Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 1)

SECHS

Waldeschers Geschichte (Fortsetzung)

Die Beziehungen zwischen den Bruderwelten waren wie dünne Spinnenfäden – kaum sichtbar, aber klebrig und unglaublich fest und zäh. Lange bin ich davon ausgegangen, dass meine Welt die dominante war, der sich Rubens Abziehbild als harlequinesker Zerrspiegel unterordnete, aber die Fäden liefen von beiden Seiten, dünn zwar – wie gesagt – aber deutlich spürbar, wenn ich in einen lief. Du wirst dieses Gefühl noch kennenlernen, mein Abakoum.

Nach dem Tod von Lina Brunswick änderte sich alles. Das einzige Bindeglied, das die Familie zusammengehalten hatte, war verschwunden. Kälte und Einsamkeit drangen wie verstohlene Feinde in den ‚Eulenhorst‘ ein, der nun niemandem mehr eine Heimstätte war. Ein paar Angestellte hielten eine Art Hotelbetrieb aufrecht, im dem die drei Gäste einander so gut wie möglich aus dem Weg gingen. Mein Vater stürzte sich, soweit ihm das überhaupt machbar war, noch mehr in die Firmengeschäfte, die gerade zu dieser Zeit traumhafte Gewinne erbrachten. Wenn ich mich an die Monate nach den entsetzlichen Vorkommnissen erinnere, ist mein Vater überhaupt nicht existent. Mir ist, als hätte ich nicht Tür an Tür mit ihm gewohnt, sondern wäre durch einen Kontinent von ihm getrennt gewesen. Onkel Balder sah ich zwar täglich zu den Essenszeiten, doch auch das Verhältnis zu ihm hatte sich abgekühlt. Er hielt bewusst Abstand und ich spürte häufig einen prüfenden, nachdenklichen Blick auf mir ruhen, als werfe er mir etwas vor.

Ich bemühte mich, die entsetzlichen Geschehnisse rückgängig zu machen, aber so sehr ich mich anstrengte, ich konnte weder meinen Hund noch Lisa wieder lebendig machen. Alle bewährten Methoden, die in Rubens Welt so gut funktioniert hatten, schlugen in meiner eigenen fehl. Hier klappte kein einziger meiner telekinetischen Zaubertricks; selbst wenn ich Löcher in einen kleinen Gegenstand starrte und mir von der Anstrengung ganz übel wurde. Ganz davon zu schweigen, Gebirge zu errichten oder gar Menschen wiederzubeleben oder zu erschaffen. Heute weiß ich, dass es die schwerste Sache überhaupt ist, die eigene Welt zu ändern, die, in die man hineingeboren wurde. Der Grund ist hingegen ein einfacher: Es fehlt der Glaube. Wenn ich fest überzeugt bin, etwas gehe nicht, dann wird es mir auch mit der größten Anstrengung nicht gelingen, es doch zu tun. Nimm als Beispiel die Wehrmauer hinter uns, Abakoum. Ich kann dir jetzt erzählen, dass du einfach durch sie hindurch gehen kannst, als wäre sie nur eine Illusion aus Lichtstrahlen. Es gehören nur ein wenig Wille und Konzentration dazu, dann ist das so einfach, wie durch eine geöffnete Tür zu treten. Du wirst dich trotzdem scheuen, weil du an diese Mauer glaubst. Und du wirst dir die Nase blutig schlagen, wenn du es versuchst. Sie hat ihre Existenz in dir und das macht sie für dich fest und undurchdringlich. Und was für die Mauer gilt, gilt ebenso für alles um dich herum – es ist deine Wirklichkeit und es ist dir nicht gegeben, sie zu ändern. Du sitzt in deiner Höhle, Abakoum, siehst die Schatten künstlich geschaffener Gegenstände an der Wand und glaubst, das sei die Wirklichkeit. Nur wenn dich jemand wie ich bei der Hand nimmt und dich aus der Höhle hinausführt, jemand, der diesen Schritt schon vor dir gegangen ist, der dich unter den freien Himmel bringt, wo alle Ideen im klaren Schein der Sonne offen vor dir liegen – dann vielleicht wirst du begreifen und deine Welt verändern können. Oder du stirbst. Die Ideen dahinter, das Muster, das Gott gewebt hat, um Alles zusammenzuhalten, wenn du es entdeckt hast, dann wirst du es bestimmen und verändern können, auch wenn die Gefahr groß ist, alles zu vernichten. Denn schon der kleinste Eingriff kann unvorstellbare Auswirkungen haben, er ist der sprichwörtliche Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien, der einen Tornado in Texas auslöst. Wir leben in der möglichsten aller Welten, mein Junge. Eine Änderung kann sie unmöglich machen.

