Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

[zum 1. Teil …]

„Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Standby“, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLem blieb sofort stehen und blinkte stumm, als wäre er beleidigt.

„Na, Mädchen?“, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, „doch nicht so stark und mutig?“

„Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.“ Sie deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. „Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.“

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

„Ich helfe dir“, bot sich Leon an. „Die Ärzte sind sich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.“

Das Mädchen richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne Hilfe schaffen.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte sie Leons Angebot ab. „Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn schon evakuiert haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein Medizin-Update.“

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.“

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er zögerte.

„Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns nicht zufällig abgepasst haben? Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.“

„Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge. Von dort kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …“

Fabia nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären. Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er warf einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus und hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würde. Schließlich waren ja auch heute morgen wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigten, schafften vielleicht die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ihn ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber zu, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangte, würde doch das I-Net zusammen brechen und sie sich in dem Chaos, das gerade in den deutschen Landen herrschen musste, die gerade von Milliarden von Flüchtenden überschwemmt wurden, niemals wiederfinden. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange.

„Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?“, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, aber vollkommen geschlechtslosen Stimme hinter ihr unterbrochen. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte heran. Außer ihm und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, war niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Die medizinischen GoLems der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit einer der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI‘s ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen konnten. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich „dumm“ programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Programmierung und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Netze hatte übrigens Professor Rosenthal entworfen, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklaboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott Oberone nannte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott werden. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen,zu  testen und zu entwickeln. Sie hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu künstlichen Menschen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte, denn Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

„Bürgerin“, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. „Begebe dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.“

Einer der dünnen Arme des Gammas klickte nervös und deutete auf die Seite, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen. Fabia folgte gehorsam der Aufforderung und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie rollte den Ärmel des weiten Pullovers hoch und ließ sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink und professionell mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her – doch sicher die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten, auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel schien jedoch alles ruhig zu sein.

„Merkwürdig“, ging Fabia durch den Kopf. „Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

  1. Pingback: Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 9) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: