Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (2)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

[Zum ersten Teil …]

Es schien sich um ein besonders großes Exemplar zu handeln, denn die enorme Silhouette, die sich mit einem Mal keine fünf Meter vor ihr angriffbereit auf ihre Hinterbeine stützte, war sicherlich zwei Männer hoch und ebenso breit. Hier unten gab nur noch ganz wenige dieser furchterregenden, aber langsam durch die Gänge kriechenden Echsenmutationen, die einige Jahrhunderte nach dem Untergang der Vergangenen Menschheit aus den Tiefen der Erde hervorgekrochen waren. Es war eigentlich nicht allzu schwierig, ihnen aus dem Weg zu gehen, denn sie waren nicht nur behäbig, sondern an die schwarzen, lichtlosen Höhlen angepasst. Deshalb besaßen sie keine Augen und auch keinen Geruchssinn. Zur Orientierung benutzten die Ungeheuer eine Art Echolot-Organ in der Mitte ihrer stumpfen Stirn, das wie eine große Beule aussah. Mit ihm empfingen sie Bilder ihrer Umgebung, in dem sie ununterbrochen spitze Schreie, die von den Wänden zurückgeworfen wurden ausstießen, die nur Kinder und Jugendliche hören konnten. Dazu wuchsen den Echsen dutzende, gut zwei Meter lange Nesselärmchen aus dem gewaltigen Raubtiermaul. Diese Tentakel, die eine eine starke Säure produzierten, hielten ihre bemitleidenswerten Opfer fest und verdauten sie vor. Die von den Echsen produzierte Säure konnte sogar Kalkstein zerfressen und war in Flaschen abgefüllt ein beliebtes Handelsgut auf dem Bas-Markt.

Die bevorzugte Beute der Hâmidi waren die ebenfalls blinden, tapsigen Bärchenrinder und die großen, gezähmten Tiefenasseln, die harmlose Pflanzenfresser und Nutztiere der Arbeitsamen waren und von den Negradi-Moosen lebten. Diese weichen, aschefarbenen Kissen wucherten und gediehen auch bei absoluter Dunkelheit überall in den ausufernden Höhlenlabyrinthen. Sie besaßen eine natürliche Lumineszenz, die manche Orte in der Tiefe in ein unheimliches grünes Licht tauchten. Doch auch einen Menschen verachteten die Echsen nicht, wenn sie zufällig einen erwischten. Schon viele arglose Wanderer und Schatzsucher hatten bereits in den Nessel-Tentakeln der Monster ihre Neugierde oder ihre Unvorsichtigkeit bereut. Wahrscheinlich hatten die Arbeitsamen den Gang, den Esda benutzt hatte, wegen dieser Hâmidi-Echse vermint, die sich gerade in ihre Angriffsposition brachte. Dies war keine Todesfalle für einen Sammler, sondern eine für das Ungeheuer aus der Tiefe, das ihre Herden bedrohte. Esda war nur ein Kollateralschaden bei dem Versuch der Arbeitsamen, das Vordringen der Echse zu den Inneren Höhlen und den Moosweiden ihrer Asseln zu verhindern.

All das ging Esda blitzschnell durch den Kopf, als sie ganz langsam ihre Lampe am Gürtel festhakte und erneut den Atem anhielt; diesmal jedoch wegen des kaum erträglichen, beißenden Gestanks, den das Raubtier aus seinem Maul verströmte. Trotzdem wurde ihr übel und es fehlte nicht viel und sie hätte sich erbrochen und dadurch vorzeitig die Sprengfalle ausgelöst, an der sie hing.

Dann war es so weit: Das Raubtier hatte seine vermeintlich leichte und gefangene Beute eingeschätzt und war zu der Entscheidung gekommen, dass sich ein Angriff lohnte. Esda nahm ein schrilles, unangenehmes Pfeifen wahr, das sie weniger hörte, als vielmehr exakt in der Mitte ihrer Stirn spürte. Das bislang zögernde, hypnotisch langsame und abgrundtief hässliche Ungeheuer machte sich in dem Gang vor ihr dünner und länger und mit einer plötzlichen, fast spielerischen Bewegung seines Kopfes sprang es nach vorn und spie Dutzende von seildicken, klebrigen Tentakeln aus seinem weit aufgerissenen Maul. Die Echse die Nesselarme blitzschnell ausrollen und schleuderte sie Esda entgegen, aber sie reagierte schnell.

