Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 13)

[Zum ersten Teil]

»Gib nicht so an. Dir schüttet zumindest kein Kulturbonze von der CSU KO-Tropfen in den Drink und versucht an­schließend, dich zu vergewaltigen. Wann kommt endlich der Tag, an dem wir Frauen uns gegen die Übergriffe der Männerwelt zur Wehr setzen? Im Übrigen: Ich wür­de dein Zeug auch nicht lesen«, sagte Clara gelassen und schätzte die Situation vollkommen falsch ein.

Für eine Schriftstellerin, der in ihren Büchern nichts menschliches fremd war, hatte sie ein äußerst schlechtes Einfühlungsvermögen in Favelkas Qualen. Er sah Clara ei­nen Augenblick mit offenem Mund fassungslos an, dann schüttete er ihr mit einer raschen Bewegung seinen Wein ins Gesicht. Wir drei wichen einen Schritt voneinander zurück, selbst Favelka schien von seiner eigenen Tat überrascht. Die bekleckerte Autorin wischte sich ruhig mit der Hand über das Gesicht, zeig­te aber sonst keinerlei Reaktion. Sie hatte ein unglaub­lich dickes Fell. Eine peinliche Pause entstand, denn nie­mand von uns hatte für solch eine Situation ein Verhaltensrepertoire parat, um sie aufzulösen. Ich sah mich um. Nur wenige Augen­paare musterten uns neugierig, den meisten war in dem Lärm und dem Trubel nichts aufgefallen.

»Du bist ein Idiot, Horst«, stellte Clara endlich mit stoi­scher Ruhe fest, dann zuckte sie mit den Schultern und be­gann plötzlich zu lachen. »Mein Gott, was bist du für ein Idiot! So schlecht ist der Wein nun auch wieder nicht. Wenigstens war nur noch ein Schluck drin.«

Auch Favelka beruhigte sich erstaunlich schnell, das heißt, er schluckte seinen Zorn hinunter. Sein Gesicht glättete sich zu einem müden Lächeln und er senkte beschämt den Blick.

»Entschuldige bitte«, sagte er. Es war nicht zu erken­nen, wen von uns beiden er ansprach. »Ich habe mich manchmal nicht im Griff. Schick mir die Rechnung für die Reinigung deiner Kleidung.«

Clara nickte zustimmend und wandte sich zu mir.

»Du wirst jetzt eine schöne Meinung von unserer Ge­sprächskultur haben«, lächelte sie. Offensichtlich wollte sie zur Tagesordnung übergehen. Ich tat ihr den Gefallen und schüttelte widersprechend den Kopf.

»Ich bin euch im Gegenteil dankbar. Es lenkt mich ab.«

»Ich habe schon gehört, dass es dir im Moment nicht so besonders geht. Du sollst Schwierigkeiten mit Werner haben.« Ich war überrascht, wie schnell sich so etwas herum­sprach.

»Ja, ich habe Ärger wegen Jonas Nix«, bekannte ich zögernd. »Ich halte ihn einfach nicht für den neuen genialen Stern am Malerhimmel, den alle aus ihm ma­chen, sondern lediglich für ein durchaus beachtliches Talent, an dem es viel zu kritisieren und zu entwickeln gilt.«

»Er ist noch jung«, warf Favelka interessiert ein. Auch er schien seinen Wutanfall bereits vergessen zu haben. »Da muss das doch auf der Hand liegen.«

»Das denke ich auch«, bekräftigte die Szczesny, ein Stück ihrer Bluse mit den Händen gegen das Licht hal­tend. Dabei rutschte ihr Ausschnitt zur Seite und gab den Blick auf eine atemberaubend geformte Brust frei. Mir wurde plötzlich heiß und ich sah, dass es auch Horst nicht anders ging.

»Ich kann euch beim besten Willen nicht sagen, was da wirklich los ist«, erwiderte ich und versuchte, an der so offen zur Schau gestellten Schönheit vorbeizusehen.

»Entweder sind es tatsächlich seine Beziehungen, die die Mafia wirken, oder …, nun, ich weiß, das klingt ein wenig pa­ranoid, vielleicht liegt es an der Kraft seiner Bilder, die die Leute, ich kann es nicht anders sagen, verhext. Mir selbst ist so etwas im letzten Jahr mit einem Bild von mir pas­siert, was zu einer ziemlichen Katastrophe führte.* Es ist allerdings unfassbar, was ich mit meiner Kri­tik für einen Zorn gegen mich provoziert habe. Es gab sogar An­schläge auf meine Person«, sagte ich, und bemühte mich, dabei dramatisch zu klingen.

Als wolle sie meinen Worten Nachdruck verleihen, er­hielt ich in diesem Augenblick vollkommen unvorberei­tet eine schallende Ohrfeige von Theresa Windisch.

