Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 16)

[Zum ersten Teil]

Die kritischen Blicke von Nix, die ich bohrend in mei­nem Rücken fühlte, halfen mir auch nicht eben, weiter­zukommen. Auf der anderen Seite konnte ich ihn schlecht verscheuchen. Denn ich nahm an, sein Besuch bei mir stellte doch wahrscheinlich ein Friedensangebot dar. Da ich keinen Streit mehr mit ihm wollte, war ich gerne bereit, es anzunehmen. Ich wartete auf ein einlei­tendes, vielleicht entschuldigendes Wort von ihm. Doch seit seiner etwas spät gekommenen Fra­ge, ob er denn störe, blieb er stumm. Nach einer Weile empfand ich dieses Schweigen wie eine Mauer zwi­schen uns. Es war ein Zustand, der mich immer unruhi­ger machte.

Schließlich legte ich die Kreide beiseite, klopfte meine Hände aus und wandte mich zu ihm, fragte ihn, was ich für ihn tun könne. Er betrachtete mich nachdenklich, während er mit einem schmalen Metallblättchen zwi­schen seinen Fingern spielte, das ich auf den dritten Blick als eine Rasierklinge erkannte. Hatte er sie vom Tisch aufgehoben, auf dem einige spitze Gegenstände lagen, mit denen einer meiner Kollegen seine informel­len Leinwände malträtierte? Oder hatte er sie etwa mitge­bracht?

»Ich wünsche, ich könnte so unbedarft malen wie du«, stellte Nix schließlich nach einer endlosen Pause fest, in der er mich sehr abschätzend beobachtet hatte. »Einfach frei von der Leber weg, ohne Ideologie, aus dem Bauch heraus. Kennst du Rainald Goetz?«, fragte er zusam­menhanglos. Ich schüttelte den Kopf. Er hob die Rasier­klinge, die er jetzt zwischen Daumen und Mittelfinger hielt und leicht in der Mitte durchdrückte.

»Das ist ein Schriftsteller. Inzwischen gut situiert und langweilig. Dem Rave verfallen. Aber früher, da war er noch jung und zornig. Er hat sich mal während einer Lesung aus seinen Texten mit so etwas die Stirn aufge­schnitten.« Er seufzte. »Alle guten Ideen waren schon einmal da, nicht wahr?«

Bedächtig hob er die Rasier­klinge an seine Stirn. Ich öffnete erschrocken den Mund, aber er winkte sofort ab und ließ mich nicht zu Wort kommen.

»Das war bei den Ausscheidungen zum Ingeborg-Bach­mann-Preis in Klagenfurt, wird fünfzehn Jahre her sein. Jeder liest da sein unbedarftes Geschichtchen vor und wird anschließend von der Jury mit Genuss verrissen. Sogar das Fernsehen ist dabei. Was für eine herrliche Publicity! Goetz hat laut und langsam gelesen und da­bei seine Hand mit der Klinge über die Stirn bewegt; das Blut rann ihm über das Gesicht, das Kinn hinunter, tropfte auf den kleinen Tisch, hinter dem er saß. Du musst dir das vorstellen: Links und rechts war die Jury, darunter auch Marcel Reich-Ranicki, viel Publikum im Saal und keiner unterbrach ihn bei seiner Tat, alle lauschten sie konzentriert auf seinen Text, in dem er er­läuterte, warum er das tat. Das war eine perfekte und geistreiche Handlung von ihm und ich liebe Goetz da­für. Ich habe keine Ahnung, wie man das noch verbes­sern könnte.« Er lachte und steckte zu meiner Erleichte­rung die Rasierklinge in eine Tasche seines Jacketts.

»Hat er denn den Preis gewonnen?«, fragte ich.

»Selbstverständlich nicht, was denkst denn du?« Eine weitere Pause entstand.

»Warum hast du mir das erzählt?«

»Ich weiß nicht genau, ich habe eben daran denken müssen,« antwortete er. »Ich bin eigentlich zu dir ge­kommen, um dir etwas zum Lesen zu geben. Hast du jetzt Zeit und Lust darauf?«

Ich sah erstaunt auf die Blätter, die er wieder in die Hand nahm und mir reichte. Dabei entdeckte er die Far­be an seinem Ärmel, aber sie schien ihm nichts weiter auszumachen. Es waren vier oder fünf Seiten, eng mit der Hand beschrieben. Ich nahm sie sehr skeptisch ent­gegen.

»Ich weiß nicht recht …«, zögerte ich. »Was ist das denn? Bist du jetzt auch unter die Schriftsteller gegangen?«

Nix schüttelte ernst den Kopf. »Das ist ein Entwurf für einen Aufsatz über meine Kunst, zumindest ein wichti­ger Teil davon. Ein Münchner Stadtmagazin hat mich darum gebeten. Ich habe ihn fast fertig, aber ich weiß nicht, ob er etwas taugt. Es war das erste Mal, dass ich mich an so etwas gewagt habe. Deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du es liest.«

»Warum ausgerechnet ich? Hatten wir nicht schon ge­nug Ärger?«, fragte ich, obwohl ich sofort Interesse an seinem Text hatte.

»Das ist genau der Grund. Du bist mein härtester Kriti­ker. Ich denke, dein Artikel war auf irgendeine Weise … Wenn ich ausgeglichener wäre, müsste ich zugeben …« Er zögerte. »Egal, da wir also keine Sympathie, aber doch, wie ich denke, einigen Respekt voreinander ha­ben, glaube ich, du könntest den Aufsatz ehrlich und ohne falsche Rücksicht begutachten.«

Seine Meinung schmeichelte mir. Trotzdem fühlte ich mich unbehaglich.

»Du weißt, ich arbeite nicht mehr als Journalist und du bist daran nicht schuldlos. Glaubst du wirklich, ich könnte bei dir objektiv sein?«

»Das ist eh nur ein Märchen mit der Objektivität. Wenn ich das Wort schon höre! Objektivität. Es ist ein Lieblingsaus­druck meines Onkels. Objektivität gibt es genauso we­nig wie Toleranz. Das sind Schlaftabletten wie die Reli­gion. Die haben Herrscher erfunden, damit ihnen das Volk nicht so leicht auf die Schliche kommt. Lies jetzt!«, forderte er mich unwillig auf. Gehorsam setzte ich mich auf den wackligen Tisch und begann zu lesen.

Obgleich der Text von Nix nie erschienen ist, habe ich an dieser Stelle durch die Hilfe von Theresa die Mög­lichkeit, jenen Aufsatz, den er mir zu lesen gab, folgen zu lassen – zumindest den Teil, der sich auffinden ließ. Leider fehlt der Schluss, den ich aus dem Gedächtnis rekonstruieren werde. Das ist jetzt nicht gerade literarisch, aber ich unterbreche an dieser Stelle den Fluss meiner Erzählung, weil ich glaube, dass der Text wie kein anderes Doku­ment dazu geeignet ist, ein Bild seiner schwierigen Persönlichkeit zu geben und warum er so wurde, wie er war.

Jonas kommt hier einmal selbst zu Wort.

*

WAS ICH WILL. WAS IHR WOLLT.
Aufsatz zur Kunst

Da alle meine Leidenschaften, alle meine Gläubig­keit
mich betrogen haben, da alle meine Träume zerstie­ben,
muss ich mir meine Leidenschaften selbst erschaffen
und ich habe die Kunst gewählt.
Honoré Balzac

Erste Einleitung Es mangelt mir an philosophischer und psychologischer Schulung außer der, die ich durch meine Sinnesorgane in meinem täglichen Le­ben aufneh­me. Ich verstehe mich als bildender Künstler und nicht als bedeutender Denker. Ohne Zweifel sind meine sprachlichen Fähigkeiten, in ers­ter Linie ein hier viel­leicht notwendiger wissenschaft­licher Wortschatz, die ein Aufsatz wie dieser wahr­scheinlich benötigt, be­grenzt. Zudem ist es nicht allzu gut um die Schärfe und Tiefe meiner Gedanken be­stellt, da ich weder bemer­kenswert intelligent, noch allzu fleißig bin. Insofern stellt sich freilich die Frage nach dem Sinn dieses Auf­satzes, der, mit einer Aus­nahme, nichts Neues und das nicht einmal besonders originell zu berichten weiß. So­fern die in Aussicht ge­stellte gute Bezahlung nicht schon Grund genug ist, ihn trotzdem zu schreiben (non olet!), dann ist es jene erwähnte Ausnahme, nämlich die, dass ich aufgefor­dert wurde, von mir und meiner Kunstauffassung zu schreiben. Das ist mir wichtig und hilft mir nicht zu­letzt selbst, eine klare Antwort zu fin­den. Adorno, glaube ich, hat gesagt, nur ein Kunst­werk, das eine eigene Theorie besäße, sei im Wortsinn auch ei­nes.

Doch ich denke, dies war für den Anfang genug an gut sozialistischer Selbsterkenntnis … und, selbstver­ständlich, auch selbstverliebter Koketterie.

Zweite Einleitung Der Wunsch, Erfahrenes und Er­lebtes zu bewahren, es einem haltbareren und zuver­lässigeren Medium als dem Gedächtnis und der mündlichen Überlieferung zu überlassen, es einer ei­genwilligen, schöpferischen Umwandlung zu unter­werfen, scheint mir ein Grundbedürfnis zu sein, das sich trivial etwa durch Fotografieren bei Familienfei­ern, durch Poesieal­ben und Reisesouvenirs manifes­tiert. So wird ein belie­biger Gegenstand, oft auch ein Gemeinplatz, zum Fe­tisch, einem Götzen für die alltägliche Anbetung. Auch das  Führen eines Tagebuchs hat wohl hauptsächlich diesen Zweck. Darüber hinaus ist es eine Art von Selbstbetrachtung, Besinnung, Orientierung und – in einigen Fällen – der etwas unbeholfene Ver­such, die eigene Einsam­keit zu überwinden, der Wunsch, sich selbst zu hei­len, der eigene Psychiater zu sein. Dies zwingt uns mehr unbewusst als mit Willen, Vergangenes auf diese Weise für das Morgen zu konservieren.

Viele werdende Künstler beginnen sich deshalb in ihrer Pubertät mehr oder weniger dilettantisch mit einer Kunst auszudrücken, die stark Ich-bezogen und die et­was entfremdete, allegorisierte Form eines Ta­gebuchs ist; gleichgültig, ob es sich nun um Gedichte oder Bilder oder Musik oder um die Gestaltung einer Zimmerecke handelt. Gleichzeitig, und das unter­scheidet diese Kunstversuche wesentlich von einem abgeschlossenen und in der untersten Schublade des Schreibtisches ver­steckten Tagebuchheft, benötigen sie Publikum, sind sie eine Hinwendung. Sie sind gezielt an Dritte gerichtet als eine Art Notsignal, als der hilflose Versuch, die eigene Ein­samkeit und Verlorenheit in den gewaltigen Gefühls­schwankungen der Pubertät zu überwinden, Kontakt zu anderen, zu Leidensgefährten, vor allem aber auch zum sexuell bevorzugten Geschlecht zu finden.

Da einem die eigene Person, die ja höchstens larven­haft existiert, dazu nicht als das geeignete Medium er­scheint, wählt man diesen doch auch pathologischen Umweg über die Kunst, hin­ter der man sich verstecken und gleichzeitig schüchtern offenbaren und doch sicher sein kann, dass man nur das Beste von sich zeigt.

Ich werde im Folgenden versuchen, diesen Sachver­halt und warum er letztlich scheitern muss, am Bei­spiel mei­ner eigenen Person zu erläutern. Das ist nicht einfach, da es mir scheint, dass es, je näher man eine Person kennt, schwieriger wird, Endgülti­ges über sie zu sagen. Deshalb muss es mir zwangs­läufig bei mir selbst am Schwersten fallen, meine Be­weggründe in der gebote­nen Kürze darzustellen, ohne allzu sehr zu vereinfachen und damit zu lügen. Da ich nun allerdings über mich als einen etwa Zwölf- bis Zwanzigjährigen schreiben will, also über ein Ich, das von meinem heutigen in einiger Distanz in sich abgeschlossen und beendet liegt, hoffe ich dennoch, dass mir ein schlüssiges Bild dieses Ichs gelingen mag.

[Zum 17. Teil …]

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