Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (4)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

»Nachdem er sein merkwürdiges Gedicht vorgetragen hatte, wartete Raul geduldig auf eine Antwort des Mädchens, dem es zum ersten Mal in ihrem Leben die Sprache verschlagen hatte. Die Lachlust war Irta vergangen und ein merkwürdiger, süßer Schmerz machte ihr das Atmen schwer.

„Kann es sein?“, fragte sie sich zwischen Bangen und Hoffen. „Kann es denn wirklich sein?“ Sie konnte sich nicht entscheiden; zu verfahren war ihre Situation. Sollte sie dem Prinzen antworten und ihm Hoffnungen machen? Oder doch besser sofort ihr Fenster schließen und darauf hoffen, dass er diesen Wink verstand? Eine Zukunft konnte sie sich mit ihm nicht vorstellen.

Die Allerbarmerin, die mit ihrem tränenvollen Blick auf alle Lieben in den Überlebenden Landen blickt, nahm ihr die Entscheidung ab. Auch wenn ihre göttlichen Entschlüsse auf uns Sterbliche wie Zufälle wirken, sind sie doch immer weise und barmherzig. Plötzlich war der Lärm von eilenden, sich nahenden Schritten aus dem entfernteren Teil des Gartens zu hören. Eine Gruppe Männer – wahrscheinlich Eunuchen, die nach dem Rechten sehen wollten -, kamen mit noch nicht brennenden Fackeln in den Händen herbei und es konnte nur noch Augenblicke dauern, dann war der Prinz von ihnen entdeckt und bloßgestellt! Irta sprang auf und legte den umgestürzten Hocker wieder unter das Fenster, um auf ihn zu steigen und hinauszusehen. Hoffentlich gelang es Raul, den Näherkommenden zu entwischen! Doch der junge Prinz hatte einen besseren Einfall, als sein Heil in einer unvorbereiteten Flucht zu suchen. Er wusste: Würden ihn die Wachen hier unter den Mauern des Verbotenen Harems auffinden, dann hatte er sein Leben verwirkt und das Todesurteil würde ohne viel Federlesens gleich an Ort und Stelle vollzogen. Er spannte seine Muskeln an und sprang. Sein Kopf tauchte überraschend im Fensterrahmen auf und Irta prallte zurück. Dann schob sich der Prinz seitlich durch die enge Öffnung weiter in ihre Kammer hinein. Doch weit kam er nicht. Das Fenster war zu eng. Hinten baumelten seine Beine im Freien und er kam nicht mehr weiter. Die Wächter waren inzwischen herangekommen. Wenn jetzt einer von ihnen nach oben sah und begriff, was sich in der Dunkelheit abspielte, dann war Raul verloren.

„Nein, ich habe nicht geträumt“, konnte Irta eine hohe Stimme hören. Sie klang nach der von Radik Emre, dem jungen Aufseher über die Eunuchen; er war ein widerwärtiger Einschmeichler, der schon lange auf Aismeks Vertrauensposten beim Namenlosen schielte. „Seht euch um, hier ist bestimmt jemand.“

Jetzt war der Moment für einen schnellen Entschluss gekommen und Irta zögerte keinen Augenblick. Sie packte den hilflos im Fenster zappelnden Prinzen an den Schultern und zog ihn mit einer verzweifelten Kraftanstrengung zu sich hinein in ihr kleines Zimmer. Polternd fiel Raul der Länge nach zu ihren Füßen hin und schlug sich den Kopf hart an der Rückwand an. Aber nun er war auch mit seinen Füßen im Zimmer, bevor ihn die Wachen entdeckten, die gerade dabei waren, ihre Fackeln zu entzünden, um den Garten auszuleuchten. Irta schob rasch ihren vorhin erneut umgekippten Hocker wieder unter das Fenster und sprang auf ihn, sah hinaus.

„Hoppla, Männer, was ist das denn für ein Krach?“, fragte sie hinunter. Sie kannte die fünf Wächter, die verwirrt zu ihr heraufsahen. Es war in der Tat Radik und eine kleine Nachtpatrouille der Treuwacht, die er alarmiert hatte. „Die Frauen des Herrn schlafen längst. Ich hoffe, ihr habt keine außer mir geweckt“, fügte sie noch vorwurfsvoll hinzu. Sie spürte den Körper von Raul an ihren Beinen. Er bewegte sich hinter ihr ungeschickt, um sich bequemer hinzusetzen. Sie räusperte sich: Hoffentlich besaß er die Geistesgegenwart, weiter am Boden zu kauern und sich zu verstecken! Radik kam heran und sein Blick fiel stirnrunzelnd auf die zertrampelte Blumenrabatte unter dem Fenster. Irta sah ihm sein Misstrauen an, aber zum Glück war er nicht intelligent genug, um eins und eins zusammenzuzählen.

