Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Sadon! Bist du das?“, stöhnte er. „Ich habe dich doch getötet.“

Die Frau lachte laut und das bewegungslose und starre Gesicht verwandelte sich kurz in ein hässliche Fratze. Gerade dieser bleiche, verzerrte Ausdruck, der nicht zu der weichen und hohen Stimme passte, machte Straif noch einmal deutlich, dass es keine echte Frau war, die ihm diese magische Scheibe zeigte, nachdem er sie mit seinem Schlüsselgeist zum Leben erweckt hatte, sondern eine erneute Larve für Sadons Seele. Sah Straif nun vielleicht ein Abbild des echten Sadon? Sein Avatar hatte vorhin gesagt, dass er einmal eine Frau gewesen war. Hatte sie im Leben so ausgesehen?

„Du kannst mich nicht töten, Krieger des Baums“, fuhr Sadon fort, nachdem sie sich beruhigt hatte. „Ich bin nur noch ein Flaschengeist, ein in die Maschinen des Fjall eingesperrter Dschinn, dessen Gedanken sein Mârid Inet in seinen Nervennetzen und Datenbanken am Leben erhält. Und weil du meinen Avatar zerstört hast, kann ich nur noch auf diese Weise mit dir in Verbindung treten. Immerhin siehst du mich nun so, wie ich einst war, als ich Faiaba und meinen Bruder an meinen eisigen Herrn verriet.“

„Den Meister aller Niedertracht, des Verrats und der Lüge gibt es wirklich? Der Große Bruder der Bosheit ist nicht nur eine Sage?“, fragte Straif fassungslos. Er hatte die Geschichten über den Daimonengott Inet bisher für ein Ammenmärchen gehalten hatte, eine in den zivilisierten Überlebenden Ländern längst vergessene grausame Götze aus dem alten Oberone-Kult, mit dem höchstens noch die Barbaren des Nordens ihre Kinder erschrecken konnten.

„Selbstverständlich gibt es das eisige Ungeheuer und es ist noch immer so lebendig wie du und ich. Inet, der Verräter, ist schuld am Untergang der Vorgänger und selbst Baruch konnte ihn nur für eine gewisse Zeit aufhalten und nicht vollkommen vernichten.“

Die Frauengestalt, die Sadon für Straif angenommen hatte, warf einen Blick zurück auf die saftige Wiese im Hintergrund des Bildes, als würde sie jederzeit das Auftauchen eines Dritten erwarten.

„Ich habe Inet mit Hilfe einer Feuerwand für den Moment von unserem Gespräch ausgeschlossen, aber meine Hüterroutinen werden ihm nicht lange standhalten können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er deine Anwesenheit bemerkt.“ Die Frau wandte sich wieder zu Straif, und ihre Stimme klang jetzt drängend.

„Du hast zwar meinen Avatar vernichtet, bist aber doch in den Besitz von Baruchs Schlüssel gelangt. Das war zwar von mir nicht so beabsichtigt, aber allein das Ergebnis zählt. Der Schlüssel ist für den Augenblick in Sicherheit. Höre mir genau zu: Mit ihm hast du dir eine schwere Bürde auferlegt. Der Schlüssel ist die Seuche, die den Herrn der Lüge überwinden kann; er ist die Hoffnung für unsere Welt. Er allein kann Inet noch aufhalten und der böse Gott würde alles tun, um ihn in seine Hände zu bekommen. Inet muss zerstört werden, sonst wird er mit Hilfe des schwarzen Máni die Welt verbrennen. Noch lebt sein alter Widersacher Oberone, der Herr der Wälder und des Getiers darinnen. Du musst ihn finden und wecken. Die Johannisnacht ist bald vorüber und er allein wird wissen, was zu tun ist, um Inet aufzuhalten. Auf dem Schlüssel befinden sich die Aufzeichnungen und Bücher von Baruch bewahrt, hoffentlich sind die Daten nicht zu sehr beschädigt worden. Du musst sie Oberone geben, verstehst du? Er ist in Pars.“

Straif begriff überhaupt nichts. Was verlangte Sadon da von ihm?

„Niemand kann nach Pars. Die alte Hauptstadt der Vorgänger liegt in den Jenseitigen Landen weit westlich von Ygdras. Dorthin führt kein Weg. Dort kann man nur den Tod finden“, widersprach er.

Jetzt tauchte wieder ein Lächeln auf den schmalen, verkniffenen Lippen der Frau auf, die sich Sadon nannte.

„Es gibt immer einen Weg. Man muss ihn nur finden. Aber ich sehe schon, du bist noch nicht überzeugt. Dann werde ich dir etwas zeigen, das du hoffentlich nicht vergisst.“

Sadon und die traumhafte Landschaft auf der Scheibe verschwanden und machten albtraumhaften Bildern Platz, die ganz offensichtlich den Untergang der Vorgänger zeigten. Straif sah Erdbeben, die so gewaltig waren, dass sie ganze Gebirge aufwarfen und die Erde wie eine Eierschale platzen ließ, aus der glühendes Gestein, giftiger Dampf und meilenhohe Flammenzungen drangen. Überall waren Zerstörung, Explosionen, Krieg, Feuer. Der Tod erntete allgegenwärtig und reich. Er worfelte die Menschen wie Weizenspreu. Gigantische Städte, die ihre wunderschönen, schlanken Häuser wie erhobene Finger in unglaubliche Höhen streckten, wurden Opfer von Flammen und die Vorgänger starben wie Fliegen. Schließlich rollte eine himmelhohe Welle heran und begrub die Welt der stolzen ersten Menschheit unter sich.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, tauchte Sadons verhärmtes Gesicht wieder auf. Es zeigte sich weiterhin keine Regung auf ihrem eingefrorenen Antlitz, aber eine einzelne Träne rann ihr die Wange hinab.

„Milliarden und aber Milliarden Menschen starben am schon ersten Tag nach dem Sturz des bleichen Máni und der dadurch ausgelösten Flutwelle des großen Ozeans und dies war nur der Anfang. Allein die Landstriche, die ihr heute die Überlebenden Lande nennt, überstanden die Katastrophe, doch auch dort waren die Zerstörungen gewaltig und ihre Opfer ungezählt. Seit damals sind gut dreitausend Jahre vergangen und viele Wunden haben sich geschlossen. Aber Inet, der dies alles verursachte, harrt in seinem Kerker aus Eis auf den Tag der Rückkehr des Schwarzen Máni. So lange sein flammender Turm auf Kap Marelona leuchtet, wird er weiterhin den Weltenbrand planen. Er wartet geduldig auf seine Gelegenheit, auch noch den Rest der Menschheit auszurotten, denn dies ist der Auftrag, den ihm seine Herren, deren Knochen längst zu Staub geworden sind, eingeflüstert haben. Selbst wenn es bis zum Erscheinen Mánis noch lange ist, wird es so geschehen, wenn nicht Oberone mit Baruchs Schmetterling fliegt. Die Last und die Aufgabe, dies zu verhindern, liegt nun auf deinen Schultern. Wenn du mir noch immer nicht glaubst, dann lies die Bücher des Baruch und du wirst alles verstehen.“

Sadon sah sich erneut um.

„Jetzt fliehe! Ich kann dich nicht länger verbergen.. Die Deltas sind dir auf die Fährte gekommen und auch Inets Blick ruht inzwischen auf dem Fjall Tu‘DasQ.“

Die Scheibe färbte sich schwarz. Von allen Seiten waren seltsame Geräusche zu hören, als würden gleichzeitig hunderte von Fingernägeln an den Wänden kratzen. Straif sprang auf, Dann er zog den Schlüsseldolch heraus und steckte ihn zurück in die Gürteltasche. In der Nähe der Rückwand klappten plötzlich mehrere Luken an der Decke auf und aus ihnen quollen rattengroße, rechteckige Goleme, die sich wie Spinnen auf spitzen Nadelbeinchen bewegten und in Rudeln in alle Richtungen ausströmten. Das mussten die Deltas sein, von denen Sadon eben gesprochen hatte, tierhafte Maschinenwesen, die unter Inets Befehl standen. Immer mehr von ihnen kletterten mit hektisch klickenden Gliedmaßen aus den Öffnungen und bewegten sich wie schwarze Heuschreckenschwärme auf Straifs Standort zu. Er fragte sich, was ihre Aufgabe war, Im Augenblick schien ihm keine Gefahr von ihnen auszugehen.

