Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (Intermezzo – Jonas‘ Traum)

Jonas‘ Traum

Eine Stimme spricht Worte, die ich nicht verstehe. Sie klingt kraftvoll und streng. Sie fordert Gehorsam. Ist das wirklich meine Stimme?

Fünf Männer sitzen schweigend auf weißlackierten Rohrstühlen in einem leeren fensterlosen Raum im Halbkreis um einen Fernseher. Das Gerät steht ohne Unterbau auf grau gesprenkeltem und schmutzigem Linoleum. Sein Stromkabel ragt wie ein Ausrufezeichen ins Zentrum des halben, etwas abgeflachten Sitzkreises. Als wäre es absichtlich so ausgelegt, teilt es als geflochtene Symmetrieachse den Raum und zugleich den Halbkreis aus Stühlen und Männern in Viertel. Zwei der Männer, die einen Anzug tragen, hocken zur Linken, zwei zur Rechten. Auf den Graubärtigen zwischen ihnen deuten die drei platten Metallfinger des Steckers. Ich weiß nicht, ob zuerst die unbequemen Stühle im Halbkreis standen oder sie von den Männern mitgebracht wurden; auch nicht, ob der Fernseher einmal dem Raum, der nun so verwahrlost und staubig wirkt, als wäre er Jahrzehnte leer gestanden, seinen Namen gab. Aber das funktionslose Gerät beherrscht das so genannte ‚Fensterzimmer’.

Woher weiß ich, wie der Raum heißt? Ich war noch nie hier, da bin ich mir sicher.

Der Fernseher ist schon seit einer kleinen Ewigkeit tot und blind, er hat kaum mehr eine flüchtige Erinnerung an ehemals Gezeigtes bewahrt. Die Blicke der Männer kreuzen sich an der Mattscheibe wie Sternstraßen an einem Denkmal. Obwohl sie so exakt wie von einem besessenen Geometer ausgerichtet im Raum sitzen, scheinen sie kaum voneinander Notiz zu nehmen. Dabei sehen sich vier der Männer verblüffend ähnlich, als wären sie, wenn es so etwas gäbe, eineiige Vierlinge. Sie sind alle jung und auffallend schön, faltenlos, wie von einem Präraffaeliten gezeichnet, haben sie engelsgleich lange hellbraune Haare, in der Mitte gescheitelt. Sie tragen die gleichen dunklen Anzüge, sitzen mit gekreuzten Beinen, die Hände auf den Oberschenkeln. Würde nicht ab und an einer von ihnen blinzeln oder hüsteln, könnte man sie für Schaufensterpuppen halten, mit denen sie auch eine gewisse Geschlechtslosigkeit und den nichtssagenden Gesichtsausdruck teilen. Der stämmige alte Mann, der zwischen ihnen im Brennpunkt der von den Stühlen gezogenen Parabel sitzt, hat nichts mit ihnen gemein, er sieht ihnen auch nicht ähnlich. Er ist, wie ich erst jetzt bemerke, vollkommen nackt. Unter dem zwischen die weißen Metall-Lehnen gequetschten Schmerbauch ragt ein dicker, verschrumpelter Alte-Männer-Penis aus grauem lockigen Haar, das wie ein mächtiger Strom über den scharf hervorspringenden Bauch und den nach außen gestülpten Nabel wächst, um auf der Brust in ein breites Delta starker Behaarung zu münden. Würde sich jemand die Mühe geben, die vorgegebene Linie des Stromkabels exakt zu verlängern, würde er genau auf das Geschlecht des Alten stoßen.

Eine Stimme wiederholt fordernde Worte, die ich nicht verstehe, in einer vokalreichen Sprache gesprochen, die ich nicht kenne. Noch einmal: Ist es meine Stimme? Mir scheint es so. Und wenn ja, wo in diesem Raum bin denn ich? Wo halte ich mich auf, wie passe ich in die Symmetrie dieser – mir fällt kein anderes Wort ein – Beschwörung? Ich sehe alles, jede Kleinigkeit, gleichzeitig von allen Seiten, auch von unten. Ich fühle mich wie eine ruhelose Seele auf Wanderschaft, wie ein Gas, das an allem Anteil hat, ohne mit der Umgebung zu reagieren, träge wie Argon. Auch wenn es vielleicht ein Fehler ist, versuche ich mich im Wortsinne zu konzentrieren.

Jetzt hebt der nackte Alte den Kopf, starrt auf einen unbestimmten Punkt über dem Fernseher. Seine breiten Lippen bewegen sich. Er flüstert die Worte mit, die von mir zu stammen scheinen. Er ist mein Souffleur.

„Fünf, die Einer sind. Vier Opfer, ein Sünder. Die Stimme, die spricht.“

Der Nackte sieht in meine Augen und erschrickt. Sein ganzer Körper zuckt wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Er scheint meine Anwesenheit erst jetzt entdeckt zu haben. Irgendetwas läuft ihm sichtlich aus dem Ruder, seine Stirn legt sich in sorgenschwere Falten, er presst die Lippen zusammen. Im gleichen Augenblick gerät die Luft über dem Fernseher kreisend in Bewegung, sie verändert Brechung und Farbe, als würde sie über einer heißen Wasserfläche aufgewühlt. Innen drin in diesem heißen Mahlstrom erscheint ein Bild, erst verwischt und flimmernd, dann deutlicher werdend. Es ist die auf dem Kopf stehende, extrem gequetschte Vision eines rohen monolithischen Bauwerkes. Es kommt mir bekannt vor, aber ich kann es nicht einordnen. Ich meine, die Männer haben diese Erscheinung beschworen, auch wenn ich den Grund dafür nicht verstehe. Diese Fata Morgana ist wie eine Gedankenblase in einem Comic, als überfalle den toten Fernseher plötzlich die quälende Erinnerung an ein ehemals gezeigtes Bild.

