Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – Prolog (1)

Der Weg, der in den Tag führt
Teil 2: Pardais

 

Prolog
Esda in der Tiefe

Esda war kurz abgelenkt gewesen und nun hing ihr Überleben an einem zum Zerreißen gespannten seidenen Faden – und dies wortwörtlich. Sie hatte sich nur kurz nach einem der Spinnenroboter umgesehen, der an der Wand des Felsengangs in ihrer Augenhöhe an ihr vorbeigehuscht war und sie durch sein plötzliches Auftauchen erschreckt hatte. Dabei nahm sie das Licht ihrer Blendlaterne für einen Moment von dem Schienenstrang, dem sie folgte, richtete ihren Strahl gegen die Wand und machte dabei nur einen unachtsamen Schritt nach vorn.

Es war der eine Schritt zuviel. Sie blieb mit dem Schienbein an einem etwa dreißig Zentimeter über den Boden quer durch den Gang gespannten Draht hängen. Er war mit irgendeiner tödlichen Anlage verbunden, die sich durch ein lautstarkes Klicken links von ihr bemerkbar machte. Esdas Reflexe waren auf solche Hindernisse geschult und sie verharrte sofort regungslos auf der Stelle. Der Draht wurde von ihrem Bein aufs Äußerste gespannt. Er konnte jeden Moment reißen und die Falle endgültig auslösen. Sie hielt die Luft an und stieß nur einen leisen Fluch in ihrer Sprache aus.

»Drschbar! – Diese Mistviecher!«

Diese Roboter, die die bruchstückhaften Schriften auf der heiligen Wand des Großen Tempels von Es Sakrat „Deltas“ nannten, waren etwa handtellergroße Geschöpfe der Vergangenen Menschen mit vielen haardünnen Spinnenbeinchen. Sie waren zwar vollkommen harmlos und nicht interessiert an den Menschen in der Tiefe, die sie wahrscheinlich nicht einmal wahrnahmen. Aber jetzt hatte sie wegen einer dieser Roboter, die hier unten in diesen Gängen nahe der Bunker die Ratten ersetzten, vielleicht ihr Leben verwirkt.

Esda rutschte mit ihrem Bein, das den gespannten Stolperdraht hielt, einen Millimeter zurück, um den Druck ein wenig zu mildern. Noch wagte sie es nicht, weiter zurückzutreten, denn sie nahm an, dies könnte den gleichen Effekt hervorrufen wie ein Durchtrennen des Drahts. Als erstes musste sie aufmerksam ihre Umgebung erkunden. Sie leuchtete mit ihrer Kaltlichtlampe nach unten. Erschrocken zog sie scharf die Luft ein. Es war kaum zu glauben, dass der dünne Kupferdraht noch nicht gerissen war, so weit, wie sie ihn mit ihrem Schienbein nach vorne durchdrückte. Sie verfolgte seine Herkunft mit ihrem Licht nach links, von wo aus das klickende Geräusch ertönt war. Sie erkannte eine Sprengfalle, wenn sie eine sah, denn sie war hier im unterirdischen Schienennetz, wo sie ihrem Beruf als Sammlerin nachging und nach Artefakten der Altvorderen suchte, schon einigen begegnet. Sie hatte einige Erfahrungen mit ihnen und wusste, wie sie mit ihnen umzugehen hatte. Dieses Exemplar war an der Seite einer angelaufenen silbrigen Tragesäule montiert, die in regelmäßigen Abständen links und rechts die niedrige Decke stützten und an eine Entschärfung der Bombe war nicht zu denken. Die Sprengladung war nicht einmal sehr groß, aber sie würde Esda zerreißen, wenn sie sich ihrer Wucht direkt und ungeschützt aussetzte.

Hier waren Augenmaß und Millimeterarbeit gefragt. Mit äußerster Vorsicht schob sie ihr Bein zur rechten Seite und gleichzeitig wieder etwas nach vorne, um den Druck auf der kupfernen Reißleine aufrecht zu erhalten. Ihr Ziel – die bröcklige Wand, an der das andere Ende des Drahtes befestigt war -, war zwar nur zwei Meter von ihr entfernt, aber bei ihrem langsamen zur Seite rutschen noch eine ganze Stunde von ihr entfernt. Bald begann sie in dem schwülen Höhlengang, in den durch die verstopften Belüftungsschächte nur wenig frische Luft drang, zu schwitzen und die salzigen Tropfen rannen ihr über das Gesicht und fielen ihr vom Kinn. Der Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und färbte ihr dünnes, rotes Hemd dunkel. Die Hand, mit der sie die kleine Lampe hielt, begann zu zittern und nachdem sie nach einer gefühlten Ewigkeit etwa die Hälfte zwischen ihrem ursprünglichen Standort und der Wand zurückgelegt hatte, begann in ihrem nach vorn gestreckten Bein ein aufgeregter Ameisenhaufen zu wimmeln; es starb ihr langsam ab. Trotzdem ließ Esda für keinen Moment in ihrer Aufmerksamkeit nach und ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

Ihr Plan – der einzige, bei dem sie eine kleine Chance hatte, die unvermeidbare Explosion des Arbeitsamen-Sprengsatzes zu überleben -, war es, die rechte Wand zu erreichen, an der sie in Sprungweite vor sich eine Spalte im Fels entdeckt hatte, die breit und hoffentlich auch tief genug war, um sie aufzunehmen und zu schützen. Vielleicht war an dieser Stelle einmal ein Versorgungsschacht von dem Stollen abgezweigt. Doch noch war sie längst nicht an ihrem Ziel angelangt, von dem aus sie den Sprung hinein in diese Felsspalte wagen wollte. Esda war klar, wie viel bei ihrem verzweifelten Versuch, auf diese Weise ihr Leben zu retten, schiefgehen konnte. Aber sie schob den Gedanken und den Ärger darüber, in welche fatale Lage sie die Arbeitsamen gebracht hatten, weit von sich. Sie durfte sich bei ihrer Anstrengung von nichts ablenken lassen und mühte sich deshalb um einen gleichmäßigen und ruhigen Atem, während sie ihre Seitenbewegung mit der größten Behutsamkeit fortsetzte.

