Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (3)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

„Warte, du Schöne!“, rief er und trat vollständig aus seinem Versteck, kam ganz nah an die Mauer des Serails heran. Wusste Raul, in welcher Gefahr er schwebte? Würden ihn jetzt die Eunuchen entdecken, die misstrauisch den Harem des Namenlosen bewachten, dann würde er zweifellos an Ort und Stelle seinen Kopf verlieren und der Krieg zwischen Karukora und der Lamargue von Neuem ausbrechen. „Fürchte dich nicht vor mir.“ Irta zappelte hilflos mit ihren nackten Beinen in der Luft und versuchte angestrengt, sich mit ihren Händen abzustützen und sich nach innen zu schieben.

Raul deutete ihren Gesichtsausdruck falsch. Er riss seine hässliche Fellmütze vom Kopf und steckte sie in die Tasche seiner Jacke. „Ich werde dir nichts tun“, versuchte er sie zu beruhigen. Irta stieg vor Anstrengung das Blut in den Kopf und sie war froh über die Schatten der Nacht, die ihr peinliches Erröten verbargen. Sie warf dem Prinzen einen – wie sie hoffte – vernichtenden und strafenden Blick zu, doch anstatt betroffen zurückzuweichen, wie sie es erwartete, trat er ermutigt über ihr Verbleiben direkt unter ihr Fenster, ohne sich um die duftenden Blumen zu kümmern, die auf dem Beet unter seinen Füßen wuchsen. Er trampelte achtlos in sie hinein. Obwohl Irtas Kammer fast ein Stockwerk über dem Boden des Beets lag, war er so groß, dass er sie nun hätte berühren können, wenn er seine Arme nach oben gestreckt hätte. Ein Lichtstrahl fiel auf sein Gesicht und Irta stockte der Atem – nicht, weil ihr der Fensterrahmen weiterhin gegen die Brust drückte, sondern weil Raul sie aus seinem ebenmäßigen und edlen Gesicht so liebevoll musterte, als erblicke er das Wertvollste auf der Welt.

„Was hast du für ein liebliches Gesicht“, flüsterte der Prinz ihr zu und schloss genießerisch seine Lider. „Das Ebenholz deines Haars und deine grauen Augen sind so … lieblich!“ Irta konnte nicht anders: Sie müsste über die ungelenken Schmeicheleien lachen. Sie blähte ihre Wangen auf und prustete los. Dadurch gelang es ihr endlich, sich aus ihrer qualvollen und erniedrigenden Lage zu befreien. Sie fiel zurück in ihre Kammer und auf die Kissen, die dort als ihr Bett auf dem Boden lagen und lachte auf dem Rücken liegend schallend weiter. Geistesgegenwärtig hielt sie sich jedoch ein Kissen vor das Gesicht, damit ihr Gelächter niemanden im Serail aufschreckte oder sie den Prinzen beleidigte. Doch er schien nichts zu bemerken, denn er setzte seine Eloge unverdrossen fort.

„Deine lieblichen Augen sind so grau und glänzend wie das Gefieder der Dohlen, die den verfallenen Turm der Hochburg von Dersa wie ein ewiger Gesang umkreisen“, versuchte sich Raul an einem Vergleich aus der alten lamargischen Heldensage Sena und Viril. Das war die einzige Zeile Poesie, die er kannte und die ihm halbwegs in seine Lage zu passen schien. Doch er erntete damit nur weiteres unterdrücktes Gelächter, das in einem Hustenanfall endete, der den Prinzen um die Gesundheit seiner Angebeteten fürchten ließ. Irta presste weiterhin fest ihr Kissen auf den Mund. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie war wirklich nicht anspruchsvoll, wenn ihr jemand Komplimente machte. Aber jeder dahergelaufene Gassenjunge in Karukoras Altstadt kannte schönere Verse, um ihre übrigens bei jedem Licht nicht grauen, sondern dunkelbraunen Augen anzuhimmeln. Das wusste auch Raul, aber Dohlen waren eben seiner Erfahrung nach nicht braun. Diese künstlerische Freiheit hatte er sich herausgenommen.

