Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Aber vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihn, lebend aus dieser Mausefalle herauszukommen, denn die Wand, gegen die ihn eben die Wucht der Explosion geschleudert hatte, hatte beim Aufschlag seines Körpers ein wenig nachgegeben und dabei so hohl geklungen, als gäbe es hinter ihr einen weiteren Raum. Straif rutschte an die feuchte Wand heran und schlug gegen sie – kein Zweifel, sie war nur aus dünnem Eisenblech geformt und erzitterte unter seiner Faust. Was hinter ihr lag, vermochte Straif nicht einmalzu vermuten. Er hätte jetzt einiges dafür gegeben, wenn er durch Wände hätte sehen können. Doch er besaß eine andere Fähigkeit und die war für einen Krieger viel wichtiger: Er gab niemals auf und konnte sich blitzschnell auf neue Situationen einstellen. Eine kleine Galgenfrist blieb ihm noch, denn der Ventilator neben ihm lief zwar inzwischen stotternd und unrund, aber noch immer schaufelte er Frischluft ins Innere, was zwar die Flammen weiter anfachte, aber den meisten Rauch von ihm fernhielt.

Er musterte aufmerksam die etwas eingebeulte, nieten- und augenscheinlich auch fugenlose Wandung und entdeckte an dieser Stelle einen dünnen Türspalt und so etwas ähnliches wie ein Schlüsselloch. Hier war ein niedriger Durchgang, durch den er hinauskriechen konnte! Er musste ihn nur öffnen. Zuerst drückte Straif mit seinem ganzen Gewicht gegen die Türklappe, stemmte sich gegen sie, doch sie widerstand mühelos seinen Bemühungen, beulte sich nur ein wenig nach Innen und nahm sofort wieder ihre ursprüngliche Form an, wenn er mit seiner Anstrengung nachließ. Verzweifelt sah sich Straif nach seinem Schwert um, aber sein suchender Blick konnte es in der brennenden Hölle hinter ihm nicht finden. Diese von den Tag-Zwergen meisterlich geschmiedete Waffe, die in den vielen Jahren, in denen er sie gebraucht hatte, fast schon ein Teil von ihm selbst geworden war, musste er wohl für immer verloren geben. Dafür fiel sein Blick aber auf die abgeschlagene Hand des Untoten, die wie ein Käfer auf dem Rücken in seiner Nähe lag. Etwas erregte seine Aufmerksamkeit. Was funkelte da neben dem Leichenteil? War das nicht jenes seltsam geformte kleine Stück grün überzogenes Metall, das Sadon ihm angeboten hatte und sah es nicht wie ein Dolch oder – besser – wie ein Schlüssel aus? Ein Schlüsseldolch!

Eilig fischte er nach dem Gegenstand. Obwohl ihn die Flammen fast erreicht hatten, lag das geheimnivolle Relikt aus vergangenen Tagen kühl in seinen Händen. Zum ersten Mal betrachtete er das flache Metallstück näher. Die an einer Seite abgerundete und zur anderen spitz und lang und schmal zulaufende Platte hatte die Farbe von Messing, für das sie allerdings zu leicht war, und darüber war ein verwirrendes grünes Labyrinth an Linien und rechteckigen Flächen lackiert worden, das Straif an die Muster auf der Eingangstür erinnerte. Ein paar kleine schwarze Blöcke, die wie tote Fliegen an einem Leimstreifen wirkten und unzählbahr vieln silbrigen Flügel und Beinchen von sich strecken, klebten wie zufällig angebracht auf beiden Seiten der Platte. Das Material, aus dem sie geformt waren, konnte Straif auf die Schnelle nicht bestimmen und es war ihm im Moment egal. Mit zitternder linker Hand nahm er den uralten Vorgänger-Gegenstand wie einen Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger und versuchte, ihn in die schmale Vertiefung in der Wand zu stecken. Einen Versuch war es wert.

