Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 1)

FÜNF

Jonas trat erleichtert aus Binderseils Residenz in die Gasse. Er war nach einem schrecklichen Albtraum sehr früh aufgewacht, hatte sich oberflächlich in der Küche gewaschen, leise angekleidet, das Schlafsofa gerichtet und war aus der Wohnung geschlichen, ohne das Paar zu wecken. Auf einem Zettel hinterließ er ein paar erklärende Zeilen, um seinen heimlichen Aufbruch zu erklären.

In der Nacht hatte es geregnet, doch inzwischen spannte sich erneut ein geradezu schmerzhaft blauer Himmel wie ein straffgezogenes Leintuch über der Stadt. Der Asphalt glänzte noch dunkel. An den wenigen Stellen, an denen ihn bereits die noch niedrig stehende Sonne erreichte, dampfte er. Es wartete ein weiterer warmer Sommertag, ein Urlaubstag. Jonas wollte nicht über das Gehörte und Erlebte nachdenken. Was er jetzt brauchte, war ein starker Kaffee. Obwohl er müde und erschöpft war, wollte er auf keinen Fall schlafen, bevor er sich nicht bei einem Arzt Mittel besorgt hatte, die für Traumlosigkeit sorgen würden. Das hätte er übrigens gleich tun sollen. Es war ein Fehler gewesen, den Phantasten Binderseil aufzusuchen, der ihn mit seiner unglaublichen Geschichte so erschreckt hatte, dass er sich jetzt an der frischen Luft des jungen Morgens nur wundern konnte, wie er auf sie hatte hereinfallen können. Und was die seltsame Fotografie anging, die ihm Linus als angeblichen Beweis gezeigt hatte: Da konnte er ja immer noch seinen Vater in einem von dessen ansprechbaren Momenten fragen, wie sie entstanden war.

Andere Lande, Welten wie Bierschaum. So ein Blödsinn! Er träumte schlecht, das war alles. Hier konnte ihm kein Schamane, sondern nur ein Psychiater helfen. Oder eine Frau.

‚Frauen denken anders‘, stellte er für sich fest, ’sie bleiben auch dann noch auf dem Teppich, wenn wir Männer schon längst abgehoben sind. Sieht man ja auch bei Binderseils Frau, dieser Edaine. Er stilisiert sie zu einer Tolkien’schen Elbin hoch und sie bringt ihn ins Bett, damit er seinen Vollrausch ausschlafen kann. Wie hat das Kathi einmal formuliert: ‚Du willst den Roman schreiben, der die Welt bedeutet? Jetzt? Was ist mit dem Müll, du großer Dichter, und was essen wir heute Abend?’

Jonas lachte in der Erinnerung vor sich hin. Auch nachdem er sich von Katharina getrennt hatte und mit einem Mal vor dem Problem gestanden war, was er mit seiner freien Zeit anfangen sollte: Der Roman wurde und wurde nicht fertig. Er ruhte unbearbeitet seit Jahren in Frieden auf der Festplatte seines Computers und diente ab und an als Steinbruch für Reden-Entwürfe. War er ehrlich zu sich, musste er es zugeben. Dieser Roman würde nie fertig werden, auch in hundert Jahren nicht; selbst wenn er wie Linus einen endlosen Nachmittag geschenkt bekam. Kathi hatte das alles lange vor ihm gewusst.

Jonas sah abgelenkt auf seine Armbanduhr. Er hatte es plötzlich eilig. Wenn er pünktlich um zehn Uhr im St. Bernhard sein wollte, musste er sich sputen. Es war das Altersheim, in dem sein Vater Georg Habakuk seit einigen Jahren wohnte. Nicht, dass es seinen alten Herren gestört hätte, wenn ihn Jonas etwas früher oder später abholte – oder auch überhaupt nicht. Dem Alten war längst jede Form von Zeitgefühl verloren gegangen. Nein, es war Jonas selbst, der aus der gleichen dubiosen Quelle seines Unterbewusstseins heraus immer pünktlich war, aus der es ihm unmöglich schien, bei Rot über die Ampel zu gehen oder zu viel Wechselgeld einfach zu behalten. Pünktlichkeit gehörte zu seiner Art von Rechtsempfinden. Es gab nur wenige Dinge, die er im Alltag schwerer tolerieren konnte, als das Zuspätkommen zu einer Verabredung. Als er am Mittag des Vortages sein Auto in einem Parkhaus nahe der Altstadt abgestellt hatte, hatte Jonas nicht damit gerechnet, dass er die ganze Nacht bei Linus und Edaine verbringen würde. Deshalb trug er nun kaum genug Geld mit sich, seinen Wagen auszulösen. Nur gut, dass sein Badezeug und etwas Kleidung zum Wechseln vorbereitet im Kofferraum lagen. Deshalb musste er nicht erst nach Hause in den Vorort fahren, sondern konnte gleich zum Altersheim fahren, wo ihn sein Vater auch schon mit einer gepackten Tasche im Foyer erwartete.

