Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

ErSieEs – 4. Geschichte

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

4. Geschichte

[…] „Die derzeit praktizierte Familienpolitik wird den vielfältigen Problemlagen von Familien nicht gerecht. Eine Orientierung am klassischen Familienbild – Vater, Mutter, Frater -, spiegelt längst nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt der Familienmodelle wider.

Geschlechterdemokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Gender Budgeting sind die Begriffe, die uns heute geläufig sind. Aber ist es wirklich so einfach, aus der orangen Nische der femâlistischen Frannenpolitik der Gründungsjahre in die Mitte der Partei zu gelangen?

Wir haben die strenge 33-ige Mindestquotierung: Jeder dritte ungerade Platz auf Wahllisten ist Frannen vorbehalten, auf den geraden Plätzen können alle drei Geschlechter kandidieren. Die Gremien der Partei sind in der Regel paritätisch besetzt und Partei- und Fraktionsvorstände bestehen mehrheitlich aus einer Dreifachspitze (Mann, Frau und Frann). 1984 besetzte die Bundestagsfraktion sogar mit sechs Frannen den gesamten Vorstand sächlich – das so genannte Franninat. Wir haben ein Frannenstatut in der Satzung, in den Programmen sichtbare Frannenpolitik, wir sind die Partei, in der die meisten Frannen gleichberechtigt zu Frauen und Männern aktiv Politik gestalten. Wir haben dadurch Maßstäbe für andere Parteien und die Gesellschaft gesetzt.

Doch dieser Wechsel von der femâlistischen Frauenpolitik hin zur Geschlechtergerechtigkeit fand nicht schlagartig statt. Verschiedene Prozesse haben diese Entwicklung begleitet und es ist noch ein langer Weg, bis die Gleichberechtigung der Frannen endlich auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik angekommen ist.“

Aus einer Rede von Katjes Sauer,
Bundestagsabgeordnetes der Grünen

Freitag Abend

Heika lachte in der Erinnerung und versuchte, sich auf seinem unbequemen Stahlstuhl halbwegs entspannt hinzusetzen. Schön, das Lokal war angesagt, aber wenn man unbequem saß, machte es ihm hier keinen Spaß. Heika wollte aber auch kein Spielverderber sein. Wenn seine Schwester Tina Wert darauf legte, in diesem Restaurant zu Abend zu essen, dann würde es sich anpassen und wollte nicht an den Sitzgelegenheiten mäkeln. Man traf sich viel zu selten, um sich wegen solch einer Nebensächlichkeit zu streiten. Wahrscheinlich bin ich nur langsam zu alt für diese Lokale, dachte Heika. Nicht einmal zehn Jahre trennen uns und doch ist es eine ganze Welt. Geschwisterliche Zuneigung ist etwas seltsames: Sie kettet Personen aneinander, die sich oft nicht einmal sympathisch sind. Und, ja, Blut ist tatsächlich dicker als Wasser …

Es machte ein Hohlkreuz, um den Rücken etwas zu entlasten und beendete seine Geschichte von der glücklichen Auseinandersetzung mit dem Mann vom Stiftungsamt. Es hatte nicht den gewünschten Erfolg. Tina und Sebastian hörten ihm nur abgelenkt zu: Seine Schwester ließ ihre Blicke im Raum schweifen, ihr Freund beschäftigte sich mit dem Fischteller. Am Ende erntete Heika nur ein gequältes Lächeln bei den anderen. Heika seufzte. Anscheinend war es sein Los, immer wieder den Seelendoktor für seine Schwester und ihren Freund zu spielen. Es schob die Schüssel mit den ungenießbaren, viel zu essigsauren Resten seines Salates zur Seite.

„Aber da erzähle ich nur von mir. Ihr habt doch etwas auf der Seele.” Die beiden sahen sich kurz an, sie schienen stumm den Kampf auszufechten, wer beginnen sollte. Dann senkten sie wie auf ein Kommando gleichzeitig die Augen.

„Wir haben ein Problem”, sagte Sebastian nach einer peinlichen Pause. Heika lächelte leicht und wartete geduldig. Doch der Partner seiner Schwester war nach seinem mutigen Vorstoß verstummt und sah von der Seite zu Tina, die für den Moment so tat, als würde sie nur zufällig mit Fremden an einem Tisch sitzen.

„Lasst mich raten”, unterbrach Heika das lastende Schweigen, „seit ihr vor einem Monat eine gemeinsame Wohnung genommen habt, streitet ihr euch ständig.” Tina sah überrascht auf, blieb aber noch still.

