Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Die Deltas nahmen von der erschrockenen Lakmi keinerlei Notiz. Nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatte, kam sie sogar zu dem Schluss, dass diese kleinen Goleme sie überhaupt nicht wahrnahmen. Eines der krabbelnden Metalltiere lief ihr mit seinen unzähligen spitzen Beinchen sogar über den Fuß, ohne sich davon auf seinem Pfad beirren zu lassen. Also kümmerte sich unsere tapfere Heldin nicht weiter um diese seltsamen Arbeitstiere aus schimmerndem Metall, deren Wege sie eh nicht durchschauen konnte und die diese auch über die Wände und sogar über die Decke führte. Lakmi betrachtete besorgt die Zeichnung von Asgëir, die sehr detailliert war und sie bisher gut durch das Trojaspiel unter der Erde geleitet hatte. War sie an irgendeiner Stelle falsch abgebogen oder hatten die Deltas in der Zwischenzeit einfach die Innenarchitektur verändert, Wände hochgezogen oder eingerissen?

Doch die Lösung war viel einfacher, wie sie mit einem Mal beschämt feststellen musste: Sie hatte die Wegbeschreibung schlicht verkehrt herum gehalten und war über eine Stunde in die falsche Richtung gegangen! Das war zwar bei der nahezu symmetrischen Anordnung der Räume und Gänge ein verständlicher Irrtum, doch sie konnte von Glück reden, das sie nicht in eine Falle gelaufen war.

Gerade wollte Lakmi umkehren und ihre Suche nach dem Worum noch einmal von vorne – diesmal in der richtigen Richtung – beginnen, als sich plötzlich wie ein Vorhang eine Tür an einer der Wände öffnete, die sie bis dahin für massiv gehalten hatte. Dieses Labyrinth war ja durchgängig wie ein durchlöcherter Termitenbau – und ebenso bevölkert. Doch leider nicht nur von diesen flinken, harmlosen Spinnen, sondern auch von Golemen in annähernd menschlicher Gestalt.

Der, der eben durch die neu entstandene Tür auf dünnen, knackenden Beinchen zu ihr hereintrat, war ein gewaltiges Exemplar, ein wahrer und erschreckender Hühne. In der Selbstsicherheit seines Auftretens konnte Lakmi erkennen, dass er ein ranghoher und intelligenter Maschinenmensch war, ein Anführer. Im Gegensatz zu den wunderlichen Spinnenleibern, die ganz offensichtlich seine Nähe zu suchen schienen, entdeckte der Meistergolem den Eindringling sofort. Der groteske Eimerkopf, der so hoch oben auf seinem Zylinderkörper saß, dass er Lakmi überragte wie sie selbst einen Nachtalb aus den Minen von Berghoch, drehte sich zu ihr und ein Blick aus zwei grünen, strahlenden Facettenaugen traf sie, als wolle der Golem sie bis auf ihre Seele durchleuchten. Er hob einen Finger, dessen Spitze bedrohlich rot zu leuchten begann.

Jetzt musste sich das besänftigende Zauberwort bewähren, denn es gab sonst keinen Ausweg mehr für das tapfere Mädchen. Ihr war klar, das blecherne Ungeheuer würde sie mit seinen Klauenhänden zerreißen, wenn der Delphi sie angelogen hatte. Aber tatsächlich: Nachdem Lakmi die geheimnisvollen Silben zwar stockend, aber fehlerfrei gesprochen hatte, senkte der Golem seinen grünen Blick und seinen brennenden Finger und sprach:

„Das ist wahr und recht und ich gehorche!“

Mutiger geworden trat Lakmi einen Schritt auf den gewaltigen Maschinenmenschen zu.

„Führe mich in den Worum zum Tisch des Dschinn!“, und schickte ein Gebet zur Allerbarmerin. Hoffentlich war sie verstanden worden.

Ohne eine Erwiderung drehte sich der Golem herum, was bei ihm bedeutete, dass sich nur sein tonnenförmiger Körper einmal halb um die eigene Achse drehte und seine Beine dabei stillstanden. Anschließend verließ er auf seinen dünnen Füßen trippelnd den Spinnenraum durch die Tür, durch die er gerade hereingetreten war. Lakmi folgte dem Golem, der ein schnelles Tempo vorlegte und sich kein einziges Mal nach ihr umsah. Es gelang ihr kaum, Schritt zu halten, als er sie durch die verwirrende Vielzahl der Gänge und Räume ins Herz der Anlage führte. Leider hat uns Lakmi nicht überliefert, welche Wunder sie alles in den unterirdischen Katakomben sah und erlebte, bis sie mit dem Giganten endlich den Worum erreichte.