Aber lass mich weiter berichten. Mein Vater trat erst wieder nach einem ganzen Jahr in mein Leben. Das war eine Zeit, in der Ruben keinen Kontakt mehr mit mir suchte und ich auch nicht mehr in seine Welt wechselte. Nicht einmal an Weihnachten oder zu meinem Geburtstag im Juni bekam ich Vater zu Gesicht. Wenn ich mich recht erinnere, machte er eine längere Auslandsreise. Dann stand er plötzlich an einem Dienstagmorgen vor mir und schwenkte drohend einen an ihn gerichteten Brief meiner Gymnasiums. Die Leistungen des Schülers Alban Waldescher hatten sich dramatisch verschlechtert und die Versetzung in die höhere Klassenstufe war gefährdet.

Vater hatte nur drei Sätze für mich, als er in einem ungewohnten und deshalb umso erschreckenderen Wutanfall das Schreiben zerknüllte und es mir als Papierkugel gegen die Brust warf. Es war das erste und das einzige Mal, dass er seine Distanz verlor und mir gegenüber so etwas wie ‚elterliche‘ Gewalt anwendete, wenn auch auf eine ungeschickte, fast rührend hilflose Weise.

Ich bin über alle Maßen enttäuscht“, sagte er leise, auf den Papierknäuel am Boden starrend, als wisse er nicht, wie er dorthin gelangt war. „Für das nächste Schuljahr habe ich dich in einem Internat in der Schweiz angemeldet.“

Er zögerte, musterte meinen hilflosen Versuch, ein paar Widerworte zu stammeln. Er hatte mich vollkommen überrumpelt. Und im gleichen Augenblick wusste ich selbstverständlich, welches Internat er für mich gewählt hatte: Ich hatte es bereits im vergangenen Sommer unfreiwillig besucht. Er hob die Hand, um einen Einspruch zu verhindern.

Ich möchte, dass du bereits deine Ferien dort verbringst. Es ist schon alles vorbereitet.“

Damit schob er sich an mir vorbei, kehrte zurück in sein Arbeitszimmer, dessen Türriegel er geräuschvoll schloss. Für ihn sei die Sache damit erledigt, gab er mir damit zu verstehen. Einwände waren sinnlose Zeitverschwendung. Ich stand lange neben dem zerknüllten ‚Blauen Brief‘ im Gang, kämpfte mit meiner Wut und mit meinen Tränen und dem Wunsch, etwas kaputt zu machen. Mein Vater war ungerecht gewesen, ich spürte es wie eine offene Wunde. Ich wusste, was in dem Brief von der Schule stand, meine Noten in ein paar Fächern waren in der Tat nicht mehr ausreichend, aber das Schuljahr war noch nicht vorbei. Ich war mir sicher, dass ich das noch hinbiegen konnte. Was vielleicht auf einer Selbstüberschätzung beruhte, wenn ich heute darüber nachdenke.

Aus der Sicht meines Vaters machte seine Entscheidung allerdings doppelten Sinn. Er konnte sich nicht nur bessere Noten für mich erhoffen, sondern er schaffte mich auch aus seinem Sichtfeld. Ich musste nicht zuletzt wegen seiner Seelenruhe ins Internat; aus seiner Sicht trug ich die Schuld am Tod von zwei geliebten Menschen.Zumindest erinnerte ich ihn ständig an die gewaltsamen Tode meiner Mutter und Linas. An beiden hatte er nacheinander seine Existenz und seine Zukunft festgemacht und zweimal waren seine hochfliegenden Hoffnungen vor seinen Augen zerstört worden. Er hatte nicht mehr die Kraft, einen dritten Lebensentwurf in Angriff zu nehmen und übrigens auch keine Gelegenheit mehr dazu. Er starb im folgenden Frühjahr. Sein ungelenker Wutausbruch war das vorletzte Mal, dass er mit mir sprach.

Ich blieb vor Wut kochend und tief beleidigt im Gang stehen, bis ich resignierte und gleichzeitig die Entscheidung meines Vaters als Chance begriff. Dieser Augenblick pflanzte in mir den Samen eines Plans, der, wenngleich noch dunkel und verworren, im Verlauf der nächsten Wochen immer konkretere Formen annahm: Wenn ich in Rubens Welt eine Art Gott war, dann würde es mir vielleicht dort gelingen, den Dingen einen anderen Verlauf zu geben. Wenn ich in seiner Anderswelt Menschen verschwinden lassen konnte, konnte ich bestimmt auch welche schaffen. Außerdem musste in der anderen Welt Lina Brunswick noch am Leben sein, schließlich war sie drüben nie Kindermädchen im ‚Eulenhorst‘ gewesen und meinem Vater war dort diese Enttäuschung erspart geblieben. Was ich genau in die Wege leiten würde, war mir noch unklar, aber ich musste in Rubens Welt zurück. Sie bot mir die Chancen, die mir in meiner versagt blieben. Dort konnte ich mir das Paradies zurückerobern, aus dem ich hier vertrieben worden war. Sollte Ruben sich doch hier vergnügen, ich schenkte ihm meine Welt, wenn er mir dafür seine gab.

Dieser Plan war jedoch einfacher ausgedacht als durchgeführt. Schließlich war es bislang immer Ruben gewesen, der mich zum Platztausch gezwungen hatte, niemals war dies aus meinem freien Willen geschehen. Ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Aber ich war wild entschlossen, es zumindest zu versuchen.

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