Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 7)

[Zum ersten Teil]

Nun, ich hatte verstanden, wie das bei ihm war: Er war der degenerierte Spross einer reichen Familie mit langer Buddenbrooks-Tradition. Er war der verhätschelte Sohn, der sich den schönen Künsten zugewandt hatte – die letzte Generation. Von solch einer Geschichte hatte ich schon einmal gehört. Darüber waren ja auch viele Bücher geschrieben worden. Selbstverständlich hasste er seine Klasse. Aber er war sich nicht zu fein dazu, die Vorteile, die sie ihm bot, auszunutzen, obwohl er sich augenscheinlich selbst dafür verabscheute. Ich war in dieser Stadt, die ja eine lange Industrietradition aufweist, bereits ein paarmal solch feinsinnigen Burschen wie ihm begegnet. Das wa­ren Kinder reicher Eltern, die Gedichte schreibend oder marxistische Literatur lesend in Cafés saßen und dem Herrgott den Tag stahlen. Ich kann nicht sagen, dass ich sie nicht mochte, denn sie waren amüsante und scharf­züngige Gesprächspartner, oft großzügig und manch­mal larmoyant, in ihrer Nutzlosigkeit liebenswert. Ich fühlte mich ihnen weit überlegen, weil ich aus eher ärmlichen und proletarischen Verhältnissen kam, von meiner eigenen Hände Arbeit lebte … und, zugegeben, dem Lohn meiner Freundin. Obwohl ich rückblickend sagen muss, dass der Unterschied nur gering war, hielt ich mich selbstbewusst nicht für einen so großen Dilettanten und Schmarotzer wie diese Maden im Speck der Gesellschaft.

Nix stellte übrigens einen anderen, mir bisher unbekann­ten Typus des Sohnes aus guten Verhältnissen dar. Er dilettierte in keiner Weise. Er war ein verbissener Künst­ler und nahm seine Arbeit ernst. Selbstverständlich war er zerrissen: Auf der einen Seite fühlte er die Abscheu vor seiner Klasse, auf der anderen quälten ihn die Kompromisse, die er schloss, um ohne materielle Sorgen arbeiten zu kön­nen. Diese Antipoden mussten ihn früher oder später wie Mühlsteine zwischen sich zer­mahlen. Plötzlich begann ich, Jonas zu mögen.

Ich ließ seine Bemerkung über seine Familie ohne Kom­mentar und vergewisserte mich nur durch einen unauf­fälligen Seitenblick, ob ich vorhin auch wirklich mein Diktaphon in Betrieb genommen hatte. Es verrichtete brav seinen Dienst. Dann betrachte­te ich noch einmal eingehend das Portrait des Kulturre­ferenten. Nein, ich konnte dem Bild nichts abgewinnen. Das Können von Nix überdeckte das Verlogene an der Darstellung dieses Mannes nur. Dieses Gemälde war Propaganda. Pauli würde es lieben, da war ich mir si­cher. Ich sah es bereits auf Pressefotos von ihm im Hintergrund seines Büros hängen.

»Bist du bereit für ein paar Fragen?«, erkundigte ich mich und tat so, als würde ich erst jetzt mein Tonband einschalten. Nix rückte sich zurecht. Er wirkte, als ma­che er sich für eine Fotografie bereit. Ich setzte mich endlich in den zweiten Stuhl und hatte die tiefstehende Sonne im Gesicht, sah von meinem Gegenüber nur mehr einen Schattenriss. Ob er die Stühle bewusst so aufgestellt hatte, um einen Vorteil zu haben? Ich konnte auf jeden Fall nur wenig von ihm und von seinen Reak­tionen auf meine Fragen sehen. Ich hatte diese Fragen in guter Journalistenart bereits schriftlich vorbereitet, aber ich entschloss mich nach einem kurzen Blick auf mein Manuskript, die Notizen nicht zu benutzen und zu im­provisieren. Nur die erste Frage übernahm ich:

»Jonas Nix, du kommst für viele tatsächlich aus dem Nichts und bist selbst Insidern noch unbekannt. Wür­dest du dich den Lesern bitte in ein paar Sätzen selbst vorstellen?«

Ich gebe zu, dass diese und auch die fol­genden Fragen nicht gerade vor Intelligenz sprühten, aber es waren genau die Standardphrasen, die man von mir erwartete und auf die jede Art von Antwort mög­lich war. Nix machte übrigens einiges aus ihnen. Zu An­fang klang er allerdings etwas verunsichert. Er hatte an­scheinend noch nicht sehr häufig ein Interview gegeben und deshalb keine vorgefertigten Antworten parat. Er antwortete auffallend zögernd:

»Ich möchte eigentlich, dass ich das vorerst noch bleibe: ein Mann aus dem Off, aus dem Bauch eines Fisches heraus, ein Unbekannter, eben Jonas Nix. Wichtiger sind mei­ne Bilder, sie sollen für mich sprechen.«

»Gut, das muss man wohl respektieren. Mich würde allerdings doch interessieren, wie ein Unbekannter wie du es ge­schafft hat, die Genehmigung für eine Ausstellung im Rathausfletz zu erhalten.«

»Ich will hier offen zugeben, dass ich ein paar gute Be­ziehungen habe. Ich habe mich nicht gescheut, sie zu nutzen. Ich wäre auch schlecht beraten, wenn ich das täte. Ich will es mal so sagen …«  Er stockte kurz. Was nun folgte, klang ein wenig zurecht gelegt und auswen­dig gelernt:

»Ich habe mich mehrere Jahre in einer Art Klausur sehr intensiv mit meiner Malerei beschäftigt und war dabei wegen früher und negativer Kritiken im­mer unsicher.«

Auch wenn ich es nicht sah, konnte ich deutlich fühlen, wie sein Blick bei diesen Worten sehr scharf auf mir ruhte. Viel­leicht litt ich aber auch unter einem speziellen Jonas-Nix-Verfolgungswahn.

