Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

ErSieEs – 1. Geschichte

[… aus aktuellem Anlass:]

ErSieEs

Geschichten aus einer anderen Welt

1. Geschichte

 

„Das Sinnbild der Perfektion ist der Kreis; er allein ist Vollkommenheit in unvollkommener Welt. Jeder Punkt, aus dem sein Bogen sich bildet, ist Anfang und Ende in sich selbst, ein Ehrfurcht gebietendes Symbol des Ewigen. [ … ] Spricht nicht Buddha vom Kreis der Wiedergeburt, dem Rad des Lebens, [… ] ist nicht gerade der Ring das Zeichen, unter dem sich die Menschen ewig währende Liebe versprechen? Und ist nicht die Vereinigung der Geschlechter im sexuellen Akt ein Ineinanderverschmelzen zu einem Kreis, der die Erfüllung bringt?“
Karl Savingy, „Zeichen in der Zeit“; S. 19 ff.

Donnerstag Abend

„Du glaubst tatsächlich, es gäbe keine Liebe auf den ersten Blick? Du lebst in einer traurigen Welt“, erwiderte Tina scharf.

Sebastian lehnte sich gelangweilt im Stuhl zurück. Unbeabsichtigt hatte er seine Freundin durch einen abfälligen Kommentar über den eben gemeinsam gesehenen Film auf eines ihrer Lieblingsthemen gebracht. Er seufzte vernehmlich; sah aber keinen Weg, einer Auseinandersetzung zu entgehen. Tina lebte in einer bunten Welt der Wunder, während er sich als einen desillusionierten, gelangweilten jungen Mann sah, der ein fades Leben in einer durchschnittlichen und uninteressanten Stadt lebte. Erneut wurde ihm bewusst, wie häufig Frauen in völlig anderen Kategorien denken als Männer. Tinas Augen vermittelten ihr ein Bild der Welt, das mit dem seinen nicht einmal verwandt war.

Das ist sicher der Grund, aus dem es außer gerade bei den Mystikerinnen keine weiblichen Philosophen gibt, dachte er, behielt seine Meinung aber für sich. Er entschied, Tina durch eine lächelnd hervorgebrachte, provokante Entgegnung aus dem Konzept zu bringen.

„Liebe ist überhaupt eine Lüge. Ich denke das oft“, sagte er.

Tina schnappte entsetzt nach Luft, was Sebastian Gelegenheit gab, sich in dem Café, in dem sie am einem dieser neumodischen, dreieckigen Tische saßen, umzusehen. Das Lokal hatte erst kürzlich eröffnet und die beiden waren zum ersten Mal hier. Sie hatten es sich wegen seiner Nähe zum Kino, in dem sie vorher gewesen waren, ausgesucht. Der Abend war noch nicht fortgeschritten und viele der Tische frei. Das Café gefiel Sebastian nicht. Es war hell und kalt, die konkreten Bilder an der Wand aufdringlich und geschmacklos nackt, fast pornographisch. Er mochte Lokale, die unübersichtlich, dunkel und kitschig waren.

„Warum sagst du das?“, unterbrach Tina seine Gedanken und schnappte nach Luft. „Daran glaubst du doch wohl nicht im Ernst. Was bindet uns, wenn es nicht Liebe ist?“, ergänzte sie aufgebracht.

Sebastian wusste eine Antwort, aber er hütete sich, sie zu nennen. Tina war Romantikerin. Ihm war klar: Würde er offen von seinen Begierden sprechen, würde der Abend mit ihr ein vorzeitiges Ende finden. Im Umgang mit seiner Freundin versteckte er sich oft hinter Masken, denn sie glaubte an den Adel des Menschen. Es hätte sie verstört, wenn sie geahnt hätte, was manchmal in ihm vorging. Er war erleichtert, dass in diesem Augenblick der Kellner die Getränke brachte und er durch die Störung die Möglichkeit hatte, über ihre Frage hinwegzugehen und sich eine bedachtere Antwort zurechtzulegen.

„Die Liebe auf den ersten Blick ist ein herrliches Konstrukt, von dem die meisten Bücher und Filme leben, aber es ist eine Traumwelt. Du musst zugeben, sie wird uns in unserem Alltag zumindest nicht einfach gemacht“, führte er aus und hatte das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben; eine Empfindung, die ihn in letzter Zeit verfolgte.

„Für deine Art der Liebe braucht es Menschen in der perfekten Stimmung; sie dürfen nicht durch – was weiß ich – durch finanzielle Sorgen, Müdigkeit oder einen überfressenen Magen abgelenkt sein. Wenn Liebe auf den ersten Blick nicht nur ein Mythos ist, so ist es doch ein sensationeller Glücksfall, wenn sich für einander bestimmte Menschen zufällig begegnen und dann auch noch bereit sind, sich augenblicklich in einander zu verlieben. Ich glaube, Liebe, wenn sie mehr als die Laune eines Moments sein soll, ist im Gegenteil harte Arbeit.“

Tina nickte, war aber nicht geschlagen.

„Ich habe nicht behauptet, Liebe auf den ersten Blick sei häufig. Ich sagte nur, es gibt sie“, beharrte sie.

Sebastian zuckte mit den Schultern. Im Grunde hatte er kein Bedürfnis, ihr ihren Glauben auszureden. Ihm war auch nicht ganz klar, warum er trotzdem Gegenargumente sammelte; was er beweisen wollte. Er entschied sich, das Pferd von der anderen Seite aufzuzäumen.

„Betrachte den Film, den wir gesehen haben, in seinem Ganzen. Er ist typisch. Die Personen haben eine Vergangenheit, die bedeutungslos ist und keine Zukunft, die über die Überwindung der durch Missverständnisse bedingten Hindernisse, die zwischen ihnen und der Erfüllung ihrer Beziehungen stehen, hinausreicht. Alles ist vom Drehbuch arrangiert: Das sind keine echten Menschen und ihre Welt ist künstlich. Die Handlung läuft ab wie ein chemischer Versuch: Es werden die Elemente in einer günstigen Umgebung, dem Katalysator, zusammengeführt, sie müssen zwangsläufig reagieren, das heißt, sie verlieben sich. Cá va. Wahlverwandschaften, die anderthalb Stunden Unterhaltung schaffen. Eine schöne Lüge… Im übrigen bin ich der Meinung, das meiste, was uns als Liebe vorgegaukelt wird, ist nur eine Laune der körperlichen Begierde. Die große Liebe auf den ersten Blick findet am Montag ihr Ende.“

„Mein Cato!“ Tina lächelte süffisant und mitleidig, dabei versteckte sie, wie sehr sie sich angegriffen fühlte und beleidigt war. Sebastian kannte diesen Gesichtsausdruck gut. Er erschien immer dann, wenn sie keine Argumente mehr hatte, aber unbeirrt der Auffassung war, sie habe recht oder die Weltgeschichte würde ihr einmal Recht geben. Er hasste es, wenn er einen Beweis führte und sie anschließend seine Gedanken als etwas Lästiges beiseite schob. Bei einer Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene zog er stets den kürzeren. Tinas Innenleben war reicher als das seine.

„Was wahr ist, muss nicht unbedingt auch wirklich sein“, sagte sie dunkel. Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, was sie damit meinte.

Sebastian gab sich geschlagen. Tina flüchtete sich in solche Gemeinplätze, wenn ihr nichts mehr einfiel, sie jedoch entschlossen war, keinen Fußbreit Boden von ihrer Meinung abzuweichen. Es wäre dumm gewesen, zu versuchen, mit ihr weiter zu diskutieren. Von nun an würde sie ihr beleidigtes Lächeln beibehalten und immer trotziger werden, je mehr er reden würde. Es war Zeit, das Thema zu wechseln, doch er wusste nicht recht, wie. Während er überlegte, fiel ihm auf, dass Tinas Gesichtsausdruck sich veränderte. Ihr Lächeln wurde freundlich und anziehend. Sie sah interessiert an ihm vorbei in den Raum. Sebastian wand den Kopf. Links hinter ihm, an einem Nebentisch, saß ein attraktives Frann, das die Aufmerksamkeit seiner Freundin auf sich gezogen hatte. Es bemerkte, dass es von beiden beobachtet wurde und versteckte sich eilig hinter einem Glas Weißwein, an dem es nippte, über dessen Rand hinweg es allerdings mit großen Augen herüber sah. Sebastian wartete, bis es sein Glas mit einer anmutigen Geste zurückstellte und das Lächeln von Tina vorsichtig erwiderte, bevor es seinen Blick einer Illustrierten zuwandte. Es blätterte sehr abgelenkt in dem Blatt. Sebastian begann, es einzuschätzen und obwohl es hübsch und gut gekleidet war, kam er zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis. Trotzdem rückte er seinen Stuhl etwas herum, um das Frann zu studieren, denn er war nicht ganz zufrieden. Er wartete darauf, dass der Blick des Frannes kurz von der Zeitschrift nach oben rutschen würde, um ihn für einen scheuen Augenaufschlag zu mustern. Diesen Kontakt wollte er, dafür hatte er ein breites, überlegenes Grinsen bereit gelegt. Doch das Frann sah nicht auf. Das ärgerte Sebastian, auch weil er deshalb sein Urteil über es etwas zurechtrücken musste. Tina berührte ihn am Arm und lenkte ihn ab. Als er unwillig zu ihr sah, war er sicher: Jetzt begutachtete ihn das Frann. Wegen der verpassten Gelegenheit fragte er seine Freundin unwirsch, was sie wolle. Tina zuckte etwas zurück.

„Entschuldige. Was willst du noch von ihm?“, fragte sie. „Es ist doch nicht an uns interessiert.“

„Wenn du dich da nicht täuscht. Es gibt immer eine Chance“, erwiderte er und konnte es sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick ist.“

Tina warf ihm einen Blick zu, der nur als symbolische Ohrfeige zu deuten war. Er übersah ihren Zorn.

„Es ist nur ein bisschen schüchtern, würde ich sagen“, fuhr er fort.

„Es ist schön, findest du nicht?“ sagte Tina so leise, als würde sie etwas Unanständiges sagen.

„Ja, hübsch, aber doch ein wenig dumm. Ich könnte wetten, es schreibt Gedichte“, erwiderte er überlegen und laut, damit er sicher sein konnte, auch am Nebentisch gehört zu werden. Sebastian hatte keine Ahnung, was für ein Teufel ihn ritt, warum er seine Freundin und das Frann vor den Kopf stoßen wollte. Tina hatte ihn vorhin nicht ernst genommen. Vielleicht lag es daran, denn das war etwas, was er nicht ertragen konnte. Er hielt sich für einen intelligenten Mann, dessen Meinung Gewicht hat und er wollte mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt werden. Fast war er enttäuscht, denn Tina wurde nicht sofort wütend, sondern lachte.

„Das ist ganz typisch Mann! Kaum fühlst du dich unbeobachtet und gibst nicht auf deine Worte acht, rutschen dir die ältesten Vorurteile heraus. Du lebst noch in der Höhle, wo ist dein Fell? Das Frann kriegt die Kinder, die Frau erzieht sie, sie sind die Dummen. Die tapferen Männer jedoch ziehen als freie Jäger durch die Welt, deren Geschicke sie zu lenken glauben… Gott wird schon gewusst haben, warum er die Erhaltung der Art nicht in die Hände der Männer gelegt hat, ihr seid doch nur zum Kriegführen gut!“ redete sie sich langsam in Rage.