Wie es Asgëir prophezeit hatte, standen links und rechts vom Eingang grimmige und mit Schwertern bewaffnete Wächtergoleme. Doch Lakmi musste sich nicht vor ihnen fürchten, denn die Gestalten glitten bereitwillig auf ihren Schienen zur Seite, al sich das Mädchen mit ihrem Begleiter näherte. Ebenso gehorsam öffnete sich die Tür, die zu dem Allerheiligsten der gewaltigen unterirdischen Anlage führte. Lakmi trat ehrfürchtig in die ihr versprochene Schatzkammer. Ihr hünenhafter Begleiter blieb am Eingang zurück; obwohl so mächtig war, hatte er keine Befugnis, den Raum zu betreten.

Das Mädchen hätte nicht genau zu sagen gewusst, was sie sich von dem Worum erwartet hatte, aber sie fühlte sich ein wenig enttäuscht. Sie war mit den Ammengeschichten über die vom Golde funkelnden Schatzhöhlen der Vorgänger und ihrer Städte aufgewachsen und kannte die Sage von der Stadt Bridon unter dem Gynashort. Sie hatte sich daher etwas wesentlich Beeindruckenderes erwartet als einen staubigen, nicht einmal allzu großen Raum, an dessen Wänden seltsame, blinkende Kisten standen und in dessen Mitte unter einer großen Deckenlampe ein kreisrunder Tisch mit einer bernsteinfarbenen, matt glänzenden Platte stand. An ihn konnte stehend vielleicht ein Dutzend Menschen Platz finden.

Unsicher trat Lokwi an den Tisch heran. Doch nichts geschah.

„Dschinn“, fragte sie, „bist du da?“

Ihre Stimme löste endlich eine Reaktion aus. Über der Mitte des Tisches, in die ein armdicker Stab eingelassen war, erschien wie aus dem Nichts ein leicht durchscheinender und viel zu großer menschlicher Kopf, dessen Geschlecht sie trotz der Glatze nicht einschätzen konnte. Wahrscheinlich war diese Vision weder Mann noch Frau, sondern der Geist, nach dem sie gerufen hatte. Lakmi wartete einen Moment erwartungsvoll, wurde aber nur schweigend und sehr vorwurfsvoll angeblickt. Sie flüsterte eingeschüchtert ihr Zauberwort, das die Goleme ihrem Willen unterwarf. Sie wurde erhört und es geschah doch noch etwas Wunderbares, das sie mit dem Worum halbwegs versöhnte:

Mit einem Mal leuchteten die glatten Wände in allen Regenbogenfarben und spiegelten die Lichtpunkte, die nun immer hektischer auf den Vorderseiten der Metallkisten wie die Sterne am Nachthimmel aufleuchteten – es waren an jeder einhundert oder eintausend. Wer vermag das schon zu zählen? Auch in den Tisch in der Mitte kam Leben. Auf seiner Platte waren zuerst Farbschlieren zu erkennen, die sich wie Rauch im Wind bewegten und ineinander verdrehten. Dann erschien ein Bild, das eine wehende Fahne zeigte. Sie war blau und gelb und stellte eine geballte Faust dar, die über einem Hexagon schwebte. Das Bild hatte eine erstaunliche Tiefe. Es hätte Lakmi nicht gewundert, wenn sie mit ihrer Hand in die Tischplatte hineingreifen konnte und dann den Stoff der Flagge spüren konnte. Diese Faust musste das Hoheitszeichen der alten Macht sein, deren Worum sie betreten hatte und deren Kriegsmaschinen noch immer Schlachten gegen Feinde ausfochten, deren menschliche Befehlshaber genauso wie die eigenen längst zu Staub zerfallen waren. Lokwi hatte diese Flagge noch nie gesehen; welches Volk auch immer unter diesem wuchtigen Symbol in den Krieg gezogen war: Die Geschichte hatte es längst vergessen.

„Was ist dein Wunsch, General?“, fragte der Kopf und riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Sie räusperte sich und trat näher.

„Zeige mir den Weg, der in den Tag führt.“

„Ich höre und gehorche.“

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