»Ich konnte bisher nur selten meinen eigenen Ansprüchen genü­gen. Ich will nicht unverbindlich dekorative, leicht ver­käufliche Farben und Muster auf die Leinwand pinseln. Ich habe eine Idee, eine konkrete Vorstellung dessen, was ich schaffen will. Ich habe das, was den meisten an­deren in der Postmoderne verloren gegangen ist, nämlich eine originale, eigen­ständige Theorie.«

»Hast du bestimmte Vorbilder, Maler, die du bewun­derst?«, unterbrach ich ihn an dieser interessanten Stelle mit dem Dümmsten, was man einen jungen Künstler fragen kann. Er ging nicht darauf ein.

»Lass mich zuerst den Gedanken zu Ende bringen: Wor­unter das, was ich machte, immer litt, war eine Kluft zwischen Idee und Ausführung. Ich bin handwerklich so gut, dass die Kunstfertigkeit zu oft meine Vorstellun­gen überdeckt. Wegen dieser Diskrepanz habe ich mich bisher nicht entschließen können, vor ein Publikum zu treten. Jetzt bin ich mit meinen Bildern und Objekten zwar immer noch nicht ganz  zufrieden, na ja, mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall bin ich nun be­reit, mich den Leuten und ihrer Kritik zu stellen. Ich weiß nicht, ob meine Werke bestehen können, weil ich jahrelang nicht aus meinen vier Wänden hinaus gesehen habe. Deshalb mache ich die Ausstellung und ziehe sie so groß, wie es mir möglich ist, auf, um ein breites Spek­trum an Reaktion zu erhalten. Verstehst du?«

»Ich halte es für etwas riskant, sich auf diese Weise in die Hand des doch sehr unberechenbaren Publikums zu geben, aber das ist deine Sache. Kommen wir zu deinen Bildern. Sie sind, soweit ich sie kenne – und um es ge­linde zu sagen –, sehr düster. Es herrscht in ihnen eine bedrückende, ich möchte meinen, gewalttätige Schlacht­hausatmosphäre. Was ist denn nun deine Botschaft, dei­ne Theorie? Wen willst du schockieren?«

»Ich bin der Meinung, dass man in unserer Zeit kaum jemanden schockieren kann. Man kann ihn unter be­stimmten Umständen zum Ekel reizen, aber nachhaltig beeindrucken, verändernd eingreifen, das ist nicht mehr als eine Utopie, die große Lüge der Kunst. Ich habe kei­ne Botschaft in diesem Sinne. Ich möchte in meiner Kunst die Wirklichkeit so darstellen, wie ich sie sehe. Das ist mein Bedürfnis. Das ist der künstlerische Akt, von dem ich glaube, dass ich mit ihm ein Stück Wahrheit schaffe.«

»Du willst also abstreiten, dass die Kunst vor allem eine gesell­schaftspolitische Aufgabe hat?«

Was war das für eine dämliche Frage! Wo hatte ich die nur her? Er stöhnte.

»Das ist ein weites und schwieriges Feld. Um es dir ver­ständlicher zu machen … Eines ist gewiss: Maler entwickeln keine neuen Ideen, diese Künstler sind hier nicht so innovativ wie die Literaten. Sie verändern und beeinflussen kaum, vor allem nicht die Gesellschaft, in der sie ja nur eine Schat­tenexistenz führen. Kunst entsteht zu allen Zeiten allein für eine gewisse Elite, die die Zeit und die Mittel hat, sich einen Künstler als Narren zu halten, der dann ge­nau das von sich gibt, was eben diese Elite zu hören oder zu sehen wünscht. Alles andere wird aussortiert, landet auf dem Müllplatz der Geschichte. Im Mittelalter waren das fast ausschließliche Publikum die kirchlichen Würdenträger, folglich war neunzig Prozent der Kunst religiösen Inhaltes. Dann wurden der Adel, schließlich das Bildungsbürgertum Publikum. Die Kunst ist meist nicht mehr als nur ein Spiegel der Lebenseinstellung der Gruppe, für die sie entsteht. Die Künstler haben ein sehr feines Gespür für Zeitströmungen, ohne Zweifel, sie sind aber oft nur ihr Chronist, praktisch nie ihr Schöp­fer«, sagte Nix und zuckte mit den Schultern. Resigniert fuhr er fort:

»So betrachtet ist Malerei nur eine Dienst­leistung, die ein Bedürfnis befriedigt, vielleicht sogar nichts anderes als eine Hurerei. Aber ich habe mir noch keine vollständige Meinung geschaffen. Es kann sein, dass ich mich mit dem, was ich gerade sagte, etwas ver­rannt habe, aber ich denke doch, dass viel Wahres dabei ist. Sicher, ich bin kein Kunsttheoretiker und meine Ge­dankengänge sind unlogisch und labyrinthisch. Aber mir steht mein eigenes Gefühl, mein Empfinden, im Vordergrund. Du hast meine Bilder düster genannt, weil du sie so empfunden hast. Und das sollen sie unter anderem sein: Eine Art von Empfindungsanregung, ein großzügiges Angebot von mir, etwas Wesentliches zu erfahren.«

[Zum 8. Teil …]

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