Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 1)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

8. Kapitel
Alis Märchen

»Gestern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voran zu schreiten. Wir begegnen anderen Orten und Menschen. Gestern wird eines von vielen, ein weiteres Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern. bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand der Tage unseren müden Leib bedeckt. Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wundervolles Fest und an die Geschichten der beiden Märchenerzähler wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern – die Füße von Vater Zeit haben auch sie unter sich zu dem feinem Staub zermahlen, zu dem wir alle einmal werden, wir Menschen und unsere Städte und unsere Staaten, die wir gegründet haben. Doch manchmal tritt Vater Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dichter, je mehr er sich anstrengt. Manchmal, ja, manchmal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora – das Wunder der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt gründete und in seinen Wiedergeburten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Vater Zeit seiner Wanderung müde wird und die Sterne vom Himmel fallen. Uns Sterblichen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir gehen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos voran, Vater Zeit an seiner Seite, während seine Stadt blüht und gedeiht. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!«

Wie Sahar machte auch Alis nach seiner Einleitung, die die traditionelle Lobhudelei für den Herrscher geschickt variiert hatte, eine längere Pause, in der – von den fremdländischen Gästen abgesehen – der ganze Saal aufstand, sich vor dem „Unterwerfer“ verbeugte und immer wieder andächtig den letzten Satz des Erzählers wiederholte.

Alis fing einen Blick von Ómer auf, der zwar spöttisch, aber durchaus auch wohlwollend auf ihm ruhte. Der Namenlose selbst nahm die Ehrung gelassen, ja, gelangweilt auf und spielte währenddessen wieder mit seinem wie ein Fernglas aussehenden Kästchen, das er in den Händen hielt und nun der kühlen Schönheit auf dem Platz zu seiner Rechten zeigte. Alis konnte sich nicht recht vorstellen, was das war, aber es war offensichtlich, dass der Herrscher von seiner einleitenden Rede weit weniger beeindruckt war als der Rest der Gäste.

Der alte Mann sah sich um. Durch die Türen in die Halle traten immer mehr bewaffnete Soldaten aus Paşa Ultems Armee, die sich unauffällig im Raum verteilten und sich in die Nähe der Treuwächter stellten. Alis musste nur den verabredeten Satz sagen, dann würde der Vezir das Signal zum Aufstand geben. Hoffentlich gelang es dann in dem Durcheinander Selin und seine Verbündeten, zum Thronsaal vorzudringen.

Alis wartete, bis die Gäste wieder saßen und erwartungsvoll zur Bühne sahen, dann begann er sein Märchen:

»Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Lebensspanne im Licht des Namenlosen zu sonnen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte im drei prächtige Söhne geboren, die er mehr schlecht als recht durch seiner Hände Arbeit ernährte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ihnen das wenige Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fingern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brotsuppe – die einzige Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich anschließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen mühsam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den vergilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächtigen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Augen glänzen ließ, die starken Arm, die ihre immer schwächer werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens beinahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zukunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitztümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er wusste, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von einer Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete jeden von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die Frage beantworten wird, was das wahre Glück sei.“ Anschließend reichte er jedem der Söhne eine der Bürsten, umarmte sie und sagte:

„Achtet gut auf eure Bürste. Wenn ihr sie am richtigen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“ Danach schwieg Lafar und schloss die Augen Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und von einander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh-Dynastie, der ersten und wahren, unter deren Herrschaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Fremde, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie dir an einem anderen Tag erzählen. Aber nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Norden kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademien von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapelten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und bestaunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Feier des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen und, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden unterwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager aufschlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlieferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die einzigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiöse, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater. Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wunderbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem einer Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon immer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen mit mir und ihre Herden. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde besitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken eines edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reisen.“

[Fortsetzung nächsten Mittwoch …]

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