Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (7)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Ich will es euch nicht verschweigen: Noch heute verdamme ich diese Vorstellungen von Erziehung, die mein Vater pflegte – trotz der Liebe, die ich für ihn empfinde. Aber Irta und ich waren gehorsame Töchter, denen es niemals in den Sinn gekommen wäre, gegen seine Entscheidungen zu rebellieren.

Alis war sehr zufrieden mit seinen Schachzügen, glaubte er doch, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aber das Schicksal, gegen das er auf Leben und Tod spielte, hielt einige Erwiderungen bereit, an die er nie gedacht hatte; zum Beispiel, dass der Seneschall Aismek Gefallen an Irta fand und sie protegierte und als Gespielin der Gattinnen des Namenlosen in die Seraile beförderte und dass nach dem Unfall von „Wüstenoase“ dessen greiser und menschenfreundlicher Onkel die Regierungsgeschäfte für ihn übernahm. Noch glaubte Alis, diese Ereignisse würden seine Pläne befördern, doch das Schicksal spielte nur auf Zeit, wiegte ihn in Sicherheit, während es seine vollständige Vernichtung vorbereitete, die dann aus einer Richtung erfolgte, die seine ungeschützte Flanke traf, nämlich seine Liebe zu seinen Töchtern.

Regno Yves III., der Vater des Prinzen Raul, und Senbeg, der damalige „Spatz von Avril“, blickten schon lange begehrlich auf das reiche Karukora und sahen mit dem Regierungswechsel ihre Stunde gekommen, dem Erzfeind jenseits des Großen Südwalls einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Sie waren zu Verhandlungen angereist, die sie absichtsvoll verzögerten, um in Erfahrung zu bringen, wie sie dem Juwel der Wüste schaden oder es gar erobern konnten. Als Kontakt zwischen dem Regno und Senbeg und seinen Spionen auf der einen und Alis und den „Falken der Rache“ auf der anderen Seite, sollte der junge Thronfolger Raul dienen, der über Irta geheime Nachrichten aus dem Palast schmuggeln sollte. Nachdem sie nicht mehr in den Küchen arbeitete, kostete es Raul viel Zeit und Mühen, sie überhaupt in dem gewaltigen Elfenbein-Palast zu finden und sich ihr heimlich zu nähern. Als er endlich in jener verhängnisvollen Nacht Kontakt zu Irta aufnehmen konnte, um ihr die Botschaften an Alis zu übergeben, hatte sie keine Ahnung, dass ihr Vater mit dem Feind kollaborierte. Doch sie begriff sofort, als sie den versiegelten Brief in den Händen hielt, denn einen Verdacht hatte sie schon eine ganze Weile gehegt. Auch deshalb hatte sie ihn zu Boden geworfen.

„Ich soll also die Botin zwischen dir und meinem Vater spielen?“, fragte sie deshalb kühl. „Warum hast du dich an mich und nicht an Muhar gewendet? Ihn anzusprechen wäre doch sicherlich der einfachere Weg, als sich der Gefahr auszusetzen, sich in den verbotenen Serail des Namenlosen zu schleichen.“

Raul lächelte verschmitzt. „Das hätte ich sicherlich tun können, aber es ruhen mehr misstrauische Augen auf dem Hofdichter des infantilen Namenlosen als auf dir. Uns bereitet vor allen anderen einer der Unterhändler Sorgen, der offenbar einen heimlichen Groll gegen Muhar hegt. Es ist ein kleiner, selbstherrlicher Kerl mit einem riesigen Turban, der sich gerne so wichtig macht, als wäre er der Vorsteher des Diwans und nicht der Vezir Syddhin. Sein Name ist Ómer Sud. Vielleicht kennst du diesen widerwärtigen, bösartigen Zwerg.“

Irta erschrak. „Ich habe von Ómer gehört, ja. Er ist der zweite Cavuşbaşi und soll von Ehrgeiz zerfressen sein. Die Gattinnen des Namenlosen flüstern sich zu, er wäre Auge und Ohr des jungen Infanten“, berichtete das Mädchen aufgeregt und verstummte dann betroffen. Hatte sie bereits einen Verrat begangen und machte sich schuldig, wenn sie diesen Haremstratsch vor Raul ausbreitete?

