Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 10 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

10. Kapitel
Der Weg, der in den Tag führt

»Das verspreche ich dir. Weder im Leben noch im Tod werde dir jemals fern sein, Stern meiner Augen!« Semira lächelte ironisch, aber sie nahm das überschwängliche Kompliment an.

»Das will ich dir auch geraten haben.« Selin nickte und lächelte optimistisch. Er hätte sie gerne noch weiter angehimmelt, aber die Zeit war dafür zu knapp.

Seine Gesichtszüge wurden augenblicklich ernst und sorgenvoll, nachdem sich das Mädchen von ihm abgewendet hatte und die Kuppel auf dem weißen Sand, der auf ihr lag, mehr hinabrutschte, als hinunterstieg. Unten angekommen, drehte Semira sich noch einmal um und winkte, dann folgte sie eilig den Spuren, die die beiden vorhin im Sand hinterlassen hatten, als sie vom Lager zu dem Vorgängergebäude gegangen waren. Die geschützte Stelle, an der Tante Sirtis, Alis, der seltsame Mönch Adelph, Juel und sein schweigsamer Diener Tonino auf ihre Rückkehr warteten, war nur eine knappe halbe Stunde Fußmarsch entfernt, lag aber gut versteckt in einer Senke und war von der Kuppel und auch von den fernen Hügeln aus, wo ihre Verfolger aufgetaucht waren, nicht zu sehen. Wenn jedoch der Spähtrupp der Armee des „Unterwerfers“ seine Stoßrichtung beibehielt – und ganz danach sah es für Selin aus -, würde er unweigerlich auf die Flüchtigen stoßen. An einen Kampf war nicht zu denken. Selbst Juels Tricks würde sie nicht vor den gut ausgebildeten und schwer bewaffneten Treuwächtern retten. Die einzige, die sich vielleicht der Soldaten hätte erwehren können, wäre Semiras ehemalige Dienerin Jalah gewesen, doch sie hatte sich am östlichen Stadttor von Karukora von der Gruppe getrennt, um ihre Beute zur Diebesgilde zu bringen.

Deshalb war es die einzige Chance der Flüchtigen, noch vor den Verfolgern die Kriegszone der Kampfmaschinen zu erreichen und geschützt durch den merkwürdigen Schlüssel, den sie aus dem Falkenthron gestohlen hatten, Richtung Pardais weiterzuziehen. Dorthin konnte ihnen die Armee des Namenlosen nicht folgen. Auch wenn sie nach sie nach den Maßstäben von Selins Jahrhundert hervorragend ausgerüstet und mächtig war, hatte sie doch gegen die Golem-Heere, die sich jede Nacht auf den Ebenen bekriegten, nicht die geringste Chance. Aber zuerst musste Selins kleiner Trupp in dieses Gebäude gelangen, auf dem er stand. Juel hatte es als Haltestelle einer Vorgänger-Untergrundbahn identifiziert. Wie sollte es Selin gelingen, hier einzudringen?

Er stampfte einmal fest mit dem Fuß auf die Glasfliese, die er vorhin vom Sand befreit hatte und erzeugte damit keinerlei Wirkung. Außer einem Knacken in seinem Bein war nicht einmal ein Geräusch zu hören. Wie dick war diese Glasdecke und konnte er sie überhaupt mit Gewalt zertrümmern? Selin bezweifelte es. Er kniete sich wieder hin und fegte sorgfältig auch von den Rändern der Fliese den Sand weg, bis er ihre Fugen komplett freigelegt hatte. Das Glasquadrat war etwa zwei Fuß auf zwei Fuß groß und er würde sich durch die entstehende Öffnung quetschen können – falls es ihm gelang, die Fliese aus ihrem Verbund zu lösen. Selin kratzte mit einem Fingernagel an dem Fugenmaterial, das sich jedoch nicht wie erhofft bröcklig, sondern fest wie massiver Stein anfühlte. Das musste er den Vorgängern lassen: Ihre Bauwerke, auf die man überall auf der Welt und auch hier in der Wüste häufig stieß, waren für eine Ewigkeit errichtet; auch wenn es inzwischen meist nur leere Hüllen waren, die, falls sie zugänglich waren, bereits vor langer Zeit ausgeräumt und geplündert worden waren. Doch einige wie diese Kuppel hier, waren versiegelt und verbargen die unglaublichsten Dinge, wenn Selin den alten Geschichten und Märchen seines Großvaters glauben durfte. Durch die Erfahrungen der letzten Zeit hatte er nur noch wenig Zweifel.

Er seufzte. Leider kannte er das Zauberwort nicht, das diese Schatzhöhle öffnen konnte, und deshalb musste er wohl oder übel auf die Trickkiste von Juel zugreifen, aus der ihm der pfiffige Dicke für die Erkundung der Kuppel einige Dinge mitgegeben hatte. Selin holte eine unscheinbare Tube aus seiner Tasche, aus der er eine dunkelgrüne und scharf riechende Paste rundherum auf die Fugen der freigelegten Fliese presste und sie sorgfältig feststampfte. Dann nahm er seine Trinkflasche vom Gürtel. Er nahm einen Schluck von dem brackigen, aber wertvollen Wasser in ihr.

»Allzu viel ist nicht mehr drin«, stellte er fest, als er die Flasche ans Ohr hielt und sie schüttelte. Da die Flüchtigen seit Tagen nicht mehr auf eine Wasserstelle gestoßen waren, war dies der kümmerliche Rest, der ihm blieb. Eine weitere Sorge: Selbst wenn seine Gruppe den Treuwächtern entkamen – falls sie nicht bald auf eine Quelle stießen, würden sie bald verdurstet sein. Alles hing nun von Selin ab und diese Verantwortung drückte ihn nieder. Voller Bedauern drehte er seine Flasche und schüttete das restliche Wasser auf die Paste, so, wie es ihm Juel erklärt hatte. Dann trat er eilig zurück.

Die grüne Masse, die sofort mit dem Wasser reagierte, begann sofort zu dampfen und über den Rändern der Fliese schaumige Blasen zu schlagen. Sie selbst wurde nicht davon angegriffen, aber die Paste war in Verbindung mit einer Flüssigkeit eine aggressive und giftige Säure. Sie fraß sich langsam in das scheinbar so unzerstörbare Fugenmaterial. Was keine Anstrengung von Selin geschafft hätte, gelang der Säure aus Juels Hexenküche mühelos. Wie lange es allerdings dauern würde, bis sie ihre Arbeit erledigt und die Fliese aus ihrem Verbund herauslöst hatte, konnte Selin nicht abschätzen.

Er sah sich erneut um. In der Zwischenzeit war die Sonne ein gutes Stück tiefer gesunken. Sie würde bald hinter den Hügel in Selins Rücken tauchen und das fast im Sand begrabene Gebäude würde in seinem Schatten liegen. Semira konnte er nicht mehr entdecken und auch der Spähtrupp war aus seinem Gesichtsfeld verschwunden, doch er hatte keinen Zweifel daran, dass beide sich schnell auf das Lager der Flüchtigen zubewegten. Es war nur einem glücklichen Zufall zu verdanken gewesen, dass er die Soldaten vorhin überhaupt entdeckt hatte. Wenn das Mädchen sich beeilte – und davon ging er aus -, musste sie bald auf die anderen stoßen und sie aufschrecken. Noch immer schwappte die kaum übersehbare schwarze Masse der Soldaten des Namenlosen wie eine sich ausbreitende Seuche über die fernen Erhebungen am Horizont. Dieser Aufmarsch schien kein Ende nehmen zu wollen. Hatte der „Unterwerfer“ seine gesamten, in Karukora stationierten Armeeteile aufgeboten, um sie auf diese Menschenjagd zu schicken? Saß er vielleicht selbst auf einem der Kriegsmachmouts an der Spitze des gewaltigen Heerzuges und gab seine Befehle? Warum schoss er mit Kanonenkugeln auf Insekten? Selin konnte es nicht fassen und er bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Was hatte sein Großvater nur auf dem Zettel geschrieben, den Juel in seinem Auftrag auf der Sitzfläche des Falkenthrons hinterlassen hatte, das den Namenlosen so wütend gemacht hatte, dass er seine Stadt entblößte und seine ganze Armee hinter ihnen herjagte?

Etwas knirschte und danach klirrte ein hohes Geräusch in Selins Ohren. Die Säure hatte sich schneller als erwartet durch die Fugen gefressen und die schwere Glasfliese, die ihren Halt verloren hatte, stürzte einfach nach Innen. Sie fiel polternd und schlug nach ein paar Augenblicken schwer tief unten am Grund des Gebäudes auf. Selin machte einen Schritt nach vorn, um in das entstandene Loch zu blicken, aus dem ein kühler Hauch und abgestandene, überraschenderweise nach Zimmet riechende Luft drangen. Dann ging alles viel zu schnell für ihn. Der Grund unter seinen Füßen war plötzlich nicht mehr stabil. Die Statik der Kuppel, die ganze Zeitalter überdauert und Sandstürmen, Erdbeben und Meteroritenhagel unbeschadet überstanden hatte, war zerstört. Das Gewicht von Selin reichte aus, dass mit einem hässlichen Knacken weitere Fliesen einbrachen. Er schrie entsetzt auf, wollte zurückweichen. Doch seine Reaktion kam zu spät. Plötzlich hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und fiel durch den entstehenden Einsturz in die Tiefe.

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[Zum 3. Teil]

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