Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ein kaum unterdrückter Aufschrei war zu hören und die drei wirbelten aufgeschreckt herum. Wie aus dem Nichts tauchte sowohl in Jalahs wie auch Juels Hand ein Dolch auf.

»Zeig dich!«, zischte der Meisterdieb drohend und aus der Deckung einer weiteren Säule trat schüchtern eine schlanke Frau ins Licht.

»Semira!« – »Herrin!«, riefen Selin und Jalah gleichzeitig. Semira fiel in die Arme ihres überraschten Freundes, der dabei nicht wusste, wie ihm geschah. Juel sah zuerst zu der Dienerin, dann zu dem Paar und entschied sich, dass im Moment keine Gefahr drohte. Er senkte er seine Waffe und brummte missvergnügt:

»Na, prima. Ceҫec Binsas verwöhntes Töchterchen. Warum haben wir nicht gleich Einladungen zu dieser Schatzsuche verschickt? Wer hat sich sonst noch in diesem Thronsaal versteckt – Hierion Éderwerfh vielleicht? Es heißt ja, er habe überall seine Hand im Spiel.«

»Du bist nahe dran, mein alter Freund. Aber du warst ja schon immer der weitsichtigste unter uns.«

Eine weitere Gestalt trat aus ihrer Deckung hervor und kam näher gehumpelt. Sie war in schmutzige, zerrissene Lumpen gehüllt und bewegte sich schleppend und vorsichtig, als habe sie große Schmerzen. Der halbnackte Mann wirkte unglaublich mager – er war nur noch ein Knochengerüst, über dem sich wie ein zu enger Handschuh eine dünne, ledrige Haut spannte. Er sah tatsächlich so aus, als habe er sich als lebende Leiche aus einem Grab erhoben, in dem er jahrhundertelang getrocknet worden war. Juel erschauderte, doch dann erkannte er sein Gegenüber und verstand:

»War dies dein anderer Auftrag, Jalah? Hast du den verschollenen Meister aus dem Kerker des Namenlosen befreit? Adelf von Süderbal«, stieß er fassungslos hervor, während die Dienerin eifrig nickte.

»Die Herren der Diebesgilde haben von Sahar, einem Mönch aus Italmar, diesen äußerst lukrativen Auftrag angenommen, den Botschafter aus der Gefangenschaft zu befreien. Ómers Palastrevolte war der beste Zeitpunkt dafür«, erklärte sie, aber Juel hörte ihr kaum zu.

»Der Pechvogel!«, stotterte er.

»Ja, Adelf, der Pechvogel. Es ist lange her, Meister …«, begann der befreite Gefangene.

»Ich weiß nicht, was du meinst, mein Freund. Ich bin kein Meister.« Juel trat eilig auf etwas voreilig für tot erklärten Botschafter von Italmar zu und umarmte ihn erschüttert.

»Ihr kennt euch?«, fragte Jalah erstaunt. Der Dicke und Adelf nickten im gemeinsamen Takt.

»Aber wieviel Zeit ist seither vergangen, zehn Jahre?«, fragte Juel mit brüchiger, ergriffener Stimme. »Doch wie unsere Märchenerzähler sagen: Das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen …«

Er flüsterte etwas in Adelfs Ohr und dieser senkte sofort zustimmend den Kopf.

»Du bist fett geworden … Juel«, sagte er dann und löste sich lachend aus der Umarmung des Kaufmanns, der ihm vor langer Zeit wie ein Bruder gewesen war.

Adelf stand nun aufrechter und wirkte nicht mehr ganz so jenseitig. Es war, als hätte ihm die Berührung seines alten Freundes Kraft und Mut gegeben, als wäre Juel in der Lage, Menschen nur durch einen Kontakt zu heilen.

Der Botschafter aus Italmar, der als vermeintlicher Attentäter seit Monaten in den Kerkern des Namenlosen gelitten hatte, wandte sich an Selin, der noch immer seine Semira in den Armen hielt und weiterhin von der Situation überfordert war.

»Juel hat recht. Wir haben später noch zur Genüge Zeit, unsere Geschichten auszutauschen. Wir sollten uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten. Doch habe ich das eben richtig verstanden? Du, junger Mann, suchst einen Schatz, der im Thron versteckt ist? Ich glaube, da kann ich helfen und die ganze Angelegenheit etwas beschleunigen.«

Der Mönch schleppte sich die Stufen der Empore empor und trat vor den gewaltigen Sitz, von dem herab die Namenlosen seit zweimal tausend und tausend Jahren mit eiserner, kalter Despotenstimme Recht sprachen und nahm lächelnd auf ihm Platz. Er wirkte wie ein Kind, das sich in den Sessel seines Großvaters geschlichen hat. Selin wollte eingreifen, aber Juel nahm ihn am Arm.

»Lass ihn. Er weiß, was er tut, glaube mir.«

Adelf strich zärtlich über die Lehnen, die von den Handflächen der Herrscher von Karukora blank gerieben waren.

»Dieses Holz strahlt Langmut aus«, sagte er mit halb geschlossenen Augen. »Es ist lebendig, ich kann es spüren. Es ist uralt, älter noch als die Vorgänger. Und es wartet. Dies ist vielleicht die älteste Seele, die es auf dieser Welt gibt; einer älteren bin ich zumindest noch nie begegnet. Im Holz sind die Erinnerungen des Baumes eingeschlossen, von dem es einmal ein Teil war. Dieser Baum hatte seine Wurzeln meilentief in die Erde geschlagen und ragte einzeln und mächtig in den Himmel der Morgendämmerung der Zeit. Auf dem höchsten Punkt eines Hügels stand er, umgeben von einem endlosen Wald, dessen Bäume alle seine Söhne waren. Ich sehe das alles durch die Seele des Holzes. Dieser Baum trug einst die ganze Welt in seinen Armen. Er war die ganze Welt, er war Ygdras, der eine, der vor uns kam und auch vor den Vorgängern war, vor den Golemen, vor den Daimonen und selbst vor den Göttern. Er hat den Anfang gesehen.«

Adelf machte eine Pause und atmete zitternd ein. Der Kontakt schien ihn anzustrengen. Die anderen hingen ihm fasziniert an den Lippen.

»Und nun – gefällt, gehäutet, zersägt und in diese Form geschnitzt, aber noch immer voller Macht, wartet die Seele von Ygdras voller Geduld auf das Ende aller Dinge, auf Mánis Rückkehr, die die Welt verbrennen wird. Für ihn sind Jahrhunderte nur ein Tropfen, der ins Meer der Ewigkeit fällt und die Gründung Karukoras war für ihn erst gestern. Er glaubt, dass er nicht mehr lange ausharren muss und seine Seele endlich Ruhe im Vergessen finden kann.«

Adelf schluchzte plötzlich auf und Tränen lieben über seine eingefallen, schmutzigen Wangen. Selin wollte etwas sagen, aber Juel verstärkte den Griff, mit dem er den jungen Mann festhielt. Der Mönch lehnte sich in dem Sitz zurück und es sah so aus, als würde die hinter ihm aufragende Rückenlehne, die sich über seinem kahlen Schädel in einen Raubvogel verwandelte, der gerade seine Schwingen zum Flug öffnet, ihn verschlingen wollen. Nur noch Adelfs helle Augen funkelten im Schatten des Thronsitzes.

»All die Namenlosen müssen diese Macht und die Stärke des Ygdras gespürt und für sich benutzt haben, wenn sie hier saßen – auch wenn sie wahrscheinlich nicht wussten, aus welcher Quelle sie sie schöpften. Dies ist das Geheimnis der Strenge der Herrscher von Karukora und ich spüre, wie es der Baum mich zu überwältigen sucht. Es ist kein Märchen, dass die Stadt seit ihrer Gründung durch den ersten Namenlosen von einem Einzigen, von einer einzigen Macht regiert wird und die Thronfolger ihre Namen vergaßen, nachdem sie auf diesem Sitz Platz genommen hatten. Denn dieser Einzige war immer nur die Seele des Baumes, derer sie alle teilhaftig geworden sind.«

Adelf zögerte, als suche er nach Worten.

»Doch dieser Thron bewahrt seit Jahrhunderten noch ein weiteres Geheimnis, das ihm selbst kaum bewusst ist – denn für ihn hat der Prinz Selin aus der ersten Dynastie seinen Schatz gerade eben erst in seinem Holz versteckt. Und hier ist er!«

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[Fortsetzung der Geschichte am nächsten Mittwoch …]

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