Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 2)

„Herr Habakuk, eine Frage noch: Ihre Mutter, die hieß doch Hilde mit Vornamen?“

Jonas nickte. Worauf wollte die Pflegerin hinaus?

„Hildegard Habakuk, geborene Ammer. Warum fragen Sie?“

„Als Ihr Vater heute Nacht um Hilfe rief, hat man mir erzählt, da hat er immer wieder Ihren Namen genannt und dann nach einer Frau gerufen, die er ‚Edaine’ nannte. Er erwähnte auch irgendwelche Zwillinge. Wissen Sie, wer das ist?“

Später im Auto, als Georg Habakuk auf dem Beifahrersitz fröhlich plappernd zum tausendsten Mal eine launige Geschichte aus seiner Jugend zum Besten gab, als sei sie ihm erst gestern passiert, musterte Jonas seinen Vater immer wieder aufmerksam von der Seite. Wie hatte der alte Mann, der langsam seinen Verstand verlor, hilferingend den ungewöhnlichen Namen einer Frau rufen können, der Jonas selbst erst gestern zum ersten Mal begegnet war? War das noch durch einen Zufall erklärbar?

Jonas wandte sich halb zu seinem Vater.

„Edaine“, fragte er, „Papa, woher kennst du Edaine?“

Georg Habakuk verstummte sofort mitten in seiner weitschweifigen und wirren Erzählung. Jonas sah kurz zu ihm hinüber. Der alte Mann hielt den Kopf gesenkt, wirkte wie erstarrt. Seine Lider flackerten unruhig. Dabei schien er an dem Namen, den sein Sohn genannt hatte, wie an einem zähen Stück Fleisch herumzukauen.

„Papa?“

Habakuk hatte sich entschieden. Er richtete sich plötzlich in seinem Sitz auf.

„Wie kommst du jetzt auf Edaine? Wer hat dir von ihr erzählt? Das war ein Geheimnis zwischen mir und …“

Er machte eine Pause, überlegte, ob er mehr verraten durfte.

„Ein Geheimnis?“, ermunterte ihn Jonas. „Ich bin dein Sohn.“

„Eben. Das ist das Problem. Du bist mein Sohn …“

Habakuk klopfte mit einer Hand einen nervösen Takt auf seine Oberschenkel. Wieder warf Jonas einen schnellen Blick vom Autoverkehr weg nach rechts. Sein Vater hob in diesem Moment den Kopf und sah ihm fest in die Augen. Der Schleier der Demenz war verschwunden. Habakuk wirkte in diesem Moment vollkommen klar und musterte Jonas besorgt und nachdenklich.

„Alban hat es mir erst gestern noch einmal gesagt“, fuhr er zögernd fort. „Oder war das letzte Woche? Weißt du, Jonas, manchmal bringe ich die Tage ein wenig durcheinander. Das bringt das Alter so mit sich. Es ist auch egal. Auf jeden Fall hat Alban mich ganz überraschend in der Klinik besucht. Woher wusste er eigentlich, dass ich mich hier in den Bergen auskuriere?“

„Alban?“

Er konnte es nicht glauben! Jonas musste seinen Vater unterbrechen, nachhaken.

„Du redest jetzt aber nicht von Alban Waldescher? Den gibt es wirklich?“

Konnte es sich bei dem Besucher um die gleiche Person handeln, von der ihm Linus erzählt hatte? Jenen geheimnisvollen Demiurgen, für den der inzwischen querschnittsgelähmte Bildhauer angeblich in einer Bühnenwelt gegen dessen Zwillingsbruder gekämpft hatte? Was für eine groteske Geschichte war das gewesen! Aber Jonas fiel sofort das Foto wieder ein, das ihm Linus später gezeigt hatte und das angeblich seinen Vater, eine gewisse Lina Brunswick und ihn selbst als Kleinkind abbildete. Ihm war bis dahin nicht bekannt gewesen, dass sein Vater und Binderseil sich überhaupt kannten. Und was dieser Alban Waldescher, dem offenbar alle außer ihm selbst schon einmal begegnet waren, mit der ganzen Sache und mit seinem Leben zu tun hatte: Das wusste der Himmel. Jonas war jedoch entschlossen, mehr herauszufinden. Er war es leid, wie ein Blinder mit einem Stock in dieser undurchsichtigen Geschichte herumzustochern, wie ein machtloser Bauer über ein Schachbrett gezogen zu werden, dessen Spieler und Gegner er nicht kannte.

„Wer ist Lina Brunswick?“, startete er einen weiteren Versuch.

Sein Vater neben ihm stöhnte auf. Er flüsterte etwas in einer Sprache, die Jonas nicht verstand. Wahrscheinlich war es Hebräisch oder Aramäisch, Sprachen, die sein Vater fließend beherrschte – oder zumindest gesprochen hatte, bevor die Krankheit mit grausamer Gründlichkeit begann, sein Gehirn zu zerfressen. Hoffentlich hatte Jonas ihn nicht überfordert und der klare Moment war schon wieder vorbei.

„Lina ist deine Mutter“, sagte Georg Habakuk schließlich erstaunlich gelassen. Jonas verlor kurz die Kontrolle über das Lenkrad und kam über die Mittellinie. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hupte. Hektisch kehrte er gerade noch rechtzeitig zurück auf die eigene Spur.

„Was erzählst du da?“, rief er und verkrampfte die Hände am Leder des Lenkers. „Mama, ich meine … Hilde …“

„Nein, wir hatten keine Kinder.“

Der alte Mann überlegte, während Jonas immer wieder fassungslos zu ihm herübersah. Plötzlich berührte er Jonas vorsichtig mit der Hand an der Wange. Es war eine seltene, zärtliche Geste, völlig untypisch für den nüchternen Wissenschaftler, der Jonas zwar allein aufgezogen, aber immer einen gewissen reservierten Abstand zu seinem Sohn gehalten hatte.

„Hilde war schon sehr krank damals. Sie konnte keine Kinder mehr kriegen. Wir haben dich sozusagen adoptiert. Ich wusste: Einmal würde ich dir die ganze Geschichte erzählen müssen. Das ist dann wohl heute, oder? Gut, dass wir den ganzen Tag Zeit haben, denn sie ist nicht kurz. Und ich entschuldige mich schon jetzt, wie lange ich gezögert habe; vielleicht zu lange. Ich hatte immer Angst davor. Aber noch ist ja nicht Sommerwende. Höre mir einfach zu, ja? Das macht es mir leichter. Vorwürfe kannst du mir danach machen.“

Er schwieg, wartete auf eine Bestätigung seines Sohnes. Der nickte kurz.

Georg Habakuks Geschichte (Anfang)

„Die Krankheit, die meine Hilde schließlich umbrachte, war von Anfang an ein ernstzunehmender, tückischer Gegner. Er ließ sich viel Zeit und brach zuerst hier und dort einen kleineren Streit vom Zaun, als wolle er seine Kräfte auf Nebenschauplätzen testen, die von der Hauptstoßrichtung seines Angriffs ablenkten und lange die wahren Ziele verbargen. Hilde hatte zuerst ziehende Nervenschmerzen in den Gliedern, bekam dann einen nässenden Ausschlag in den Hautfalten, den der hilflose Hausarzt als eine Neurodermitis diagnostizierte. Er verschrieb Salben und Bäder  und riet in einer Zeit, in der bereits ein tennisballgroßer Tumor an Hildes Gebärmutter fraß, dringend zu einer Kur in einem Reizklima. Da kam es uns durchaus gelegen, dass ich ein wenig Geld angespart hatte. Wir entschieden uns zu einer Reise ans Tote Meer und schlugen damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn ich wollte mich einer Grabungskampagne in Qumran anschließen. Ich hatte genug Universitätsluft geschnuppert und wollte mal wieder vor Ort sein. Wir brachen im Frühjahr 1969 nach Israel auf. Da hatte Hilde noch 3 Monate zu leben.“

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„Das kann doch nicht stimmen“, warf Jonas ein, „ich wurde doch schon zwei Jahre vorher geboren.“

Doch sein Vater reagierte nicht. Er fuhr ungerührt mit seiner Geschichte fort. Aber dass sich bei ihm Daten und Zahlen verwirrten, war ja nichts Neues.

„Ich quartierte Hilde in einer Kurklinik ein und tatsächlich schien es ihr sofort besser zu gehen: Sie lebte in der trockenen Wüstenhitze auf und auch ihre Haut wurde gesünder. Weißt du, direkt am tiefliegenden Toten Meer kann man keinen Sonnenbrand bekommen. Das liegt am hohen Salzgehalt der Luft, die wie eine Hautschutzcreme wirkt. Ich bedauere heute, nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben, denn es war das letzte Mal in ihrem Leben, dass es ihr so gut ging.

Ich verbrachte fast meine gesamte Zeit bei den Fundstätten; besuchte sie nur an den Wochenenden und das auch nicht an jedem. Zu meiner Verteidigung kann ich nur anführen, wie sensationell uns unsere Funde damals erschienen. Und ich hatte ja keine Ahnung, wie krank Hilde wirklich war. Mit jedem bröckligen Pergament, das wir in den Höhlen dieser mutmaßlichen Essener-Siedlung aus dem Staub fischten, wurden wir in unserer Auffassung bestärkt, wir würden die Geschichte der Bibel neu schreiben und hätten die Quellen von Jesu‘ Gedankenwelt gefunden. Heute wissen wir, wie sehr wir uns irrten: Das Gegenteil war der Fall. Die Texte von Qumran untermauern geradezu den Ewigkeitsanspruch der Bibeltexte. Die Essener waren eine gnostische, dualistische Sekte und hatten mit Christus überhaupt nichts zu tun. Sie sind es, gegen die er sich mit seinem Gebot der Feindesliebe wendet. Weißt du, im Alten Testament steht nirgendwo, man solle seine Gegner hassen, diese Einstellung findet sich nur bei den Essenern, die in der Gemeinderolle, die damals entdeckt wurde …“

„Aber was hat das mit deiner Geschichte zu tun?“, wagte Jonas seinen Vater auf die Gefahr hinzu unterbrechen, dass dieser völlig den Faden verlor. Wenn er nicht wollte, dass sein alter Herr ihm nun stundenlang die philologischen Feinheiten der Qumrantexte auseinandersetzte, musste er ihn bremsen.

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