Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 17)

[Zum ersten Teil]

Zweite Einleitung Der Wunsch, Erfahrenes und Er­lebtes zu bewahren, es einem haltbareren und zuver­lässigeren Medium als dem Gedächtnis und der mündlichen Überlieferung zu überlassen, es einer ei­genwilligen, schöpferischen Umwandlung zu unter­werfen, scheint mir ein Grundbedürfnis zu sein, das sich trivial etwa durch Fotografieren bei Familienfei­ern, durch Poesieal­ben und Reisesouvenirs manifes­tiert. So wird ein belie­biger Gegenstand, oft auch ein Gemeinplatz, zum Fe­tisch, einem Götzen für die alltägliche Anbetung. Auch das  Führen eines Tagebuchs hat wohl hauptsächlich diesen Zweck. Darüber hinaus ist es eine Art von Selbstbetrachtung, Besinnung, Orientierung und – in einigen Fällen – der etwas unbeholfene Ver­such, die eigene Einsam­keit zu überwinden, der Wunsch, sich selbst zu hei­len, der eigene Psychiater zu sein. Dies zwingt uns mehr unbewusst als mit Willen, Vergangenes auf diese Weise für das Morgen zu konservieren.

Viele werdende Künstler beginnen sich deshalb in ihrer Pubertät mehr oder weniger dilettantisch mit einer Kunst auszudrücken, die stark Ich-bezogen und die et­was entfremdete, allegorisierte Form eines Ta­gebuchs ist; gleichgültig, ob es sich nun um Gedichte oder Bilder oder Musik oder um die Gestaltung einer Zimmerecke handelt. Gleichzeitig, und das unter­scheidet diese Kunstversuche wesentlich von einem abgeschlossenen und in der untersten Schublade des Schreibtisches ver­steckten Tagebuchheft, benötigen sie Publikum, sind sie eine Hinwendung. Sie sind gezielt als eine Art Notsignal an Dritte gerichte , als der hilflose Versuch, die eigene Ein­samkeit und Verlorenheit in den gewaltigen Gefühls­schwankungen der Pubertät zu überwinden, Kontakt zu anderen, zu Leidensgefährten, vor allem aber auch zum sexuell bevorzugten Geschlecht zu finden.

Da einem die eigene Person, die ja höchstens larven­haft existiert, dazu nicht als das geeignete Medium er­scheint, wählt man diesen doch auch pathologischen Umweg über die Kunst, hin­ter der man sich verstecken und gleichzeitig schüchtern offenbaren und sicher sein kann, dass man nur das Beste von sich zeigt.

Ich werde im Folgenden versuchen, diesen Sachver­halt und warum er letztlich scheitern muss, am Bei­spiel mei­ner eigenen Person zu erläutern. Das ist nicht einfach, da es mir scheint, dass es, je näher man eine Person kennt, schwieriger wird, Endgülti­ges über sie zu sagen. Deshalb muss es mir zwangs­läufig bei mir selbst am Schwersten fallen, meine Be­weggründe in der gebote­nen Kürze darzustellen, ohne allzu sehr zu vereinfachen und damit zu lügen. Da ich nun allerdings über mich als einen etwa Zwölf- bis Zwanzigjährigen schreiben will, also über ein Ich, das von meinem heutigen in einiger Distanz in sich abgeschlossen und beendet liegt, hoffe ich dennoch, mir wird in aller gebotener Kürze, die ein Artikel für ein Journal einfordert, ein schlüssiges Bild dieses Ichs gelingen.

Portrait eines Pubertierenden

1. Gott und die Welt Meine äußere Situation kann sich kaum günstiger gedacht werden: Meine Eltern sind be­gütert und intelligent genug, alle Veranlagun­gen und Fähigkeiten ihres einzigen Kindes im Rah­men ihrer doch beträchtlichen Möglichkeiten und Kontakte zu för­dern. Die Behütung und Führung ist nahezu perfekt, wenn auch von einer gewissen Welt­ferne und der rosa Brille einer Achtundsechziger-Mentalität geprägt. Vie­les ist seit Jahren vorbereitet, die Wahl der Erziehungs- und Internatsanstalten ge­schieht nicht nur unter dem Gesichtspunkt der opti­malen Ausbildung, sondern stellt auch den Versuch dar, alle als negativ beurteilten Ein­flüsse zu verhin­dern. Damit das Kind aus diesem sprichwörtlichen goldenen Käfig nicht ausbrechen oder gar nur aus ihm her­aussehen kann, wird ein ausgeklügelter Zeit­plan ent­worfen, der es den ganzen Tag beschäftigt und auch in den Ferien nicht zur Ruhe kommen lässt. Die freie Zeit wird vollständig von den Eltern oder Erzie­hern verplant.

Das Kind selbst ist zumindest in den ersten Jahren füg­sam, lernbegierig und mit seiner privilegierten Rolle, die es natürlich altklug gemacht hat, einver­standen. Es sonnt sich geradezu in seiner Wichtigkeit und dem Auf­wand, der um es herum getrieben wird. Schon früh entwickelt sich in dem Knaben der Glaube, er sei bedeutender als seine Altersgenossen und auf der Welt, um Großes in ihr zu beginnen. Obwohl er mit sich selbst nur wenig anzufangen weiß, empfindet er anfangs – so weit ich das beurteilen kann – keine Einsamkeit. Man lässt ihn nur selten al­lein und seinen Spielka­meraden, die selbstverständlich von den Eltern aus­gesucht sind, ist er Führer und Dikta­tor. Er nutzt diese Rolle häufig für kleinere Grausamkei­ten gegen seine Spielgefährten.

Der am Schwierigsten zu erklärende Teil seiner Psy­che ist seine wachsende, exzessive Religiosität, die fa­tal ei­nem Messiaswahn zu ähneln beginnt. Da seine Eltern al­les andere als religiös sind, ist diese Prägung wahr­scheinlich den kirchlichen Internatsschulen, die er be­sucht hat, zu verdanken. Selbstverständlich hat er für seine eigene Religion nur die autoritären und faschisti­schen Züge des Katholizismus übernommen, ansonsten ist er wie alle Kinder in seinem Alter der perfekte Pan­theist. Um für meine Zwecke ein Diktum Dostojewskijs leicht abzuwandeln: Religion ohne Gott das Schlimmste, sie kann sich bis zur größten Unsitt­lichkeit verirren.

Der Knabe entwickelt die Auffassung, dass Gott we­gen der Bedeutung, die Er ihm verliehen hat, Bußen von ihm verlangt. Diese nimmt er heimlich auf sich und sie haben viel mit den Selbstgeißelungen mittel­alterlicher Mystiker gemein. Sie sind ihm seine heimliche, uneingestandene Dro­ge: Sie erzeu­gen Rauschzustände und machen ihn süchtig. Er steckt etwa seinen Kopf so lange in ein mit Wasser gefülltes Waschbecken, bis er ohnmächtig wird und beinahe er­stickt, er fastet tagelang, indem er hinter dem Rücken der Eltern oder Erzieher sein gerade eingenommenes Essen wieder erbricht. Er brennt Warzen an seinen Fin­gern mit einer Kerzen­flamme aus oder setzt mit einer entwendeten Rasierklinge des Vaters auf die Unterseite seiner Schenkel blutige Schnitte.. Gleichzeitig betet er den ganzen Tag, lange Stücke der Psalmen oder des Katechismus auswendig hersagend. Während seines zwölften und seines dreizehnten Le­bensjahres ist sein einziger freiwilliger Lesestoff die Bibel, vorzüglich ihm dunkle Texte wie Hiob, Jesaia, Prediger oder Apoka­lypse – im Nachhinein kann ich von Glück für meine heutige geistige Gesundheit reden, dass die Eltern keine Ausgabe der gnostischen Apokry­phen besaßen. Bei seinen Lektüren gerät der Kna­be re­gelmäßig in einen Zustand rauschhafter geisti­ger und körperlicher Verzückung und bevor das andere Ge­schlecht in den Mittelpunkt seines sexuellen Interes­ses gerät, hat er seine Ergüsse zu den Texten und den Abbildungen der Bibelausgabe seiner Eltern, vorzüg­lich zu der Kopie von Mantegnas dramatischer Be­weinung des toten Christus.