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Gleichzeitig endet der Eindruck meiner Allgegenwart. Der Blick des Alten hat mich gefesselt: Ich schrumpfe in mich selbst zurück, entdecke die Schwere meiner Körperlichkeit. Ich taste mich einen unsicheren Schritt nach vorn. Nun bin ich nicht mehr eine schwebende Seele über dem Geschehen. Ich bin wirklich – und auch ich bin nackt. Ich kann die dumpfe Luft des Raumes riechen. Die feuchte Hitze, die in ihm herrscht, lastet wie Nadelstiche auf meiner Haut. Obwohl ich jetzt direkt hinter dem kaputten Fernseher stehe und über ihn hinweg durch die transparente Manifestation in die Augen des Graubarts sehe – also mich in die Symmetrie des Ortes perfekt einfüge – bin ich ein unerwünschter Fremdkörper. Das weiß ich, denn ich gehöre nicht hier her. Ich spüre es: Ich bringe Gefahr. Der nackte Alte zieht unwillig und angeekelt die Mundwinkel herab. Von meiner plötzlichen Anwesenheit völlig aus der Konzentration gebracht, blinzelt er und die flackernde Vision über dem Fernseher verblasst.

„Fünf sollen es sein“, wiederholt er mit pfeifender Lunge, „ein Kreis, der keiner ist, eine Öffnung. Vier, die das Band halten, einer der spricht. Vier Opfer, ein Sünder. Er geht.“ Er atmet nun röchelnd. Diese Worte sagen zu müssen, hat ihn offenbar völlig erschöpft. Doch er setzt noch einmal an; er benötigt mehrere Anläufe, bis ich ihn verstehe.

„Du bist zu früh. Das Tor ist noch geschlossen. Es wird uns zerreißen.“

Er schüttet verzweifelt und auch enttäuscht den Kopf. Das Bild des auf dem Kopf stehenden archaischen Steinhaufens verschwindet so plötzlich, wie es erschienen ist. Die zwei Zwillingspaare im Anzug sacken in sich zusammen. Jetzt reißt einer überraschend sein Haupt nach oben. Das eben noch glatte, nichtssagende Jünglingsgesicht ist von entsetzlichen Schmerzen gefoltert und zu einer Fratze entstellt. Aus seinem Inneren scheint eine andere Person nach außen zu drängen, drückt gegen die eben noch leere Larve und drückt ihr die Züge einer Person auf, die ich kenne. Blut strömt wie ein Sturzbach aus der Nase, rinnt über Mund und Kinn, besudelt den Anzug. Der eben noch engelsgleiche Jüngling kneift verzweifelt die Augen zusammen und auch aus ihren Winkeln tritt nun Blut. Er weint es. Erschrocken will ich zurückweichen, schreien; aber die Luft um mich hat sich zu einem dicken, zähen Honigseim verwandelt, gegen den ich kaum ankämpfen kann. Ich kann dem Grauen nicht entkommen, nicht einmal die Augen schließen. Gleichzeitig fühle ich, dass dies nicht meine Schmerzen sind. Ich bin fern und fremd: Ich gehöre nicht hierher.

Auch die drei anderen krümmen sich in Agonie auf den klapprigen Stühlen, verwandeln sich in andere, die aus ihnen herausplatzen wie ein Schmetterling aus seiner Puppe. Einer verliert das Gleichgewicht, kippt mit dem Stuhl um und stürzt, ohne sich mit den Händen abzufangen, schwer zu Boden. Um seinen Kopf bildet sich eine Blutlache. Trotzdem ist es vollkommen still in dem Raum, als könne die dicke Luft, die mich bei jeder Bewegung und auch am Atmen hindert, keinen Schall weiterleiten. Nur der Alte sitzt auffallend ruhig im Zentrum dieses Sturms aus Schmerz und Angst. Er allein wirkt unberührt von all dem Horror. Er wirkt nachdenklich. Dann scheint er sich entschieden zu haben, hebt entschlossen die Hand und deutet auf mich. Wie ich sehe, hält er einen Zweig; es ist ein begrünter Eichenzweig.

„Du musst gehen, bevor es schlimmer wird“, flüstert er.

Ihn allein kann ich hören. Seine Worte stehen so deutlich vor mir wie eine Schrifttafel in einem Stummfilm. Eine Art Lichtstrahl entfährt den schmalen Blättern des Zweiges, einem geworfenen Messer gleich. Auch diese scharfe Klinge aus Licht hat Mühe, die zähe, dampfige Atmosphäre zu durchdringen. Aber sie gleitet langsam und beharrlich auf mich zu. Ich will ja fliehen, doch jetzt kann ich mich überhaupt nicht mehr bewegen. Gefesselt stehe ich starr. Eine Erinnerung taucht in mir auf, von ganz weit weg, von der anderen Seite der Mauer. Sie ruft mich mit der Stimme einer Frau, aber sie hat nicht die Kraft mich zu fangen. Noch kann ich dieses rettende Seil nicht greifen, aber ein Wort taucht auf meiner Zunge auf. Ich spreche es tonlos, bevor mich die Klinge berührt. Mein Herz rast und der Alte lächelt, nickt anerkennend. Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen.

Hier bin ich tot.

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