Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (5)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Schaudernd wartete sie ab, bis sich Radik und die Treuwächter aus dem Garten entfernt hatten. Dann schloss sie die Fensterläden und ihr Fenster und stieg von dem Hocker. Raul saß mit angezogenen Beinen auf ihren Kissen und lächelte sie an.

„Du hast mir das Leben gerettet“, flüsterte er.

„Schweig, du Narr, und lass mich nachdenken. Im Augenblick ist mir danach, zu schreien und die Wachen zurückzuholen. Mit Radik ist nicht zu spaßen!“ Der Prinz aus der Lamargue senkte gehorsam den Kopf. Irta wurde erst jetzt bewusst, auf was für ein gefährliches Spiel sie sich da eingelassen hatte. Bisher hatte sie nur aus ihrem Instinkt heraus gehandelt und nicht weiter überlegt. Das Zittern ihrer Beine ließ nicht nach. Was sollte sie jetzt tun, mit einem Mann in ihrem Gemach? Doch dann musste sie wieder über das allzu reuevolle Gesicht des Prinzen lachen. Sie kicherte mit vorgehaltener Hand in sich hinein. Es stimmte schon, das alles war gefährlich und beängstigend, aber es war doch auch genau das Abenteuer, das sie sich ersehnt hatte, als sie vorhin gelangweilt zu den Sternen gebetet hatte. Raul mochte ihr Verderben sein, aber wahrscheinlich war er das wert.

Der Prinz bemerkte ihr Lachen und sah hoffnungsvoll auf. Dabei trug er solch einen Hundeblick, dass sie ihm unmöglich länger böse sein konnte. Schließlich war es bis jetzt ja gutgegangen …

„Warum bist du im Garten gestanden?“, fragte Irta. „Und erzähle mir bitte nicht, die Liebe zu mir hätte dich angelockt. Es ist alles andere als einfach, von den Quartieren der Diplomaten an den Wachen vorbei in den Haremsbereich einzudringen. Eigentlich sollte es unmöglich sein. Was war dein Ziel?“

„Du wirst mir ja vielleicht nicht glauben, aber ich wollte tatsächlich zu dir, Irta Dabinghi. Der Auftrag, den ich von meinem Vater, dem Regno, erhielt, war, dich aufzusuchen und dir das hier zu überreichen.“ Raul holte aus seiner festen Lederkleidung einen versiegelten Brief, den er dem überraschten Mädchen reichte. „Der ist für deinen Vater. Es sind wichtige Informationen des Spatz von Avril darin, die ihn unbedingt erreichen müssen.“

Irta drehte den Umschlag, den das Wachssiegel der Fürsten der Lamargue zierte, ein paarmal verblüfft in den Händen, bis ihr die Tragweite von Rauls Worten bewusst wurde. Dann ließ sie das Schreiben fallen, als wäre es ein glühendes Eisen. „Du meinst … verstehe ich dich recht? Mein Vater Alis ist ein Spion der Lamargue?“«

Sirtis spürte das Erschrecken ihres Publikums, hörte sein gemeinsames Aufseufzen, sah sein Erstarren. Sie lächelte, denn genau eine solche Reaktion hatte sie erwartet und bewusst herausgefordert, als sie den alten Mann als einen Spitzel entlarvte, der vor vielen Jahren mit der Lamargue gegen den Namenlosen konspiriert hatte. Das war kaum denk-, und unmöglich aussprechbar. Noch dazu verriet sie ja ihren eigenen Vater! Ausgerechnet der brave Alis, dieser gebrechliche, alte Mann, der mit seinen Märchen und Sagen seine Zuhörer verzückte und scheinbar keiner Fliege etwas zuleide tun konnte und sich immer als treuer Untertan des Namenlosen ausgegeben hatte! Der sollte früher mit dem Feind kollaboriert haben? Machte es vielleicht noch immer? Welch ein ungeheuerlicher Skandal war das, wenn es denn stimmte! Und verriet Sirtis ihn dadurch nicht an Ómers eifrige Geheimpolizei, wenn sie in der Öffentlichkeit einer Karawanserei von seinen geheimen Tätigkeiten erzählte, auch wenn diese schon zwanzig Jahre in der Vergangenheit lagen? Sie musste doch wissen, dass unter den Kaufleuten und Dienern, die in der Herberge nächtigten, auch immer ein paar Männer des Vezirs waren; seine Ohren, die alle Gespräche belauschten und genau nach solchen Gerüchten gierten, um sie an ihren grausamen Herrn weiterzugeben. Auch wenn Sirtis – eigentlich unvorstellbar – nicht die Wahrheit gesagt hatte, sondern, aus welchen Gründen auch immer, den beliebten Märchenerzähler denunzierten wollte, war Alis‘ Leben nach diesen Worten keinen schimmligen Kupferdenir mehr wert. Es war keine Frage des „ob“, sondern nur noch des „wann“, bis er verhaftet und hingerichtet wurde. Seine Tochter, sein eigenes Fleisch und Blut verriet den Alten. Warum war Sirtis so grausam? Entsetzte Ausrufe erschollen und nach der ersten Erstarrung wurden viele Fragen laut, doch Sirtis musste nur die Hand heben, um sie verstummen zu lassen.

Die Älteren unter euch werden sich vielleicht noch erinnern. Alis, dessen ergebene und treue Tochter ich immer war und auch heute noch bin, musste vor über vierzig Jahren gemeinsam mit seiner jungen, schwangeren Frau Elita seinem älteren Bruder Selin und dessen Familie ins Exil folgen. Alis traf keine Schuld, er und seine Frau wurden das Opfer ihrer Blutsbande. Als Urahn des letzten Binghi-Herrschers über das strahlende Karukora hatte Selin in privatem Kreis Ansprüche auf den Falkenthron erhoben; ein paar Sätze im Zorn und in Trunkenheit wurden leichtfertig und nebenbei vor Menschen gesprochen, denen man zu Unrecht vertraute. Diese ketzerischen Worte wurden freilich sogleich dem damaligen Vezir Syddhin Es Nidr hinterbracht und nur eine überstürzte nächtliche Flucht konnte die Dabinghis vor der Verhaftung, der Folter und einem grausamen Tod bewahren. Sie konnten kaum mehr mit sich nehmen als die Kleider, die sie am Leib trugen. Unter großen Strapazen gelang es der Sippe, immer von den blutdürsten Häschern des Vezirs verfolgt, die gewaltige Wüste zu durchqueren, auf schmalen und schwindelerregenden Pfaden das unwegsame Helmgebirge zu erklimmen und sich von gewieften Sitari-Schleusern durch den gewaltigen, fünfundzwanzig Meilen breiten und drei Meilen hohen Großen Wall schmuggeln zu lassen. Doch dies ist Geschichte für eine andere Nacht. – Die teure Hilfe der Sintari kostete die letzten Dabinghi den Rest des wenigen Geldes, das sie bei ihrer überstürzten Fluch mitgenommen hatten. Sie besaßen nichts anderes als ihr nacktes Leben, als sie endlich die grünen, endlosen Wälder der Lamarque erreichten. Deshalb ist mein Geburtsort auch nicht das glänzende Karukora, sondern ein elendes Dorf mit einem kaum aussprechbaren Namen. Es war das öde Lertnitz am Fluss Mertzen, wo wir mit anderen Leidensgenossen viele Monate in einem elenden Flüchtlingslager verbrachten. Hier fehlte es an allem außer Kummer, Hunger und Krankheit; die Plagen waren im Überfluss vorhanden.

Ich will es kurz machen. In dem sumpfigen Fiebernest Lertnitz wüteten die blauen Pocken und diese furchtbare Seuche raffte Selin und seine gesamte Familie, darunter auch seinen Erstgeborenen, der nach seinem Vater benannt war und auf den er so viele Hoffnungen gelegt hatte, in nur wenigen Tagen dahin. Sie waren mit Müh‘ und Not dem einen Tod entkommen und liefen einem anderen, nicht weniger grausamen, in die Arme. Der Tod kümmert sich nicht um deine Ambitionen und Zukunftspläne. Alis, den die Krankheit ebenso wie seine Elita verschonte, blieb nichts anderes übrig, als seine Angehörigen mit eigenen Händen ohne die Segnungen der Allerbarmerin in ein Massengrab zu den anderen Opfern der Seuche zu legen, ihre mit blutigen Schwären verunstalteten Körper mit ungelöschtem Kalk zu bedecken, sie eilig zu verscharren und ein wenig Salz über der Erde zu verstreuen. Dann floh er mit meiner Mutter, die mich in ihren Armen trug, weiter nach Norden gen Avril. Die alte, bäuerliche Residenzstadt liegt von kühlen Winden umweht am Rande des Großen Waldes auf einem fruchtbaren Hügel und war von den blauen Pocken verschont geblieben. Dort versuchte Alis einen Hausstand zu gründen und ein Leben in der Fremde zu führen. Doch in der Lamargue waren seine Märchen nicht gefragt; niemand interessierte sich dort für sie. Die Menschen hatten ihre eigenen Skalden, die ihnen von blutigen Heldentaten und gewaltigen Schlachten langhaariger, blonder Hühnen sangen; die Geschichten des kleinen, dunkelhäutigen Wüstenbewohners über Liebe, Wüste und Magie langweilten sie nur. Und das grausame Schicksal, das wie Pech an allen Verfolgten und Verzweifelten der Überlebenden Lande klebt, hatte für den armen Exilanten, der mit seiner kleinen Familie in bitterer Armut leben musste, noch einen weiteren Schlag, vielleicht den schwersten, vorbereitet. Seine von Alis vergötterte Elita wurde wieder schwanger, doch meine geschwächte Mutter überlebte die verfrühte Geburt meiner Schwester nicht. Sie gab ihr Leben für Irta und der gramgebeugte, untröstliche Alis war nun vollkommen allein mit seinen kleinen Töchtern.

[Zum 6. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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