Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 8)

[zum 1. Teil …]

Seufzend gab Fabia Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen. Wie bei jedem Aufenthalt im Cyperspace hatte sie ihr Zeitgefühl verloren, war einige Augenblicke orientierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand einige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die Reste der virtuellen Umgebung weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und auf ihre Rückkehr in ihren Körper warteten.

„Der Schweber sollte gleich kommen“, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort eine der kugelrunden gläsernen Personentransporter vor der Brüstung der Terrasse auf und senkte sich dann geräuschlos auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen öffneten sich. Es war nur ein kleines Modell, das Fabia hatte rufen können und war eigentlich nur für zwei Passagiere gedacht, die nebeneinander in den Schweber passten.

„Das wird ja ganz schön eng“, stellte Leon kritisch fest.

„Das war der einzige verfügbare Schweber. Hoffentlich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steuern“, überlegte Fabia. „Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.“

Raphaël sprang wütend auf. „Das geht auf keinen Fall“, empörte er sich. „Meine wertvollen Gedichtbände! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!“

Sein Freund versuchte ihn zu beschwichtigen, während Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für seinesgleichen vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Pilot übernahm.

„Da!“ Raphaël deutete zornig auf Omicron. „Diese Metallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?“

Fabia platzte der Kragen.

„Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurück lassen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm einstürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.“

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem wolkenverhangenen Himmel keine Anzeichen dafür, dass die Katastrophe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

„Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?“,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Gedicht.

Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend geschlagen und ließ sich – nachdem er zumindest ein Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche gesteckt hatte – von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

„Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht“, murmelte er beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das kleine Fluggerät zu passen und Fabia hatte die Armfreiheit, sich über Omicron mit der Steuerung zu verbinden. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa einhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leitstrom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüberschaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz vor Menschen und Fahrzeugen, die alle nach die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Krankenhäuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Aufwand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu evakuieren, war unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordinierte und organisierte.

Fabia gab den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog an der nächsten Kreuzung gehorsam ab.

„Wo willst du denn hin?“, fragte Leon. „Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung Deutschland abfahren, liegen doch alle in östlicher Richtung. Möchtest du zum Abschluss noch einen Stadtrundflug machen?“

„Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber weiterfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Umweg.“

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

„Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kommen willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Nach dem Impakt des Mondbrockens im Atlantik, dem am frühen Nachmittag bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später erreichen. Wenn wir bis dahin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden.“

Fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff.

„Bist du etwa noch mit dem Netz verbunden? Verdammt noch mal“, fluchte sie, „kappe sofort die Verbindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.“

„Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder offline geschaltet.“

Fabia atmete auf, doch ihr Instinkt warnte sie. Sie kamen gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutzig graues Band die Innenstadt in zwei Hälten zerschnitt. In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen:

Der Schweber hatte inzwischen eine kaum mehr befahrene Flugstraße hinaus aus den Flüchtlingsströmen eingeschlagen, als von oben wie aus dem Nichts zwei wendige Polizeiflieger herabfielen und vor ihnen drohend den Weg versperrten. Der automatische Pilot übernahm augenblicklich,  stoppte pflichtschuldig und der Schweber ruhte bewegungslos in der Luft.

„Verdammt! Verd …,“ wiederholte sich nach einer Schrecksekunde Fabia, denn wegen im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. „Wo kommen die denn plötzlich her?“

Landen Sie sofort ihren Schweber, Bürgerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Absatz 4 der seit 52 Minuten gültigen Allgemeinen Notstandsverordnung wir sind gezwungen, sofort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie jetzt aufgrund Artikel 217 b der Ersten Allgemeinen Strafgesetze der Notstandsverordnung in unmittelbaren Gewahrsam nehmen.“

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönt eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehörte, dem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEM, der in Krisenzeiten allerdings die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses auszuüben. Er konnte sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit den sturen Robotern war nicht zu denken. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern kein Mensch befand. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Überlegung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wichtigeres.

„Haltet euch fest, das wird jetzt etwas holprig“, sagte sie und wies Omicron an, die Notfallabschaltung des Schwebers heimlich zu überbrücken und das Steuerungskommando an sie zu übergeben. Als würde sie der Aufforderung der Polizei gehorchen, ging sie anschließend in einen gemächlichen Sinkflug.

[zum 9. Teil …]

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