Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 2)

Bereits am ersten Tag der Sommerferien verfrachtete mich unser Chauffeur in das Internat in der Schweiz, dessen eine Anderswelt-Version ich ja bereits kannte und dies sich in meiner realen Welt nur unwesentlich von ihrer Kopie unterschied. Auch hier gab man mir ein eigenes kleines Zimmer, ich fand einen wirren Haufen von Leidensgenossen und strengen Lehrern vor, hatte eine große Bibliothek zur Verfügung und nach den vormittäglichen Wiederholungsunterrichten ausreichend Freizeit, die ich mit Wanderungen zu den umliegenden Tälern und Berghöhen ausfüllte. Es war jedoch ein Schock, der mürrischen Lehrkraft wieder zu begegnen, die ich auf Rubens Seite buchstäblich zum Teufel gewünscht hatte, als diese als einzige mitbekommen hatte, dass ich für ein Chaos im Speisesaal verantwortlich war. Als sich Dr. Urs Herni am ersten Tag als Klassenleiter für die Nachhilfewochen vorstellte, duckte ich mich eilig unter seinen immer beleidigten, vorwurfsvollen Blicken, die freilich ein Standardgesichtsausdruck von ihm waren. Sie hatten nichts damit zu tun, dass ich seine Kopie in Luft aufgelöst hatte. Mein Selbstvorwürfe hielten sich übrigens in engen Grenzen, denn der Lehrer stellte sich im Original als ein noch viel strengerer und unfairer Leuteschinder heraus. Herni nahm jede Nachlässigkeit und jeden Fehler der ihm anvertrauten Zöglinge persönlich. Er breitete bereits in der ersten Woche die ganze Palette an Strafmaßnahmen vor uns aus, die ihm durch die strengen Internatsregeln zur Verfügung standen. In dieser Zeit war in der Schweiz die schulische Prügelstrafe nicht abgeschafft; in den elterlichen vier Wänden ist sie dort noch heute erlaubt. Manch ein verträumter Schülerkopf, der statt Verben zu konjugieren, lieber aus dem Fenster zu den nahen, verschneiten Berggipfeln hinübersah und sich in eine rosigere Zukunft träumte, machte die Bekanntschaft mit Hernies Handrücken und seinem schweren Ehering, der mehr als nur eine Wange blutig riss. Ich bedauerte häufig, dass ich keine Macht mehr über ihn hatte, denn dieser Lehrer gehörte zu den widerwärtigsten Menschenquälern, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und mein Leben war sehr lang, das kannst du mir glauben, Abakoum.

Ich selbst blieb übrigens von Hernis gröberen Bestrafungen verschont, die er so großzügig auch bei kleineren Vergehen austeilte. Er schränkte vielleicht einmal meine Freizeitmöglichkeiten ein, aber er hätte wohl nie die Hand gegen mich erhoben. Etwas ließ ihn trotz meines von ihm als ‚impertinent‘ bezeichneten Verhaltens und meines Lernunwillens zögern, auf mich das volle Programm anzuwenden. Zuerst dachte ich, es sei eine unbestimmte Furcht, die ihn zögern ließ; eine Ahnung, dass ich ihm unter bestimmten Umständen gefährlich werden konnte. Aber der Grund war ein viel einfacherer: Er hatte Angst vor meinem Vater. Ich bekam von Zuhause ein ordentliches wöchentliches Taschengeld überwiesen, mit dem ich mir zwar keine Extrabehandlung erkaufen konnte, aber es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich aus einer legendär reichen Familie stammte, die auch in der Schweiz gut vernetzt war. Dr. Herni war nämlich nicht nur ein Sadist, sondern auch ein schmieriger, kleiner Feigling.

Die anderen Internatszöglinge, manche für sieben Sommerferienwochen verurteilt, andere wie ich dort für länger zur Schule gehend, verprassten ihr am Wochenanfang mit der Post ausgezahltes Taschengeld eilig für Süßigkeiten, heimlich erworbene und im Gebüsch hinter der Turnhalle gerauchte Zigaretten, Comic-Hefte und Ähnliches. Sie standen spätestens vor Beginn des Wochenendes bei mir Schlange, um sich ein paar Franken zu leihen, die ich mit gesalzenen Tageszinsen spätestens nach der nächsten Salär-Auszahlung zurückverlangte. Dies war nur eines meiner vielfältigen Geldgeschäfte, die ich im Internat tätigte. Da ich mit dem Besitzer des Zeitschriftenkiosks unten im Dorf eine auch für ihn lukrative Sonderregelung aushandelte, konnte ich Playboy-Hefte verleihen und Alkohol verkaufen, immer die neuesten Rock-Singles beschaffen und betätigte mich als Ghostwriter von Deutschaufsätzen. Dadurch gelangte ich bereits nach vier Wochen in den Besitz einer ordentlichen Summe Bargelds, die ich in meinem Zimmer zwischen den Seiten einer französischen Grammatik versteckte, in die ich mit einem Cuttermesser ein Geheimfach geschnitten hatte. Ich hatte Poe’s The purloined letter gelesen und deshalb lag das Buch für jedermann sichtbar und griffbereit auf meinem Schreibtisch. Die anderen Handelswaren bewahrte ich hinter der Lüftungsklappe der Heizung auf. Obwohl meine Habseligkeiten mehrmals von Schülern und einmal auch von Dr. Herni bei einer seiner häufigen Kontrollen durchsucht wurden, wurde mein schnell wachsender Schatz nicht entdeckt.

In jenen Sommerwochen bereitete ich mich vor. Ich unterwarf mich einem strengen Tagesplan. Irgendwie ließ ich die vergeudeten Vormittage im Klassenzimmer über mich ergehen, oft las ich dabei unter der Bank in einem Buch. Nachmittags trainierte ich zuerst eine Stunde in der Sporthalle. Dann lief ich im Dauerlauf runter ins Dorf, machte meine „Einkäufe“ und rannte mit meinem von den Handelswaren schwer beladenen Rucksack die Serpentinen des Fußwegs zum Internat zurück. Nach dem Abendessen erledigte ich meine kleinen Geschäfte und las, bis um elf Uhr das Licht im Schülertrakt gelöscht wurde. An den Wochenenden, an denen mir der Klassenlehrer keinen Hausarrest verpasste, unternahm ich ausgedehnte Wanderungen in den umliegenden Bergen. Meine Tage waren denjenigen sehr ähnlich, die ich im Jahr zuvor in Rubens Welt verbracht hatte. Ich wartete auf meine Gelegenheit, wieder in sie zu wechseln und dachte, ihr auf diese Weise näherzukommen. Aber nichts geschah. Manchmal, kurz vor dem Einschlafen, dachte ich, ich würde Ruben für einen Moment spüren. Mir war, als müsse ich nur die Hand nach ihm ausstrecken, so nah fühlte ich mich meinem Bruder. Aber Ruben ergriff die dargebotene Rechte nicht. Es kam zu keinem Kontakt. Er schien vollkommen das Interesse an der wirklichen Welt verloren zu haben.

So hätte das noch ewig weitergehen können, aber dann kam mir ein Zufall zu Hilfe. Mit der sechsten Woche im Internat änderte sich meine Situation von Grund auf. Ich hatte mich inzwischen schon beinahe damit abgefunden, dass es mir in diesem Sommer nicht gelingen würde, mit meinem Bruder den Platz zu wechseln und mich einigermaßen bequem in meinem neuen, geregelten Leben eingerichtet, als es von einem Tag zum nächsten endete. Denn mit Beginn des neuen Schuljahrs kehrten die Urlauber von ihren Familien zurück und ich musste das Zimmer, das in den Ferien nur mir allein gehört hatte, plötzlich mit einem Jungen teilen.

René war alles andere als begeistert, in dem nicht besonders großen Raum einen Fremden vorzufinden, der ihm auf den ersten Blick unsympathisch war. Ich erwiderte diese Abneigung bald aus vollem Herzen. Leider war er eines der Alphatiere unter den Schülern und hielt sich einen Hof von treuen Anhängern, während ich mich von allen fernhielt und nur wegen der Schulden, die fast jeder bei mir hatte, geduldet wurde. Obwohl René die bullige und massive Erscheinung eines Preisboxers besaß und immer irgendwo im Gesicht stolz eine Schramme oder blaue Flecken am Oberkörper zur Schau trug, war er der einzige der Internatszöglinge, dessen Intelligenz der meinen zumindest ebenbürtig war. Er las ebenso viele Bücher wie ich und hatte in jedem Schulfach gute Noten. Auch er war vor Dr. Hernis Strafen weitgehend sicher. René ließ sich nicht auf Handelsgeschäfte mit mir ein und war sichtlich von dem allabendlichen Trubel in unserem Zimmer genervt. Er versuchte, sich von mir fern zu halten. Aber spätestens in der Nacht, wenn wir uns mit unserem Schnarchen gegenseitig wachhielten, funktionierte das Ignorieren nicht mehr.

Bereits in der zweiten Schulwoche startete er seinen Versuch, mich zu vergraulen. Seine Methoden, mir das Leben schwer zu machen, waren nicht allzu subtil, aber so hinterhältig, dass ich ihm nie eine Beteiligung nachweisen konnte. Meine Zahnbürste war plötzlich immer schmutzig, ich fand Ungeziefer in meinem Bett, meine Unter wäsche kam zerrissen und meine einzige Jeans mit Löchern aus der Wäsche, ein Hausaufsatz verschwand spurlos, jemand hatte in meine Wanderschuhe gepinkelt. Als einmal die Schülertoiletten mit Toilettenpapier verstopft wurden und dadurch eine mittlere Überschwemmung ausgelöst wurde, wurde ich von mehreren Seiten bei der Internatsleitung angeschwärzt. Ich musste meine Unschuld beim Direktor verteidigen. Er glaubte mir freilich kein Wort und verdonnerte mich dazu, zusammen mit dem Hausmeister eine Woche lang in meiner Freizeit die verschmutzen Kloschüsseln zu reinigen. Ich könnte die Liste noch lange fortsetzen. Ich wurde gemieden, in meinem Rücken wurde geflüstert und ich sah mich mehrmals in nicht provozierte Rempeleien verwickelt. Am meisten traf mich, dass sich meine Mitschüler plötzlich nichts mehr von mir liehen oder kauften. Mein einträgliches Geschäft endete von einem Tag zum nächsten. Zu meinem Erstaunen bezahlte noch jeder seine Schulden, dann versiegte meine Einnahmequelle. Woher die anderen Schüler plötzlich das Geld hatten, sich auszulösen, erfuhr ich, als ich ihre Franken und Rappen in einem unbeobachteten Moment zu den anderen in das Buchversteck legen wollte. Es war bis auf wenige Reste geplündert. Sie hatten mich mit meinem eigenen Geld bezahlt! Ich stand noch fassungslos mit der geöffneten Grammatik in der Hand vor meinem Schreibtisch, als René harmlos pfeifend mit den beiden größten Schlägern der Schule hereintrat. Wenn ich mir nicht eine Tracht Prügel einhandeln wollte, musste ich für den Moment kleinbeigeben. Aber ich war fest entschlossen, meinen Quälgeist zur Rede zu stellen und die Sache ein für alle Mal zu beenden. Meine Geduld war erschöpft.

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: