Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Teil 2)

Verwirrt stolperte ich aus der Kirche auf den leeren Domplatz. Hier draußen war es noch heißer und stickiger geworden. Neu waren ein paar dünne Wolkenschleier über dem Meer, auf dessen Wellenkämmen sich Schaumkronen gebildet hatten. Es roch salzig und feucht. Ich gebe es zu: Plötzlich begann das Ganze, mir Spaß zu machen. Hatte mich vorher die surreale Situation erschreckt und mir das Nichts hinter den Häuserfassaden Angst gemacht, fand ich nun einen gangbaren, halbwegs bequemen Weg, mich der Situation zu stellen. Es war das beste, das Ganze wie ein – wenn auch sehr stoffliches – Gespinst anzunehmen und die absurden Wendungen so selbstverständlich wie in einem Traum zu tragen. Hier in dieser Welt konnte ich in der Tat ein Held sein, eine Rolle spielen, die mir durchaus lag und zu mir passte.

Ich sah hinüber zur Burg, die sich den Strand aufwärts auf einer ins Meer ragenden Klippe erhob und wie ein mahnender Zeigefinger über der Stadt drohte. Sie schien mir näher gerückt, als wäre die trotzige Klippe ein mächtiger Dampfer, den der Wind gegen den Strand drückte. Jetzt konnte ich auch einen Weg erkennen, der, von niedrigem Mastix und schimmligem Salbei gesäumt, aufwärts bis vor die gewaltig in die Höhe ragenden, massiven Mauern dieser alten Malteser-Feste führten. Ich sah kurz zurück zu der Dompforte, dann ging ich die breite Promenade zum Strand hinunter, die Trutzburg fest im Blick, die mit jedem Schritt düsterer und bedrohlicher wirkte.

Ich zuckte erschrocken zusammen: Jetzt löste sich ein mächtiger dunkelgrauer Fels von der imposanten Zyklopenmauer dort oben; gegen alle Gesetze der Schwerkraft fiel er nach oben in den milchigen Himmel über der Klippe. Er war das einzige, das sich außer mir bewegte und das war das schockierendste, da war plötzlich eine Bewegung, die die leichenhafte Starre der Welt besudelte. Ich kniff meine im grellen Licht halb geblendeten Augen zusammen und starrte auf die Erscheinung, die rasch empor stieg und dabei noch an Größe zunahm. Ich erkannte zu meiner Erleichterung, dass ich mich getäuscht hatte: Der Stein entpuppte sich als Teil einer Gewitterwolke, die sich hinter der Burg zusammenballte. Deren oberen Rand hatte ich für den unregelmäßigen Abschluss der gewaltigen Wehranlage gehalten, die sich nun als viel niedriger herausstellte. Dennoch hielt ich diesen über den Himmel segelnden Schmutz für ein schlechtes Zeichen, nicht, weil ich Angst hatte, nass zu werden, sondern weil ganz offensichtlich die Kräfte des Alten weiter nachließen und er den endlosen Nachmittag nicht weiter aufrecht erhalten konnte.

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Hier am Strand allerdings war alles noch unverändert: Selbst wenn ich mich bemühte, konnte ich an den wie festgefrorenen schaumigen Wellen keine Bewegung erkennen, was das Emporstreben der Wolke noch unheimlicher machte. Ich entschied, mich besser zu beeilen und wechselte in einen Dauerlauf, der mich die Mole eines alten Hafens entlang zur Klippe mit der Burg führte. Immer mehr graue, ins schmutzig-grüne chanchierende Wolken stiegen dort in den Himmel.

Obwohl ich nicht gerade trainiert war und körperliche Anstrengungen mied, fiel mir das Laufen leicht und ich konnte sogar noch Geschwindigkeit zulegen. Doch dann stach ein plötzlicher Schmerz grausam tief unten in meinen Rücken. Es fühlte sich an, als würde dort etwas durchtrennt, ein Wirbel mit brutaler Wucht verschoben. Ich wäre beinahe gestürzt, weil ich plötzlich die Kontrolle über meine Beine verlor. Ich blieb hektisch nach Atem ringend stehen und spürte meinen jagenden Puls am Hals klopfen. Etwas war in mir kaputt gegangen und zerbrochen. Mir kamen die letzten Momente vor meinem Wechsel in diese Welt in den Sinn: Da stürzte ich die Treppe vor meiner Wohnung hinab. War ich in diesem Augenblick auf dem Zement des Hofs aufgeschlagen? Endete jetzt mein Traum?

Ich sah verzweifelt hinauf zur Burg. Ich stand inzwischen am Fuß der Klippe, auf der sie thronte, am Beginn eines ausgetretenen Pfades, der sich wie eine große Schlange in weitläufigen Serpentinen hinauf wand. Das war ein Fußmarsch von vielleicht noch einer Viertelstunde, wenn hier Zeit eine Bedeutung gehabt hätte. Aber im Moment konnte ich mir nicht vorstellen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Der Schmerz in meinen Lendenwirbeln schien es mir unmöglich zu machen; er trieb mir Tränen der Verzweiflung in die Augen.

Ich den Schrei einer Frau, er schallte vom Burgfried herab, verstärkt und vervielfacht durch eine Laune des Echos. Sie rief um Hilfe und dabei klang ihre Stimme resigniert, ein letzter, verzweifelter Widerstand gegen ein Schicksal, dass sie nicht ertragen konnte. Sie schrie, ohne etwas zu erhoffen, aus Verzweiflung, aus Trotz. Sie musste wissen, dass es in dieser leeren Welt niemanden gab, der ihr helfen konnte.

Aber genau deshalb war ich doch hier, hatte mich der Alte in der Kathedrale von meiner Welt in seine gebracht, im dem Augenblick, als ich sie während meines Sturzes sehnsüchtig berührte, weil ich sie mir herbeisehnte. Er hatte mich ergriffen und mich als seinen ‚Joker’ geholt. Das war ich, die unwägbare Karte in diesem mir nicht verständlichen Spiel, das er mit seinem Bruder ausfocht, ich war das Zünglein an der Waage und da stand ich nun, von einem Schmerz, wie ich ihn noch nie empfunden hatte, zur Bewegungslosigkeit verdammt.

„Kann ich etwas für Sie tun? Sie sehen mir so aus, als könnten sie Hilfe brauchen“, sprach mich plötzlich eine Stimme aus dem Nichts an.

Ich drehte erschrocken den Kopf. Neben mir stand ein stämmiger, älterer Mann, den ich auf den ersten Blick für einen Fischer hielt. Er trug wie ich dünne Segeltuchschuhe und eine kurze, ausgewaschene Jeans, dazu allerdings ein blau-weißes, quergestreiftes Shirt mit langen Ärmeln. Sein ovaler Schädel, auf dem nur noch ein dünner, kurzgeschnittener und weißer Haarkranz wuchs, die hohe Stirn, die dunklen, dabei schalkhaften und neugierigen Augen und hochgezogenen Brauen, die gerade, fleischige Nase, seine dicken, halb lächelnden Lippen zwischen tief eingegrabenen Mundwinkeln, ein prägnantes Kinn – all das schenkte ihm das Aussehen der Portraitbüste eines spätrömischen Kaisers. Ich war mir in diesem Augenblick sicher, dass ich diesen Mann schon oft auf Abbildungen gesehen hatte. Ich sah ihm zweifelnd in die Augen. War er die versprochene Hilfe?

„Die brauche ich wirklich, Pablo“, erwiderte ich, denn plötzlich wusste ich, wer da neben mir stand – so absurd das auch sein mochte, denn schließlich war er ja schon vor fünfzehn Jahren gestorben. Aber ich hatte mir vorgenommen, mich über nichts mehr zu wundern.

„Ich muss da rauf“, deutete ich auf den Pfad, „es geht um Leben und Tod.“

In welcher Sprache unterhielten wir uns eigentlich? Mein Französisch war zu schlecht, um mich frei zu artikulieren und spanisch sprach ich überhaupt nicht. Dass er deutsch konnte, war mir neu. Aber das gehörte wahrscheinlich zu meinem Traum. War diese Welt hier vielleicht eine Kopie der Côte d’Azur um die Ortschaft Antibes? Gab es dort solch einen gewaltigen Dom oder eine Kreuzfahrerburg?

Ich meine, spielt das überhaupt eine Rolle?

‚Der Alte hat den stämmigen Maler vielleicht einfach aus meinem Unterbewusstsein gezogen und manifestiert‘, ging mir zuerst durch den Kopf, als wir den Weg hinauf zur Burg in Angriff nahmen und ich mich mit dem ganzen Gewicht meines Oberkörpers auf Pablos hilfsbereite Schultern stützte. Ich verwarf diesen Gedanken aber wieder, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Macht des Mannes so weit ging. Ich wehrte mich gegen die Vorstellung, wie er mit seinen Fingern in meinem Gehirn wühlte und dabei ausgerechnet die eine Person zu Tage förderte und zum Leben erweckte, die ich so sehr bewunderte. Es war viel wahrscheinlicher, ich hatte Pablo in meiner Not selbst gerufen, ihn, den Schutzheiligen aller Künstler, auf dass er mir zur Seite stand. Wie dem auch war, ich lag in seinen starken Armen und ich konnte mir trotz der Situation eine Frage nicht verkneifen:

„Pablo – welches ist dein Lieblingsbild?“

Ich meine – verstehe mich recht – diese Chance musste ich doch einfach nutzen! Picasso lachte kurz auf und seine warmen dunklen Augen blitzten in dem sonnengebräunten Gesicht.

