Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 1. Kapitel (2)

[Zum ersten Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

Zäh und erbittert musste der Serail‘Usta jedoch zuallererst mit seinem alten Erzrivalen Türbin Bey verhandeln, jenem heute noch berühmten und von vielen gefürchteten Oberkoch, der während der Regentschaft in den Eingeweiden des Palastes ein überaus strenges Regiment führte und dort unten zwischen den Fleischtöpfen und Herdfeuern mächtiger als der Vezir oder gar der Namenlose selbst war. Eifersüchtig hütete Türbin sein Reich und seine Untergebenen, als wäre er der verdammte Inet selbst, der in der Gehenna die Seelen der Verstorbenen mit Seilen an sich fesselt und auf ewig quält. Er war durchaus nicht gewillt, Irta ohne Kampf und freiwillig herauszugeben und auf keinen Fall in die Hände seines persönlichen Lieblingsfeindes Aismek, der sich einst unvorsichtig und abfällig über eine seiner Pasteten geäußert hatte. Doch der hochberühmte Koch war wie alle Küchenbeys dem von der Allerbarmerin verfluchten Laster der Trunksucht verfallen, das ihn dann nur wenige Zeit später vernichtete. Ein Fass dunkles, schäumendes Bier aus dem fernen Danmark ließ ihn dann endlich weich werden und doch in den Handel mit Aismek einwilligen. Das Fass war sein Verhängnis. Aber die Geschichte vom verhexten Geschenks des Seneschalls ist eine weitere Geschichte nach dieser Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen. Irta jedenfalls, die ihr Glück kaum fassen konnte, durfte den Bauch des Elfenbeinernen Palastes verlassen und in die von den Eunuchen streng bewachten Frauengemächer ziehen, die sich in den luftigsten, aber auch den abgelegensten Räumen des Herrschersitzes befinden. Doch glücklich wurde Irta auch im verbotenen Serail nicht.

Nachdem sie sich rasch eingewöhnt hatte, gingen ihr die Arbeiten dort zwar leicht und schnell von der Hand, aber obwohl sie Adlante, der unnahbaren Hauptfrau, und den Gattinnen und Gespielinnen des Namenlosen bald mehr eine Freundin als eine Dienerin war, erschienen ihr die Tage in den Frauengemächern endlos, öde und ihr war die meiste Zeit ganz entsetzlich langweilig. Aber immerhin wurde sie nun besser entlohnt und musste von ihren sauer verdienten Denires nichts mehr für Kost und Logis abgeben. Ihr Beutel mit den Kupfermünzen schwoll langsam aber stetig an. Sie hauste nun auch nicht mehr in einem großen, schmuddeligen Schlafsaal wie unten in den schmuddligen Katakomben der Küche, sondern sie hatte ihr eigenes, allerdings winziges Zimmerchen, das mehr ein begehbarer Wandschrank als ein Raum war. Aber die Kammer gehörte ihr ganz allein. Sie besaß sogar ein kleines Fenster, durch das Irta hinunter in einen verwunschenen Palastgarten und in den langen Nächten von ihrem Lager am Boden aus munter die Sterne über dem Südmeer funkeln sehen konnte. Ab und an durfte sie auch noch vor Morgengrauen für einen Tag den Harem und den Palast verlassen und ihren Vater in der Stuhlwebergasse besuchen. Diese dreißig Tage lang herbeigesehnten und unendlich kostbaren Stunden bedeuteten Irta mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

So verging ohne Abwechslung und Veränderung ihrer Lage beinahe ein Jahr und hätte nicht ab und an der treue Aismek das eine oder andere Buch mitgebracht und sich auf eine Partie Dakmak zu ihr gesetzt, wäre sie wohl umgeben von stummen Eunuchen, grazilen Schönheiten, Wohlgerüchen, erlesenen Stoffen und Spezereien und den zarten Klängen der Leierspielerinnen wie ein Zeisig in einem zu kleinen Käfig vor Langeweile eingegangen.

Der Namenlose besuchte seinen Harem während dieser Zeit kein einziges Mal. Wie ihr sicherlich wisst, hatte ihn ein Sturz von seinem liebsten Reitpferd in seine frühe Kindheit zurückgeworfen und er besaß nun das Gemüt und die Geisteskräfte eines dreijährigen Knaben. Die Regierungsgeschäfte führte als Regent sein guter Onkel Bathu Paşha für ihn und „Erquickende Wüstenoase“ selbst saß sabbernd und kichernd auf dem Falkenthron und ließ sich von Muhar, dem Märchenerzähler, Abenteuergeschichten mit Drachen und kühnen Helden vortragen. Der rasche und für die meisten auch überraschende Tod von „Wüstenoase“ kurze Zeit später war wohl eine Gnade der Allerbarmerin und beschenkte uns alle mit der milden und segensreichen Regierung seines Sohnes, des „Unterwerfers“, der – welch ein erstaunlicher Zufall – just einen Tag vorher volljährig geworden war und damit auch nicht mehr die Führung seines Großonkels Bathu benötigte, sondern auf seinen neuen Einflüsterer Ómer Sud hörte.«

Der bissige Tonfall hatte die letzten Worte von Sirtis Lügen gestraft, doch nun gehorchte sie der Sitte der Märchenerzähler, nach einer Erwähnung des regierenden Bişra eine Pause einzulegen. Sie wartete geduldig die unvermeidlichen Lobpreisungen und Trinksprüche auf das Wohl des „Unterwerfers“ ab. Schließlich hatte der Vezir Ómer überall seine Augen und Ohren und kannte einige exquisite Folterinstrumente für diejenigen, die abfällig über ihren Herrscher redeten oder schwiegen, wenn es an der Zeit war, ihm bejubeln. Dann fuhr Sirtis fort, von ihrer Schwester zu erzählen:

»Was die Frauen des Bişra vielleicht erleichtern mochte – wir wissen nicht, was in ihnen vorging, denn keine von ihnen hat uns je von ihrem Leben erzählt -, betrachtete die quirlige Irta beinahe wie eine Strafe. Ihre Hauptbeschäftigung neben der Pflege und dem Waschen der Haare und Körper ihrer Herrinnen, ihnen mit einem Palmblatt Kühle zuzufächeln oder ihnen Konfekt zu reichen, war es, die Tage und Stunden bis zu ihrem nächsten Urlaubstag zu zählen und sich in der Nacht durch ihr schmales Fenster zu lehnen und die Sterne anzuseufzen. Um zu diesem Zweck das recht hohe Fensterchen zu erreichen, stellte sie sich auf einen Hocker und quetschte ihren Oberkörper ins Freie. Doch in einer Nacht bemerkte sie, dass sie von dem Garten unter dem Serail aus dabei beobachtet wurde, wie sie ihren Kopf und ihre Schulter durch den engen Fensterrahmen zwängte und ihre Sehnsüchte flüsternd der Dunkelheit anvertraute.

ie hatte in dem Schlagschatten einer Palme die Bewegungen eines dort verborgenen Menschen gesehen und stieß erschrocken einen Schrei aus. Sofort trat mit gesenktem Kopf schuldbewusst ein auffallend großer, muskulöser und hellhäutiger Mann aus der Finsternis halb in das Licht, das aus den unzähligen Fenstern des Harems in den Garten fiel. Er trug fremdländische, selbst für eine kalte Wüstennacht viel zu warme Kleidung und eine hässliche Fellkappe auf seinem kahlen Schädel. Obwohl Irta ihm noch nicht begegnet war, wusste sie sogleich, um wen es sich bei dem nächtlichen Störenfried handelte, der seine Arme hob, als hätte ihn die Treuwacht überwältigt. Es war Raul, der junge lamargische Prinz. Er hielt sich mit seinem Vater Yves III. samt großem Gefolge in Karukora auf. Es ging um die große Politik, die Irta in ihrer begrenzten Haremswelt sehr fern erschien. In zähen, oft bis in die Nacht andauernden Verhandlungen mit dem Diwan des Regenten wurde seit einer Woche über komplizierte Handelsverträge, den Freihafen Şdarda an der Mündung des Thorn in den Marat und die in der letzten Zeit zunehmenden Grenzprobleme zwischen den Juwel der Wüste und Jasir gestritten. Die fremdländischen, exotischen Fürsten, die vollbärtigen, rohen Diplomaten und ihre barbarischen Begleiter waren in diesen Tagen das Gesprächsthema der gelangweilten Frauen des Bişra; auch wenn unter ihnen bisher kaum eine einen Blick auf sie hatte erhaschen können.

Es konnte sicher nur ein Zufall sein, der Raul, der in Irtas Alter war, aus den ein paar Stockwerke tiefer gelegenen Gastquartieren hierher in diesen gut versteckten kleinen Park unter ihr Fenster geführt hatte, aber es war doch eine flegelhafte Unverschämtheit von ihm, sich so lange nicht bemerkbar zu machen und sie heimlich bei ihrem Kummer zu beobachten. Mochte die Tränenreiche wissen, wie viele der Seufzer der jungen Dienerin er erlauscht hatte! Wütend auf den unverschämten Beobachter und auch voller Scham wollte Irta eilig ihren Kopf zurückziehen und die blickdichten Fensterläden vor ihrer Kammer schließen, aber der Hocker, auf dem sie stand, rutschte ihr durch die heftige Bewegung unter ihren Füßen weg und so steckte sie plötzlich im Rahmen gefangen fest, konnte für den Moment weder vor- noch rückwärts. Der Prinz, der von ihrer misslichen Lage nichts mitbekam, wollte die günstige Gelegenheit nicht verstreichen lassen.

[Zum 3. Teil …]

Der Beginn der spannenden Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book,
380 Seiten, illustriert

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