Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Teil 3)

Jetzt war es so weit: Meine Rückkehr stand bevor, ich spürte das Zerren. Ich hatte plötzlich keine Schmerzen mehr, aber ich konnte meine Füße nicht mehr bewegen, spürte sie nicht einmal. Ich hatte auch kein Gefühl in den Beinen und musste mich mit einem Blick vergewissern, ob sie noch da waren. Bleich, wie ein totes faules Aas lagen sie im Wasser, ragten aus der kurzen Jeanshose wie etwas Fremdes, das noch nie zu mir gehört hatte. Ich wusste, ich sah das Ergebnis meines Sturzes die Treppe hinab, ich war an mein Ende gekommen, die Zeit war abgelaufen. Die Welt des Alten löste sich auf, ich war dabei, in den Winter zurückzukehren.

Das konnte nicht sein! Ich kniff die Augen zusammen, konzentrierte mich.

Holz scharrte an Holz. Es war ein gequält klingendes Geräusch, das trotz des trommelnden Wasserfalls, der sich über mir ergoss, deutlich zu hören war. Ein Riegel wurde bewegt, das bisher verschlossene Tor schwang nach außen auf. Drinnen brannten warme, freundliche Lichter, fielen wie eine umstürzende Wand in den Hof. In dem Türrahmen tauchte wie ein schwarzer Scherenschnitt eine schlanke kleine Frau auf. Vielleicht war es auch ein Kind, das konnte ich noch nicht erkennen. Der Schatten zögerte nur kurz an der Schwelle, rannte dann entschlossen in den Regen hinaus.

„Binderseil“, rief die Gestalt. Sie sprang mit patschenden nackten Füßen durch die Pfützen, beugte sich besorgt herab. „Linus! Wo bleibst du denn? Die Zeit endet, wir müssen uns beeilen!“

Sie sah nach oben. Im oberen Stockwerk des Pallas waren jetzt ein paar Fenster erleuchtet. Ein gewaltiger Donner ließ das alte Gemäuer erzittern. Der gleichzeitige Blitz warf grelles Licht auf ihr Antlitz. Es war wirklich eine Frau an meiner Seite und sie erschien mir in einem Glanz wie eine rettende Göttin; nachtschwarze, ungebändigte Haare, eine sommersprossige Schönheit mit lila Augen kniete neben mir. Es war das erste Mal, dass ich meine Edaine sah.“

Linus machte in seiner Erzählung eine Pause und fuhr seiner andächtig zuhörenden Frau durch das knisternde Haar. Sie hatte wie eine gestreichelte Katze die Augen geschlossen und genoß sichtlich die Berührung.

„Meine Edaine“, sagte er stolz. „Sie kannte mich bereits, denn ihre Zeitlinie läuft anders als meine. Das ist wie bei diesen keltischen Knotenmustern aus dem Book of Kells. So etwas gibt es. Für manche ist die Zeit ein sich überkreuzendes Flechtwerk, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurückbringt. Auch die Eulenvilla ist solch ein Ort.“ Der Bildhauer verstummte, als hätte er sich verplappert. Er sah Jonas prüfend an. Dieser runzelte verständnislos die Stirn und Linus fuhr eilig mit seiner Geschichte fort:

„Gemeinsam mit Pablo gelang es Edaine, meinen Oberkörper aufzurichten und gegen den Ziehbrunnen zu lehnen. Sie schien zu spüren, wie sehr ich fror, denn sie drückte ihren Körper an mich, umklammerte mich fest, murmelte dabei ein paar Wörter, die ich nicht verstand.

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Wie soll ich das beschreiben? Ein Strahlen ging von ihr aus. Eine namenlose Kraft ging von ihr auf mich über, ein Teil ihrer Wärme, ihrer Zuneigung, ihrer Lebenskraft. Edaine presste sie praktisch in mich hinein. Auf jeden Fall gelang es ihr, mich zurückzuzerren, mich wie mit einem Seil erneut an ihre Welt zu binden. Ich hatte schon wie eine halbtote Taube ein paar Flügelschläge hinaus aus ihrer Welt gemacht. Ich atmete freier. Jetzt schlug mein Herz wieder, in meine Beine kehrte das Leben zurück. Sie zuckten und es kribbelte in ihnen, als hätte sie sie in einem galvanischen Experiment unter Strom gesetzt.

Kaum zu glauben, aber kurz darauf stand ich, zittrig noch, aber ungestützt, zwischen meinen beiden Helfern in der Halle der Festung, von der aus eine große Freitreppe ins obere Stockwerk führte. Pablo lachte, klopfte mir anerkennend und so fest auf die Schultern, dass ich einen Schritt nach vorn stolperte.

„Was eine Frau bei uns Männern so bewirken kann: Ihr Flüstern hört man weiter als den lautesten Ruf der Pflicht“, bemerkte er lakonisch, sich selbst zitierend.

