Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

Juel erwachte vom unruhigen Blöcken der Kamele, in das sein eigener armer, durstiger Maulesel klagend einstimmte.

Er öffnete die verklebten Augen und richtete sich vorsichtig auf. Dabei versuchte er, sich so langsam wie möglich zu bewegen, um jede unnötige Anstrengung zu vermeiden. Solch eine mörderische Hitze, wie sie über dieser vollkommen leblosen Wüste waberte, in der es außer ihnen nur ein paar giftige Echsen gab, die auf einander Jagd machten, hatte er noch nie erlebt; auch nicht in den Ruinen südlich von Nearoma, wo er vor einigen Monaten zufällig auf den wertvollen Gegenstand gestoßen war, nach dem er beinahe zehn Jahre geforscht hatte. Jetzt musste er eigentlich nur noch heimkehren und sein letztes großes Abenteuer beginnen. Doch die Neugierde auf Pardais hatte ihn daran gehindert. Nun wartete er schon so lange, da kam es auf ein paar weitere Wochen auch nicht mehr an. Und wer weiß: Vielleicht fand er ja in den Ebenen des Ewigen Krieges eine Abkürzung oder einen Zug, der dort unten auf ihn wartete. Das war ihm schließlich schon einmal passiert und auf diese Weise würde er seinem hartnäckigen Verfolger und ehemaligen Freund Jac Javac Mauvaise ein Schnippchen schlagen, den er schon ganz nah auf seiner Spur vermutete.

Aber … uff, was für eine Hitze! Obwohl Juel im Schatten unter einer eilig aufgeschlagenen Zeltplane lag, die er und Tonino, der in seiner Nähe schnarchte, seitlich an seinem Kaufmannswagen befestigt hatten, drang sie ihm in alle Poren. Er wunderte sich, dass davon nicht sein Fett schmolz und er eines Morgens spindeldürr erwachte. Er richtete sich auf und sah zu den anderen, die in seiner Nähe ebenfalls auf Schattenplätzen unter aufgespannten Planen lagen. Allein Adelph schlief nicht. Er hockte auf seiner dünnen Decke und schien nachzudenken, starrte mit leerem Blick ins Nichts. Juel zuckte mit den Schultern und kroch zu ihm hinüber. Er konnte sowieso nicht mehr einschlafen.

Er setzte sich neben den Mönch, der inzwischen auch aufgrund von Juels heilenden Händen im Großen und Ganzen von seinen Verletzungen genesen, aber noch immer erschreckend mager und ausgezehrt war und schnell ermüdete. Niemand hatte bei der hektischen Flucht unter der brütenden Sonne dieser nicht nur sprichwörtlich „toten“ Wüste Speck ansetzen können, aber wenigstens war Adelf, dessen äußere Erscheinung immer mehr einem irren Hindersohn-Asketen glich, gesund und kräftig genug, die Strapazen der Reise zu den Ebenen auszuhalten.

Juel fragte sich, was die wahren Gründe waren, aus denen der Mönch, der der größte Pechvogel war, dem er je begegnet war, dem Trupp in die Wüste gefolgt war. Bei allen anderen war ihm ihr Antrieb klar. Er konnte als mutmaßlicher Attentäter auf den Namenlosen nicht in Karukora bleiben, das war klar. Aber warum sich Adelf nicht nach Norden in Richtung Italmar abgesetzt hatte, wusste Juel nicht. Konnte es wie bei ihm selbst nur eine einfache Neugierde auf Paradis sein oder hatte er andere, undurchsichtigere Gründe? Bislang hatten die beiden alten Bekannten noch nicht die Gelegenheit gehabt, darüber zu reden. Vielleicht ja jetzt, während die anderen schliefen und die beiden jungen Leute, die gute Ohren hatten, auf Erkundung waren.

Er wartete eine Weile auf eine Reaktion des in sich verschlossenen Adelf. Als keine kam, räusperte er sich respektvoll. Damit weckte er den Mönch endlich aus seiner Trance. Adelfs Blick wurde klar. Etwas unwillig sah er zu Juel, aber er lächelte.

»Soll ich dir etwas Wasser bringen?«, fragte der Dicke. »Allzu viel haben wir ja nicht mehr, aber …«

»Nein, danke. Es geht mir gut«, erwiderte der Mönch abgelenkt und sah sich prüfend um, als müsse er sich erst einmal vergewissern, unter welchen Umständen er nach seiner Geistesreise erwacht war.

»Ich war eben weit, weit weg. Es ist gut, dass du mich zurückgeholt hast. Ich werde wohl ein wenig vorsichtiger sein müssen, wenn ich mich nicht irgendwann einmal endgültig verlaufen will und dann nicht mehr in meinen Körper zurückkehren finden kann.«

»Wo warst du?«

»Es ist merkwürdig. Seit meinem Kontakt mit dem alten Baum hat sich meine Gabe verändert, ich möchte sagen, erweitert, ausgedehnt. Früher konnte ich nur durch Dinge sehen, die in meiner nächsten Nähe waren und die ich berühren konnte. Inzwischen fliegt mein Geist wie ein Falke hoch empor und meilenweit im Rund. Wenig bleibt mir noch verborgen. Doch ich beherrsche diese neue Fähigkeit noch nicht vollständig und ich verstehe sie auch noch nicht. Ich muss mich anstrengen und meinen inneren Blick auf einen bestimmten Punkt richten, sonst überwältigen mich die Eindrücke, die auf mich einströmen. Sie sind wie eine große Hafenwelle, der ich ungeschützt ausgesetzt bin. Hier in der Wüste kann ich jedoch gut üben, denn sie ist so leer, nirgendwo ist etwas, das mich mehr einschränkt oder begrenzt. Wahrscheinlich könnte ich mit meinem Geist über die Ebenen des Ewigen Krieges hinaus bis zum östlichen Rand der Welt sehen, aber der Gedanke erschreckt mich und ich fürchte mich davor, mich so weit von meinem Körper zu entfernen. Mir war vor meiner Begegnung mit dem Falkenthron nicht bewusst, wie stark der Sinn ist, den mir der grüne Strahl noch im Mutterleib geschenkt hat. Ich glaube inzwischen wirklich, wenn ich es versuchen will, dann kann ich nicht nur durch Wände sehen, sondern auch vorwärts und rückwärts durch die Zeit. Doch dorthin will ich nicht, denn ich glaube, mich erwartet in der Zeit eine glutrote Feuerwand, die mich verbrennt.«

Viele Worte, die wenig erklärten, und keine Antwort. Juel wiederholte seine Frage:

»Und wo warst du eben, als ich dich weckte?«

Der da neben ihm auf der dünnen Decke saß, erkannte er mit Schrecken, der war ein Fremder. Der war nicht mehr der freundliche, tollpatschige Mönche, den er vor zehn Jahren auf der Burg Nordergal kennengelernt hatte. Wenn Juel diese Veränderung hätte benennen müssen, hätte er gesagt, Adelf habe seine Unschuld verloren. In Situationen, in denen der Mönch früher nur gelacht oder eines seiner Lieder gesummt hätte, wurde er nun schnell zornig oder versank stundenlang in dumpfem Brüten. Der Dicke fragte sich nicht zum ersten Mal, was seit seiner langen Abwesenheit alles im Kirchenstaat vorgefallen war. Es konnte doch nicht alleine daran liegen, dass mit Hierion Ederwerfh ein ewig Gestriger oberster Abbas und Ratsvorsitzender geworden war, der von der Wiederherstellung der alten Größe träumte und von der Ausrottung aller Andersgläubigen und Heiden.

Ob Adelfs Entscheidung, der Gruppe nach Pardais zu folgen, etwas mit dieser dunklen Gewitterwolke zu tun hatte, die über Italmar schwebte?

Adelf atmete tief ein und bedachte Juel mit einem merkwürdigen, fast mitleidigen Blick, als er sich endlich dazu herabließ, die Frage zu beantworten.

»Mein Geist flog mit unseren beiden jungen Freunden Semira und Selin, denn irgend etwas ließ mich besorgt um sie sein. Es fühlte sich wie ein Wurm an, der in meinem Herzen nagt. Sie haben inzwischen die Kuppel erreicht, die sie untersuchen und in die sie womöglich sogar einen Eingang hinein finden wollten«, erklärte er so umständlich, als wolle er ein Buch diktieren.

»Du hast gesagt, du hättest solche Bauwerke schon einmal früher gesehen und betreten und es wäre wahrscheinlich ein alter Bahnhof aus der Vorgängerzeit, noch älter als das Schlachtfeld, an dessen Rand er steht.«

»Genau. Und soweit ich die Schlüsselkarte – den Weg, der in den Tag führt – mit meinen Geräten auslesen konnte, ist der Bahnhof auch der Ort, von dem aus wir von den Kämpfen unbeschadet Pardais erreichen können«, warf Juel ein.

»Ich habe versucht, meine Sinne zu erweitern und durch die Wände der Kuppel in ihr Inneres zu sehen. Es gelang mir, den Schleier der ewigen Finsternis zu lüften und für einen kurzen Moment hinein zu spähen. Ich sah nur einen winzigen Moment und wenig und undeutliches. Doch ich bin mir sicher: Dort drinnen lauert ein Monster in der Finsternis, das lebendig ist und böse. Und es ist uralt. Ich sah zwei glühende Augen, die mich direkt anzublicken schienen. Sie brannten wie Kohle in der ewigen Schwärze. Was immer dort unten ist – ob Mensch, Daimon oder Inet selbst -, es will uns nichts Gutes und wir sollten uns davor hüten.«

Juel wurde unbehaglich, als er die Möglichkeiten durchging.

»Bist du dir denn sicher? Kein Wesen kann sechstausend Jahre in vollkommener Finsternis überleben. Den Golemen gelingt das, aber doch nicht etwas Lebendigem! Es sei denn …«, er verstummte und las in Adelfs Augen, dass diesem der gleiche Gedanke wie ihm gekommen war.

»Ich dachte, wir wären vor zehn Jahren alle losgeworden. Wenn dort in der Kuppel einer der Unsterblichen, ein As‘Teorfan, haust, dann muss er in der langen Zeit komplett wahnsinnig geworden sein.«

 

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 3)

  1. Pingback: Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: