Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 11)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen? Bevor sie sich darüber weiter Gedanken machen konnte, war der Aufzug, in dem sie stand, auch schon an seinem Ziel angekommen und seine unscheinbare Tür öffnete sich an der Rückseite einer gewaltigen Halle, in der sich Lakmi wie eine Ameise unter Machmouts fühlte. Linkerhand standen eine kaum übersehbare Anzahl von Kriegs- und Flugmaschinen und hohe, gepanzerte Wägen auf mannshohen Rädern, deren Sinn dem Mädchen nicht deutlich wurde. Alles war um ein Vielfaches größer und beeindruckender, als die Wächtergoleme, denen sie bislang in den Kasematten unter den Ebenen begegnet war. Und das war noch nicht alles: Auf der rechten Seite ruhte ein bewegungsloses Heer mechanischer Soldaten, Reihen um Reihen um Reihen bildeten sie dort – es mussten hunderttausende sein! Die einzige Bewegung, die es hier unten in der schlafenden Halle gab, wurde wieder von den Deltas erzeugt. Diesmal waren es Myriaden von ihnen, die überall etwas zu reparieren oder zu erneuern hatten und auf ihren undurchschaubaren Wanderungen zwischen all dem Kriegsgerät unterwegs waren. Hier lag endlich auch Schnee auf dem Boden zwischen den Beinen der eisernen Soldaten. Nach ihm hatte Lakmi bisher vergeblich Ausschau gehalten. Zuerst hielt sie ihn für weißen Wüstensand, aber als sie mit ihren dünnen Schuhen in ihn hineintrat und bis zu den Knöcheln einsank, erkannte sie, was das war. Leider blieb ihr nicht die Zeit, hinunter zu greifen und das kalte Wunder, das uns mein würdiger Vorredner so eindrücklich beschrieben hat, in die Hand zu nehmen und zwischen den Fingern schmelzen zu lassen, denn ihr Zauberstab drängte sie weiter.

TYCHO zog Lakmi zwischen den schwerbewaffneten Legionen hindurch zu einer Rampe am anderen Ende der Halle hin, die dem Mädchen meilenweit entfernt schien. Atemlos schlich sie sich mit ihrem Führer, dessen blaues Licht nur noch ganz schwach leuchtete, durch die erstarrte Armee. Jene würde sich – wahrscheinlich auf den Befehl von EDY hin – mit dem Ausbruch der Nacht in Bewegung setzen und eine weitere sinnlose Schlacht gegen ihre ebenso mächtigen Widersacher ausfechten. Wovon träumten diese Golemsoldaten mit ihren erloschenen Augen, die seit Jahrtausenden Krieg führten? Lakmi wagte kaum zu atmen und der Weg, der ihr schier endlos erschien, zog sich immer länger und länger dahin. Die Spur, die sie im Schnee hinterließ, wurde hinter ihr immer länger und nur selten von eiligen Deltas durchkreuzt.

Was würde mit ihr geschehen, wenn sie noch bei Dämmerung hier unten war? Welch ein Hass musste in den Herzen der Erbauer dieser Maschinen gekocht haben, wenn ihre zu Stahl gewordenen Mordgelüste sie selbst um Jahrtausende überlebt hatten?

Endlich, nach einem eiligen Fußmarsch von über zwei Meilen, erreichte Lakmi mit halb erfrorenen Füßen die Rampe, die mit einer leichten Steigung nach oben und wahrscheinlich an die Oberfläche führte. Doch ihr Zauberstab wollte nicht, dass sie die Rampe, die dem Aufmarsch der Armee diente, betrat. Er führte sie zur Seite, an der sich eine durch ein Gitter eingefasste Wendeltreppe hinauf und durch die Decke drehte. Auch sie endete in einem kleinen, leeren Raum. Als Lakmi durch dessen Tür schließlich wieder ins Freie trat, traf sie – inzwischen an die kalten und düsteren unterirdischen Hallen gewöhnt – die Hitze und Helle der Wüste wie ein Schlag ins Gesicht. Sie taumelte und lehnte sich gegen die Wand des Bunkers, aus dem sie getreten war. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie seit vielen Stunden nichts mehr gegessen und getrunken hatte.

Verzweifelt sah sich Lakmi um. Es war bereits spät am Nachmittag. Außer dem niedrigen Gebäude gab es in ihrer Umgebung nur staubige Dünen, Sand und zu Glas gekochte Flächen, die im unbarmherzigen Sonnenlicht wie Seen funkelten. An manchen Stellen ragten Schrott und verbogene Eisenteile aus dem toten Boden; Überbleibsel der nächtlichen Schlachten. Wohin auch immer sie TYCHO gebracht hatte: Das Mädchen war weit, weit weg von den Überresten der alten Stadt, bei denen der Delphi auf sie wartete, und auch von ihrem Gepäck und ihren Vorräten, die dort lagerten. Lakmi begann an der Macht ihres Stabes zu zweifeln. Er hatte sie zwar aus der unterirdischen Festung geführt, jedoch nur mitten hinein in das Schlachtfeld, dessen Rand sie niemals bis zur Nacht erreichen konnte. War es ihr Los, das erste menschliche Opfer dieses Krieges seit Jahrhunderten zu werden?

Lakmi begann an der Macht ihres Wunderstabes zu zweifeln. Sie konnte nicht einmal zurück in die Kasematten gehen und sich irgendwo in einem Winkel verstecken, denn die Tür des Bunkers, die hinter dem Mädchen zugefallen war, hatte an ihrer Außenseite keine Klinke. Lakmi wog den Stab.

„Ach, TYCHO,“ fragte sie resignierend, „was sollen wir denn jetzt tun?“

Diesmal legte ihr der Stab keine Worte in den Mund oder zog sie in eine Richtung. Er summte leise in ihren Händen und das blaue Licht an seiner Verdickung erlosch. Da saß sie nun, besaß mit der Landkarte und dem Stab der Macht zwei der wertvollsten Gegenstände der Welt, und konnte sich nicht mit ihnen in Sicherheit bringen.

Doch ihr, meine geduldigen Zuhörer, die ihr mir bisher so treu zugehört habt, ihr wisst es schon: Lakmi-âs-Sekr, die man auch die Unerschrockene nannte, überlebte und kehrte zu ihrem Vater heim, den sie mit Hilfe ihres Zauberstabs heilte. Sie würde noch viele Reise in alle vier Winkel der Welt unternehmen, bevor sie die Hauptfrau des „Harmonischen Bambusrohrs“, des siebten Namenlosen von Karukora, wurde und ihre Erlebnisse für uns Nachgeborene aufschrieb.

Und dies geschah so: Die Sonne stand bereits nur noch zwei Handbreiten aufgebläht über dem Firmament als eine flimmernde, orangene Kugel, deren unterer Rand durch die Hitzeschlieren der Wüste abgestumpft war. Das tapfere Mädchen hatte schon alle Hoffnungen fahren lassen, als plötzlich eine dünne Staubfahne über den Dünen wehte. Sie konnte keine durch ein mutwilliges Spiel des Windes entstandene Windhose sein, sondern wurde durch ein bald sichtbar und nun schnell größer werdendes Gefährt geschaffen, das sich Lakmi und dem Bunkerausgang in erheblicher Geschwindigkeit näherte. Es war ein scheinbar von Zauberkraft angetriebener, achträdriger Wagen, der sich mühe- und übrigens auch beinahe geräuschlos durch den zu Staub zerriebenen Sand auf sie zubewegte.

Lakmi kniff die Augen zusammen.

„URS“, stellte sie fest und stand auf, wartete auf den Wagen. TYCHO, der den URS angefordert hatte, hatte ihr das merkwürdige Wort eingeben und auch eine Vorstellung davon, was URS eigentlich war. Sie hatte ein Bild vor Augen, das sie selbst zeigte, wie sie ins Innere des Wagens stieg, dort auf einem der am Boden festgemachten niedrigen Sitze Platz nahm und sich anschließend ungefährdet an den Rand des Schlachtfelds kutschieren ließ. URS – das wusste sie mit einem Mal, als hätte sie es in der Schule gelernt – das waren Transportfahrzeuge, die Menschen und Material durch die Tote Wüste fuhren und auch Reisende und Flüchtende nach Pardais brachten, wenn diese den richtigen Schlüssel besaßen.

„Danke, TYCHO“, sagte sie, als alles so geschah, wie ihr es der Zauberstab gezeigt hatte.

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