Und tatsächlich: Der Schlüsseldolch passte perfekt, ja, es fühlte sich an, als würde jemand auf der anderen Seite an ihm ziehen und ihn fast aus Straifs Fingern reißen. Trotz des Feuersturms und des Getoses des überforderten Ventilators hörte Straif deutlich das scharfe Einrasten von Sadons – oder Baruchs – Schlüssel. Augenblicklich zischte eine brusthohe Klappe in ihre Aussparung am Boden und erzeugte in der Wand einen Notausgang. Die Bewegung war so schnell, dass sie auch für das scharfe Auge des Kriegers kaum wahnehmbar war. Der erleichterte Sraif konnte problemlos gebückt in den quadratischen Tunnel dahinter treten. Selbstverständlich vergaß er dabei nicht, seinen Schlüssel wieder abzuziehen und in die Gürteltasche zu stecken.

Obwohl hier keine Lichter brannten und die Tür nach wenigen Schritten von ihm wieder nach oben sauste und ihn dadurch zu seiner Erleichterung von der Feuerhölle der Golem-Arena ausschloss, lag der leicht abwärts führende Tunnel nicht vollkommen im Dunkeln. Auf der rechten Seite war ein engmaschiges Gitterwerk, die seinen Gang von der Röhre des Ventilators abgrenzte. Von dort fiel genug Licht herein, um sich zu orientieren und so viel kühle, frische Luft, dass Straif erst einmal stehen blieb und den belebenden Windhauch genoss. Er hätte am Liebsten hier auf der Stelle gerastet, aber er fühlte sich noch nicht sicher, solange er noch innerhalb des Fjall Tud’AsQ war. Auch wenn seine Muskeln nach der Überanstrengung schmerzten und unkontrollierbar zuckten und die Aufregung seinen Pulsschlag jagen ließ, ging er weiter, um sich einen Ausgang zu suchen. Er wollte es lieber waffenlos erneut mit den Wölfen aufnehmen, als noch länger in dieser Vorgängergruft zu bleiben.

Straif ging wegen der Verletzung seiner Wade vor Schmerzen humpelnd einen Schritt weiter und wäre beinahe durch eine weitere Explosion hinter der Wand, die die alte Feste in ihren Grundmauern erschütterte, von den Füßen gerissen worden. Das Beben war gewaltig und ließ den Boden wackeln. Die Rotorblätter des Ventilators schrien wie tausend gepeinigte Katzen auf. Eine Feuergarbe raste durch die Nachbarröhre. Die Tür in Straifs Rücken hielt, aber sie blähte sich wie eine volle Schweineblase nach Innen und schimmerte plötzlich ölig. Wäre der Krieger noch in dem anderen Raum gewesen, hätte ihn dieser Flammenstoß wahrscheinlich wie ein Spanferkel gegrillt. Streif hatte es jetzt sehr eilig, weiter zu kommen und Abstand zwischen sich und den Brand zu bringen. Er biss die Zähne zusammen und stolperte weiter.

Nach kurzer Zeit zweigte sein Tunnel von der Ventilator-Röhre ab und endete nach ein paar Schritten vor einer weiteren, diesmal normal hohen Tür, aus der im Gegensatz zu den anderen ein normaler Hebel als Verschluss ragte. Straif legte ihn um und öffnete mit einiger Anstrengung die in ihren Angeln quietschende Tür, aus der dabei Rost und Schmutz rieselten. Ihm wurde dabei bewusst, wie viel er von seinen Kräften verloren hatte. Er würde dringend ruhen müssen, wenn er nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen wollte. Er schob die widerspenstige Tür zur Seite und trat in den dahinterliegenden Raum, der mit blinkenden Vorgänger-Gerätschaften in allen Größen und den seltsamsten Formen vollgestellt war.

Sofort ging das kuriose Deckenlicht an. Straif fühlte sich beobachtet. Woher wusste der Fjall so genau, wo er sich aufhielt? Er sah sich ängstlich um, abr hier standen keine Feuerschalen, keine Goleme oder gar Untote in den Nischen, um sich auf ihn zu stürzen. Es wirkte, als hätte man sie vor Urzeiten einfach in diese Kammer geschoben, ohne auf Ordnung zu achten. Der Staub lag zwei Hände hoch auf den Gegenständen und dem Boden und hing wie alte, zerrissene Fahnen und Spinnweben von oben herab. Diesen Raum hatte seit Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit Jahrtausenden, niemand mehr betreten.

