Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 20)

[Zum ersten Teil]

»Ich glaube, dein Text hat ein paar Pferdefüße«, be­gann ich tastend, ohne zu wissen, worauf ich hinaus wollte. Die Richtung würde sich hoffentlich während des Redens zeigen. »Ich habe in der Hauptsache zwei Dinge an ihm auszu­setzen. In diesem Aufsatz schreibst du erstaunlich offen über deine pubertären Probleme, die dich zur Kunst ge­führt haben, einer Kunst, in der sich diese Schwierigkeiten gespiegelt haben. Mir war das alles ein wenig zu of­fen, zu exhibitionistisch. Ich glaube nicht, dass sich jemand für diese intimen Sachen interessiert. Der Künstler sollte hinter seinem Werk verschwinden, denke ich. Und deine Offenheit mach dich ver­letzbar. Dieser Aufsatz ist etwas Ähnliches wie die Kunst, über die du in ihm schreibst. Er behandelt das gleiche Thema; du drehst dich um dich selbst. Ist es daher nicht möglich, er könnte ebenso langweilig und nicht von, lass mich sagen, allgemeingültigem Interesse sein? Verstehst du mich?«

Nun hielt Nix den Kopf gesenkt und nickte, aber ich glaubte nicht, dass ich ihn erreicht hatte. »Weiter …«, forderte er mich ungeduldig auf. Er klang interessiert und nicht so verärgert, wie ich erwartet hatte.

»Willst du dich nicht dazu äußern?«, fragte ich verwun­dert. Ich hatte mich auf einige wütende Gegenargumente gefasst gemacht.

»Vielleicht später«, winkte er ab, »zuerst einmal will ich deine gesamte Kritik hören.«

»Wie du willst«, fuhr ich mutiger geworden fort. »Kommen wir zu meinem zweiten Kritikpunkt. Du hast in deinem Aufsatz davon geschrieben, du hättest zwangsläufig schlechte Kunst machen müssen, weil du in ihr nur deine Neurosen und Wahnvorstellungen aufgearbeitet, sie als Psychiater-Couch benutzt hättest. Das wirkt auf mich viel zu einfach, zu absolut und … na ja, zu apodiktisch. Gut, ich denke, du hast recht anschaulich deinen Weg beschrieben, der dich zu deiner Kunst geführt hat und es war mit Sicher­heit nicht der einfachste Weg, den du dir da herausge­sucht hast. Bei anderen Malern kann es aber völlig anders sein. Du kannst doch mit deinem Text nicht auf einer Gültig­keit für jeden bestehen. Das gilt auch für deine neuen Gründe, zu malen.« Obwohl ich diesen Gedanken noch weiter ausspinnen wollte, der ein Seitenthema des Aufsatzes behandelte und eigentlich nur meine Unsicherheit bemänteln sollte, das ganze Werk in Angriff zu nehmen, unterbrach mich Nix diesmal. Anscheinend hatte ich einen für ihn wichtigen Punkt erwischt. Diesmal war er voller Widerspruch.

»Das ist genau das, was ich nicht glaube«, sagte er. »Im Gegenteil: Ich bin absolut davon überzeugt, dass ich mit meiner These in beinahe allen Fällen recht habe. Ich kann dir bei beliebigen Künstlern den Punkt in ihrer Entwick­lung nennen, an dem ihre alten, psychologischen Grün­de, Kunst zu machen, starben, neue in den Vordergrund gerieten und dadurch auch ihre Kunst besser wurde. Eini­ge haben mehrere dieser Wendemarken in ihrer Ent­wicklung.«

Ich wedelte zweifelnd mit der Hand.

»Wenn du meinst. Aber warum beschäftigt dich dieser Gedanke überhaupt so? Im Grunde ist deine Aussage erschütternd lapidar. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung wird auch die Kunst besser. Das ist es doch, was du sagst. Was ist das Besondere daran? Sollte es nicht grundsätz­lich so sein? Ich meine, ich male jetzt bessere Bilder als vor fünf Jahren und ich hoffe doch, dass ich in fünf Jah­ren wiederum bessere male als jetzt.« Es fällt mir heute schwer, zu sagen, was mich wieder dazu verführ­te, ihn herauszufordern. Wahrscheinlich war es die Tat­sache, dass er mit seinem Text zu mir kam, von dessen Bedeu­tung er überzeugt war, und von mir eine Kritik, in Wahrheit aber einen Kniefall erwartete. Nein, er hatte sich noch nicht geändert, wie er in seinem Aufsatz behauptet hatte. Er hielt sich noch immer für Jesus und suchte Jünger, auch einen Verräter. Ich gab allerdings ei­nen verdammt schlechten Judas ab. Das hätte ich ihm gern gesagt, aber ich traute mich nicht.

Nix war mir jedoch zu meinem Erstaunen wegen meines Einwands nicht böse und es entwickelte sich danach zwischen uns eine angeregte und auch für mich anregende Diskussion mit vielen Ausflü­gen, Einwänden und Gedankensprüngen. Ich kann mich heute, nach so langer Zeit, unmöglich an alle erin­nern. Ich kann nicht einmal mehr die wichtigsten wie­dergeben. Ich will es kurz machen: Wir unterhielten uns einen ganzen lan­gen Nach­mittag, bis es draußen dunkel wurde und wir uns in dem engen Zimmer kaum mehr sehen konnten. Wir sprachen auch über meine Bilder, die ich im Atelier hängen hatte. Er kritisierte sie ernst und ohne Häme in einer für ihn erstaunlich positiven, gesunden Art, zu der ich ihn nicht fähig gehalten hatte. Er bewies dabei ein gutes Auge für kompositorische Schwächen und Farbfehler. Alles in allem haben wir uns an diesem Nachmittag, den wir gemeinsam in meinem Atelier verbrachten, trotz aller unterschiedlichen Meinungen ganz gut ver­standen. Es entwickelte sich tatsächlich ein Band von Sympathie zwischen uns, von dem ich hoffte, es würde stark sein, unsere Differenzen überwinden können. Vielleicht würden wir uns nun häufiger treffen und sprechen, was mir wirklich Freude gemacht hätte.

Ich hatte mich jedoch getäuscht. Er versuchte in der fol­genden Zeit nur noch einmal, mit mir in Kontakt zu tre­ten und das auch nur, weil er etwas von mir wollte. Er hatte mich auch an diesem Nachmittag im Atelier nur für diese einmalige Gele­genheit gebraucht, gezielt einen Leser gesucht. Ich war wohl gerade der einzige, den er auf die Schnelle finden konnte. Obwohl ich mich ein wenig ausgenutzt fühlte, wusste ich nun durch seinen Aufsatz, dass diese Verhaltensweise exakt zu sei­nem schwierigen und egozentrischen Charakter passte. Der ungewöhnliche Text von Nix hatte mich zum Nach­denken, zum Nachempfinden gebracht. Ich war über die seltsam nüchternen und unpersönlich lakoni­schen Ausführungen des Malers über seine Jugendjahre nach­haltig erschüttert. Gerade die Form seines emoti­onslosen und knappen Berichts über seine Welt des Lei­dens und Erleidens, der Schuld und der Sühne, um die er wie ein Satellit kreiste, hatte mich be­wegt, hatte mich so getroffen,; auch wenn ich aus Ei­genschutz kleinlich an ihm herumkritisiert hatte. Nix hatte auf diese Weise einen inneren Abstand demons­trieren wollen, der ihm aber in keinem Moment gelin­gen konn­te, da zwischen den Zeilen beständig der schmerzhafte Aufschrei des Kindes, das ja noch in ihm steckte, hervor­brach.

Es gibt Texte, Kunstwerke allgemein, die wie manche Menschen den Raum Abstand missachten, den jeder benötigt und um sich herum aufbaut: Sie sind aufdringlich, sie berühren und erzeugen eine Unruhe, einen Fluchtin­stinkt. Während ich den Aufsatz von Nix las, vor allem seinen Beginn, in dem er über seine frühe Jugend, die Selbstgeißelungen und sein spezielles Verhältnis zu sei­nem Gott berichtet hatte, hatte ich beständig den unwillk­ürlichen Wunsch verspürt, zurückzuweichen, die­se ungebührliche, intime Nähe zu einem Fremden, die mir in diesem Moment keinesfalls willkommen war und mich einfach überrumpelte, zu fliehen. Doch sie wirkte in den nächsten Tagen nach, ich konnte ihr nicht entkommen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich über Nix nachdachte. Dadurch ent­stand, so schwer es mir auch fiel, langsam Verständ­nis für den schwierigen Menschen Jonas Nix, der mit Hilfe seiner Kunst zwischen den Mühlsteinen, die ihn in sei­ner Pubertät beinahe zerrieben hatten, hervorgekro­chen war. Ich selbst hatte meine eigene Jugend bei wei­tem nicht so dramatisch erlebt und ein nächtlicher Griff un­ter die Bettdecke hatte bei mir eher Erleichterung als ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Doch je länger ich über den fatalen Einfluss der Religion auf Nix nach­dachte, um so deutlicher musste ich meinem ersten Ein­druck von ihm, nämlich dem eines mittelalterlichen, anachronistischen Asketen, recht geben.

Eine Weile dachte ich ernsthaft daran, ihn zu malen und ihn auf diese, für mich natürlichste Weise zu be­wältigen. Da ich Nix aber nur aus dem Gedächtnis und nach einem grob gerasterten Zeitungsbild entwarf und diese Tuscheentwürfe und Holzschnitte auch mit zu vielen Symbolen befrachte­te, konnte nichts Echtes, Wahres und Gutes entstehen und ich gab es bald auf. Ich lege diesem Text trotzdem eines dieser doch sehr melodramatischen Skizzenblätter bei. Es ist, wie ich denke, das gelungenste von ihnen.

[Zum 21. Teil …]

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