einigen anderen zuvor. Er hatte sich bereits in sie verliebt, als er sie zum ersten Mal von weitem erblickte, aber nicht gewusst, wie er Irta ansprechen sollte. Das war bereits vor einigen Tagen gewesen, als er seine Möglichkeiten, geheime Botschaften für Alis aus dem Elfenbein-Palast zu schmuggeln, erforschte. Dabei war er beim Abklopfen der Wände in der Nähe seiner Unterkunft auf einen längst vergessenen, gut verborgenen Gang gestoßen. Dieser leitete ihn zu einer Wendeltreppe und diese empor unter eine lebensgroße, hinter einer Drillingsblumen-Hecke verborgene, Statue des „Prächtigen“, deren hohlen Sockel sich von innen öffnen ließ und direkt in den kleinen Garten hinter dem Serail führte. Auch in jener Nacht, in der Raul zum ersten Mal staubig und mit Spinnennetzen im Haar aus der Statue kroch, stand Irta am Fenster ihrer Kammer, sang leise ein altes Lied und starrte zu den Sternen hinauf. Vom Gesang angelockt, beobachtete sie der Prinz, aber er wagte es nicht, sich ihr zu nähern. Diese dunkle, zartgliedrige Schönheit mit der glockenhellen Stimme war so vollkommen anders als all die Mädchen mit ihren dicken, blonden Zöpfen, ihrer Unbekümmertheit und Wildheit, wie er sie von seiner barbarischen Heimat kannte. Von einem Augenblick zum nächsten vergaß er, was seine eigentliche Aufgabe war und dass ihn sein Vater, der Regno Yves, schon in seinem Kindesalter mit Dora Kahlja, der Tochter des mächtigsten Barons der Lamargue, verlobt hatte und versah sich unsterblich in Irta, die ihm wie ein Traum aus einer anderen Welt erschien. In den nächsten Nächten machte Raul es sich zur Gewohnheit, Irta heimlich zu besuchen und sie von einem Versteck in den Büschen zu bewundern, unfähig, den ersten Schritt zu tun und sich ihr erkennen zu geben. Bis der wachsame Radik Emre ihn unbeabsichtigt in Irtas Arme trieb.

Ach, ich könnte es jetzt wie die anderen Märchenerzähler machen und meine und eure Zeit damit verschwenden, Verse aus den Ésiçaren, den Goldenen Locken der seligen Glückspreisungen zitieren, die voller dunkler, sehnsüchtiger Augenaufschläge, die Herzen erzittern lassen, heimlichen Berührungen und Liebeskummer sind. Ihr kennt sie alle auswendig. Ich könnte euch davon erzählen, wie die Liebenden einander umarmten, lachten, weinten, sich ihre Lippen im Rausche berührten und dabei vor Glück in Ohnmacht sanken, erwachten, Liebesschwüre seufzten und erneut bewusstlos auf dem Lager niedersanken. Ich könnte euch davon berichten, wie hell die Sterne am Himmel funkelten und das kreisrunde schwarze Auge des bösen Máni eifersüchtig auf ihre Zärtlichkeiten starrte, die tausend Blumen der Nacht ihren betäubenden Duft wie eine Decke über sie legten und ein einsamer Mispelvogel in der Palme gegenüber sein nächtliches Lied für die Liebenden sang, begleitet vom zarten Klang einer fernen Lyra, die eine der Gattinnen des Namenlosen zupfte, weil sie sich schlaflos nach der Liebe und der Zweisamkeit sehnte, die Raul und Irta teilten. Ich könnte euch die beiden im unsicheren Licht der kleinen Ölfunzel tanzenden Schatten ihrer Körper beschreiben, wie sie sich einander zuneigten, verschmolzen und zu einem einzigen wurden.

Oh, so viele Worte für das immer gleiche Spiel. Wer es selbst schon einmal spielte, kennt sie alle und hat sie alle erlitten. Und wem dieses einzige Glück im Menschenleben nicht geschah: Der arme Tropf! Ihn kann ich nicht retten, denn er wird mir nicht glauben und sich langweilen. „Genug davon!“, sage ich.

In den nächsten Wochen begann für Irta eine neue Zeit, in der sie nur wenig zum Schlafen kam. Tatsächlich wurde sie bereits am nächsten Morgen zum Seneschall gerufen, der ihr die neue Aufgabe zuteilte, mit zwei weiteren Dienerinnen jeden Morgen auf den großen Bazaar zu eilen, um mit ihnen gemeinsam die anspruchsvollen Einkaufslisten der Haremsdamen abzuarbeiten. Das war eine ehrenvolle Arbeit, die vor ihr Radik Emre erledigt hatte – was ihr Verhältnis zu dem ehrgeizigen Eunuchen nicht unbedingt verbesserte. Irta wusste nicht, ob Aismek in die Verschwörung verwickelt war, bestochen wurde oder einfach Radik eins auswischen wollte und es war ihr auch egal. Sie freute sich auf jeden Morgen, an dem sie dem goldenen Käfig des Serails entkommen konnte und unter Menschen kam; teure Kleider, edle Stoffe, Spezereien, Düfte und andere Kleinigkeiten einkaufte, ohne auf das Geld achten zu müssen. Obwohl sie diese Güter nicht für sich selbst besorgte, wurde sie von den Händlern doch wie eine große Dame behandelt und das genoss Irta, denn es gab ihr ein wenig von ihrem früheren Leben zurück. Dass sie es sich erkaufte, indem sie kleine Botschaften in die Hände bestimmter Kaufleute legte oder ihr welche unauffällig in die Taschen geschoben wurden – also einen Hochverrat an ihrem Herrscher verübte, galt ihr nicht viel. Im Gegenteil, sie genoss das Abenteuer und die nächtlichen Begegnungen zwischen ihr und Raul.

Die aufknospende Liebe zwischen den beiden jungen Menschen erblühte zu einer herrlichen, strahlend leuchtenden Blume und wurde von Nacht zu Nacht, die sie gemeinsam verbrachten, inniger und vertrauter. Die ständig drohende Gefahr, durch die Treuwacht oder durch Radik entdeckt zu werden, feuerte dabei den Brand ihrer Leidenschaft und ihren Leichtsinn immer weiter an. Sie schworen sich ewige Liebe und Treue und es war zwischen ihnen bald eine ausgemachte Sache, dass Irta Raul nach den Verhandlungen an den Hof des Regnos in Jasir folgen und er sie dort unverzüglich zu seiner Gemahlin nehmen würde. Die Hindernisse dabei und die düster drohenden Wolken am Horizont sahen sie in ihrer Vernarrtheit ineinander nicht. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Doch sie waren nicht die einzigen, die blind waren. Auch Alis erkannte die Gefahr nicht. Er starrte zufrieden auf die Figuren auf seinem Schachbrett und nahm die Züge seines Gegners kaum wahr. So stolz war auf das Fortschreiten seiner Pläne und das Geschick seiner Tochter, die er weiterhin nur einmal am Ende des Monats traf. Wie sich das Verhältnis zwischen seinen Spionen entwickelte und welche intimen Bande sie knüpften, bemerkte er nicht. Ich bin mir sicher, er hätte dem sofort ein Ende gesetzt, wenn er davon erfahren hätte. Auch war ich damals vollkommen unwissend, denn meine Arbeit für den Vezir hielt mich von meiner Schwester und von zuhause fern. Mir ist ebenfalls nicht bekannt, was genau die „Falken der Rache“ und die Lamarger vorhatten, denn die Nachrichten, die Irta aus dem Elfenbein-Palast schmuggelte, wurden von Alis nach Erhalt und Lesen sofort vernichtet. Ich musste mir das Meiste später aus den oft unzusammenhängenden Erzählungen von Irta zusammenreimen, die jedoch wie ich nicht in den eigentlichen Plan unseres Vaters eingeweiht war. Er selbst schwieg sich nach der Katastrophe aus und zog sich vollkommen aus dem öffentlichen Leben zurück. Er verließ für viele Jahre seine Zimmer nur noch, wenn ihn eine Notwendigkeit dazu zwang.

Dafür war ich dann Augenzeugin, als das ganze Kartenhaus von Alis innerhalb von wenigen Stunden zusammenbrach. Der Vezir Sydhinn und seine gesamte Familie und Dienerschaft waren die ersten, die dem Putsch des Infanten Dagor an dessen 16. Geburtstag zum Opfer fielen. Dies geschah durch die Hand von Ómer Sud selbst, der mit ein paar Handlangern mitten in der Nacht in die Wohnung des Vezirs eindrang, die Wachen erschlug und anschließend alle meuchelte, die er dort schlafend vorfand – vom taubstummen Großvater von Sydhinns Frau bis zu ihren Kindern in den Krippen. Das jüngste, ein Mädchen namens Elysa, das ich abgöttisch liebte, hatte eben das Laufen gelernt.«

[Fortsetzung nächsten Freitag …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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