Doch dann verlor der vorderste der Deltas seinen Halt an der Decke, fiel und landete auf Straifs Schulter. Augenblicklich bohrten sich seine nadeldünnen Füßchen mühelos durch den wattierten Wams und durch seine Haut. Panisch schlug Straif den kleinen Golem mit der Hand weg und als dieser auf dem Boden auf dem Rücken lag und hilflos mit seinen Beinchen zappelte, schlug er zur Sicherheit mit der schwarzen Scheibe zu, die er noch immer in der anderen Hand hielt. Sie zerbrach dabei und auch der Delta rührte sich nicht mehr. Dafür begannen die anderen einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie stoppten, wippten mit ihren kleinen Körpern auf der Stelle auf und ab und begannen wie aufgeregte Mäuse zu fiepen. Der Schock über die brutale Zerstörung eines der ihren ließ sie zögern. Alle, auch die Deltas, die bisher in eine andere Richtung unterwegs gewesen waren, wandten sich nun allerdings zu ihm. Sie richteten ihre vorderen Beinchen wie Waffen in die Höhe und mit einem gemeinsamen Aufschrei nahmen sie den Marsch wieder auf und bewegten sie sich auf den Krieger zu, der den nutzlosen und zerbrochenen Rahmen fallen ließ.

Bevor sie ihn wie eine Flut überschwemmten und mit ihren scharfen Gliedmaßen zerrissen, blieb Straif nur die Flucht. Gegen solch eine Übermacht, die er erst durch seine Tat auf sich aufmerksam gemacht hatte – hatte er, unbewaffnet, erschöpft und verletzt wie er war, nicht die geringste Chance. Deshalb schlängelte er sich zwischen Tischen und Gerätschaften hindurch und versuchte, dabei so viel Staub wie nur möglich aufzuwirbeln, um die Deltas, die offenbar auf Bewegungen reagierten, zu verwirren. Sein Ziel war ein offener Durchgang im Hintergrund der Abstellkammer. Doch die Tiergoleme waren flinker als er, sie flitzten nicht nur der Schwerkraft trotzend über die Decke auf ihn zu, sondern begannen auch von den Seiten, ihm den Weg abzuschneiden. Sie waren inzwischen so zahlreich, dass es aussah, als wären die Wände selbst lebendig geworden und machten Jagd auf ihn. Schnell schmolz sein kleiner Vorsprung dahin. Doch es gelang ihm gerade noch, mit einem kühnen Sprung durch den Durchgang der Einkesselung zu entkommen und er stolperte in eine Röhre, in der nicht automatisch das Licht anging. Schnell schluckte ihn die Finsternis und der stieß sich den Fuß an einem unsichtbaren, harten Gegenstand, den er nicht gesehen hatte. Er fluchte und tastete sich weiter voran in die Schwärze vor ihm. Sie rettete ihn vor den Deltas. Wie er richtig erkannt hatte, benötigten sie Licht, um sich zurechtzufinden und hielten deshalb an dem Durchgang an und verfolgten ihn nicht weiter. Sie stießen zwar verärgert wirkend ihr Pfeifen aus und auch ihre Füßchen kratzten auf dem Metall der Wände, aber sie wagten es nicht, den finsteren Gang zu betreten. Hatte er sie so einfach abgeschüttelt?

Straif sah zurück zu dem schon weit entfernten Lichtfleck des Ausgangs. In diesem Moment spürte er, dass er nicht allein in der Röhre stand. Jemand war bei ihm. Seine Nackenhaare sträubten sich.

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