Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 11)

[Zum ersten Teil]

Eine Woche nach dem ruchlosen Anschlag auf meine Person fand ein Einweihungsfest in der neuen Woh­nung des Malers Siegfried Sontheimer statt. Er hatte vor kurzem vor seinen Geschwistern seine innerhalb eines einzigen Tages verstorbe­nen Eltern beerbt und spielte seitdem finanziell in einer anderen Liga. Zu diesem großen gesellschaftlichen Er­eignis war ich schon seit geraumer Zeit eingeladen. Sontheimer war einer der wenigen renommierten Künst­ler der Stadt – vielleicht sogar der einzige. Seine Werke verkauften sich ordentlich; auch im Ausland. Erstaunlicherweise hatte er seinem Heimatort immer die Treue gehalten. Es sei dahin gestellt, ob es aus Bequemlichkeit oder aus tat­sächlicher, unerwiderter Liebe zu diesem Sumpf aus Pfahlbürgerlichkeit, Borniertheit und Inzucht geschah. Obwohl er für seine großformatigen, erotischen Gemälde von weiblichen Brüsten bekannt und berüchtigt war, gestaltete er in der letzten Zeit in der Hauptsache sensible und fragile Skulpturen aus gefaltetem und zerrissenem Kar­ton und setzte sie bei spontanten Kunstveranstaltungen den vier Elemen­ten, also Brand, Feuchtigkeit, Schmutz und Wind, aus. Er wollte, so behauptete er nämlich, mit dieser „alterszornigen Kunst“ einen neuen Weg einschlagen und auf eingängige Weise die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens demonstrieren. Doch niemand wollte seine feuchten, halb verkokelten Pappen kaufen. Deshalb hat er inzwischen übrigens die Vergeblichkeit sei­nes Hoffens eingesehen und ist er wieder bei seinen drallen Brüsten gelandet, die auch wesentlich leichter ihre zahlungskräftigen Liebhaber finden.

Ich hatte die Einladung zu der Wohnungseinweihung von Sontheimers damaliger Freundin Rosa Sarnet be­kommen, der inzwischen prominenten Schauspielerin,  die flüchtig mit Christine bekannt war. Sontheimer selbst, eine dünne, ausgezehrte, aber sehr dominante Er­scheinung, die sich sehr überheblich und unnahbar gab, kannte ich nur vom Sehen. Übrigens habe ich den großen Künstler an jenem Abend kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Ich frage mich, ob er überhaupt da war. Da diese Art von Festen erst nach zehn Uhr so langsam interessant zu werden beginnt, verließ ich meine Wohnung um die­se Zeit und schlenderte zu Fuß durch die Stadt. Es war der erste Abend, an dem ich mich wieder unter die Leu­te wagte. Als ich gegen halb elf Uhr in Sontheimers Wohnung ankam, die im Dachgeschoss einer zu einer Wohnanlage umgebauten Fabrik lag und praktisch nur aus einer einzigen gewaltigen Halle mit Galerie bestand, war die Party schon in vollem Gang. Der imposante Saal war bis auf ein paar Stühle und ein bereits arg geplün­dertes Buffet auf einem Tapeziertisch leergeräumt. Trotzdem herrschte drangvolle Enge. Die Masse der versammelten Menschen war nicht mehr zu überschau­en. Alle waren sie gekommen: Die Jeunesse dorée der Stadt (in diesen guten alten Zeiten noch nicht mit Smart­phones, sondern nur mit dunklen Sonnenbrillen ausge­stattet), Journalisten von Zeitung, Radio und unserem frisch gegründeten, regionalen Dilettanten-Fernsehsen­der, Gönner, Kunden und Schüler von Sontheimer, die drei Stadträte der Grünen und einer von der CSU, Hochschuldozenten, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Kneipenbesitzer, Manager, Bewunderer, Groupies und gute Freunde, Musiker, Maler, Dichter, Schauspieler und alle, die irgend etwas mit dem Begriff Kunst zu tun hatten oder, sie stellten die Mehrheit, auch nur glaub­ten, es zu tun. Das Sehen und Gesehen werden hatte heute diese wunderlichen Leute, die sich so wichtig nahmen und die nur das vieldeutige Wort „Kultur“ ver­band, in Sontheimers neuer Wohnung zusammenge­führt. Alfons Andernaj winkte mir aus einer Ecke zu. Er wirkte bereits reichlich betrunken.

Der Lärmpegel war an der Schmerzgrenze. Eine Jazzcombo hatte trotz ihrer Verstärker keine Chance gegen das Volksge­murmel. Man frage mich nicht, was sie für eine Musik spielte. Hörbar hob sich allein das schrille Gelächter der Gastgeberin Rosa heraus, die ich, obwohl sie eher klein war, mühelos durch ihr nebelhornartiges Organ finden konn­te.Von der offenen Eingangstür kom­mend bahnte ich mir zuerst einen Weg zu ihr, um mich für die Einla­dung zu bedanken. Dabei stellte ich zufrieden fest, dass viele einen Plastikbecher mit Rotwein oder Sekt in der Hand hielten und wie Alfons bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Meine noch immer von dem Ausschlag ge­röteten Wangen würden nicht sehr auffallen.

Ich wandte mich von Rosa ab, nachdem ich ihr die Hand geschüttelt hatte. Ich denke nicht, dass sie wusste, wer ich war. Dann besorgte ich mir am Buffet ein paar üb­riggebliebene Schwedenhappen und etwas zu trinken. Auf diese Weise bewaffnet, machte ich mich auf die Su­che nach Bekannten. Der erste, auf den ich stieß, nach­dem ich um Werner und seine Gruppe einen großen Bo­gen gemacht hatte, war Mischka Lob. Er unterhielt sich gerade mit dem geheimnisumwitterten Dr. Nikolaus Klammer, einem etwas unheimlichen und spöttischen älteren Beamten, der auf keiner kulturellen Veranstal­tung fehlte und eine kaum fassbare Allgemeinbildung besaß. Obwohl er ihm nicht ähnlich sah, erinnert er mich immer in seinem makellosen, dabei maskenhaften Auftreten an den japanischen Dichter Yukio Mishima. Mischka entdekchte mich, winkte mich heran und zog mich begeistert gerade in das Gespräch, das ich hatte vermeiden wollen.

»Hallo, Georg. Schön, dich mal wieder zu sehen. Niko­laus und ich sprachen gerade über Jonas Nix. Kennt ihr euch eigentlich?«, fragte Mischka und tätschelte leicht meine Wange. Wenn er es mit jungen Männern zu tun hatte, konnte er es nie unterlassen, in geradezu traum­vergessener Unschuld an ihnen herumzutätscheln. Er runzelte die Stirn, als er die neuen Narben an meinem Kinn sah, besaß aber das Feingefühl, über meine Verun­staltungen hinwegzusehen. Er zeigte auf mich.

»Nikki, das ist ein junger Kollege von mir: Georg Hauser. Er ist zwar in der Hauptsache Maler, aber er schreibt ab und an für Werner …«

»Wir sind uns schon einmal begegnet«, unterbrach ihn der gut gekleidete Klammer reserviert und musterte mich geringschätzig mit seinem irritierenden Blick.

»Hast du mich am Samstag gehört, Schorsch? Wie war ich?«, warf Mischka ein. Das hatte ich befürchtet; seine Eitelkeit zwang ihn zu dieser Frage. Ich nahm schnell ei­nen Schluck von meinem Wein, der übrigens billig und essigsauer schmeckte, und nickte beiläufig. Leugnen hat­te keinen Sinn, da ich sonst seine Kritik, die er immer auswendig konnte, noch einmal – sozusagen als Privat­vorstellung –, hätte genießen dürfen. Ich hoffte, ihm würde ein unverbindliches »Nicht übel …« genügen, aber ich hatte nicht mit Klammer gerechnet. Er liebte es, seine Mitmenschen aufeinander zu hetzen. Selbstver­ständlich hatte er die letzte Ausgabe von Werners Zei­tung gelesen.

»Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Sie enttäu­schen mich. In Ihrer im übrigen nicht einmal schlecht geschriebenen, wenngleich etwas zu emotionalen Kritik waren Sie doch ein wenig gesprächiger. Sie gingen nicht eben freundlich mit unserem neuen Stern um … Sind Sie da nicht ein wenig zu weit gegangen, Georg? Verges­sen Sie nicht: Es ist außerordentlich selten, eine Überein­stimmung zwischen dem Talent und dem Charakter zu finden. Von den Fähigkeiten dürfen wir nicht auf den Menschen selbst schließen. Das Talent ist bei den Män­nern eben das, was die Schönheit bei den Frauen ist: Nicht mehr als ein Versprechen. Honi soit, qui mal y pen­se. Das sollte Sie jedoch nicht von Ihrem Weg als Au­tor abbringen, denn geben wir es zu: Malen können Sie ja nicht. Nun, ich denke, es gibt Leute, die von ihren Fehlern wie andere von ihren guten Eigenschaften gefördert werden«, stell­te Klammer hochnäsig fest und servierte dazu ein Lä­cheln, das man ohne Übertreibung diabolisch nennen konnte.

Ich versuchte ihn zu verstehen und seinen labyrinthischen Gedankengängen zu folgen. Aber bis ich mir eine halbwegs intelligent klingende Antwort überlegt hatte, hatte Klammer mich bereits mit Mischka stehen gelassen und bahnte sich bedächtig einen Weg durch die Menge. Ich sah ihm hinterher und wunderte mich mal wieder, war­um dieser Mann nicht in die Politik gegangen war.

Was sollte ich nun Mischka erzählen? Obwohl ich in die Enge getrieben war, hätte ich mich noch schnell auf die Seite der Bewunderer des Malers stellen und damit vie­len Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können. Da mein Interview mit Nix vor dessen plötzlichem Ruhm entstanden war, hatte es außer dem Allesleser Klammer wahrscheinlich kaum jemand gelesen. Es wäre mir in diesem Moment sicherlich möglich gewesen, ohne Imageverlust einen taktischen Rückzug zu machen und mich mit einem Gesinnungswandel aus der Affäre zu ziehen. Gleichzeitig war mir bewusst, wie charakterlos solch ein Frontenwechsel war. Auf diese Weise wurde niemandem außer mir selbst geholfen. Deshalb legte ich Mischka mit kurzen Worten dar, wie wenig ich von der Meinung aller in diesem Fall hielt und warum das so war. Während ich sprach, rutschten die Mundwinkel des Radiokritikers mit jedem Satz von mir tiefer. Fast tat er mir leid, er machte den Eindruck eines abgekanzelten Schülers. Nachdem ich meine Kritik an Nix ausführlich darge­legt hatte, machte ich mich auf eine heftige Gegenwehr des Kritikers gefasst und sammelte weitere Argumente. Aber er schüttelte nur verwundert den Kopf.

[Zum 12. Teil …]

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