Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (6)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Dies war also von der einst so stolzen Sippe der Binghi übriggeblieben, deren Ahnherr einst das Juwel der Wüste gegründet hatte und als der erste Namenlose in die Geschichtsbücher eingegangen ist – welch ein kümmerlicher Rest: Ein gebrochener Mann und zwei Mädchen, von denen das eine ein schreiendes Wickelkind war und das andere kaum laufen konnte. Alis musste sich als Tagelöhner auf den Feldern der Gutsherren unterhalb von Avril verdingen und sein Lohn reichte gerade so aus, dass er in der zugigen Bretterbude, die er bewohnte, nicht gemeinsam mit seinen Kindern verhungerte. Während wir also im Elend und in Kummer aufwuchsen, geschah etwas im Herzen von Alis. Er wurde ein verbitterter, ein zorniger Mann. Für sein grausames Los gab er allerdings nicht seinem leichtsinnigen Bruder die Schuld. Nein, er verfluchte stattdessen in jeder Nacht, die er schlaflos auf dem harten, schmutzigen Stroh seines Lagers verbrachte, den Namenlosen und die ganze Dynastie der Bişra. Sie waren für ihn nur Emporkömmlinge und Usurpatoren; kaum wert, ihm, einem echten Bingh, das Wasser zu reichen und trotzdem suhlten sie sich in dem Reichtum und der Macht, die seiner Meinung nach allein ihm und seinen Töchtern zustand. Der Hass meines Vaters stieg mit jedem Tag, den er mit den niedrigsten Arbeiten in den Schweineställen der mitleidlosen Bauern verbrachte. Doch er war nicht allein. Es gab noch andere Unzufriedene wie ihn; Flüchtlinge und Exilanten, die das Juwel der Wüste wie er hatten verlassen müssen, weil sie dort ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen waren.

Bald schloss Alis sich einer Untergrundbewegung von Karukorer Exilanten an. Sie wurde vom Hof des Regno in Jasir aus organisiert und von Greto Senbeg, dem Vorgänger von Idrichson Galves als „Spatz von Avril“ , finanziert. Sie nannten sich die „Die Falken der Rache“; aber sie waren eigentlich nur ein Mittel zum Zweck, mit dem Senbeg die Macht der Bişra untergraben wollte. Alis trat nicht den Falken bei, weil er mit den Plänen der Gruppe sympathisierte, denn er wusste, wie aussichtslos ihre Unternehmungen waren. Er tat dies aus blanker Not wegen seiner hungernden Töchter und weil ihm jedes Mittel recht war, sich für den Untergang seiner Sippe zu rächen. Er erhielt von den Mitgliedern des Geheimbundes, bei denen er als letzter Dabinghi hoch geachtet war, finanzielle Hilfen und eine angemessene Wohnstätte. Damit konnten wir endlich die tägliche Sorge hinter uns lassen, ob wir den nächsten Tag noch erleben würden.

So wuchsen Irta und ich im kalten, regnerischen Norden auf und wussten nichts von der Wüste und von Karukora und den politischen Ränkespielen unseres Vaters, die einem Wollknäuel ähneln, das in die Pfoten einer jungen Katze geraten ist. Trotz unserer bitteren Armut war es für meine Schwester und mich eine glückliche Kindheit – auch wenn wir uns oft fragten, warum unser Vater so häufig traurig war und ihm die Tränen kamen, wenn er uns in die Arme schloss. Aber er hing mit all seiner Liebe an uns und ließ keinen Abend verstreichen, ohne uns eine seiner wunderbaren, tausendundeinen Geschichten zu erzählen. Ich wuchs mit bösen Zauberern, guten Feen, mutigen Prinzen und wunderschönen Prinzessinnen, Schatzhöhlen, vierzig Räubern, Dschinns, Golemen und sprechenden Tieren auf und nahm diese Märchen als bare Münze.

Ich war zwölf Winter alt, als sich unsere Situation von Grund auf änderte. Ein geheimer Plan nahm Gestalt an und Alis wurde in seinen Mittelpunkt gestellt. Inzwischen saß mit „Der erquickenden Wüstenoase“ ein neuer Namenloser auf den düsteren Falkenthron von Karukora, aber er war ein gütigerer und barmherzigerer Herrscher als sein Vorgänger „Goldauge“. Seine Inthronisation nahm er zum Anlass, eine Generalamnesie auszusprechen und so war es auch Alis wieder erlaubt, in die Heimat zurückzukehren, ohne Verfolgung befürchten zu müssen. Wir verließen also die Lamargue, die uns wenn schon nicht Heimat, so doch Heimstätte geworden war und gingen zurück in eine Stadt, die Irta und ich noch nie zuvor betreten hatten. Die Umstellung war für uns gewaltig und wir brauchten viele Jahre, bis wir uns in Karukora heimisch fühlten. Es half, dass unser Vater hier hochgeehrt und berühmt war, gut von seinen Geschichten und der Ausbildung junger Märchenerzähler-Talente leben konnte. Luxus macht vieles erträglich und auch für viele Dinge blind. So bemerkten wir beide nicht, dass Alis weiterhin für den Untergrund arbeitete und den Agenten der Lamargue Informationen zutrug. Seine Ohren reichten bald mit der Hilfe seines Schülers Muhar bis in die Hallen der Macht.