„Zeige dich wieder, unbekannte Schönheit. Bitte …“, bettelte er. „Ich weiß doch, ich bin nur ein Barbar aus den schwarzen Wäldern nördlich des Walls und ich kann besser mit dem Schwert als mit Worten sprechen. Die einzigen Bücher, die ich je gelesen habe, sind Us‘Dis Die hinterlistige Kunst, einen Krieg zu gewinnen und die Lehrbücher, die ich im Unterricht auswendig lernen musste. Ach, ja, ich kenne dazu noch die Fünf Bücher des Baruch. Wenn sie auch viel Poesie enthalten, dann ist es doch eine, die dir vielleicht zu fremd und ketzerisch erscheint. Doch lass es mich versuchen.“

Irta antwortete nicht, doch sie schloss auch nicht ihre Fensterläden. Sie spitzte im Gegenteil ihre Ohren, damit sie nur ja nichts versäumte. Die in Karukora verbotenen Bücher des Baruch, die der erste Erzabt Straif von Italmar in den Geisterhöhlen unter dem Newtongebirge gefunden hatte, interessierten sie sehr, denn als Tochter eines Märchenerzählers war sie immer an neuen Geschichten interessiert.

Am besten dient mein Auge blinzelnd mir;
Denn unbeachtet geht der Tag an ihm vorüber:
Allein im Schlaf, im Traume sieht’s nach dir
Aus Nacht in Helligkeit, nachthell hinüber.
Du, deren Schatten nun die Schatten so erhellt,
Wie wird am Tag erst deines Schattens Wesen
Mit seinem höchsten Licht erfreun die Welt,
Wenn blinde Augen schon am Schatten so genesen!
Wie selig, sag‘ ich, wär mein Auge nun,
Hätt‘ ich am heitern Tag erst dich gewahrt,
Wenn öde Nacht den Augen, wie sie ruhn,
Dein schönes bleiches Trugbild offenbart.
Mir scheint Nacht jeder Tag, getrennt von dir,
Und Nächte hell wie Tag,
zeigst du im Traum dich mir.

Zuerst war die Stimme Rauls unsicher und zögernd. Er geriet auch einmal ins Stocken und begann wieder von vorn. Aber dann erinnerte er sich immer besser an die Verse aus dem 1. Buch des Baruch. Er hatte sie für seinen Rhetoriklehrer als Gedächtnisübung immer und immer wieder vorsagen müssen, bis er sie schließlich auswendig konnte. Obwohl Raul viele Jahre nicht mehr an diese Lektion gedacht hatte, sah er das Gedicht nun plötzlich so deutlich vor sich, als würde er die Worte direkt aus dem heiligen Werk der Mönche von Italmar ablesen. Er wusste nicht, was Meister Jac Javac Mauvaise damals bewogen hatte, die Sprachfertigkeiten einen zehnjährigen Knaben ausgerechnet mit diesen Versen verbessern zu wollen. Erst jetzt, während er sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder sprach, begriff er wirklich ihren Inhalt und er erkannte, dass sich hinter den bloßen, wohlklingenden Worten noch etwas anderes, etwas sehr düsteres verbarg.

Irsa jedenfalls lauschte der uralten Poesie aus der verlorenen Zeit der Vorgänger begeistert. Sie kannte sie nicht, weil sie ihr verboten war. So wurde ihr das Zuhören so bittersüß wie das Kosten einer Tollkirsche und ließ sie mit einem Mal ahnen, dass es hinter der Liebesplänkelei, den heimlichen Blicken, den halb scherzenden, halb provozierenden Schmeicheleien, sogar den flüchtigen Küssen und Berührungen in unbeobachteten Augenblicken in dunklen Ecken noch etwas anderes gab, das viel gewaltiger und größer war. Und wenn die Bücher des Baruch wirklich solch wundervolle Poesie enthielten, dann konnte es keine vollkommene Sünde sein, sie zu lesen.«

Sirtis machte eine Pause und sah sich um.

»Doch wir, meine Lieben, leben in einer aufgeklärteren Zeit und uns schockiert doch die Erwähnung eines heidnischen Buches nicht mehr, das unsere Väter und Mütter gefürchtet haben«, sagte sie dann. Sie hatte sich auf eine gefährliche Straße begeben, als sie den heiligen Kodex der Mönche erwähnte, die in Baruchs Namen einst die halbe Welt erobert und ihr die blutige und grausame Knute ihrer religiösen Diktatur gebracht hatten, bis die Kokardenrevolution, die von den Oststädten ausging, sie in die Grenzen ihres eigenen Staates gezwungen hatte. Doch obgleich diese finsteren Zeiten lange vorbei waren, erschauderte ihr Publikum. Sirtis spuckte deshalb zur Sicherheit und zum Schutz gegen das Böse dreimal ins Feuer, bevor sie weitererzählte. Ein paar ihrer Zuhörer taten es ihr gleich.

[Zum 4. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (3)

  1. Pingback: Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (2) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: