Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 15)

[Zum ersten Teil]

Dem Stadtrat war eine brillante Idee gekommen, wie er möglichst billig mehrere Fliegen mit einer Klappe schla­gen und zugleich etwas für sein stark angekratztes Image als Förderer der schönen Künste tun konnte: Ein abbruchreifes und verwahrlostes altes Gebäude, in dem sich bis Mitte der Achtziger Jahre das Finanzamt be­funden hatte, das jedoch eine geschmacklos neogoti­sche Fassade besaß und deshalb unter Denkmalschutz stand, war den Damen und Herren schon lange ein Dorn im Auge. Zumal es in einem sanierungsbedürftigen Stadtteil lag. Ein Abriss kam ja nicht in Frage und natürlich gab es keine Gelder, mit denen man das marode Bauwerk restaurieren oder auch nur in einem erträglichen Zustand erhal­ten konnte.

Bald hatten ein paar tüchtige „Instandbesetzer“, wie sich die Autonomen damals noch rührend naiv nannten, jenes leerstehende Objekt entdeckt, waren dort mit Kind und Kegel eingezogen und brachten es durch ihre Aktionen bayernweit für ein paar Wochen ins Ge­spräch und in die Tagespolitik. Mit enormem Polizei­aufwand wurden diese Linken zwar durch eine Zwangsräumung vorerst aus dem Gebäude und das Problem aus der Welt geschafft, die Stadträte sahen sich aber gezwungen, nun doch etwas gegen eine Wiederholung dieser ruchlosen Tat zu unter­nehmen. Dies geschah in einer für ihre Verhältnisse unge­wohnten Eile. Bereits nach vier Jahren intensiven Nach­denkens in einem extra dafür gegründeten städtischen Aus­schuss wurde eine ebenso einfache wie geniale Lösung geboren:

Aus dem heruntergekommenen Gebäude, das einen ziemlich schlechten Ruf besaß, wurde als haltbare und noch heute andauernde Zwischenlösung das KunstWerk. Mit dieser simplen Titelvergabe glaubte man den legen­dären Phönix aus der Asche geschaffen zu haben. Im Erdgeschoss zog eine freie Theaterbühne ein, in den ers­ten Stock eine Drogenberatungsstelle und eine Abtei­lung der Fachhochschule. Die kleinen Zimmerchen in der zweiten Etage wurden gegen ein geringes Entgelt als Ateliers zur Verfügung gestellt. Das dritte Stockwerk wie auch der Dachboden, in dem noch eine Anzahl Fi­nanzakten lagerten, waren wegen der Einsturzgefahr nicht mehr begehbar.

Auf diese Weise war die Angelegenheit zu aller Zufrie­denheit gelöst. Diese Zwischenlösung würde so lange funktionieren, bis eines nicht mehr allzu fernen Tages das KunstWerk über den Köpfen der Leute zusam­menbrechen würde. Auch ich teilte mir eines der en­gen Zimmer im zweiten Stock mit zwei meiner Kollegen als Atelier und schickte immer, wenn ich dort malte, zu­erst ein Stoßgebet zur trügerischen Decke, von der je­des Mal, wenn jemand den Fahrstuhl benutzte, ein we­nig Staub und Verputz herabbröckelten und ein lang­sam länger werdender Riss malerisch die Wand an der Fensterseite krakeelte.

Einige Wochen waren seit dem für mich so peinlichen Fest bei Sontheimer vergangen und in meinem Leben war längst wieder der Alltag eingekehrt. Meine Freundin Christine war aus Regensburg heimgekommen, die Lack­farbe und der Ausschlag in meinem Gesicht nur mehr eine böse Erinnerung und die Ausstellung von Nix vorbei und damit aus dem Gespräch verschwunden. Gut, man redete noch über ihn, aber er war nicht mehr die Sensation, die die Ge­müter bewegte. Es waren, wie in dieser Stadt normal, schnell eine Gewöhnung und gähnende Langeweile eingetreten. Ich hatte zwar ge­hört, dass es längst auch in München als chic galt, sich einen echten Nix über das Bett zu hängen und er sich vor Anfragen von Großstadt-Galerien kaum retten konnte; aber ich war fest entschlossen, mich deswegen nicht mehr aufzuregen und dadurch ein Magenge­schwür zu riskieren. Das alles würde ich aussitzen. Ich nahm Nix‘ Erfolg als eine vorübergehende Geschmacksverwir­rung; eine Übergangsphase, bis irgendwann mein Tag kommen und die wahre Kunst respektiert würde. Was konnte mir der Aufstieg dieses Malers jetzt auch bedeu­ten, nachdem ich nicht mehr journalistisch arbeitete? Es war in der Tat besser, wenn ich mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmerte und an meinem Œuvre schuf.

Ich hatte durch die Auseinandersetzung mit Nix etwas gelernt. Nämlich, dass ich meine Kunst in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt und nur noch hübsche, aber beliebige und bunte Bilder ohne Aussage oder Ge­schmack geschaffen hatte. Ich war nun fest entschlos­sen, das zu ändern und verbrachte jede freie Minute im Atelier. Gleichzeitig war ich freilich in arger Geldverle­genheit. Ich hielt mich neben meiner Kneipenarbeit mit Gelegenheits- und Hilfsarbeiterjobs vom Arbeitsamt über Wasser, die an meinen Nerven und Kräften zehr­ten. Es war an der Zeit, mir für für meine Zukunft etwas Solides zu überlegen und mir eine Karriere auf die Beine zu stellen. Zu­rück zur Post gehen und Briefe zustellen wie im Vorjahr wollte ich auf keinen Fall. Lange würde es sich Christine nicht mehr gefallen lassen, dass sie den Großteil der gemeinsamen Haushaltungskosten und üb­rigens auch der Hausarbeit bestritt. Zusammenge­fasst tat sich also etwas bei mir und daran war nicht zu­letzt Nix schuld. Ich war mir dessen auch durchaus dankbar bewusst.

Ich weiß nicht, ob Nix zufällig im KunstWerk zu tun hat­te und sich spontan zu einem Besuch entschloss, als er meinen Namen ne­ben zwei anderen an eine der Türen gepinselt sah. Viel­leicht hatte er mich auch gezielt gesucht. Er kam auf je­den Fall eines Tages vollkommen überraschend zu mei­ner Ateliertür hereingeschneit und setzte sich, nachdem er ein paar alte Zeitschriften zur Seite geschoben hatte, lässig auf den einzigen Stuhl. Er benahm sich so selbstver­ständlich, als würde er das jeden Tag machen. Dann kramte er aus seiner Jackentasche ein paar beschriebene Blätter heraus, die er umständlich neben sich auf die Armlehne legte. Er tat die alles in einer ausgeglichenen und ruhigen Stimmung, als wäre er ein guter Freund und sein Besuch eine Normalität.

»Störe ich?«, fragte er und sah sich, als ich abwartend mit den Schultern zuckte, ruhig und interessiert in dem kleinen Raum, der einmal das Amtszimmer eines Rechnungsprüfers gewesen war, um. Es war völlig anders als das seine: Obwohl ich mich in einem beständigen Kampf gegen den sich aufhäufenden Dreck in diesem Augiasstall be­fand, herrschte immer eine chaotische Unordnung, zu der meine beiden nachlässigen malenden Kollegen und die Enge der von uns euphemistisch zum „Atelier“ er­nannten Abstellkammer beitrugen. Dabei hatten wir noch Glück, denn das Zimmer war eines der wenigen, das mit einem Waschbecken ausgerüstet war. Niemand, der den Raum betrat, verließ ihn ohne Flecken von Öl­farbe an Kleidung oder Haut. Auch Nix lehnte in die­sem Moment – natürlich ohne sich dessen bewusst zu sein – halb mit dem Arm in einer noch feuchten Palette.

Sein Blick war längst an einer Reihe von kolorierten Lin­oldrucken hängengeblieben, die er mit leicht geschürz­ten Lippen und zusammengekniffenen Augen begut­achtete. Es waren neue Arbeiten von mir, die ich zum Trocknen an die Wand geheftet hatte. Sie waren ein Auftrag von einem hiesigen kleinen Verlag; es sollten Il­lustrationen zu einer Erzählung von Nikolaus Klammer werden, die dort im Sommer veröffentlicht werden sollte. Ich hatte diese kaum bezahlte Arbeit durch die Vermittlung des seltsamen Autors erhalten, den schein­bar so etwas Ähnliches wie sein Gewissen plagte. Viel­leicht hatte er auch nur Mitleid. Ich war mit meinen Er­gebnissen im Großen und Ganzen durchaus zufrieden. Ich fand, die Drucke passten exakt zu dem lapidaren Text, den sie bildhaft machten. Obwohl Nix seine Mei­nung für sich behielt, war es seiner Miene deutlich anzumerken, dass er zu einer anderen Meinung kam und ihm meine Linolschnitte nicht gefielen. Aber alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen.

Da er keine Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen, mühte ich mich in eine gleichgültige Haltung und widmete mich wieder meinem Kreideentwurf für ein abstraktes Gemälde. Das war ein Versuch, der leider viel zu sehr nach Kandinski aussah. (Ich hatte gerade von diesem Maler sein theoretisches Werk Punkt und Li­nie zu Fläche gelesen.) Zudem verursachte jede Verände­rung, die ich probeweise vornahm, ein schmerzliches Ungleichgewicht in den Elementen der Komposition. Ich steckte fest.

[Zum Teil 16 …]

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