Straifs Schritte durch die labyrinthische, zugestellte Enge zwischen den Maschinen wirbelten so viel von dem Dreck auf, dass ihm die Augen tränten und er wieder husten und niesen musste. Da fiel sein Blick endlich auf ein Möbelstück, das zwar seltsam aussah, dessen Funktion er aber erkannte: Es war ein ebenfalls unter eine dicken Staubschicht begrabener, aber bequem aussehender Stuhl, der jedoch nicht auf vier Beinen, sondern auf Rollen stand. Aber das konnte Straif egal sein. Er ließ sich sofort mit einem Aufstöhnen auf den Polstern nieder und sackte in sich zusammen. Die Gelenke des Sitzmöbels äfften seinen erleichterten Ausruf nach, aber es klang bei ihnen eher nach einem zornigen Protest. Der zu Tode erschöpfte Krieger ignorierte das Geräusch und schloss die Augen. Sofort kreiste eine aschefarbene Dunkelheit vor ihm, die von platzenden, orangefarbenen Ringen unterbrochen wurde. Wenn er jetzt einschlief, würde er erst wieder in Stunden erwachen.

Straif wurde schwindlig und er riss die Augen auf. Es fiel ihm schwerer als die Hand zu heben. Bevor ihm die Lider zum Tonnengewicht geworden waren, hatte er etwas gesehen, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Jetzt musste ihm nur noch einfallen, was. Er beugte sich ein wenig vor. Direkt vor seinem Stuhl stand eine Art niedriger Tisch, auf dem einige Vorgängerartefakte lagen, unter anderem eine dünne, blinde Glasscheibe, die vielleicht mal ein Spiegel gewesen war. An der Unterseite ihres Rahmens war eine jedoch eine schmale Öffnung angebracht, deren Zweck er begriff. Sie hatte er gesehen, bevor ihn der kurze Schlaf übermannt hatte.

Dies war ein weiterer Platz für seinen Schlüsseldolch. Er nahm die schwarze Scheibe – sie war erstaunlich leicht und ungefähr so breit und hoch wie sein Unterarm – in die Hand und holte den Schlüssel wieder aus der Gürteltasche, probierte ihn aus. Er passte. Und es geschah etwas vollkommen Merkwürdiges und Unerwartetes: Die schwarze Scheibe erwachte zum Leben. Sie hellte sich auf und sie zeigte wie Fensterglas einen Ausblick auf eine sanfte Wiesenlandschaft, einen Hügel, auf dem die langen Gräser im Wind schwankten. Der Himmel, über den gemächlich ein paar Wolken trieben, war makellos blau. Nur, dass es eben keine Welt war, die Straif hinter der Scheibe sah, sondern eine in ihr. Was war das für ein Vorgänger-Zauber? Doch das Bild, das er sah, war so lebendig und plastisch, dass er vergeblich versuchte, durch den Rahmen hindurch in das Trugbild zu greifen und beinahe die Würze ihrer Luft zu atmen vermeinte. Der Anblick erinnerte ihn an die Lichtungen im Wald von Ygdras und nahm ihn gefangen. Er hatte Heimweh und fragte sich, ob es ihm auf irgend eine Weise gelingen konnte, die friedliche Welt hinter der fingerdünnen Glasscheibe zu erreichen. Von der Seite trat eine Gestalt auf die Wiese und näherte sich langsam. Es war eine Frau und sie trug einen weißen Umhang, der ihr ein priesterliches Aussehen gab. Sie sah Straif vollkommen ausdruckslos in die Augen. Ihm war klar, dass dies nur ein Trugbild und kein lebendiger Mensch war.

„Ich gratuliere dir, Straif Geris Bar, den die Zwerge Fenrir Ulf nennen“, sagte sie plötzlich mit viel Spott in der Stimme. Straif ließ vor Schreck beinahe die Scheibe, mit der er in eine andere Welt blicken konnte, fallen.

„Sadon! Bist du das?“, stöhnte er. „Ich habe dich doch getötet.“

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