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Wie immer hatte sich Georg Habakuk nicht selbst vorbereitet. Der Rentner war schon lange nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Dies hatte die hübsche Altenpflegerin für ihn getan, die ihn an jedem Dienstag für den Ausflug mit seinem Sohn anzog und seine Badetasche packte. Nun saß sie neben ihm und sprach freundlich mit seinem Vater, damit er nicht einfach aufstand und sich an seinen üblichen stundenlangen Marsch den Gang hinauf und hinunter machte und unsichtbaren Zuhörern Geschichten erzählte. Die Pflegerin sprach mit dem alten Mann wie mit einem Kind.; laut, obwohl er nicht schwerhörig war und mit übertriebener Launigkeit.

‚Nein’, dachte Jonas, ‚sie redet mit ihm nicht einmal wie mit einem Kleinkind, sondern wie mit einem Haustier, das nicht auf den Inhalt, sondern auf den Klang der Wörter reagiert.’ Nicht zum ersten Mal ging ihm dabei durch den Kopf, er selbst wolle lieber tot, als hilflos dieser Art von Freundlichkeit ausgesetzt sein. Seinem Vater schien es jedoch zu gefallen. Er lächelte entspannt, während er die Pflegerin knapp unterhalb des kurzen Klinikrocks am Knie tätschelte. Ob er sich über die Worte freute oder über die günstige Gelegenheit, eine junge, attraktive Frau zu liebkosen, vermochte Jonas nicht zu entscheiden. Jedenfalls war sein Vater bester Laune und erkannte den Sohn sofort, was in der letzten Zeit nicht mehr selbstverständlich war. Manchmal hielt er ihn für einen Pfleger oder für seinen vor Jahren verstorbenen Freund Günec.

Wie bei Demenzkranken üblich, war der Verfall schleichend gekommen und hatte sein Endstadium längst noch nicht erreicht: Obwohl Georg Habakuk immer noch relativ klare Momente hatte, lebte er inzwischen in einem Nebel, der ihm die nächste Umgebung verbarg. Er verhinderte einfachste Dinge wie die selbständige Körperpflege oder die Nahrungsaufnahme, erlaubte dem alten Mann jedoch einen klaren Ausblick auf die fernen Gebirgszüge seiner Vergangenheit, die ihm wie unter Föneinfluss näher rückten. Er konnte sein, dass er fehlerlos lange Abschnitte aus den apokryphen Evangelien oder den Vorsokratikern zitieren konnte, aber nicht mehr wusste, hinter welcher Tür sich die Toilette verbarg.

Vor drei Jahren hatte sich Jonas schließlich entschieden, für seinen Vater, der sein letzter lebender Verwandter war, das Betreuungsrecht zu übernehmen. Er überredete den von einer reichen Rente Zehrenden, freiwillig in ein Pflegeheim umzuziehen. Sein schlechtes Gewissen hielt sich dabei in Grenzen. Zum einen war der Vater hier gut versorgt, zum anderen fiel ihm der Wechsel leicht. Georg Habakuk war bald darauf nicht mehr von der Meinung abzubringen, dass es sich bei seinem Alterswohnsitz um eine Kurklinik in den Bergen handle, die er nach einem kurzen Erholungsaufenthalt wieder würde verlassen können. Dazu trugen auch die regelmäßigen Besuche seines Sohnes bei, der ihn an jedem Dienstag mit dem Auto abholte und in ein Kurbad im Nachbarort fuhr. Dort konnte der alte Herr in warmem Wasser plantschen und seine geliebten Saunagänge machen.

„Ach, Jonas, das ist nett von dir, dass du vorbeischaust. Aber es wäre nicht nötig gewesen, ich komme doch am Freitag wieder heim“, stellte der Alte daher auch fest, während er sich fast so leichtfüßig wie ein junger Mann aus dem tiefen Sessel erhob und seine Badetasche schulterte. Jonas hatte den Eindruck, je mehr sein Vater sich selbst verlor, um so gesünder wurde er wie zum Ausgleich dabei. Sein straffer Körper war zwar der eines Greises, aber er war kräftig und trainiert. Irgendwann, eher früher als später, würde der Geist seines Vaters völlig verfallen und er würde eine vor Gesundheit strotzende Hülle blicklos in einem Stuhl sitzend vorfinden. Jonas fürchtete sich vor diesem Tag.

„Ich bringe ihn dann gegen vier Uhr wieder zurück“, wandte er sich an die Pflegerin.

„Wie immer, Herr Habakuk“, erwiderte sie und hatte den Kleinkindertonfall noch nicht ganz aus ihrer Stimme entfernt, legte nun aber noch etwas anderes, Verschwörerisches hinein.

„Passen Sie gut auf ihn auf; er braucht Ruhe. Wir hatten heute eine schlimme Nacht, nicht wahr, Herr Habakuk?“

Jonas war verwirrt, weil er für einen Moment nicht wusste, ob sie Habakuk Junior oder Senior angesprochen hatte.

„Ja. Er hatte heute Nacht schreckliche Angst. Er hat versucht, sich in seinem Zimmer zu verbarrikadieren“, erläuterte die Pflegerin mit nun ernstem Tonfall, als stünde Jonas’ Vater nicht zum Aufbruch bereit neben ihr, „dazu hatte er sein Bett und seinen Nachttisch vor die Tür geschoben. Als seine Schreie den Nachtdienst alarmierten und sie in sein Zimmer kamen – die Tür geht ja nach außen auf – verkroch er sich unter den Vorhängen und konnte sich lange nicht beruhigen. Er kam erst zur Ruhe, nachdem die Nachtschwester ihm ein leichtes Schlafmittel verabreichte.“

Jonas sah zu seinem Vater, der lächelnd neben der blonden Pflegerin stand. Er benahm sich, als würde Nebensächliches über einen völlig Fremden geredet.

„Ist das schon einmal passiert?“, fragte Jonas.

„Nein. Deshalb wäre es gut, wenn Sie nach vier Uhr noch mit unserer neuen Stationsärztin reden könnten. Frau Dr. Wächter ist dann in ihrem Konsultationszimmer. Wissen Sie, es kommt schon vor, dass unsere Insassen Dinge und Menschen sehen, die nicht da sind und sich dann auch manchmal fürchten. Sie wachen in der Nacht auf und können ihren Traum nicht von der Wirklichkeit unterscheiden. Erst in der vorigen Woche habe ich mit Frau Paulsen und ihren zwei Schwägerinnen Kaffee getrunken und wir vier haben uns gut unterhalten.“

Sie machte eine Pause und zwinkerte Jonas zu.

„Die Schwägerinnen von Frau Paulsen sind seit zwanzig Jahren tot.“

Die Altenpflegerin lachte und wirkte dabei so sympathisch, dass Jonas nahe daran war, sie zu fragen, ob sie nicht einmal mit ihm Kaffee trinken wollte. Aber sie wandte sich wieder zu seinem Vater, fiel zurück in die Rolle der professionellen Kindergartentante, die Jonas so hasste.

„Aber das ist nicht so schlimm und heute morgen geht es uns ja wieder gut. Nicht wahr, Herr Habakuk?“

Die Frage schrie sie fast, obwohl der alte Herr nicht schwerhörig war. Sie legte dabei vertraulich eine Hand auf seine Schulter. Der Demenzkranke musterte sie überrascht und versuchte offensichtlich vergeblich, sich an sie zu erinnern. Jonas nahm seinem Vater die Tasche ab.

„Also, um vier Uhr. Ich bin pünktlich. Kommst du?“, fragte er seinen alten Herrn.

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