„Das ist nicht schwer zu erraten”, fuhr Heika fort. „Die plötzliche Nähe des Zusammenlebens bringt bei allen Probleme. Konntet ihr euch bisher aus dem Weg gehen, wenn ihr übelgelaunt wart und dadurch großzügig über die Marotten des anderen hinweggehen, ist das nun plötzlich nicht mehr möglich. In solch einer Situation kann schon ein nicht weggeräumter Teller oder spiegelverkehrt eingehängtes Toilettenpapier gewaltigen Streit provozieren. Natürlich ist das nur ein Auslöser, die tatsächlichen Gründe liegen immer tiefer …”

„Schmutzige Teller! Wenn es nur das wäre! Er hat mich betrogen”, platzte Tina heraus. „Wir sind noch keinen Monat in der gemeinsamen Wohnung, da übernachtet er schon bei einem Frann, das er kennengelernt hat.“

Heika sah erstaunt zu Sebastian, der wenig schuldbewusst aussah. Das hatte es dem überheblichen jungen Mann dann doch nicht zugetraut. Sebastian lehnte sich betont lässig zurück und sagte in süffisantem Plauderton:

„Deine Ansichten zum Thema ‚betrügen‘ und ‚Seitensprung‘ sind ein wenig viktorianisch – gelinde gesagt. Ich kann nur wiederholen: Ich liebe dich und will mit dir mein Leben gestalten. Aber zu einer Partnerschaft gehören immer drei. Wenn ich also ein Frann kennenlerne, das mir gefällt …“

„Ohne mich! Ich sitze Zuhause und mache die Wäsche. Der gnädige Herr geht aus und mit dem nächsten Flitteschen ins Bett!“

„Zum einen ist Herma kein Flitteschen und zum anderen wird es mir doch nicht verboten sein, mal ohne dich auszugehen! Du hast doch …” Er verhedderte sich in seiner Argumentation und verstummte. Eigentlich wusste er, dass er falsch gehandelt hatte, aber er würde die Hölle tun, dies hier vor Tina und ihrem Bruster zuzugeben.

„Ich fühle mich so ausgenutzt“, seufzte Tina und setzte auf die Schuldgefühle von Sebastian. Da kam sie ihm gerade recht:

„Du fühlst dich ausgenutzt? Das ist der Gipfel! Wer bezahlt denn alles, seit du bei deiner Firma gekündigt hast und arbeitslos bist? Wer bezahlt denn heute dein Essen? Ich schufte mich den ganzen Tag im Finanzamt ab …“

Tina nahm ihr Weinglas und schüttete dessen Inhalt in Sebastians Gesicht. Eine andere Erwiderung fiel ihr nicht mehr ein. Dann stand sie auf und rannte weinend hinaus. Sebastian, der den Angriff auf seine Person offenbar gar nicht richtig wahrnahm, lachte auf und wischte sich über das Gesicht.

„Ja, das ist typisch Frau. Sie rennt davon, wenn es ihr unbequem wird.“

Dabei sah er beifallheischend zu Heika, das der ganzen Szene stumm gefolgt war. Heikas Sympathien lagen eindeutig bei seiner Schwester; es hatte den arroganten und selbstgefälligen Sebastian nie leiden können und sich immer gewundert, was Tina an ihm fand. Insgeheim amüsierte es sich über die heftige Reaktion seiner Schwester. Dennoch wollte es Sebastian nicht ins Gewissen reden, denn in dieser speziellen Auseinandersetzung fand Heika als diplomiertes Familienpsychologe doch einiges, das für den Freund seiner Schwester sprach. Es wusste, dass Tina ihre Arbeitsstelle durch ihr eigenes Verhalten verloren hatte und darüber verbittert war. Zudem konnte in diesem Fall von Fremdgehen nicht die Rede sein, auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, wenn Sebastian allein auf Brautsuche ging. Er hätte sich zumindest der Zustimmung seiner Lebenspartnerin vergewissern können. Heika fasste Sebastian beschwichtigend am Arm und bemerkte, wie der Mann unter der Berührung von ihm zusammenzuckte. Klar, Sebastian hatte als testosterongesteuerter junger Mann erhebliche Vorurteile vor Homosexuellen; noch dazu, wenn es sich um Frannen handelte. Deshalb griff es noch fester zu, denn es wollte ihn gezielt aus der Fassung bringen.

„Ich werde mit ihr sprechen. Lass uns ein wenig Raum und überlege dir in der Zwischenzeit gut, was du ihr sagen willst, wenn wir zurückkommen. Du solltest deine Taktik ändern, Junge. Auf diese Weise fährst du den Karren an die Wand. Eure Beziehung ist an einem Wendepunkt; einen Vertrauensbruch wie den deinen kann man nicht einfach weglächeln und dann zum Alltagsgeschäft übergehen“, sagte es, drückte noch einmal fest den Arm von Sebastian, der mit sich rang, ob er sich losreißen sollte. Heika stand auf, nickte eindringlich und ging hinter Tina her. Sebastian sah dem Frann skeptisch hinterher, dann schüttelte er in stummer Verzweiflung den Kopf.

Frannen und Frauen sind der Freunde Frust, fiel ihm eine Textzeile aus einem Lied von Rammstein ein.

Heika fand Tina auf einem kleinen Mäuerchen neben dem Parkplatz sitzend. Es hatte erwartet, Tina noch weinend vorzufinden; aber sie sah ruhig in den Sternenhimmel, hatte dabei den Mund leicht geöffnet. Sie erinnerte ihn in diesem Augenblick an früher, an das kleine Mädchen, mit dem es so oft spazieren gegangen war.

„Ob es dort oben Leben gibt?“, fragte sie leise, als sich ihr Bruster neben sie setzte und einen Arm um sie legte. Heika wusste nicht, ob seine Schwester eine Antwort erwartete. Es sah ebenfalls nach oben, fand den großen Wagen. Es war kalt hier draußen vor dem Lokal.

„Vielleicht kommt irgendwann mal ein Schiff von dort oben herunter, am besten voller drei Meter großer Frannen“, scherzte Heika. Es kicherte leise bei der Vorstellung. „War es richtig, einfach aufzustehen und zu gehen?“, fuhr es dann ernst fort. Tina seufzte leise, sah ihren Bruster nicht an.

„Weißt du, ich kann einfach nicht mehr mit ihm reden, ohne zu streiten. Und dann hat er mich mit seinem Fremdgehen wirklich tief verletzt.“

„Sebastian sieht das nicht so, das weißt du. Er hätte gerne eine komplette Beziehung; eine Dreisamkeit.“

„Er mag ja recht haben, aber ich kann nicht gegen meine Gefühle an. Ich fühle mich betrogen.“

„Ich verstehe dich, aber du könntest dir einmal überlegen, woher diese Gefühle kommen?“

„Doch sicher aus meiner kaputten Elternbeziehung, Frann Freud. Sie wissen ja, ich will meine Mutter töten und meinen Frater vergewaltigen.“ Das klang bitter und Heika lächelte gequält.

„Rede doch keinen Unsinn. Allerdings spielen die wechselnden Männerbekanntschaften unserer Mutter dabei tatsächlich eine Rolle, das kannst du mir glauben, denn ich weiß, wovon ich rede. Zwischen uns ist zwar eine Kluft aus Alter und Erfahrung, aber wir sind Geschwister, vergiss das nicht. Was Mutter mit Elle macht, findet meine Zustimmung ebenso wenig wie deine. Als Vater starb …“ Tina verzog das Gesicht und unterbrach Heika eilig. Dies war eine Wunde, an der es nicht rühren durfte.

„Lassen wir doch die Psychologie außen vor. Sie kann immer nur im Nachhinein etwas erklären. Sag mir lieber, was ich tun soll.“ Heika zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht deine persönliche Partnerberatungsstelle, liebe Schwester. Ich denke aber, deine Sorgen sind hauptsächlich in der Tatsache begründet, dass du deinen Beruf aufgegeben hast. Das hat dich verbittert.“

„Ach, ich bin also an allem Schuld? Weil mir ein Frann vorgezogen wurde? Meine Unzufriedenheit treibt mein armes Herrchen in die Fänge eines bitch. Der Ärmste, was muss er leiden! Du machst es dir doch sehr einfach, Heika. Das ist Küchenpsychologie.“

Heika wollte Einspruch erheben, aber dann erkannte es, dass Schweigen im Moment die bessere Alternative war. Eine ganze Weile starrten die beiden so unterschiedlichen Geschwister festumschlungen hinauf zu den funkelnden, gleichgültigen Sternen.

„Wenn es da oben Leben gibt, ob die auch so viele Probleme haben wie wir?“, fragte dann Tina und nahm ihren Gedanken von vorhin wieder auf. Heika zuckte mit den Schultern.

„Du kannst sicher sein, wenn sich auf anderen Planeten Leben und Liebe entwickelt haben, dann gibt es dort auch die gleichen Probleme. Wer weiß, vielleicht ist es dort noch viel komplizierter als hier bei uns.“ Es hörte im Rücken zögernde Schritte nahen und wusste ohne sich umzusehen, dass Sebastian langsam näher trat, unschlüssig, ob er die Zweisamkeit stören sollte. Heika stand auf, tat aber so, als hätte es den Freund seiner Schwester nicht bemerkt.

„Die Sterne schweigen“, sagte es. „Wir werden von ihnen keine Antworten erhalten. Unsere Probleme müssen wir hier lösen. Ganz allein.“ Es stockte. „Irgendwie.“

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