Hoffentlich reichte der Strom im Akku, der das Licht ihrer Dynamo-Taschenlampe erzeugte, noch aus! Sie hatte das Gefühl, der Lichtkegel würde langsam trüber und gelbstichiger. Sie konnte im Moment unmöglich in ihre Umhängetasche fassen und die Kurbel hervorholen, mit deren Hilfe sie durch schnelles Drehen die Batterie wieder laden konnte. Würde ihre Lampe verlöschen, dann wäre sie von vollkommener Finsternis umgeben und ihr Versuch, der Explosion der Stolperfalle zu entkommen, zum Scheitern verurteilt.

Nicht nachlassen! Noch ein paar Zentimeter nach rechts, die beißende Taubheit im Bein ignorieren, weitermachen, ruhig atmen. Das Zittern unterdrücken, an angenehme Dinge denken. Noch lebte Esda. Noch gab es Hoffnung, auch wenn sie nur ein Augenzwinkern von einem schrecklichen Tod entfernt war. Sie durfte nicht einfach hier unten in den Minen sterben! Das war sie ihrer Familie, die oben in der Stadt auf sie wartete, schuldig. Esda hatte täglich vier hungrige Mäuler zu stopfen, die ohne sie verloren waren, nachdem ihr Ehemann vor achtzehn Monaten am Lichtfieber gestorben war: Ihre beiden Kinder, die Zwillinge Aaha und Behara, die gerade vier Jahre alt waren und Esdas alte und gebrechliche Eltern Lena und Sol. Ohne die tapfere Frau und die Dinge, die sie unter Lebensgefahr im Untergrund beschaffte und auf dem Markt von Bas verkaufte, würden ihre Liebsten verhungern oder Opfer der Behutsamen Schwestern werden. Esda graute, wenn sie an diese Möglichkeit dachte.

Schließlich erreichte sie doch noch die Seitenwand. Sie fühlte sich gleichzeitig erleichtert und um Jahre gealtert. Es hätte sie nicht gewundert, wenn das Mahagoni ihrer kurz geschnittenen Haare in der letzten Stunde weiß geworden wäre. Inzwischen war es sicher schon Nacht in den Ebenen und die Schlacht tobte. Aber hier unten war außer ein paar sehr weit entfernten und dumpfen und unregelmäßigen Donnerschlägen nichts vom Krieg der Roboter zu hören oder zu bemerken. Das Grollen ihrer Waffen gehörte wie das Schnarchen ihres Vaters zur Untermalung jeder Nacht ihres Lebens. Esda war nun nur noch eine halbe Armlänge von dem Fels entfernt. Ihr Licht, das nun schon merklich schwächer war, hatte gehalten und sie hatte auch die Falle noch nicht ausgelöst. Vielleicht – und das wäre das Beste gewesen -, war der Auslöser der Bombe defekt. Doch daran glaubte sie nicht wirklich. Sie leuchtete nach vorne zu dem Spalt im Fels, der ihr Deckung geben sollte. So weit sie im schwindenden Licht ihrer Lampe erkennen konnte, war er breit und offenbar auch tief genug, um einen Sprung zu wagen. Esda atmete tief ein und hielt dann die Luft an. Sie hatte nur einen einzigen Versuch, Würde sie bei ihrem Sprung ausrutschen oder zu kurz springen oder nicht genau in die Öffnung fallen, dann würde sie von der Explosion erwischt und getötet werden.

Sie zählte langsam rückwärts von Fünf auf Null. Als sie bei der Zwei war, hörte sie die schweren, stampfenden Schritte eines gewaltigen Vierbeiners. Sie kamen von weiter hinten im Gang direkt auf sie zu.

»Nein, das kann nicht sein«, stieß sie ihren Atem wieder aus und hob die Lampe, die allerdings nicht mehr die Kraft hatte, den Tunnel auszuleuchten. Unheimliche Schatten lagen wie schwarze Felsnadeln vor ihr auf den Schienen und verwoben sich mit der absoluten Finsternis, die hinter ihnen lag. Dann hörte Esda das Schaben eines Panzer an der Wand. Und gleich darauf das markerschütternde Knirschen, das von den mahlenden Zahnreihen einer Nagid-Echse erzeugt wurde. Nach dem grausamen und gefräßigen Gott der Tiefe war dieses Raubtier das bösartigste und tödlichste Ungeheuer, das diese Höhlenwelt unter Es Sakrat, der Stadt unter dem heiligen Doppelgipfel, kannte. Dabei es war vollkommen egal, ob man der Nummer Eins oder der Nummer Zwei zum Opfer fiel! Und die Nummer Zwei kam direkt auf Esda zu.

[Zum 2. Teil …]

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