„Verbrustere dich nicht mit den Frannen, das steht dir nicht gut zu Gesicht. Denn schließlich haben die Frauen ihre Emanzipation auf dem Rücken der Frannen ausgekämpft. Muss ich dich erinnern: Es waren Frauen und nicht Männer, die um die Jahrhundertwende gegen das Stimmrecht der Frannen waren. Unterbrich mich bitte nicht!“, wehrte Sebastian Tina ab, die einhaken wollte. „Ich weiß, was du sagen willst: Es ist über hundert Jahre her und du kannst nichts dafür. Da hast du recht. Mir wirfst du allerdings vor, ich hätte Vorurteile gegen Frannen, wenn ich von einem behaupte, es sei ein wenig dumm“, ergänzte er und sah mit sich zufrieden zurück zu dem Frann hinter ihm, das, obgleich es ihm schwerfiel, so tat, als würde es nicht zuhören.

„Wenn ich etwas an dir hasse, dann, wenn du mir erzählst, was ich sagen will und mich nicht zu Wort kommen lässt. Du diskutierst im Grunde mit dir selbst und nimmst mich, weil ich eine Frau bin, nicht als vollgültigen Gesprächspartner“, sagte Tina zornig und hatte damit einen wunden Punkt erwischt. Sie hatte recht. Aber das würde er ihr niemals eingestehen. Immerhin senkte er schuldbewusst die Augen.

„Und ich bleibe dabei: Deine Einschätzung ist nicht durch Menschenkenntnis, sondern durch ein Vorurteil zustande gekommen,“ fuhr sie fort. „Ich schätze das Frann auf keinen Fall als dumm, sondern höchstens als unerfahren, jung und, was du mit Dummheit verwechselt hast, hochmütig ein.“

„Es kann sein, du hast recht und ich habe Vorurteile. Das Verteufelte an ihnen ist, sie sind immer auch ein wenig wahr. Du musst zugeben, Frannen sind durch die Tatsache im Nachteil, dass sie die Kinder austragen und darauf hin erzogen werden“, erläuterte Sebastian.

„Ja. Vom Mann kommt das Sperma, von der Frau das Ovum. Wir haben eindeutig den einfacheren Job. Und die in unserer Gesellschaft gültigen Geschlechterrollen schieben dem Frann den schwarzen Peter zu. Es ist die Gebär- und Säugemaschine, während der Mann sich seiner Karriere und die Frau den Schönen Künsten widmen kann …“

„Und so kommen wir zur Moral: Die Frauen sind die wahren Nutznießer der Versorgungsgemeinschaft Ehe“, unterbrach Sebastian seine Freundin. Erneut verfiel er seinem alten Fehler, Tina nicht ausreden zu lassen. Seine Beschämung von vorhin hatte er längst verdrängt.

„Rede doch keinen Unsinn!“, widersprach Tina heftig. „Außerdem lasse ich dein Argument nicht gelten. Heute gibt es einfache Verhütungsmethoden, es steht jedem Frann frei, ob und wann es schwanger werden will. Das Kind steht nicht mehr zwischen ihm und seiner Selbstentfaltung. Das Frann kann inzwischen jeden Beruf, sofern es ihm körperlich oder geistig gewachsen ist, ergreifen und niemand ist mehr gegen ein Frann, das in der Arbeit seinen Mann oder seine Frau steht. Es ist praktisch gleichberechtigt und hat inzwischen auch auf der politischen Bühne eine Lobby. Das Staatsoberhaupt von Pakistan war bis vor kurzem ein Frann“, dozierte sie und sah ebenfalls zum Nebentisch. Auch ihr war jetzt bewusst, sie und Sebastian führten ihr Gespräch nur für das Frann dort, ihm wollten sie beweisen, wie intelligent sie sich zu unterhalten verstanden. Beide starrten gleichzeitig zu dem konzentriert in seiner Zeitschrift lesenden Objekt ihrer Begierden. Eine abwartende Pause entstand. Endlich sah es auf, aber nur zur Seite, es winkte den Kellner heran, zahlte eilig und ging, ohne die beiden eines Blickes zu würdigen. Das Weinglas, das der Kellner mit leichtem Kopfschütteln abräumte, war noch fast voll.

Sebastian und Tina beobachteten stumm den Abgang, dann lachten sie gleichzeitig. Sebastian sagte:

„Es hat uns keine Chance gegeben.“

„Du hattest recht, es ist wirklich dumm“, erwiderte Tina.

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