Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter im August haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte, schwarzweiße Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ sind die beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AFD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen …

Nur gut, dass diese Seuche ab Sonntag so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächsten Wahl …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

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2 Gedanken zu „Geilwuchs

  1. … wenn sie auch noch Freibier verspricht, wäre das auch meine Partei. 😉
    Grüße

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  2. Herrlich, meinen Dank! Eine Partei, die das Abschaffen von Wahlplakaten ins Programm nimmt, würde ich jedenfalls sofort wählen 🙂

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