„Bilder? Die sind nichts für den echten Schöpfer. Das sind nur Fingerfertigkeiten, allerdings gut zu verkaufen. Ein paar Pinselstriche, dicke schwarze Tinte. Unser täglich Brot gib uns heute.“

Er packte mich noch fester an. Er spürte die Schwäche, die durch meinen Körper glitt. „Der echte Schöpfer formt mit seinen Händen, packt den Lehm, zwingt ihm seinen Willen auf, haucht ihm Leben und Schicksal ein. Das Vorbild für unsere Arbeit ist Galatea – nicht die Propoetide von Salvadore, sondern die von Pygmalion. Wir sind keine Alltagsmenschen, keine Masse. Wir ringen mit der Welt, aber sie zwingt uns nicht in den Staub. Wir packen sie, heben sie in die Luft, wirbeln sie herum und drücken ihr unseren Stempel auf – für alle Zeiten. Wer danach die Welt sieht, wird auch uns sehen! Das ist der Mythos des Schaffenden.“

Jetzt war alles klar: Dieser Picasso, der ein Loblied auf den Bildhauer anstimmte, stammte aus meiner Fantasie, auch wenn er erstaunlicherweise ein paar Wörter verwendete, deren Bedeutung ich nicht kannte.

Mit der Rede, die nicht die seine war, sondern ich ihm offensichtlich in den Mund legte, schleppte er mich die steinernen Stufen der Vorburg hinauf über die Zugbrücke und das verwitterte, weit offenstehende Tor in den schmalen Hof der Feste, der von einem weiteren, diesmal allerdings verschlossenen Eingang beherrscht wurde. Gleichzeitig wurde es düsterer und erstaunlich kühl. Das lag nicht nur den hohen Mauern, die den Hof eingrenzten, sondern auch daran, dass sich die schwarzen, an ihren Rändern wie verwesend grünen Gewitterwolken jetzt über die am Firmament festgenagelte Sonne legten und mit einem Schlag aus dem ewigen Nachmittag eine frühe Dämmerung machten. Es war auch ein Donnergrollen zu hören, ein mächtiger, brummender Maschinenton, laut vibrierend und in den hohen Mauern der Burg nachklingend.

Picasso trug mich zu dem kleinen Ziehbrunnen in der Mitte des leicht abschüssigen, mit bauchigen Pflastersteinen gedeckten Areals. Er lehnte mich vorsichtig gegen die Ummauerung des Brunnens. Dabei sah er sich neugierig um, wirkte nicht weiter erschöpft. Jetzt erhellte für einen Augenblick der erste Blitz die Szene und warf ein groteskes Schlaglicht in den Hof. Der Donner ließ nicht lange auf sich warten, aber noch regnete es nicht. Pablo trat zum verschlossenen Tor und rüttelte vergeblich an der Löwenkopfklinke. Dann schlug er mit der flachen Hand gegen das Holz und versuchte, durch die Ritzen zwischen den Brettern ins Innere zu spähen.

„Was machen wir jetzt?“, wandte er sich an mich. Ich konnte nur resignierend den Kopf schütteln. Seit Pablos unverhofftem Auftauchen hatte ich mich absolut auf ihn verlassen und die Verantwortung von mir abgewälzt. Glaube mir, ich dachte in diesem Moment, mich nie mehr auch nur aufrichten zu können. Die Lähmung, die mich heute an den Rollstuhl fesselt, begann in diesem Innenhof der Burg. Ich war dabei, mich in einen resignierten Krüppel zu verwandeln. Auch wenn Picasso nur eine Projektion meiner Vorstellungskraft war, strahlte er doch so viel Stärke und Selbstvertrauen aus; Eigenschaften, die mir gerade vollkommen abgingen. Und deshalb sollte meine noch nicht einmal richtig begonnene Rettungsaktion bereits am ersten Hindernis, einer verschlossenen Tür, enden? Nein, ein Scheitern war nicht akzeptabel, nicht für mich und nicht für diese Welt, mein Wunderland Oz, in das ich mich hinein gewünscht hatte.

Ich versuchte mich verzweifelt aufzurichten, mich an der Mauer in meinem Rücken nach oben zu drücken. Gleichzeitig schnitt wieder dieser Schmerz in meine Lenden, gegen dessen Gewalt ich völlig wehrlos war. Ich sackte erneut in mich zusammen, fiel zur Seite auf den Boden. Welche Ironie: Jetzt war ich in der gleichen Lage wie der alte Mann vorhin, dabei war ich doch als Held und Retter aufgebrochen!

Blitz und Donner schlugen gleichzeitig ein, das Gewitter stand nun direkt über der Festung. Pablo trat besorgt an meine Seite, kniete sich neben mich. Noch ein Blitz, jetzt spürte ich erste, eisig kalte Tropfen auf meiner Haut. Im nächsten Augenblick brach eine wahre Sintflut los. So dicht fiel der Regen, dass ich von einem Moment auf den nächsten das Gefühl hatte, ich würde ertrinken. Pablo versuchte, mich wieder aufzurichten, aber ich lag wie ein nasser und schwerer Sack Kartoffeln in dem kleinen See aus Regenwasser, der sich am Brunnen sammelte.

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