Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Asgëir deutete wie von ungefähr auf die schroffen Felsen, unter denen er sein Lager aufgeschlagen hatte. Jetzt, im scharfen Licht der von der Ebene herüber leuchtenden Scheinwerfer, erkannte Lakmi, dass es durchaus keine natürlichen Gebilde waren, wie sie bisher gedacht hatte, sondern die zerbröckelnden Überreste großer Gebäude, deren schwarzverbrannte und von Löchern zerfressene Grundmauern sich hier erhoben.

„Übrigens fand ich in den nur wenig zerstörten Räumen unterhalb der Ruinen, von denen die meisten vom Sand verschüttet sind, eine sprudelnde Wasserquelle – ein Geschenk der Tränenreichen, das aus einem rostigen Rohr fließt. Und genau hinter diesen uralten Mauern befindet sich die Grenze, die die Schlachtfelder des Maschinenkriegs von uns trennt. Also rastete ich hier und wartete auf dich. Ich gebe es zu. Ich hatte eine vollkommen andere Vorstellung von dir, dachte an einen gewitzten, mutigen Krieger und nicht an ein Mädchen, das gerade erst in ihr Leben getreten ist. Jedoch sind die Wege der Allerbarmerin immer verknotet und verschlungen und für den Menschen nicht erklärbar.“

Lakmi kniff skeptisch die Augen zusammen.

„Und du bist dir sicher, dass die Allbarmherzige ausgerechnet mich meinte und nicht einen anderen Wüstenwanderer?“

Asgëir lächelte breit und reichte dem Mädchen seine Feldflasche, die sie gerne annahm. Das Wasser aus der Quelle des Delphi hatte einen seltsamen, metallischen Beigeschmack, aber es erschien ihr trotzdem rein und es war erstaunlich kühl. Es musste aus einer sehr tiefen Zisterne stamme.

„Glaubst du wirklich, Lakmi, dass in den nächsten einhundert Jahren noch jemand so lebensmüde ist und ausgerechnet hier vorbeispaziert kommt? Nein, du bist die Auserwählte der Göttin. Daran kann es doch keinen Zweifel geben.“

Lakmi lehnte sich zurück auf ihre Gepäckrolle. Die lange Wanderung dieses Tages durch die unbarmherzige Bruthitze der Toten Wüste hatte sie müde gemacht. Sie musste plötzlich gegen den Schlaf ankämpfen. Doch eine kleine Stimme in ihrer Seele arte sie davor, sich dem viel zu freundlichen, alten Mann auszuliefern. So schwer es ihr fiel, nahm sie sich vor, auf jeden Fall wach zu bleiben und ihm genau zuzuhören. Da war etwas in seinen Worten versteckt. Asgëir erzählte ihr nicht die ganze Wahrheit. Das spürte sie.

„Und was genau hat die Allerbarmerin gesagt, was ich tun soll?“, fragte Lakmi und bemerkte plötzlich, wie ihr die Zunge beim Reden schwer wurde. Auch antwortete ihr der Delphi mit einem Mal so leise, dass sie ihn kaum verstand. Er erzählte, die Göttin habe ihm offenbart, er würde mit ihrer Hilfe einen gewaltigen Schatz finden.

„Stell dir doch einmal vor, was dein Vater und deine Mutter und auch deine Brüder für Augen machen würden, wenn du mit Gold und Geschmeide zu ihnen heimkehren würdest. Wenn das kein Glück wäre! Ich selbst will nur eine Kleinigkeit aus der Schatzhöhle, die ich ohne dich nicht erreichen kann. Du bist jung, schmal und gewandt und kannst dich durch die enge Öffnung quetschen. So hat es mir die Barmherzige gezeigt.“

Lakmi gefiel dieser Gedanke, trotzdem frage sie sich, wo der Haken war. Es musste einen geben. Sie schreckte plötzlich aus ihrem Halbschlaf. Das stete Pfeifen, das seit geraumer Zeit in der Luft schwebte, ging in ein kreischendes Heulen über. Sie hielt sich die Hände vor die Ohren.

„Was ist denn das?“, schrie sie entsetzt gegen den Lärm an, doch ihre Stimme drang nicht bis zu dem Delphi. Er verstand sie dennoch. Obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören würde, murmelte er:

„Es ist wieder so weit. Die Atempause ist vorbei. Mein Krieg geht weiter.“

Dann ertönten Donnerschläge, es blitzte und es erschien Lakmi, als würde ein wütendes Gewitter über der Wüste toben, obwohl keine einzige Wolke am Himmel stand. Aber ein Schwarm flinker Fluggeräte zog farbige Linien über das Firmament und ließ leuchtende Kugeln fallen, die knapp über dem Boden zerplatzten und mit gewaltigen Explosionen die Wüste in Brand setzten.
Doch das bekam Lakmi schon nicht mehr mit. Das Schlafmittel, das der Alte ihr in das Wasser gemischt hatte, wirkte und sie wäre nicht einmal erwacht, wenn Maní erneut auf die Erde gestürzt wäre …

Oh, je! Das Erwachen fiel dem Mädchen nicht so leicht wie das Einschlafen, aber schließlich öffnete sie doch die verklebten Augen und blickte in einen bleichen, gleichgültigen Wüstenhimmel. Es war früher Morgen. Sei musste die ganze Nacht über bewusstlos gewesen sein. Dieser Himmel über ihr wirkte merkwürdig unscharf, fleckig, so, als würde sie ihn durch ein schmutziges Trinkglas betrachten. Lag das an ihren tränenden Augen oder waren es die Nachwirkungen des Schlafmittels? Ihr fiel der gestrige Abend wieder ein und sie versuchte sich aufzurichten.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und allein gelassen im Kehricht eines kleinen, weiß gekalkten Raumes lag, auf dessen Boden die Wüstensonne durch ein gläsernes Oberlicht ein scharf geschnittenes Rechteck, in dem munter Staubfäden tanzten, warf. Sonst gab es noch an zwei Seiten metallene, halb verrostete Türen – aber das war es auch schon. Das Zimmer war vollkommen leer und beinahe unerträglich stickig. Lakmi bemerkte, dass sie in ihrem eigenen Schweiß lag, der ihre Kleidung klebrig feucht machte.

Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, dann hätte sie sich jetzt vor Wut selbst geohrfeigt. Wie hatte sie dem angeblichen Delphi und seinen doch so offensichtlichen Lügen auch nur für einen Moment Glauben schenken können? Seit wann wandte sich die Allerbarmerin direkt mit Aufträgen an einen Menschen? Lakmi biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, was dieser böse Mann, in dessen Hände sie sich so leichtfertig begeben hatte, mit ihr plante. Wollte er sie hier verschmachten lassen? Wo war er überhaupt? Sie lauschte, doch außer dem fernen Rasseln und Brummen der Kriegsmaschinen, an deren Geräusch sie sich längst gewöhnt hatte und ihr in ihrem Gefängnis nur dumpf ans Ohr kamen, hörte sie nur das stete Tropfen und Rinnen von Wasser.

Obwohl sie sich verwundert und aufmerksam umsah, konnte sie nicht ausmachen, woher dieses für die Wüste so ungewöhnliche Geräusch kam. Ihr schien fast, als dränge es von unter ihr empor. Sie schlug mit ihren gefesselten Beinen auf den Boden. Es klang dumpf und scheppernd. Offenbar war der Untergrund unter der Dreckschicht wie die Türen aus Blech.

Bevor Lakmi dies näher untersuchen konnte, schwang die eine der beiden Türen auf und Asgëir trat mit einer Tasche in der einen und einer Wasserflasche in der anderen Hand zu ihr in den Raum. Erst als sie die Flasche sah, bemerkte das Mädchen, wie durstig es war. Ihr Mund war so trocken wie der zermahlene Staub der Toten Wüste. Lakmi griff gierig nach der ihr schweigend gereichten Flasche, führte sie an die aufgerissenen und wunden Lippen und trank so lange aus ihr, bis sie sie hustend und spuckend geleert hatte. Dabei war es ihr vollkommen egal, ob das kühle Nass diesmal rein war.

Asgëir betrachte sie, während er stumm neben ihr in der Hocke saß. Er wartete geduldig, bis Lakmi ihren Durst gestillt hatte. Endlich schleuderte sie mit einem Fluch die Flasche nach ihm, aber er wich flink aus und warf nur einen bedauernden Blick auf das Glas, das über den Boden rollte und an der Wand zerbrach.

„Deine Lebensgeister sind also nicht erloschen. Gut. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte mich in der Dosierung vertan, als du gestern in den Padaverschlaf gefallen bist. Jeder reagiert anders auf dieses Gift.“

„Warum hast du das getan? Was hast du mit mir vor? Dein Gerede von gestern mit deinem Auftrag von der Tränenreichen und dem Schatz in einer Höhle, das waren doch alles Lügen, oder. Bist du überhaupt ein Delphi der Lisboa oder ein Bendâh?“

„Du hast recht, ich habe dich belogen. Nicht alles ist wahr, was ich dir erzählt habe. Doch ich bin tatsächlich ein Wahrsager und Heiler. Auch wenn du dir kaum einer Vorstellung machen kannst, was das bedeutet. Ich bin einer von den vier Wartern und besitze einen der Meisterstäbe.“

Asgëir zögerte und zitierte dann – den Blick nach Innen gewendet – einen uralten Text, der wohl nur ihm selbst bekannt war:

Vier Stäbe, um einen zu formen. Vier Stäbe, das Reich zu schaffen. Wehe, Serdan, das Alter greift nach dir.

 

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