Die psychologischen Gründe für sein Verhalten sind vielschichtig und hier in ihrer Komplexität unmöglich darzulegen, ohne den Rahmen des Aufsatzes zu spren­gen. Wichtig sind zusammengefasst zum einen Erlebnisse aus der frühes­ten Kindheit, dann seine fast krankhafte, si­cherlich neu­rotische Übersensibilität für Vorgänge und hysterische Gefühlsschwankungen, beide lassen sich ebenfalls auf das Kind zurückführen, das er war.

Religionsbedingt hält er seine Masturbationen lange für widernatürlich und sündhaft. Er ist überzeugt, er wäre in seiner Umgebung der ein­zige jun­ge Mensch mit diesem bösen Laster; bis ihn dann Ge­spräche unter den Mitschülern vom Ge­genteil überzeu­gen. Dennoch glaubt er weiterhin, dass er, der von Gott Bevorzugte, der sich manchmal ernsthaft fragt, ob er nicht der neue Christus sei, die­se schlechte Angewohn­heit ablegen müsse, um wirk­lich rein zu werden und Wunder vollbringen zu kön­nen. Seine schulischen Leis­tungen lassen unter die­sem sich selbst gestellten Druck nach, da das Zen­trum seines Lebens nur noch seine schamvolle nächt­liche Gewohnheit und seine seltsamen Bußen für sie sind.

Dann entdeckt er im wohlsortierten, aber ihm verbo­tenen Bücherschrank seines Vaters ein dickes, zwei­bändiges Werk, dessen schweinslederner Rücken den Titel Schuld und Sühne trägt und ihm damit genau auf seine eige­ne Situation hinzuweisen scheint. Und der Roman ist ihm tatsächlich eine Art von Offenbarung. Obwohl er ihn in kürzester Zeit liest – wie so vieles, tut er das heimlich –, ficht er einen Kampf mit dem Buch: Seine Identifikation mit Raskolnikoff, diesem hervorgehobe­nen Einzelmenschen und Nietzscheaner, der sich so be­sonders wähnt, dass er über den Tod und das Leben an­derer Menschen entscheidet, tat­sächlich aber der Ver­antwortung für seine Taten nicht entfliehen kann, diese Identifikation ist restlos. Gemeinsam mit der Romanfi­gur wird er krank und durch ein nervöses Fieber, zu dem sich dann eitrige Angina gesellt, mehrere Wochen ans Bett gefesselt.

In dieser Zeit nimmt seine Liebe zur Literatur ihren Anfang, eine Liebe, deren Inhalte sich zwar än­dern werden, nicht aber ihre Bedeutung für sein Leben. In der ers­ten Zeit versucht er, das Offenbarungserlebnis zu wiederholen, doch außer dem Beginn der Brüder Ka­ramasoff langweilen ihn die anderen Werke Dosto­jewskijs, die er sich besorgen kann. Er kommt nie über die ersten hundert Seiten hinaus. Dann liest er auf Anraten eines Schulkameraden etwas seinem Al­ter entsprechen­deres, nämlich Siddartha und gleich darauf den Steppenwolf von Hesse, und dieser Autor gibt ihm für lange Zeit genau das, was er will: Reisen in den inneren, zerrissenen Kosmos voll von über­schwänglichen Gefühlen und Selbst­mitleid; Seelenreisen, die diesen mittelmäßigen und indophilen Mystiker und hundertfünfzig Jahre zu spät geborenen Romanti­kers für Jugendliche so interes­sant machen und der deshalb von jeder Generation aufs Neue entdeckt wird. Bei dieser Lektüre spürt er zum ersten Mal, er könnte den Charakter eines Künstlers haben. Außer dem megalomanen und erzlangweiligen Glasperlenspiel liest er auch die anderen Werke Hesses.

Weiter sind es hauptsächlich E. A. Poe, André Gide und, sehr heimlich, Henry Miller, die nun seine Welt­sicht bestimmen. Seine wütende Religiosität ver­schwindet schlagartig, ebenso für eine Weile seine körperlichen Bußen; er hat sich zwar noch lange nicht mit seinem schuld- und fehlerbeladenen Ich versöhnt und ist noch immer voller Selbstvorwürfe, aber er benötigt jetzt nicht mehr die verwaschenen Konstruktionen Gott und Religion, um sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

[Zum 18. Teil …]

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