Der lange vorbereitete und im Geiste bereits hundertmal durchgeführte Sprung gelang ihr fast perfekt. Sie warf sich mit den Armen ausgreifend nach vorne, und weiter zur Seite in die verlockend nahe Spalte im Fels. Das sah so elegant aus, als würde sie mit einem Hecht in ein Wasserbassin springen. Die nach ihr schnappenden Tentakel verfehlten die Sammlerin nur um Zentimeter. Der gespannte Stolperdraht riss endlich und was Esdas Sprungkraft nicht vermochte, gelang der Druckwelle der nur einen Wimpernschlag später erfolgenden Detonation: Sie wurde durch die Luft direkt in die schützende Öffnung getragen, flog für Momente wie ein Geschoss durch die Luft.

Die Landung auf dem Boden des Seitengangs war hart und schmerzhaft. Dreck und kleinere Felsbrocken regneten wie starker Hagel auf Esdas Rücken. Auch ihren Kopf hatte sie sich bei ihrem tollkühnen Manöver irgendwo angeschlagen. Er dröhnte und sie verlor für eine Sekunde das Bewusstsein. Aber sie war der Hauptwucht der Explosion ganz im Gegensatz zu der gigantischen Echse größtenteils entkommen. Es wurde durch die Wucht der Druckwelle gegen die Wand geschleudert und kreischte gepeinigt auf. Dann rappelte es sich sofort wieder auf, denn das gut gepanzerte Tier war zwar verwirrt, blind und taub, jedoch nicht ernsthaft verletzt worden.

Die Fangarme schlugen wild um sich und einer von ihnen streifte zufällig Esdas Fuß. Im Reflex wickelte sich sofort besitzergreifend um die Fessel ihres linken Fußes, den sie gerade in die rettende Höhle zurückziehen wollte. Das ätzende Nesselgift kam mit ihrer nackten Haut in Kontakt. Sie schrie durch den furchtbaren Schmerz, den es in ihren Fuß brannte, gequält auf. Da auch Esda von dem Lärm der Detonation der Sprengfalle taub war, hörte sie sich selbst nicht schreien. Verzweifelt griff sie um sich, um sich irgendwo festzuklammern, doch ihre Finger gingen ins Leere, fassten nur in den zentimeterdicken Staub, der auf dem spiegelglatten Boden lag. Dann wurde sie ein Stück zurückgerissen; das Raubtier holte sich sein Opfer und zog seinen Tentakel ein, mit des es die Frau eingefangen hatte.

Die mutige Sammlerin hatte alles riskiert und doch alles verloren! Schreiend und verzweifelt um sich schlagend zappelte sie an der Angel aus Fleisch und Blut, die das blutgierige Ungeheuer aus der Tiefe ausgeworfen hatte.

Esda hörte mit ihrem seit der Detonation tauben Sinn das ächzende, fast menschlich klingende Stöhnen, das markerschütternde Knirschen und dann den neuen ohrenbetäubenden Knall nicht, mit dem die durch die Explosion mitgenommenen Balken, die den Gang stützten, nachgaben und die gesamte Decke aus tonnenschwerem, massivem Gestein auf einmal herabstürzte. Das Raubtier fühlte die Katastrophe noch kommen, ließ vor Angst pfeifend von seinem Opfer ab und wollte sich zurückziehen. Aber es war zu spät. Die langsame Echse wurde unter der über ihr hereinbrechenden Felslawine begraben. Esda zog eilig ihr befreites Bein an sich heran und rutschte weiter in ihre Spalte hinein. Das rettete sie. Wie durch ein Wunder hielt die Decke in ihrem engen Seitengang, in dessen Anfang sie lag. Aber nur einen halben Meter hinter ihr stürzte krachend die Wand ein! Dabei wurde eine gewaltige, dichte Staubwolke aufgewirbelt. Gleich darauf kämpfte die Sammlerin für einige Zeit hustend und spuckend mit dem Ersticken.

Doch dann war ihr persönlicher kleiner Weltuntergang überstanden und der Staub legte sich. Eine gespenstische Ruhe folgte. Nur noch wenige Steinchen rutschten hinter der bewegungslosen, halb betäubten Esda aus dem vom Geröll verschütteten Gang auf ihre Beine, die sie bis zum Bauch zu sich herangezogen hatte. Ein paar der scheußlichen Tentakel des Echsenmonsters ragten noch aus der neuen steinernen Wand, zitterten kurz und hingen dann leblos herab. Das Ungeheuer war tot. Davon bemerkte Esda nichts, denn in ihren schmalen Gang drang kein einziger Lichtstrahl. Eine fette, undurchdringliche Schwärze und der Dreck des Einsturzes lasteten wie eine schwere Felldecke auf ihr. Lange lag sie seitlich auf dem Boden, hielt ihre herangezogenen Knie umfasst. Sie heulte vor Schmerzen und wartete aufs Sterben. Aber es ließ noch auf sich warten. Sadon, der Gott der Tiefe, hatte es offenbar nicht eilig, sie zu sich in seine eisige Gruft zu holen.

[zum 3. Teil …]

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