Der große Saal, in den wir durch das Eingangstor getreten waren, war bis auf die hinter Holzbalken verborgene indirekte Beleuchtung vollkommen leer. Obwoh er wie ein Ausstellungsraum wirkte, standen keine Möbel oder Ritterrüstungen herum. Nicht einmal Gemälde hingen an den Wänden. Der ‚Schöpfer‘ hatte sich eine Einrichtung gespart. Wir erholten uns kurz von dem prasselnden Regen, der unsere dünne Kleidung innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässt hatte. Nun hatte ich endlich die Zeit, die Frau, die Picasso und mir zur Hilfe geeilt war, näher zu begutachten. Auch der Maler musterte sie anerkennend, wie mir auffiel.

Du weißt, wie Edaine aussieht, sie sitzt ja hier vor dir, Jonas. Und jetzt wird es richtig schnulzig. Es war wie bei einem mittelalterlichen Roman: Es war wie in der Geschichte von Iwain und Laudine. Der fahrende Ritter verliebte sich sofort in seine Holde. Meine Edaine war genau der Mensch, der mir in meinem Atelier fehlte, das der ‚Schöpfer‘ über der Stadt in den Olivenhain gezaubert hatte: Diese wundervolle, sanfte Frau, die in dem klatschnassen, halb durchsichtigen Dubliners-Tour-T-Shirt neben mir stand. Ich musterte verstohlen von der Seite ihr makelloses Profil und sah uns dort oben, auf der aufs Meer gerichteten Terrasse nebeneinander in Liegestühlen sitzend, wie wir uns ganz selbstverständlich die Hände reichten, einem Jahrzehnte andauernden Sonnenuntergang zusahen und dabei gemeinsam alt wurden. Ich weiß, das war alles nur ein Traum: Diese ideale Welt, in die ich mich gewünscht hatte, würde wahrscheinlich bald sterben und jene Sonne würde – wenn überhaupt – in unserem Rücken hinter die Hügel und nicht ins Meer tauchen… Hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Freundin zuhause, die noch nicht mal einen Tag tot war, weil ich mich bereits in die nächste verliebte? Nein, hatte ich nicht. Ich überlegte vielmehr, ob Edaine eine Bewohnerin dieser Welt war, oder ob ich sie wie den spanischen Maler in meiner Not erfunden hatte, weil ich Hilfe brauchte. Ich hätte es nicht ertragen, wenn sie sich wieder in Luft aufgelöst hätte.

Ich muss schon ein mieser Charakter sein.

Pablo neben mir hatte die Spannung zwischen meiner Traumfrau und mir bemerkt und kratzte verlegen in den kurzen Haaren über seinem großen Ohr.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“, erkundigte er sich. „Fühlst du dich fit genug?“

Ich spürte in mich, trat ein paarmal fest auf. Was auch Edaine mit mir gemacht hatte, welche druidischen Kräfte sie besaß: Mir ging es wieder gut. Ich war wieder vollkommen im hier und jetzt.

„Wie heißt du?“, wandte ich mich an meine Retterin.

„Aber Linus! Das weißt du doch …“, sie zögerte, „… nicht.“ Ich hakte sofort nach.

„Wir kennen uns“, stellte ich fest.

„Ja“, gab sie zu, „… oder besser: Nein. Aber das ist nicht weiter wichtig. Wir werden uns kennenlernen. Ach, das ist fürchterlich schwierig zu erklären. Ich bin deine Edaine und jetzt retten wir Lina, damit wir verhindern …“

Sie biss sich auf die Lippen. Fast hätte sie mir etwas verraten, das noch eine Weile ihr Geheimnis bleiben sollte. Ich hatte recht gelangweilt ein paar SF-Bücher über Zeitreisen und temporale Paradoxe gelesen, aber das hier war völlig anders und es passierte mir wirklich. Ich entschied mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag, meine Fragen zurück zu stellen, auch wenn mich der vertraute Kuss, den mir Edaine nun auf die Wange drückte, noch stärker in Verwirrung stürzte.

Scharrendes Rumpeln war aus dem oberen Stockwerk zu hören. Es klang, als würde ein Möbel verschoben oder eine klemmende Tür geschlossen. Ich nickte. Alles klar – mein Abenteuer konnte weiter gehen und dankbar drückte ich Edaines Hand:

„Was erwartet uns dort oben?“

„Waldescher hat sich mit einem Helfer in einem der Zimmer verbarrikadiert. Ich konnte das alleine nicht verhindern. Er will meine Freundin Lina mit sich nehmen, ihr wieder Gewalt antun. Wir müssen sie auch in unserem eigenen Interesse schützen“, erklärte Edaine. Ich hatte erneut tausend Fragen, stellte aber nur die offensichtliche:

„Warum?“

„Diese Welt existiert nur wegen Lina. Wenn sie sie verlässt oder stirbt, endet alles wie ein abgespulter Faden. Mit Lina retten wir uns selbst. Mein Leben würde enden und du als Krüppel in deine alte Realität zurückkehren. Und Pablo …“ Sie zuckte mit den Schultern. Nicht, dass meine Frage auch nur annähernd beantwortet war oder ich viel verstanden hatte, aber hier rumstehen und warten, während oben eine Frau gequält wurde, war offenbar keine Option.

„Gut, gehen wir es an“, überredete ich mich selbst. Ich trat an die Treppe, stürmte voran, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Pablo und Edaine folgten knapp hinter mir.

‚Jetzt nur nicht stolpern, du tapferer Chevalier‘, dachte ich noch und segelte schon über die letzte Stufe auf einen Teppich, der meinen Fall etwas abbremste. Ich schlug mir die Knie blutig. Unbeholfen rappelte ich mich hoch, eilig, bevor die anderen beiden mir zu Hilfe eilen konnten. Was war ich doch für ein toller Held!

Ich stand in einem düsteren Korridor, rechts eine Fensterreihe mit Blick aufs stürmische, aber weiterhin nahezu unbewegte Meer, wie in dem Gemälde eines Genremalers in aufgepeitschter Wut erstarrt. Links gingen einige geschlossene Türen ab und ganz vorn, in etwa zwanzig Metern Entfernung, schloss sich langsam eine letzte geöffnete: Sie erzeugte dabei das gequälte Geräusch, das ich unten im Saal gehört hatte, scharrte über den hohen Teppich. Offenbar war das Holz der Tür stark verzogen, denn sie wehrte sich gegen diese Bewegung, wahrscheinlich stand sie schon seit Ewigkeiten offen. Da musste ich hinein, bevor sich die Tür endgültig schloss.

Ich rannte los. Aber ich hatte kaum die ersten Schritte gemacht, als erneut die Wirklichkeit vor meinen Augen wie ein Schleier zerriss und sich mir ein Gegner entgegen warf, dem ich nichts entgegen setzen konnte: Die Burg begann, sich konvulsiv gegen mich zu wehren. Ich war ein Spielball von Mächten, die mir unendlich überlegen waren. Wie kann ein unsportlicher, inzwischen halb gelähmter Mensch wie ich gegen Götter kämpfen, die sich ihre Welten nach ihrem Geschmack errichten? Was für eine Selbstüberschätzung!

Nach dem ersten Schritt wölbte sich mir grotesk der Boden entgegen, als wäre er eine Hüpfburg, die gerade mit Pressluft gefüllt wird. Ich rutschte zurück, kämpfte um Halt. Mit einem Schlag änderte sich die Schwerkraft, ich verlor fast den Bodenkontakt, mein Ziel, die sich langsam schließende Tür schwebte mit einem Mal weit über mir, unerreichbar wie eine Falltür in einem treppenlosen Turm. Ich wurde gleichzeitig gegen die linke Wand gedrückt, hielt mich an einer Kante fest, um nicht nach hinten ins Bodenlose zu fallen! Der dicke Teppich blähte sich mir bedrohlich entgegen, bildete ein unüberwindliches Hindernis. Die Fensterrahmen rechts verzerrten sich ächzend zu schiefen Parallelogrammen, bogen sich dabei nach innen. Das gestauchte Glas der Scheiben hielt dem Druck nicht stand und zerbarst. Große, scharfe Splitter trieben langsam wie Herbstblätter in sanftem Wind in den Gang, direkt auf mich zu. Ich versuchte verzweifelt auszuweichen, aber wenn ich nicht abstürzen wollte, musste ich mich weiter an meinem schrägen, rutschigen Türrahmen festhalten. Das alles war ein Albtraum! Ich fühlte mich, als wäre ich direkt in das fieberkranke Gehirn von Salvadore Dali gekrochen.

Hilfesuchend sah ich zurück, hinunter. Edaine stand von dem seltsamen Gravitationsphänomen völlig unberührt am Treppenabsatz, die Hände entsetzt gegen den Mund gepresst, starrte sie zu mir hinauf. Es sah für mich aus, als würde sie quer auf der Luft liegen. Und Pablo? Ihn konnte ich nicht entdecken. Er war so schnell verschwunden, wie er vorhin aufgetaucht war. Vielleicht war er durch die Gewalt des Bebens rückwärts die Treppe hinuntergestürzt, vielleicht hatte er sich auch in der Luft aufgelöst, aus der entstanden war. Auf seine Hilfe musste ich ab jetzt wahrscheinlich verzichten.

Die ersten Scherben erreichten mein Gesicht, berührten meine Haut, aber sie zerschnitten sie nicht. Wie leichte Zeitungsfetzen glitten sie an mir vorbei, von meinem zurückweichenden Oberkörper kaum aus ihrer vorbestimmten Bahn gebracht. Sie hatten jegliche Stofflichkeit verloren, ich spürte sie kaum. Von dem Glas drohte mir also keine Gefahr, aber ich würde mich nicht mehr lange an dem Türrahmen halten können, meine um die Kante verkrampften Hände begannen bereits heftig zu schmerzen.

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