Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 9)

„Bist du endlich bei uns“, murmelte Edaine und stützte mich, denn ich wäre fast vom Stuhl gekippt. „So lange haben wir auf dich gewartet. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass du halbtot aus der Wüste zu mir geschleppt wirst“, hörte ich noch.

Danach geht alles durcheinander in meiner Erinnerung. Ich muss auch eine Weile ohne Bewusstsein gewesen sein. Später lag ich auf jeden Fall ausgekleidet in einem Bett. Kerzen und Öllampen flackerten, es war irgendwann in der Nacht; die Luft war erstaunlich kühl und das Atmen fiel mir wieder leichter. Meine Beine waren durch eine Kissenrolle hochgelegt und eine ältere Pflegerin wusch meinen Körper mit einem feuchten Tuch. Ich schämte mich wegen meiner Nacktheit, aber ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal einen Arm heben konnte und ließ sie gewähren. Endlich war sie mit der erniedrigenden Arbeit fertig und bedeckte meine Blöße mit dünnen Leinen. Die Vorhänge meines kleinen Krankenlagers teilten sich und Edaine sah herein.

„Du bist erwacht. Das ist gut.“

Sie trat mit einem Tablett in den Händen herein, auf dem sie eine kleine Arzneiflasche und einen Teller Suppe balancierte. Hinter ihr folgte der untersetzte Ritter, den sie Sir Pablo genannt hatte. Er schob ein seltsames Gefährt vor sich her. Es war eine Art von primitivem Rollstuhl aus dickem Schilfrohr, von Seilen und Tuch zusammengehalten – ein ganz erstaunliches Fahrzeug, das meines Wissens erst zweihundert Jahre später erfunden wurde. Auf dem Rollstuhl saß ein älterer Mann. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen.

So traf ich zum ersten Mal deinen und meinen Freund, Jonas. Er nannte sich hier Tierope und gab sich als Waliser aus, aber sein wirklicher Name war Linus Binderseil. Er nahm die zwei Räder seines Rollstuhls, die wahrscheinlich von einem primitiven Karren stammten, in die Hände und rollte sich an die Seite meines Lagers. Dann beugte er sich vor und betrachtete mich genau, als wolle er einschätzen, was er von mir zu erwarten hatte. Er schien zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, denn er nickte lächelnd. Ich befeuchtete meine Lippen.

„Günec“, krächzte ich zuerst. „Mein Freund Günec ist noch im Berg.“

Tierope – ich werde bei dem Namen bleiben, unter dem ich ihn damals kennenlernte – runzelte die Stirn und sah sich um. Edaine kam ihm zur Hilfe.

„Er kam nicht allein. Ich habe Sir Ludger ausgeschickt, nach ihm zu suchen. Aber jetzt in der Nacht, in diesen Höhlenlabyrinthen … Ich habe nicht viel Hoffnung.“ Der Gelähmte wandte sich wieder zu mir.

„Wir kümmern uns um deinen Gefährten“, beruhigte er mich. „Du bist genau zum richtigen Moment gekommen. Während unsere Reiter Frêneblancs Verteidiger in ein Scharmützel am Torturm der Vorburg verwickelten, ist es uns gelungen, den Schacht an der Ostseite so weit voranzutreiben, dass wir mit ihm unbemerkt die Grundmauern erreichten. Im Moment meißeln wir uns einen Eingang in die hinter ihnen liegenden Kellergewölbe der Feste, das ist ein langwierige Arbeit, denn die Steine sind dort sechs Ellen dick. Mit einer Anstrengung aller freien Kräfte sollte es uns aber bereits übermorgen Abend gelungen sein, mit einem Trupp Bewaffneter heimlich in die Burg einzudringen, damit wir den Verteidigern in den Rücken fallen und unserer Hauptarmee dann die Tore öffnen können. Montedolor wird endlich fallen und wir können Lina und ihr Kind befreien. Anschließend kommst du ins Spiel“, erklärte mir Tierope begeistert.

„Nicht, dass ich irgendetwas von dem verstehe, was du mir da erzählst. Wo bin ich hier eigentlich? Ist das eine Art von Vergnügungspark; ein Trainingsgelände der israelischen Armee? Das alles ist doch nicht real, oder?“

Ich versuchte, mich ein wenig aufzurichten. Sofort war Edaine bei der Stelle, stützte mich und schob mir ein paar Kissenrollen unter den schmerzenden Rücken. Tierope griff beruhigend nach meiner Hand. Er lachte auf.

„Vergnügungspark … So kann man das auch nennen. Du hast keine Ahnung, das ist mir schon klar. Bist einfach da reingestolpert. Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen.“

„Aber erst morgen“, mischte sich Edaine eilig ein, „da haben wir noch genügend Zeit. Jetzt braucht unser Freund erst einmal seine Suppe und dann muss er schlafen.“

Es war Tierope anzumerken, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel, aber er beugte sich seiner resoluten Frau.

„Ja, du solltest dich ausruhen“, sagte er zögerlich und machte Sir Pablo, der zwischen den Vorhangspalten gewartet hatte, ein Zeichen. Der Ritter trat beflissen nach vorn und griff sich den Rollstuhl des Gelähmten, machte Anstalten, ihn aus dem provisorischen Krankenlager zu schieben.

„Eines noch …“ Tierope wandte sich noch einmal neugierig zu mir. „Wie ist eigentlich dein Name?“

Ich nannte ihn und sah fassungsloses Erstaunen auf seinem Gesicht.

„Du bist Georg Habakuk? Der Archäologe! Ist das zu glauben? Die Wege des Herrn sind unergründlich. Ich kenne deinen Sohn – oder ich sollte besser sagen, ich werde ihn kennen.“

Er schüttelte ungläubig den Kopf. Bevor ich noch fragen konnte, welchen ‚Sohn‘ er zum Kuckuck meinte, wünschte er mir eine gute Nacht und ließ sich von seinem ritterlichen Pfleger hinausschieben. Edaine hob mir einen Holzlöffel mit einer salzigen Hühnerbrühe vor den Mund, die jeden weiteren Diskussionswunsch von meiner Seite beendete.“

‚Was für eine unbequeme Saunaliege‘, dachte Jonas und schob sich etwas nach oben, drückte sein Kreuz durch. ‚Man sollte doch glauben, dass sie einem mehr Komfort bieten für das Geld, das man ihnen in diesen Thermen bezahlt.‘

Er hoffte, durch seine Bewegung den angespannten Rücken ein wenig zu entlasten, aber das Gegenteil geschah. Der Schmerz in seinen Lenden wurde so stark, dass er nach Luft schnappte und die Augen öffnete. Sofort richtete er sich ganz auf und sah sich staunend um. Wahrscheinlich war er nur kurz eingenickt und hatte geträumt, er würde seinen üblichen Dienstagssaunagang mit seinem Vater unternehmen und neben ihm auf einer der bunten Plastikliegen einschlafen. Stattdessen war er quer auf den mit einer abblätternden, taubengrauen Farbe gestrichenen Balken einer Parkbank gelegen. Dabei hatte sein Kopf wahrscheinlich auf dem Oberschenkel von Alban Waldescher geruht. Dieser zwinkerte Jonas aufmunternd und auch ein wenig belustigt zu.

Es war noch immer Sonntag Nachmittag. Noch immer war Jonas mit dem seltsamen Mann unterwegs, der ihm eine so fantastische Geschichte erzählt hatte. Er hatte es noch nicht geschafft, Waldescher loszuwerden. Nur saßen die beiden jetzt nicht mehr beim Sportplatz im Dorf, sondern sie waren bei den mittelalterlichen Wehranlagen spazieren gegangen, die gut erhalten die Altstadt des zehn Kilometer von Jonas Zuhause entfernten Orts umschlossen. Auch wenn sich Jonas im Moment nicht erklären konnte, wie er mit Waldescher ausgerechnet hierher gelangt war. Hatte er den Mann mit dem Auto in die Stadt gefahren oder waren sie die Strecke etwa gelaufen? Das konnte sich Jonas nicht vorstellen. Er wusste noch, wie ihn Alban aufgefordert hatte, ihn bis vor zu dem kleinen, jetzt im Sommer geschlossenen Glühweinstand im Bürgerpark zu begleiten. Dort waren sie durch eine kleine Seitentüre des aus rohen Brettern gezimmerten Kiosks getreten und gleichzeitig aus einer Nische im Mauerwerk des einzigen erhalten gebliebenen Wehrturms herausgekommen. So war es zumindest in der Erinnerung von Jonas hängengeblieben. Das Ganze mutete ihn ein weiteres Mal wie ein merkwürdiges Traumgespinst an.

Er sah sich genauer um. Wie der Wechsel auch vonstatten gegangen sein mochte; jetzt zumindest saß er neben Alban auf einer alten Parkbank in den erst kürzlich renovierten, an einen englischen Garten erinnernden Anlagen unterhalb der Schwedenmauer. Sie verdankte ihren Namen einer Belagerung im Dreißigjährigen Krieg durch die Armee des Schwedenkönigs Gustav II. Adolf. Jonas sah sie förmlich vor sich: Scharen von Landsknechten und Musketieren, die vergebliche Attacken gegen die eingekesselte Stadt unternahmen, die kurze Zeit später durch protestantischen Verrat von Innen in die Hände der marodierenden Schweden fiel. Kanonenfeuer, Schanzen, Verwundete und Sterbende vor einer eilig gezimmerten Brücke über den damals noch tiefen Wassergraben, der heute nur noch ein dünnes Rinnsal war, auf dem Enten schwammen. Dann verblasste dieser Eindruck und Jonas musste lächeln. Er kannte die Bank, auf der er saß, von früher. Hier hatte er mit zwölf oder dreizehn hustend seine ersten heimlichen Zigaretten gepafft. Dort hinten, in dem damals noch ungepflegten und verwilderten Buschwerk, wo jetzt ein Rosenbeet angelegt war, hatte er mit einem Mädchen aus der Roten Siedlung erste körperliche Erfahrungen gesammelt. Wie hieß sie noch? Das alles war so lange her, dass es wie eine Geschichte wirkte, die ihm jemand erzählt hatte.

Erstaunlich, dass die Bank nicht der Ordnungswut des städtischen Gartenamts zum Opfer gefallen war, man sie nicht einmal abgeschliffen und neu gestrichen hatte. Wenn er jetzt unter die Holzbalken der Sitzfläche fassen würde, dann würde er bestimmt auch noch die versteinerten Überreste der Kaugummis ertasten können, mit deren Hilfe er versucht hatte, den verräterischen Atem nach seinen ersten Rauchversuchen zu übertünchen. Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Sein zerstreuter Vater, obwohl überzeugter Nichtraucher, achtete nie auf solche Dinge. Seltsam, dass Jonas nun mit Alban Waldescher genau auf dieser Bank saß, die von der sich langsam dem Abend zuneigenden Sonne warm beschienen wurde. Er fühlte sich trotz der Rückenschmerzen heimisch und wohl, lehnte sich mit einem kleinen Seufzer zurück gegen die harte Lehne. Hier war er schon ewig nicht mehr gewesen. Er hatte auch nicht gedacht, dass er es einmal vermissen würde. Es erwachte ein Teil von ihm, ein Ich, das schon lange vergessen war, das jedoch unter vielen Schichten seiner selbst wie eine kleine russische Matrjoschka-Puppe in ihm steckte und nun wieder zum Vorschein kam. Er sah sein früheres Ich deutlich vor sich, wie es an einem frostigen Herbsttag durch das feuchte Laub dieses totgesagten Parks schlenderte und eine Kippe zwischen Ring- und Mittelfinger hielt. Dabei konnte er schon den Ruhm schmecken, den er einmal als Schriftsteller haben würde, wenn nur endlich sein Roman fertig und veröffentlicht war. Es lag ein aufregendes Leben vor ihm. Damals hatte er seinen Weg deutlich vor sich im schlammigen Matsch gesehen, durch den er spazierte. Wann hatte er ihn verloren?

Alban Waldescher unterbrach seine larmoyanten Gedanken. Er klatschte sich munter auf die Oberschenkel.

„Ich habe dich nicht gern gestört“, sagte er, „du hast so ruhig und friedlich geschlafen und gelauscht. Aber wir müssen doch später auf das Fest von Linus und ich wollte dir vorher noch genau berichten, wie es weiterging mit mir und meinem Bruder. Wenn wir uns am Donnerstag in dem Café vor dem wundervollen Renaissancegebäude wiedertreffen werden, solltest du die ganze Geschichte kennen.“

Ende des 5. Kapitels

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