Sie hatte sich unbemerkt genähert. Der Schlag tat in der ers­ten Schrecksekunde überhaupt nicht weh. Meine nächste Reaktion war sogar, sie überrascht und freundlich zu grüßen. Ich streckte ihr aus diesem Grund bereits meine Rechte ent­gegen, als mir auffiel, dass irgend etwas nicht stimmte. Dann spürte ich einen heftigen Schmerz auf meiner Backe brennen und hob deshalb meine unnütze Begrüßungshand lieber an die wunde Stelle. Favelka und die Szczesny began­nen überrascht gleichzeitig zu lachen. Einige der Umstehenden stimmten mit der Entwicklung der Situation zufrieden in das Gelächter ein. Es hatte sich gelohnt, nach Favelkas Weindusche für die Autorin weiterhin verstohlen in der Hoffnung herüber zu sehen, um Zeuge eines erneuten Showeffekts werden zu können. Einer applau­dierte sogar.

Theresa sah sich mit zornigem und verkniffenem Ge­sichtsausdruck nach den Spöttern um, die bis auf Favel­ka sofort alle betreten verstummten und sich wieder um ihre Angelegenheiten kümmerten. Allein Horst lachte weiter, steigerte sich in einen atemlosen Krampf, der um seine Gesundheit fürchten ließ. Theresa wurde noch bleicher, als sie es von Natur schon war und jetzt wirkte sie, als würde sie gleich weinen, was ihrem raffinierten Makeup sicherlich geschadet hät­te. Ihr Zorn schien wie weggeblasen. Sie wirkte nun sehr verschüchtert. Der Augenblick für einen raschen Entschluss war gekommen.

Ich raunte Favelka zu, er solle an seinem Gelächter ersticken, nahm Theresa unter den Arm und schob sie durch den Raum zu einer Tür, von der ich hoffte, sie wäre nicht verschlossen und würde in ein leeres Nebenzimmer führen. Sie leistete keinen Widerstand. Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken ihres freien Armes über die Nase. Eine Menge Leute wurde jetzt auf uns aufmerksam. Sie sa­hen uns interessiert zu, während ich uns einen Weg durch die Gruppen bahnte. Ich erreichte die Tür und öffnete sie mit Schwung. Dahinter war leider nicht das erhoffte Zimmer, sondern lediglich ein Wandschrank und er war wirklich nicht sehr ordentlich eingeräumt. Ein Besen, ein Eimer und eine Staffelei fielen mir entgegen, dann polterten sie an mir vorbei und mit gehörigem Lärm auf den Boden. Eine geöffnete Flasche mit Klarlack kippte aus einem Regal und rollte, sich gluckernd leerend, zwischen mei­nen Beinen hindurch in den Raum.

Ich hatte fertiggebracht, was nicht einmal ein Feuer­alarm bewirkt hätte: Alle Gespräche verstummten, hun­dertfünfzig Gesichter wandten sich zu uns. Die Combo spielte noch ein paar schräge Töne, dann merkten auch die Musiker, dass etwas nicht stimmte. Wenn nicht Fa­velka weiterhin schrill gelacht hätte, wäre es in der Hal­le so still wie auf einem Friedhof gewesen. Ich sah mich nach einem Mauseloch um, in dem ich mich verkriechen konnte. Dabei entdeckte ich in der Nähe eine eiserne Wendeltreppe, die nach oben auf die Galerie führte. Ich schleppte die noch immer widerstandslose Theresa die Treppe hoch. Oben entdeckte ich den eigentli­chen Wohnteil der Halle. Ein hinter einem grauen ledernen Vorhang verborgener Gang führte zu mehreren Räumen. Ich ver­suchte auf gut Glück eine Tür. Sie führte in ein Zimmer, in dem nur eine kleine Lampe ein dämmriges Licht ver­breitete und in dem einige von Sontheimers seltsamen Pappskulpturen standen. Ich schob Nix Freundin hin­ein, dann schloss ich hinter mir die Tür. Ich lehnte mich erschöpft gegen sie. Durch das Holz war zu hören, dass wieder Musik gespielt wurde. Favelka verschluckte sich hustend. Dann begannen alle wie auf ein geheimes Kommando laut durcheinander zu reden. Es wurde viel gelacht.

Erleichtert atmete ich aus. Schlimmer konnte es nun nicht mehr werden; in meinem ganzen restlichen Leben nicht mehr. Ich war mir sicher: Ich hatte eben den pein­lichsten Augenblick meines Daseins auf Erden hinter mich gebracht. Theresa empfand wahrscheinlich ähn­lich, sie wandte sich errötend ab und rieb sich über die Augen. Wir hatten seit der Ohrfeige noch kein Wort ge­wechselt. Mir kam meine noch immer schmerzende Ba­cke in den Sinn.

»Also«, fragte ich; etwas von oben herab, wie ich zuge­ben muss, »was war denn das, Theresa? Bist du von al­len guten Geistern verlassen?«

[Zum 14. Teil …]

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* siehe: „Die Lichtung“, Erzählung

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