Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 7)

„Edaine? Vater!”

Jonas biss sich sofort auf die Lippen, aber er hatte seinen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken können. Er hatte den alten Mann mitten in seiner merkwürdigen Geschichte unterbrochen und diesmal setzte der sie nicht mehr fort. Georg Habakuk verstummte sofort, aber er sah nicht zu seinem Sohn hinüber. Nach einem kurzen Moment, in dem er verwundert an sich herabsah, begann er mit seiner Linken, an seinem Sicherheitsgurt zu kratzen, der ihn offenbar störte. Obwohl er noch angeschnallt im Beifahrersitz saß und die Tür des Autos geschlossen war, versuchte er dann, sich aufzurichten, was ihm freilich misslang. Aber er versuchte es erneut und dann noch einmal, strengte sich immer mehr dabei an, stieß sich dabei mit den Füßen ab und stemmte sich mit durchgebogenem Rücken gegen den Gurt. Er wirkte auf seinen Sohn wie ein gefangenes Tier und Jonas beeilte sich, den dementen Greis aus der Fesselung zu befreien. Das Öffnen des Gurtes half. Habakuk beruhigte sich sofort und blieb nun sitzen.

„Wir gehen jetzt ins Bad”, sagte der Demenzkranke für sich und wiederholte seine Worte wie ein fröhliches Mantra. „Wir gehen ins Bad. Mein Sohn und ich. Wir gehen ins Bad.”

Jonas gab sich geschlagen, startete den Motor seines Wagens und reihte sich wieder in den Verkehr der Schnellstraße ein. Er hoffte, dass ihn nicht die Polizei wegen seines nicht angeschnallten Beifahrers anhielt. Obwohl Jonas auf eine Fortsetzung der Geschichte seines Vaters brannte, machte dieser keine Anstalten mehr, weiterzuerzählen. Es war für seinen Sohn nicht einmal mehr erkennbar, ob sich Georg Habakuk überhaupt noch daran erinnerte, sie vorhin begonnen zu haben. Auf der Fahrt in die Therme wirkte er so geistesabwesend und in dem Irrgarten seines zerrütteten Verstands gefangen, dass Jonas bereits fürchtete, die Krankheit habe eine neue Stufe erreicht, die sich bereits in der Angstattacke der vergangenen Nacht manifestiert hatte. Die meiste Zeit brabbelte Habakuk in sich zusammengesunken ein paar unverständliche, vokalreiche Silben, auf denen er immer wieder wie auf einem zähen Kaugummi herumbiss. Vielleicht war er erneut ins Aramäische oder in eine seiner vergessenen Sprachen verfallen, die er einmal so gut beherrscht hatte. Sonst war er vollkommen lethargisch. Im Bad angekommen, musste Jonas den alten Mann bei der Hand führen; vom Parkplatz zu den Kassen, dann zu den Umkleiden, ihn ausziehen, zur Toilette und dann in den Saunabereich leiten. Die Reaktionen der Badegäste, missbilligende, mitleidende und abgestoßene Seitenblicke, die heimlich auf ihn und seinen Vater fielen, waren ihm längst nicht mehr peinlich. Schließlich unternahm er diesen Badeausflug seit Jahren an fast jedem Dienstag.

Erst beim ersten Saunagang, als die beiden bereits einige Zeit in der trockenen Hitze sotten, wurde Habakuk Senior wieder munter. Er sah sich auf einmal neugierig und lächelnd in der überfüllten Kammer um und verrieb gutgelaunt den Schweiß auf seiner eingefallenen Brust. Er gluckste dabei wie ein fröhliches Kind. Schließlich fiel sein nun wieder wacher und aufmerksamer Blick auf den Sohn, der ihm schräg gegenüber auf einem Badetuch saß und den hageren, aber noch straffen Körper eines Vaters nachdenklich musterte. Jonas suchte die Narbe, von der er ihm erzählt hatte, fand sie aber nicht. Ob es nun an der Temperatur in der finnischen Sauna lag, die seine Lebensgeister und seine Erinnerungen in Gang brachten oder daran, dass er plötzlich wieder seinen Sohn erkannte, er setzte seine Erzählung genau an dem Punkt fort, an dem er sie im Auto unterbrochen hatte:

„Ludgers Maulesel zu besteigen, war in meinem geschwächten Zustand nicht einfach. Aber mit der Hilfe des Kreuzritters gelang es mir schließlich doch. Er erklärte umständlich, dass er auf einem Erkundungsritt und wir nur wenige Meilen von seinem Lager entfernt waren. Seine Kreuzfahrerarmee hatte es bei der El-Aqsir-Oase aufgeschlagen, die mir übrigens bei meinen Ausflügen noch nie begegnet war. Obwohl ich der Meinung war, dass ich mich in der Arava-Wüste recht gut auskannte, hatte ich diesen Ortsnamen noch nie gehört. Ludger schätzte, wir könnten lange vor Sonnenaufgang dort sein. Bis dorthin würde ich es trotz meiner Erschöpfung schon noch schaffen“, erzählte Habakuk und erntete die erstaunten Blicke aller in der Sauna Schwitzenden.

Soweit es möglich war, rückte man pikiert links und rechts ein wenig von ihm ab. Jonas sprang sofort auf, nahm seinen Vater wieder an die Hand und führte den unverdrossen Erzählenden aus der Sauna. Habakuk ließ sich alles widerstandslos gefallen und nicht weiter in seinem Bericht stören. Auch während Jonas ihn kalt abduschte, ihn in seinen Bademantel steckte und anschließend trockenrieb, ihn auf die Empore über dem Schwimmbecken zu den Liegen führte, erzählte der Alte weiter. Er berichtete von dem langsamen Ritt über den in der prallen Sonne kochenden Tafelberg, der Ritter auf seinem gerüsteten Falben voraus; er selbst halb dahinter auf dem ihn nur widerstrebend tragenden Maultier, das sich alleine deshalb vorwärts bewegte, weil sein Zaumzeug über einen Lederriemen am Sattelknopf des Pferdes befestigt war. Mehrmals war Habakuk am Rand einer Ohnmacht und wäre einmal fast von seinem Reittier gestürzt. Ludger bemerkte das Schwanken seines Begleiters, hielt an, holte ein festes Seil aus der Satteltasche und band Habakuk kurzerhand auf dem widerborstigen Grautier fest. So setzten sie ihre Reise fort.

Jonas konnte der ausführlichen Erzählung von dem Ritt zur Oase erst wieder aufmerksamer folgen, nachdem er seinen Vater glücklich auf die Saunaliege transportiert, diese nach hinten gekippt und sich neben ihn gesetzt hatte. Dabei fühlte er sich ein wenig wie ein Therapeut bei einer tiefenpsychologischen Sitzung, während der sein Patient unter Hypnose mit weit aufgerissenen Augen in die hohe gläserne Deckenkuppel starrte und dort nicht den blauen bayerischen, sondern den staubgelben Himmel der lebensfeindlichen Wüste erblickte, wie er ihn vor über vierzig Jahren erlebt hatte.

„Trotz meiner unbequemen Lage und dem groben, schmerzhaft in die Oberschenkel einschneidenden Strick, mit dem mich Ludger auf mein unwilliges Reittier gefesselt hatte, muss ich doch eingeschlafen sein. Ich erinnere mich an merkwürdige Träume von Gänge-Labyrinthen und Höhlensystemen, die sich vor mir verbogen und verengten. Mir war, als würde ich noch immer mit Günec verzweifelt durch den Berg unter mir kriechen. Wie bei Fieberträumen üblich, erlebte ich immer und immer wieder den gleichen Augenblick: Plötzlich gab der Fels unter meinen Füßen nach, ich stürzte durch den Boden und fiel in ein endloses Nichts.

Ich erwachte erst, als Ludger die Tiere zügelte und wusste lange nicht, wo ich war. Auch nachdem die Erinnerung zurückgekehrt war, fühlte ich mich noch in einem Traum gefangen. Denn der Ausblick war zu fantastisch, um wahr zu sein. Der Tempelritter hatte sein Pferd vor einer Klippe gezügelt. Wir waren im Lauf des Nachmittags über die Hochebene geritten und nun am Abbruch auf der anderen Seite angelangt. Dort lief der Berg etwas flacher als gegenüber in ein weites Tal aus. Es war sogar so etwas wie ein provisorischer Weg zu erkennen, eine von Hufen und Stiefeln festgestampfte und mit großen Steinen markierte Sandpiste, die in einem langgestreckten Bogen hinabführte. Unten floss, von einem kargen Grünstreifen und hohem trockenen Schilf umgeben, tatsächlich ein kleines Rinnsal, das von dem Quellwasser einer Oase weiter hinten gespeist wurde. Dort konnte ich ein recht großes mittelalterliches Heerlager erkennen, Zelte füllten die Ebene, insgesamt waren es sicherlich einige hundert. Man hatte Gatter für die Pferde errichtet, Katapulte und Rammböcke auf Rädern waren zu sehen. Außen herum lief ein niedriger Befestigungswall aus zugespitzten Palmenstämmen, die man offenbar direkt dem kargen Baumbestand der Oase entnommen hatte. Erstaunlich viele Menschen, wohl Ritter wie mein Retter neben mir, saßen neben den Zelten vor offenen Feuern und Kochstellen oder waren geschäftig in den Gassen unterwegs. Es wimmelte zwar auf der Ebene wie auf einem Ameisenbau, aber alles schien mir gut organisiert und durchdacht zu sein.

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Der erstaunlichste Anblick allerdings erhob sich hinter der Ebene auf dem nächsten Hügel, der den vom Staub diesigen Horizont begrenzte, über dem eine bereits tiefstehende Sonne glühte. Dort stand eine trotzige, große Burganlage und offensichtlich wurde sie von den Rittern von der Oase belagert. Einige der Mauern der Burg waren untergraben und eingestürzt, Belagerungstürme waren nahe an sie herangeschoben. Überall auf dem Hügel standen Schanzanlagen und waren Gänge gebuddelt, die den Angreifern Schutz vor den Bogenschützen bieten konnten. Ihre Silhouetten waren oben auf den Zinnen und in den gekreuzten Fensterlöchern zu erkennen. An zwei Stellen qualmten dicke Rauchwolken, hier mussten strohgedeckte Dächer oder Ställe in Brand geraten sein. Im Moment waren keine Kampfhandlungen zu sehen. Das war bei der jede Kraft aus den Körpern ziehenden Hitze auch nicht zu erwarten. Angegriffen wurde in der Morgenfrische oder in der Nacht. Vielleicht wollte man die Festung auch aushungern.

Ludger deutete mit Ingrimm auf die Burg:

„Das ist Montedolor, die Burg des Teufels. In ihr hat sich Ruben Frêneblanc, der Abtrünnige, mit seinen Mordgesellen verschanzt. So Gott will, wird die Feste der Ketzer mit dem Beistand der heiligen Jungfrau morgen endlich fallen. Dann ist der Weg frei nach St. Abraham, das wir mit dem Kreuz und dem Schwert in der Hand wieder der Herrschaft des edlen Sultan Saladin entreißen werden.“

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