„Der Infant; ich bin ihm begegnet“, nickte der Prinz eifrig. „Er heißt Dagor Bişra, nicht wahr? Ein unangenehmer, pickliger Jüngling, grausam zu seinen Bediensteten und dabei kalt wie ein Salmling aus den Quellwassern des Hornung. Ich traue ihm nicht über den Weg.“

„Sei nur vorsichtig mit deinen Worten. Dagor ist schnell beleidigt, heißt es und er wird wohl der nächste Namenlose, wenn uns „Wüstenoase“ – was die Allerbarmerin verhüten möge – verlässt. Mit dem Infanten ist ebenso wenig zu spaßen wie mit Ómer, dieser schleimigen, kleinen Kröte.“ Jetzt ist es schon egal, was ich erzähle, dachte Irta. Mein Vater ist ein Renegat und ich werde mit ihm hängen, falls er enttarnt wird – gleichgültig, ob ich von seinem Verrat wusste oder nicht.

„Dann sollten wir doch verhindern, dass Dagor den Falkenthron besteigt, oder? Mit ihm an der Macht und mit diesem Abkömmling der verfluchten Sud-Sippe an seiner Seite wäre der Friedensvertrag zwischen Karukora und meiner Heimat das Papier nicht wert, auf den er geschrieben wurde. Nein, Dagors Großonkel Bathu Paşha muss an der Regierung bleiben“, bekräftigte Raul. Dann beugte er sich nach vorn und sein kratziger Backenbart berührte fast die zarten, duftenden Wangen von Irta, als er ihr ins Ohr flüsterte: „Doch ich danke dir, dass du dich um mich sorgst.“

Der Prinz roch nach Salz und Heu und Irta wollte wegen der plötzlichen, intimen Nähe verwirrt zurückweichen. Doch dazu war kein Platz in ihrer winzigen Kammer. Deshalb stieß sie ihn mutig und heftig zurück.

„Nimm dir nicht zu viel heraus, Prinzlein!“, zischte sie und hielt plötzlich ein kleines Messer in der Hand, mit dem sie nach oben auf die Kehle des großen Eindringlings zielte. Natürlich wollte sie ihn nicht verletzen, hätte es mit diesem stumpfen Obstmesserchen auch nicht geschafft, aber es gelang ihr doch, ihn zu beeindrucken und auf Abstand zu halten. Zuerst starrte Raul das Mädchen erstaunt an, dann platzte ein lautes Gelächter aus ihm heraus: Er lachte schallend. „Bei den feuchten Augen der Allerbarmerin!“, flüsterte Irta und hielt dem Prinzen geschwinde mit ihrer anderen Hand den Mund zu. „Bist du von Sinnen? Wenn dich jemand hört! Meinst du etwa, Radik Emre hat schon aufgegeben? Bestimmt stöbert er irgendwo in der Nähe herum und lauert und lauscht.“

Eine Pause entstand zwischen den beiden und Raul blickte schuldbewusste auf den Brief zu seinen Füßen. Noch immer kicherte er, aber er bemühte sich, ernst zu werden. Irta sah ebenfalls hinab.

„Ich werde dir keine große Hilfe sein, denn ich komme nur einmal im Monat für einen Tag aus dem Harem und kann deine Botschaften nicht hinausschmuggeln“, stellte sie fest.

„Das lass nur meine Sorge sein und die deines Vaters. Er hat mehr Einfluss als du glaubst. Einer der Vorteile unseres Paktes wird es sein, dass du von Aismek Bey einen täglichen Freigang am Vormittag bekommst, um auf dem Bazaar für die Gattinnen des Namenlosen einzukaufen … Dort wirst du unseren Kontakt treffen, wenn du das überhaupt willst. Du wirst dich wohl jetzt entscheiden müssen, ob du mich unterstützen willst oder nicht. Mir wäre es lieb.“ Den letzten Satz sprach der lamargische Thronfolger ganz leise aus, aber Irta hatte ihn trotzdem verstanden. Sie zuckte mit den Schultern, denn sie hatte längst eine Entscheidung getroffen.

Sie kniete sich hin und wollte das Schreiben aufheben. Raul machte ihre Bewegungen mit, als wäre er ihr Spiegelbild. Diesmal konnte meine Schwester nicht verhindern, dass sich ihre Körper wie absichtslos berührten. Und so knieten die beiden jungen Menschen voreinander, Gesicht an Gesicht, Irtas Hand mit dem Brief in der seinen geborgen. Sie wagten kaum zu atmen, um diesen Augenblick, der zwischen ihnen wie der elektrische Funke einer Machina aus der leuchtenden Stadt Sansavia knisterte, nicht zu unterbrechen. Ich weiß nicht, wie lang dieser Augenblick dauerte. Meine Schwester hat es mir nicht erzählt; vielleicht, weil sie es selbst nicht wusste. Aber danach war alles gesagt, obwohl keiner der beiden ein Wort gesprochen hatte. Als sie sich schließlich erhoben, egal ob nach Stunden oder Momenten, danach waren sie verbunden und wollten nicht mehr voneinander lassen.

[Zum 8. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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