Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (4)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Aber wo bekam sie ausreichend Wasser her, um ihre Verletzung auszuwaschen und das Fortschreiten der Verätzung zu verhindern? In ihrer Feldflasche waren nur noch ein paar Schlucke übrig. Sie reichten gerade dazu aus, um mit ihnen den staubtrockenen Mund auszuspülen. Esdas suchender Blick fiel auf die Behälter, die die Arbeitsamen hier lagerten. Konnte sie so viel Glück haben? Falls sie recht hatte, war deren Inhalt noch besser als Wasser! Humpelnd stand die verletzte Frau auf und hüpfte auf einem Bein zu den Kisten. Sie packte eine der oberen, die in ihrer Kopfhöhe auf den anderen standen und stellte sie vor sich auf den Boden. Sie war nicht sehr schwer und als sie hinunter hockte und den Deckel abnahm, sah die Sammlerin enttäuscht, dass sie bis auf ein paar Scheren und scharfe Sicheln, die die Arbeitsamen für ihre Ernte benutzten, leer war. Aber hier in diesem Lagerraum gab es ja sicher einhundert von diesen hölzernen Behältern, da würde sich schon in einem anderen von ihnen etwas Brauchbares finden lassen.

Bereits in der nächsten Kiste fand Esda, was sie suchte: Die Truhe war bis zum Rand gefüllt mit Negradi-Mooskissen. Das betäubende Mandelaroma der Gewächse stach ihr zuerst in die Nase. Das Moos war sogar noch feucht, was darauf schließen ließ, dass die Bauern sie erst am heutigen Tag von den Höhlenwänden abgeerntet hatten.

Gekocht waren die schimmligen Pflanzen die Grundlage der Grauen Suppe, die das Hauptmahlzeit der Bewohner von Es Sakr darstellte, da Negradi-Moos das einzige Nahrungsmittel war, das für alle in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Der zubereitete Brei hatte wenig Eigengeschmack, aber er war schnell sättigend und gesund. In der vertrockneten und vielerorts vergifteten Wüstenstadt unter dem Doppelfelsen des Es Sakrat-Felsens, die durch die ewige Schlacht vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt war – falls diese überhaupt noch existierte, was die meisten Gelehrten bezweifelten -, und in der es kaum mehr Tiere und nur ganz wenige Ackerflächen für viele hungrige Mäuler gab, mussten sich die Menschen mit dem Wenigen begnügen, das ihnen die Natur noch zur Verfügung stellen konnte. Und das war eben vor allem anderen jenes üppig in den Tiefen wachsende Moos, das die Arbeitsamen abernteten und an die Oberfläche lieferten. Es hatte auch noch einige andere gute Eigenschaften, als nur die knurrenden Bäuche zu sättigen. Negradi wurde gerne fermentiert und haltbar gemacht und dann mit kochendem Wasser übergossen als Tee getrunken oder zu einem starken Kräutergeist gebrannt. Ließ man es trocknen, konnte man es wie einen Zunderschwamm als Glutbehälter zum Feuermachen verwenden. Wie dieser in der nahezu baumlosen Wüste äußerst seltene Pilz wurde das Höhlenmoos bei körperlichen Beschwerden jeder Art geschätzt und war deshalb in jeder Hausapotheke zu finden. Die Arbeit der Heiler war ohne die medizinischen Eigenschaften des Negradi kaum vorstellbar.

Esda griff erfreut in die Kiste und zupfte sich etwas von dem frischen Moos, dann nahm sie die winzigen, tropfenförmigen Blätter in den Mund und zermahlte sie konzentriert zwischen den Zähnen, bis sie sich in einen klebrigen Brei verwandelt hatten. Frisches Negradi schmeckte leicht bitter, scharf und intensiv nach Minze; ein Aroma, das beim Kochen leider vollständig verflog. Durch das lange Kauen stiegen der Sammlerin die ätherischen Dämpfe durch die Nase in den Schädel. Sie sorgten rasch für einen klaren Kopf und die ziehenden Schmerzen, die seit der Detonation in ihren Schläfen pochten, verflüchtigten sich schnell. Erleichtert spuckte die auch in den Heilkünsten erfahrene Sammlerin den zerkauten Brei in ihre Handfläche und strich ihn dann vorsichtig auf die Verätzung an ihrer Fessel. Das brannte zwar zuerst höllisch, aber auch hier setzte die Wirkung rasch ein. Die betäubte und desinfizierte ihre Wunde, neutralisierte die Säure der Echse. Esda wiederholte diese Behandlung dreimal, bis sie das ganze offene Fleisch am Knöchel mit dem grünen Brei bedeckt hatte. Anschließend knotete sie sorgfältig ihr Halstuch als Verband darum. Jetzt benötigte sie nur noch ein wenig Ruhe, dann konnte sie versuchen, sich durch die Gebiete der Arbeitsamen zur Stadt hoch zu schleichen. Sie fühlte sich jetzt leichter und fast beschwingt, doch sie wusste auch, dass diese Laune durch die euphorisierende Wirkung des Negradi verursacht wurde.

Sie war so mit sich und ihrer Verletzung beschäftigt, dass sie zuerst nicht bemerkte, wie sich lautlos die Haupteingangstür ins Lager öffnete und zwei Männer ein paar Schritte hinein in den Raum traten. Gerade noch rechtzeitig wurde sie auf die beiden aufmerksam und rutschte in den Schatten zwischen der Wand und den Kistenstapeln. Sie spähte durch die Lücke zwischen ihnen nach den plötzlichen Besuchern. Hoffentlich entdeckten die Arbeitsamen nicht das Fehlen der Kisten, die sie zu sich heruntergenommen hatte! Vorsichtshalber nahm sie eine der Sicheln in die Hand, die sie im Notfall als Waffe benutzen konnte. Doch beiden Glatzköpfe, die sich in ihren braunen, schmutzigen Latzhosen wie ein Ei dem anderen glichen, warfen nur einen oberflächlichen und uninteressierten Blick in die Runde und setzten dann ihre draußen begonnene Unterhaltung fort. Esda fragte sich, wie die beiden überhaupt etwas durch die getönten, dickglasigen Schweißerbrillen, die sie über ihren lichtempfindlichen roten Augen trugen, erkennen konnten. Vielleicht hatten die Arbeitsamen ja wie die Hâmidi-Echsen in den Generationen, die ihr Stamm schon in der düsteren Tiefe verbrachte, ein zusätzliches Organ entwickelt.

»Ich sagte es dir doch, mein Samerbruder Torm! Der Lärm kam nicht von hier aus den Lagern, sondern von den Bahngeleisen weiter hinten im Fels. Wahrscheinlich ist dort eine unserer Fallen hochgegangen, weil einer der rostigen Roboter hineingelaufen ist. Sadon verfluche sie alle!«, sagte einer der beiden und lehnte sich dabei genau gegen den Stapel, hinter dem sich die Sammlerin verbarg. Sie hielt die Luft an.

»Allerdings kann eine Explosion nicht so eine starke Erschütterung auslösen«, widersprach der andere stirnrunzelnd. »Ich meine, du hast es doch auch gespürt: Es fühlte sich an, als würde der Stein selbst vor Schmerzen aufschreien. Ich habe noch immer Zahnschmerzen davon. Samervater Rhysko, unser neuer, vom Gott der Tiefe gesegneter Maier hatte recht, uns nachsehen zu lassen. Der Maier ist ein weiser und vorausschauender Mann.«

»Wenn du das sagst. Gut, wir haben nachgesehen. Und jetzt kehren wir ganz schnell wieder zu unserer Kolonne zurück. Ich möchte den Abmarsch hinunter auf keinen Fall versäumen.«

»Wäre es nicht sicherer, wir würden noch die hintere Tür ausprobieren und uns ein wenig den Zugang zum URS ansehen? Ich meine, sind wir dazu nicht verpflichtet, Samerbruder Berg?«

»Ach, Unsinn! Das können wir doch morgen immer noch machen. Der Fels ist kein Frosch, der springt uns nicht davon. Ich werde auf keinen Fall die Opferung dieses Armseligen verpassen, der den Brüdern in den Westri-Höhlen in die Hände gefallen ist!«

Esda spitzte die Ohren. Sie konnte kaum fassen, was sie da hörte. Was ging da in der letzten Zeit bei den dummen Arbeitsamen nur vor? Eine Opferung! War das zu glauben?

Die Kaste der Armseligen stellte die niedrigste Gesellschaftsschicht von Es Sakrat. Es waren Menschen, die meist unverschuldet ihre Gesundheit oder durch Unglücksfälle die Zwillinge, ihre Familie und ihre Wohnstätten verloren hatten und im Staub der Straßen bettelten und von der Barmherzigkeit der anderen lebten. Sie waren die Ärmsten der Armen und verdienten Mitleid und Hilfe. Weshalb war einer von ihnen in die Hände der Arbeitsamen geraten und warum wollten sie ihn opfern – wahrscheinlich ihrem unheimlichen Gott Sadon? Was konnte er ihnen getan haben? Auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie: Esda war dennoch sofort entschlossen, alles ihr mögliche zu unternehmen, um den Armseligen aus den Händen dieser Unmenschen zu befreien.

[Zum 5. Teil …]

Der Beginn der Geschichte:

Der Weg, der in den Tag führt
Teil I: Karukora

Als Taschenbuch oder günstiges E-Book, 380 Seiten, illustriert

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