Dies ging einige Zeit zumindest für uns Mädchen sorgenfrei weiter und es waren vielleicht die schönsten Jahren in unserem Leben. Doch dann verunglückte „Wüstenoase“ mit seinem Pferd und lebte seitdem in einem kindlichen Dämmerzustand. Sein Onkel Bathu Pasha, der für ihn die Regentschaft übernehmen musste, war ein Mann des Friedens, aber auch ein schwacher Herrscher und solange Dagor, der Sohn des geistesschwachen Namenlosen, nicht erwachsen war und die Regierungsgeschäfte übernehmen konnte, war Karukora wie ein fauler, madiger Apfel, den schon ein leichter Windstoß vom Baum wehen kann. Die Herrschaft der Namenlosen war so gefährdet wie noch nie in ihrer dreitausendjährigen Geschichte. Ziel von Alis Gruppe war es, dieses unverhoffte Machtvakuum auszunutzen und ihm auf den Thron zu verhelfen. Obwohl er selbst keine Ambitionen in diese Richtung hatte, wollte mein Vater dabei helfen; ihm war sogar eine Fremdherrschaft durch die Lamargue lieber als ein Bişra auf dem Falkenthron. Wenn es nach Alis ging, dann mochte Inet seinen Höllenschlund auftun und die ganze Wüstenstadt mitsamt ihrer Bewohner und ihrer Despoten verschlucken. Er gestaltete seinen heimlichen Rachefeldzug wie eine Schachpartie. Dies war ein Spiel, das er wie kaum ein Zweiter beherrschte. Zuerst brachte er seine Figuren in Stellung: Muhar hatte er ja schon in die Nähe von „Wüstenoase“ gebracht und sein nächster Zug war, für seine beiden ahnungslosen Töchter eine Anstellung im Palast zu finden. Wir beiden wurden von ihm selbstverständlich nicht gefragt; er ist unser Vater, er bestimmt unser Leben. Deshalb wurde Irta eine einfache Küchenmagd und ich Kinderfrau im Haushalt des Vezirs Syddhin.

Für uns Mädchen bedeutete dies eine erneute und eine harte Umgewöhnung. Es war eine schwere Zeit, denn unser Vater riss uns durch diese Anstellungen, die er über seine dunklen Kontakte ohne Probleme besorgten konnte, aus einem behaglichen und angenehmen Leben. Bevor wir so richtig begriffen, wie uns geschah, waren wir von unseren Träumen und Freunden getrennt und schufteten rund um die Uhr für einen kärglichen Lohn. Am meisten schmerzte uns, dass wir uns praktisch von heute auf morgen von unseren Hauslehrern verabschieden mussten, die uns mit dem Segen unseres Vaters und seiner Oberaufsicht in weitaus mehr Dingen unterrichtet hatten, als dies in Karukora für Frauen üblich und schicklich ist. Wir waren in der Kunst des Schreibens und Dichtens, in der hohen Mathematik, in der Astronomie und der Astrologie ausgebildet, sangen und spielten die Doppelrohr-Fluit, hatten viele Lektionen in der Redekunst gelernt und sowohl das Pysikalikon als auch das Biologikon und das Philosophikon von Osma Hassin studiert. Das alles sollte nun vorbei sein und wir mussten statt zu studieren nähen und kochen, Windeln wechseln und Kartoffeln schälen, Böden schrubben und unsere neuen Herrschaften bedienen. Natürlich waren wir entsetzt und beklagten jämmerlich unser Los. Aber alle Tränen waren vergebens vor unserem plötzlich so hartherzigen Vater, der uns nur erklärte, es sei nun die zweite, die praktische Phase unserer Erziehung gekommen, die uns vor den Sünden der Hoffart, des Stolzes und der Faulheit bewahre und als Rüstzeug für unser weiteres Leben ebenso unentbehrlich wie all das Wissen sei, das uns unsere Lehrer vermittelt hatten. Das Gelernte würde hohl sein und auf tönernen Füßen stehen, wenn wir nicht am eigenen Leib erfahren würden, was niedere Arbeit und Unterwerfung seien. Jeder Dabinghi müsse diese bitteren Lektionen lernen.

[Zum 7. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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