„Ist bei dir alles in Ordnung, Mädchen?“, fragte er zögernd.

„Aber ja. Hier ist alles ruhig. Was suchst du denn mit der Nachtwache bei den Frauengemächern?“ Sie sah zu dem Weqilbaşi des Trupps, der lustlos mit seiner Pike in einem Tamariskengesträuch herumstocherte. Er war ihr häufig über den Weg gelaufen, als sie noch in den Küchen gearbeitet hatte, denn er war der heimliche Freund der herrischen Kaltmamsell Drinta. Irta vermutete, er liebte mehr ihre Pasteten, Terrinen und Galantinen als ihre zänkische Art.

„He, Hem Büşek,“ rief sie ihn an, „du weißt schon, dass du hier gar nicht sein darfst, oder? Dieser Garten liegt im Bannkreis des Serails des Bişra und wenn ihr zufällig von einer seiner Frauen entdeckt werdet, rollen eure Köpfe. Seid froh, dass es nur ich bin, die euer Lärm geweckt hat, und nicht etwa Adlante, die Hauptfrau der „Wüstenoase“. Die Allerbarmerin schenke ihr und den anderen hohen Frauen des Serails einen tiefen und erholsamen Schlaf.“

Der Weqilbaşi zog sofort seine Pike zurück und seine Männer wichen verunsichert zurück. Eilig löschten sie wieder ihre Fackeln, die sie grade erst angezündet hatten. Doch Radik gab sich noch nicht geschlagen. Der ehrgeizige, damals noch schlanke und gutaussehende Eunuch stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, an Irta vorbei in ihre Kammer zu spähen. Hatte er in dem dunklen Raum eine Bewegung oder einen Schatten entdeckt, der seinen Verdacht weckte? Auf jeden Fall war der Rand ihres Fensters für seine neugierigen Blicke zu hoch oben.

„Und du hast nichts bemerkt?“, hakte Radik nach. „Ich könnte schwören, dass ich Stimmen hörte und Gelächter, als ich eben die Waschkammer lüftete.“ Irta streckte sich und hob die Arme, versuchte ihm auf diese Weise zusätzlich die Sicht zu versperren.

„Aber nein, Lachen an einem Ort, den der Namenlose meidet. Wo denkst du hin? Hier rinnen nur heiße Tränen über sein schreckliches Schicksal. Das solltest du doch wissen.“ Irta zögerte, fragte sich kurz, wie weit sie gehen konnte. „Auf jeden Fall gibt es hier keinen Laut, der für die Ohren der Treuwächter bestimmt wäre“, fuhr sie dann schärfer fort. „Wenn du nicht willst, dass ich dem Seneschall Aismek Bescheid gebe, solltest du dich nun mit diesen Männern schnell zurückziehen, Radik Emre, Oberster der Eunuchen.“ Die Nachtwachen stimmten ihr eifrig nickend zu und wollten sich schon abwenden. Doch Radik kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen. So durfte eine dahergelaufene Magd nicht mit ihm reden!

„Ich warne dich, Irta“, zischte er, „ja, ich kenne deinen Namen: Du bist Irta Dabinghi und Aismeks besonderes Schätzchen. Du willst mich bestimmt nicht zum Feind. Ich werde dich von jetzt an genau beobachten.“

„Das reicht.“ Büşek kam dem Mädchen zur Hilfe und legte eine Hand auf Radeks Schulter, die er so fest drückte, dass der Eunuch aufstöhnte. „Du hast dich getäuscht. Hier im Garten ist nichts und du machst der Magd Angst. Sie hat recht. Wir müssen gehen.“

Radek trat nur zurück, weil ihn der Weqilbaşi dazu zwang und wegzog. Dabei hob er aber warnend einen Zeigefinger und zeigte wie anklagend auf Irta, dann auf sich selbst. Wir verstehen uns, schien er zu sagen, du hast mich belogen, das wissen wir beide. Irta fror plötzlich und ihre Beine zitterten, aber sie blieb aufrecht im Fenster stehen und versuchte, so hochmütig und stolz wie möglich auszusehen. Schließlich war sie eine Dabinghi – da hatte der böse Eunuch recht – und damit eine direkte Nachkommin des ersten Namenlosen, der das Juwel der Wüste vor nahezu dreitausend Jahren gegründet hatte. Dieser Radek Emre war dagegen nur eine Kanalratte, deren Karriere mit dem scharfen Skalpell eines Feldscher begonnen hatte, weil sich seine Familie durch diese blutige Tat aus dem Armenviertel erheben wollte. Irgendwann, das wusste sie, würde er einem Mächtigeren auf die Füße treten und der würde ihn wie eine Fliege mit einem alten Pantoffel zerquetschen. Sein Schicksal stand Irtis so deutlich vor Augen, als hätte sie die Gabe des zweiten Gesichts.

[Zum 5. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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